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BAIO
 
"Ich bin eher ein Nebendarsteller"
Baio
Wenn Mitglieder erfolgreicher Bands zum Soloflug ansetzen und auch abseits der Gruppenerfahrung ihrer künstlerischen Erfüllung nacheilen, rümpft so mancher angesichts dieser Vorstellung nicht selten die Nase. Warum auch zur Einzeldisziplin antreten, wo doch im warmen Band-Nest alles in bester Ordnung scheint? Chris Baio, der hauptberuflich bei Vampire Weekend die Basssaiten schnurren lässt, hat das Experiment trotz dieses Wissens gewagt und heimlich, still und leise jahrelang an den passenden Songs für sein Solo-Debüt "The Names" geschraubt. Wir trafen den mitten im Umzugsstress steckenden Wahl-Londoner zum Gespräch in Berlin und fragten einmal nach, wie zittrig die Knie ihm bei diesem Unterfangen wurden und warum dieser Schritt für ihn längst keinen Kratzer ins intakte Band-Glück schlägt.
Es hat sich bereits in der Vergangenheit angebahnt, dass Baio neben seinem Dasein als Vollzeit-Bassist nicht untätig die raren Minuten seiner Freizeit verstreichen lässt. Immer mehr rückte die Idee in den Vordergrund den gesammelten Songfragmenten eine adäquate Plattform zu geben. Schließlich schlichen sich immer häufiger erste Vorboten auf dem Weg zum eigenen Debüt in sein Schaffen ein. Als Bandmitglied äußerst zufrieden, als Künstler-Individuum aber noch längst nicht gesättigt, investierte Baio Stunden um Stunden in seine eigenen Gehversuche als unabhängiger Musiker und ruft sich die Ausgangslage ins Gedächtnis zurück: "2009 war ich Bassist in einer erfolgreichen Band und sehr glücklich mit den Umständen. Als Produzent, hingegen, war ich ziemlich frustriert und wusste nicht, wie ich meine Ideen am besten umsetzen konnte. Zu dieser Zeit begann ich viel Energie und Freizeit dafür zu nutzen, mich immer mehr mit der Entstehung von Sounds und vor allem der Produktion auseinanderzusetzen. Das führte einige Jahre später zu Veröffentlichung meiner ersten EP.”

Auch hinter dem DJ-Pult tobte sich Baio immer wieder aus, um seine eigene Arbeit öffentlich auf die Probe zu stellen, was jedoch nicht immer für eine entspannte Grundstimmung sorgte: "Einige der Songs habe ich seit Jahren immer wieder in meinen DJ-Sets eingebaut. Ich kann mich noch gut erinnern, wie sehr ich geschwitzt habe, als das erste Mal einen Song von mir zwischen zwei Stücken aufgelegt habe, die mir viel bedeuten. Ich war mit den Nerven praktisch am Ende und konnte die Anspannung fast nicht aushalten. Vielleicht lag es daran, dass ich mitten im Song bemerkte, dass die Version mir überhaupt nicht gefiel."

Obwohl der gebürtige New Yorker jahrelang Bühnenerfahrung gesammelt hatte, mangelte es ihm gewaltig am nötigen Selbstbewusstsein, sich der Herausforderung auf eigene Faust zu stellen, wie er betont: "Ich bin generell kein besonders selbstsicherer Typ. Daher musste das Album von vorne bis hinten für mich stimmen, damit ich mich damit überhaupt auf die Bühne wagen konnte. Diese Ängste und Zweifel konnte ich nur abbauen, indem ich von vornherein dafür sorge, dass ich mich mit den Songs absolut wohlfühle. Bei Vampire Weekend nehme ich innerhalb der Band nicht die Rolle des Hauptdarstellers oder Regisseurs ein. Ich bin eher ein Nebendarsteller. Bei meinem Soloalbum musste ich mich natürlich in diese Rolle hineinfühlen und mich herantasten, da vieles darauf entstanden ist, wenn ich alleine in einem Raum saß und Musik gemacht habe. Ich glaube, es ist mit der Erfahrung zu vergleichen, wenn man sich hinsetzt, um ein Buch zu schreiben. Auch dieser Prozess ist von Einsamkeit geprägt. Dabei macht es mir ebenso viel Spaß, Teil eines Gefüges zu sein, innerhalb dessen ich mir Basslines ausdenke und auf der anderen Seite mein eigenes Ding zu verfolgen."

Wie wohl jedem Roman ging dabei eine Weile der Recherche und auch Selbstreflektion voraus, die der mittlerweile in London lebende Musiker vor allem durch seinen Umzug von der amerikanischen Metropole New York in die pulsierende englische Hauptstadt weiter voran trieb. Denn vieles, was sich auf den Songs auf "The Names" wiederfindet, hat seinen thematischen Ursprung in der Vergangenheit. Vor allem Baios Jugend und die darin gesammelten Erfahrungen spielen dabei eine wesentliche Rolle, wie er uns gegenüber bekräfftigt: "Ich zog vor ein paar Jahren nach London und erinnerte mich während dieser Phase immer wieder an meine Kindheit zurück. Vielleicht ist das normal, wenn man so lange an einem Ort wie New York lebt und dann plötzlich diesen Umgebungswechsel durchlebt. Ich war ein wenig nostalgisch und bin viel in mich gegangen. Teilweise kamen Bilder in meinem Kopf hoch, die ich jahrelang ausgeblendet habe. Zum Beispiel diesen einen Tag als Teenager, an dem ich in einem Park herumhing und illegal Alkohol trank, bis ich überschwänglich von einer Schaukel hinab auf den Boden fiel und mir mein ganzes Gesicht aufkratzte. Das war genau vor dem Muttertag. Jeder konnte sehen, dass ich ein Vollidiot gewesen war. Es war mir unheimlich peinlich. Das eigene Schamgefühl ist eine sehr starke Emotion, die ich auch auf diesem Album einige Male zum Ausdruck bringe."

Selbst die eigene Geburt lässt Baio nicht aussen vor und huldigt ihr im Song "I Was Born In A Marathon": “Meine Mutter bekam an dem Tag Wehen, an dem der New York Marathon stattfand. Die ganze Stadt war voller Menschenmassen und der Verkehr kam praktisch zum Erliegen. Wir wohnten damals im westlichen Manhatten und mussten hinüber in den Osten des Stadtteils, was aufgrund der Umstände gar nicht so einfach war. Schließlich schafften meine Eltern es aber noch rechtzeitig und ich kam wohlbehalten im Krankenhaus zur Welt. Als ich also zum ersten Mal außerhalb von New York ein neues Leben begann, wurde mir diese Geschichte wieder deutlich bewusst und ich schrieb einen Song darüber."

Der Auslöser sich auf den Solopfad zu schlagen, ist für Baio daher wohl eher auch der räumlichen Konzentration auf das eigene Ich zuzuschreiben. Nicht dem plötzlichen Drang voller Egoismus inneren oder äußeren Zwängen nachzugeben, nur um ein Häkchen hinter das Wort "solo" zu setzen. Baio erklärt uns seine bewusste Entscheidung, nichts zu überstürzen, folgendermaßen: "Die Veröffentlichung der Songs basiert nicht auf dem Gefühl, unbedingt eine Soloplatte machen zu müssen. Ich bin sehr zufrieden damit, bei Vampire Weekend Bass zu spielen und liebe es mit der Band unterwegs zu sein. Ich wollte nur warten und sicher sein, dass ich wirklich etwas tue, worauf ich ebenso stolz sein kann. Anderenfalls hätte ich viel eher eine halbgare Platte machen können." Für "The Names" beträgt die Garzeit der pop-elektronischen Ausführungen dank so einigen flirrend-eingängigen Momenten gerade lang genug, um Baio seinen Solo-Streich abzukaufen.

Weitere Infos:
www.baiobaio.com
www.facebook.com/BAIOdj
www.twitter.com/oiab
www.soundcloud.com/cbaio
Interview: -Annett Bonkowski-
Foto: -Dan Wilton-
Baio
Aktueller Tonträger:
The Names
(Caroline/Universal)




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