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Nach "Ones And Sixes" hatten Low die Wahl: Sollte das legendäre US-Slowcore-Trio den in Richtung Pop deutenden Pfad von Songs wie "What Part Of Me" weitergehen oder der schon auf der letzten Platte allgegenwärtigen Lust am Experimentieren weiter nachgeben? Auf ihrer neuen LP "Double Negative" geben gleich die ersten Töne des bisweilen eher an Aphex Twin denn an Low erinnernden Openers "Quorum" die Antwort. Mutig richten Alan Sparhawk, Mimi Parker und Steve Garrington hier den Blick nach vorn und setzen mit einem kargen, kühlen Sound, der von elektronischen Pulsschlägen und Wellen aufpolierten Krachs bestimmt wird, düstere Texte mit Weltuntergangs-Flair in Szene. Herausgekommen ist dabei die spannendste Platte, die Low ein Vierteljahrhundert nach ihrer Gründung machen konnten, wie auch das allenthalben geradezu hymnische Medienecho zur neuen Platte beweist. Bevor die Band im Oktober diesen und Februar nächsten Jahres gleich zweimal auf Deutschland-Tournee kommt, beantwortete Gitarrist und Sänger Alan Sparhawk beim Pressestop in Berlin unsere Fragen.
GL.de: Alan, wenn man das breite musikalische Spektrum betrachtet, das ihr über die Jahre abgedeckt habt: Was verstehst du unter "guter Musik"?

Alan: Gute Musik hat immer einen gewissen Widerhall, sie muss bestimmte Grenzen überwinden. Sie muss jenseits meiner Erwartungshaltung und jenseits des Moments lebendig sein. Das kann ein wunderschöner Song, ein wunderschöner Text sein oder ein bestimmtes Gefüge oder eine neue Klangfarbe. Einfach etwas, das ich zuvor so nicht kannte, was aber dennoch kraftvoll ist und mich deshalb bewegt. Gerade wenn man älter wird, denkt man ja bisweilen, dass man durch nichts mehr überrascht werden kann, und dann ist es umso schöner, wenn es doch passiert. Wenn mich dann etwas berührt, von dem ich es nicht erwartet habe, ist das einer der Momente, in dem ich denke: Genau deshalb liebe ich Musik!

GL.de: Die meisten Bands verlieren irgendwann das Interesse daran, sich neue Herausforderungen zu suchen, und verlassen sich lieber auf Altbewährtes. Ihr seid da ganz anders. Gibt's einen bestimmten Grund dafür?

Alan: Wir versuchen immer, etwas Neues zu machen und uns selbst herauszufordern. Wenn du eine neue Platte anfängst und schon genau weißt, wie sie am Ende klingen wird, ist das doch langweilig. Wir nehmen einfach unsere Songs und eine Idee oder zwei, die wir gerne verfolgen wollen, um an Orte vorzustoßen, an denen wir noch nicht waren, und das ist unser Ausgangspunkt. Abhängig von der Situation, den Leuten, mit denen du zusammenarbeitest, und der Zeit, die dir zur Verfügung steht, ergibt sich die Gelegenheit, weit damit zu kommen. Als Fan weiß ich, dass die meisten Künstler, die 15 oder 20 Jahre dabei sind, anfangen, sich zu wiederholen, und du merkst, dass sie nur ihren klassischen Sound aufwärmen, damit sie anschließend auf Tournee gehen und ihre alten Hits spielen können. Ich möchte nicht einer der Künstler sein, die ständig das gleiche Outfit tragen und sich nur auf die Reproduktion des Vergangenen stürzen. Allerdings gibt es natürlich auch Leute, bei denen genau das funktioniert: Wenn AC/DC immer wieder "Back In Black" machen wollen, finde ich das vollkommen okay. Das ist aber die Ausnahme.

GL.de: Gerade Bands, die bereits ein paar Runden um den Block gedreht haben, finden neue Herausforderungen oft in einem neuen Umfeld oder bei neuen Mitstreitern. Ihr dagegen habt "Double Negative" mit dem gleichen Produzenten, im gleichen Studio und für das gleiche Label wie den Vorgänger aufgenommen. Sogar das Cover stammt vom gleichen Künstler, Peter Liversidge...

Alan: Nun, nach der letzten Platte, "Ones And Sixes", die wir mit BJ Burton aufgenommen hatten, wussten wir, dass da noch Luft nach oben ist, dass wir gemeinsam noch mehr erreichen konnten. Mit diesem Wissen sind wir die Aufnahmen zur neuen Platte angegangen. Mit BJ zu arbeiten ist großartig, weil er offen für alles ist, er kennt keine Obergrenze. Es würde mich nicht überraschen, wenn wir die Zusammenarbeit mit ihm in Zukunft fortsetzen, denn er glaubt an uns, vertraut uns und verfolgt jeden Weg mit uns weiter, den wir einschlagen wollen. Manchmal haben wir ein paar Tage lang nur Krach gemacht und mit Sounds herumgespielt, um für uns herauszufinden, was davon interessant ist und welcher Rhythmus, welcher Puls vielleicht das Gerüst für ein Lied sein könnte, das ich gerade geschrieben hatte.

GL.de: Mit BJ habt ihr erneut mit einem Produzenten gearbeitet, der gerne auch selbst Hand anlegt!

Alan: Ja, das war bei uns eigentlich schon immer so, selbst bei Kramer, der unsere ersten Platten produziert hat. Wir bringen einfach das ein, was wir anbieten können, und dabei lassen wir etwas Raum, damit jemand, dem wir vertrauen, auch noch seine Freiheiten haben kann. Es ist ja nicht so, dass unsere Produzenten uns herumkommandieren oder uns Vorschriften machen würden. Wir streben alle nach dem gleichen Ziel, und jeder hat seine Stärken, die er einbringen kann. Im Falle von BJ gab es eine Menge Interaktion. Wir waren zwei, drei Tage im Studio, sind dann nach Haus gefahren und haben uns die Ergebnisse angehört, nachdem er Mixe von den besten Ideen gemacht hatte. Vielleicht einen Monat später sind wir dann zurückgekommen und haben uns an den Feinschliff gemacht - und manchmal haben wir auch existente Ideen auf andere, neue Songs übertragen. Ich weiß nicht genau, wie ich es ausdrücken soll, aber wenn du siehst, dass dein Gegenüber die Entscheidungen respektiert, die du in den von dir kontrollierten Bereichen triffst, dann ist es viel leichter, dieser Person auch bei den Entscheidungen in ihrem Aufgabengebiet zu vertrauen. So langweilig es auch klingt: Es gab keine Auseinandersetzungen, es herrschte einfach gegenseitiges Vertrauen.

GL.de: Im weitesten Sinne spielt das Thema Vertrauen ja auch bei den Texten eine Rolle.

Alan: Ja! Es ist fast schon ein wenig zu vorhersagbar, aber die Texte beschäftigten sich mit der Suche nach der Wahrheit zwischen all den Lügen: Was tut man, wenn alle Hoffnung verloren ist, aber die Welt sich dennoch weiterdreht (lacht)? Was passiert, wenn dir der Boden unter den Füßen weggezogen wird? Wie kannst du noch etwas erschaffen, wenn alles, das du glaubtest zu haben, nicht mehr da ist? Eine Reihe Texte sind schon ein wenig apokalyptisch. Du blickst auf etwas, das zerstört wurde, und fragst dich: Wo ist jetzt mein Platz in alledem? Manchmal geht es auch einfach nur um die Frustration, wenn die Dunkelheit tiefer ist, als du es je für möglich gehalten hast.

GL.de: Letzte Frage: Low gibt es nun seit 25 Jahren. Erinnerst du dich an einen Wendepunkt, an dem dir klar wurde, dass die Band vermutlich eine Lebensaufgabe ist?

Alan: Nein, einen Wendepunkt hat es nicht gegeben. Ich habe ständig das Gefühl, dass es nächstes Jahr vorbei sein könnte und ich mir einen regulären Job suchen muss. Das beeinflusst sicher auch mein Tun: Jedes Mal, wenn wir eine neue Platte machen, denke ich: Vielleicht ist das unsere letzte Platte überhaupt - dann sollte sie besser richtig gut sein (lacht)!

Weitere Infos:
www.chairkickers.com
facebook.com/lowmusic
twitter.com/lowtheband
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Paul Husband-
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Aktueller Tonträger:
Double Negative
(Sub Pop/Cargo)




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