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STEVEN WILSON
 
Ambitious Music
Steven Wilson
Da sitzt er nun neben mir auf dem Sofa in der Mini-Garderobe: Es stimmt also wirklich, der knapp 44-jährige sieht auch in unmittelbarer Reichweite noch wie ein dreißigjähriger, später Student aus. Was er übrigens selbst darauf zurückführt, dass er keine Drogen nimmt, nicht raucht, nicht verheiratet ist, keine Kinder hat und generell sehr glücklich ist, da er tun kann, was er liebt. So wirkt Steven Wilson in der Tat auch - authentisch. Während der zweifach Grammy-nominierte Produzent/Mixer (u.a. Steve Hackett, King Crimson, Memories Of Machines, Opeth, Paatos), Songschreiber, (Porcupine Tree-) Bandleader, Sänger, Gitarrist und Keyboarder eine Stunde später wie ein junges Füllen über die Bühne der Kölner Live Music Hall toben wird, stellt er sich jetzt noch ausgesprochen ernsthaft unseren Fragen.
Deren Vorbereitung fiel übrigens schwerer als bei irgendeinem anderen Interview zuvor. Nicht etwa, weil einem zum prächtigen aktuellen Album "Grace For Drowning" oder der "first ever solo tour of Europe and North America" keine Fragen einfallen würde. Sondern gerade weil das beispielsweise in Deutschland auf Platz 22 in die Charts eingestiegene Solowerk (Platz 7 im wichtigen Progmarkt Polen!) und sein Komponist einen sogar für Steven bislang beispiellose Medienwiderhall gefunden hat: In sämtlichen einschlägigen Print- und Web-Gazetten fanden sich - teils längliche - Interviews mit dem Briten. Zudem waren die mitgelieferten eigenen Botschaften des Künstlers zum Opus ausgesprochen klar - etwa, dass und warum die Idee zu diesem Doppelalbum bei den Remixes des King Crimson-Kanons entstanden war. Gemeinsam fanden wir dann aber doch noch genügend Gesprächsstoff und offene Fragen. Beispielsweise diese - in besagten Interviews hatte Steven mehrfach betont, dass es ihm um die Emanzipation vom Format des 3-Minuten-Pop-Songs gehe. Flugs eingehakt - es besteht doch seit den 70er Jahren eigentlich wirklich kein Mangel mehr an Longtracks, an Konzeptalben, an per Definition epischen Genres wie Symphonic Prog oder Epic Black Metal? "Es kam mir darauf an, die Explosion an Anspruch und experimenteller Kreativität zurückzubringen, die in den ausgehenden Sechzigern und beginnenden Siebzigern in einer sehr kurzen Zeitspanne geschah. Der Grund war meiner Überzeugung nach, dass diese Musiker, die damals die Form der populären Musik veränderten und erweiterten, eben keine Popmusiker waren. Sie hatten einen Hintergrund im Jazz, in der Klassik und/oder im Blues. Von daher hatten sie auch keinerlei vorgefertigte Meinung zu Begrenzungen der Popmusik und nur deswegen konnte es diese kreativen Ausbrüche geben. Die Erscheinungen, die du genannt hast, sind inzwischen alle zu Gattungen mit Begrenzungen und erwartbaren Konstruktionselementen geworden. Ich hingegen interessiere mich mehr für Musik, die außerhalb von Genres lebt." Dennoch werden deine Platten im Laden natürlich auch in eine Schublade gesteckt, nämlich Progressive Rock. "Stimmt schon, aber sie haben eben auch viele Einflüsse von völlig anderen Genres. Und ich versuche, den Geist dieser magischen Periode einzufangen bzw. wiederzubeleben." Von daher auch die Jazz-Musiker im Line-up Deiner Studio- und der Live-Band? "Genau, das ist mir sogar ganz besonders wichtig. Die meiste ambitionierte Musik der letzten 30 Jahre kommt mir recht kühl und kalkuliert vor - ich vermisse den spirituellen, befreienden Einfluss des Jazz. Das ist mir bei der Arbeit am King Crimson-Material so richtig klar geworden. Metal und sogar auch der Progressive Rock haben sich sehr weit davon entfernt. Es ist beinahe so, als sei der Jazz Spirit in den Achtzigern aus der Rockmusik 'entfernt' worden und nie mehr zurückgekommen. Noch in den Siebzigern waren fast alle wichtigen Progrock-Bands massiv vom Jazz beinflusst: Caravan, King Crimson, Soft Machine, Yes..." Und sieht er diese Entwicklung wirklich ausnahmslos? "Nein, es gibt ja Bands wie The Mars Volta .. und wen? Panzerballett? Die kenne ich nicht - aber im Großen und Ganzen trifft es zu, denke ich."
Was die an Album und Tour beteiligten Rock- und Jazz-Musiker angeht - auch diese Namen klingen wie eine Wunschliste ohne irgendwelche Limitationen... Beispielsweise Gary Husband ist einer der interessantesten Drummer der Welt. Doch in dieser Band spielt er Keyboards! (allerdings leider nicht an diesem Abend - er musste sich einer Rückenbehandlung im Krankenhaus unterziehen; d. Red. Sein Ersatz, Adam Holzman, war u.a. jahrelang Miles Davis' "Musical Director" auf Tourneen). "Gary ist eine unglaubliche Doppelbegabung. Aber auf dieser Tour brauchte ich jemand, der sowohl die Parts eines Rockdrummers (Pat Mastelotto, u.a. King Crimson) wie auch eines Vollblut-Jazz-Schlagzeugers (Nic France) spielen kann. Und für diesen Job kenne ich keinen Besseren als Marco Minnemann (The Aristocrats, Mike Keneally, Paul Gilbert, Wolfgang Schmid, Nena, Necrophagist u.v.a.)." Außerdem verströmt er selbst noch beim Bewältigen der schwierigsten Parts noch so viel positive Energie. "Genau deshalb macht es ja auch so viel Spaß, mit ihm zu spielen!" Wenn man sich "Raider II" anhört, erscheinen Van der Graaf Generator als fast noch stärkere Referenz als King Crimson... "Definitiv! Magma und Soft Machine übrigens auch, finde ich. Und die Chöre sind von Ligeti beeinflusst." Also gibt es eine Schwäche für VdGG? "Ich liebe sie!" Dennoch hat es hier noch keine Zusammenarbeit gegeben, beispielsweise was einen Remix angeht? "Leider nein, obwohl ich "Pawn Heart" liebend gerne remixen würde. Das Problem ist, dass Peter (Hammill, VdGG-Kopf; d. Red.) im Gegensatz zu Robert (Fripp, King Crimson-Chef) nicht die Rechte an seinen eigenen Mastertapes besitzt.

Wenn einem die Progrock-Götter von IQ selbst erzählt haben, dass sie nicht als Profimusiker leben können und für Tourneen ihren Jahresurlaub aufsparen müssen, kommt man schon auf Gedanken... Steven kann aber doch sicherlich von der Musik leben? "Oh ja, seit rund 20 Jahren. Beispielsweise Porcupine Tree setzen derzeit rund 150.000 Exemplare pro Album ab. Das ist genug, um davon recht angenehm zu leben. Aber diesen Punkt zu erreichen, hat enorm viel Arbeit gekostet: An die zehn Jahre lang war ich praktisch ständig pleite, habe Musik für Fernsehwerbung gemacht etc. Irgendwann habe ich dann festgestellt, dass ich keine Mucke für Commercials mehr machen musste und dass es mir tatsächlich inzwischen sogar ganz gut ging. Aber ich könnte niemand diesen Weg empfehlen oder zum Nachmachen beschreiben. Außer, dass es wie gesagt hart war und dass ich mich als Profi immer diversifiziert habe". Das heißt? "Ich habe mich nie nur auf ein Genre beschränkt. Obwohl man mich mit Progressive Rock verbindet, hab ich auch beispielsweise mit Death Metal-Musikern gearbeitet. Ich weiß es nicht genau, aber ich könnte mir vorstellen, dass IQ - die ich übrigens gut finde - im Neoprog zwar einer der größten sind, dass man in dieser Nische aber nur rund 20.000 Stück pro Album verkaufen kann... Es hat eine kurze Zeit gegeben, in der es so aussah, als ob diese Szene den großen Durchbruch schaffen würde. Aber dann haben es doch nur Marillion geschafft..."

Steven Wilson
Was machen die anderen Porcupine Tree-Musiker, während der "Grace"-Tross die Welt bereist? "Gavin (Harrison, drms; d. Red.) ist auch ohne PT unglaublich beschäftigt - er gibt gerade Drum Clinics in Kanada. Colin (Edwin, bss; d. Red.) hat drei Kinder und ist glaube ich sogar noch mehr beschäftigt [grinst]. Richard (Barbieri, key; d. Red.) nimmt, soweit ich weiß, gerade gleich mehrere Alben auf, eines davon mit Steve Hogarth von Marillion und eines mit Danny Carey von Tool.

Apropos Kooperationen - die Prog-Gemeinde harrt nun auf "Storm Corrosion", die Kooperation mit Mikael Åkerfeld (Opeth). In einem Interview dazu meinte er, dass er es merkwürdig gefunden habe, die Texte von jemand anderem zu singen. "Glaube ich gern! Aber er wollte es ja so. Ich habe ihn gefragt, ob er Texte liefern würde, Mikael sagte, 'Nein, schreib du', also habe ich das getant. " (lacht) "Bei Blackfield habe umgekehrt ich die gleiche Situation - und ja, es ist etwas merkwürdig. Beim kommenden Blackfield-Album werde ich vermutlich nur noch den Mix übernehmen, vielleicht auch noch ein paar Gesangsparts. Aber jetzt sollte ich vor dem Konzert vermutlich noch einen Happen essen." Sprachs, verabschiedete sich dankend und entschwand.

Weitere Infos:
www.gracefordrowning.com
www.swhq.co.uk
www.facebook.com/pages/Steven-Wilson-Official-page/114657261887878
itunes.apple.com/us/app/kscope-music/id367313319?mt=8&ign-mpt=uo%3D4
starsdie.com/wp/
de.wikipedia.org/wiki/Steven_Wilson
en.wikipedia.org/wiki/Grace_for_Drowning
Interview: -Klaus Reckert-
Fotos: -Tobias Berk-
Steven Wilson
Aktueller Tonträger:
Grace for Drowning
(k-scope/edel)




Steven Wilson

 
 

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