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HAND HABITS
 
Im Dazwischen zu Hause
Hand Habits
Kevin Morby allabendlich an der Leadgitarre die Show zu stehlen, gehörte für Meg Duffy jahrelang zu den leichtesten Übungen, auf dem neuen Hand-Habits-Album dagegen rückt das Entdecken der Möglichkeiten in den Mittelpunkt: Die verträumte Eleganz der pastellfarbenen Bedroom-Folk-Songs des Debüts "Wildly Idle" von 2017 tauscht Duffy auf dem famosen Nachfolger gegen einen Sound ein, der direkter und erdiger ausfällt, ohne deswegen das Mazzy-Star-Terrain vollends zu verlassen. Vielmehr dient Duffy der feingliedrig-intime California-Folkrock des Erstlings hier als Sprungbrett: Der Klangkosmos von "Placeholder" ist weiter gefasst, wenn das psychedelische Westcoast-Flair der Lieder in einem neuen Licht erstrahlt und Duffys kristallklare Gesangsstimme und beeindruckendes Gitarrenspiel trotz des opulenteren Sounds nie aus dem Fokus geraten. Zwischen wachsendem Selbstbewusstsein und ruhiger Gelassenheit findet Duffy auf "Placeholder" betont subtil stets den richtigen Ton.
"Today so is fucking cool!" - Beim Interview mit Gaesteliste.de ist Meg Duffy richtig happy, und das nicht ohne Grund. Schließlich erscheint die neue Hand-Habits-LP just am Tag unseres frühmorgendlichen, Atlantik-überspannenden Gesprächs. "Ich bin so froh, dass die Leute die Platte nun endlich hören können. Heute Abend veranstalte ich eine kleine Feier in meiner Lieblings Flipper-Bar. Es gibt Pinball, Hotdogs - und all meine Freunde werden dort sein. Das ist alles sehr aufregend!"

Kein Wunder, denn anders als der viel gelobte Solo-Erstling "Wildly Idle" vor zwei Jahren entstand das auf Saddle Creek Records erscheinende neue Werk mit viel mehr Bedacht. "Es fühlt sich jetzt alles viel fokussierter an, weil ich nicht mehr ständig mit Kevins Band oder mit Mega Bog auf Tour bin", bestätigt Duffy. "Deshalb hatte ich dieses Mal viel mehr Zeit, mich auf die Songs und die Veröffentlichung zu konzentrieren. Außerdem habe ich nun eine viel bessere Infrastruktur um mich und in puncto Label, Presse und Management eine Menge Hilfe. Es hat viel Spaß gemacht, die erste Platte mit Jeremy [Earl, dem Macher des Kleinlabels Woodsits] zu machen, und ich bin ihm sehr dankbar, denn ich schätze seine Ästhetik und seine Herangehensweise an das Plattenveröffentlichen. Es ist großartig, wie viel ein Mensch allein bewegen kann, aber gleichzeitig finde ich es jetzt auch sehr schön, im Team zu arbeiten und viel Unterstützung zu haben." Duffy hält kurz inne und fügt lachend hinzu: "Ein weiterer Unterschied ist sicherlich, dass ich nach all den Tourneen mit Kevin durch die ständigen Auftritte einfach bessere Musik mache!"

Trotzdem ist Duffy rückblickend nicht unzufrieden mit der Entstehungsgeschichte von "Wildly Idle", ein Album, das gewissermaßen die richtige Platte zur richtigen Zeit war: "Als ich angefangen habe, an den Songs zu arbeiten, die später auf 'Wildly Idle' erschienen sind, war mir gar nicht klar, dass ich auf ein Album hinarbeite. Außerdem hatte ich eh nicht genug Geld zur Verfügung, um mit jemand anders zusammenzuarbeiten. Abgesehen davon war das Ganze aber auch eine ziemliche Bestärkung für mein Tun, zumal ich gerne in meinem eigenen Tempo arbeite. Durch die erste Platte habe ich sehr viel über Aufnahmetechnik, Songwriting und Arrangieren gelernt. Auch heute lerne ich ständig dazu, aber damals war es ungleich mehr."

Aufgewachsen in Upstate New York und inzwischen in Los Angeles heimisch, wurde Duffys Liebe zur Musik durch ein Familienmitglied entfacht: "Mein Onkel Joey spielte Gitarre in einer Coverband, und ich weiß gar nicht genau warum, aber irgendwie wollte ich unbedingt auch eine Gitarre haben, also besorgte mein Vater mir eine. Mein Onkel zeigte mir dann ... das ist so peinlich, aber es ist die Wahrheit ... er zeigte mir Stevie Ray Vaughan und dessen Version von 'Little Wing', und ich dachte: 'DAS möchte ich auch auf der Gitarre können!' Also hörte ich mir den Song auf meinem kleinen MP3-Player jeden Abend vor dem Schlafengehen an, in der Hoffnung, mir die Parts unterbewusst einzuprägen, damit ich sie anschließend besser spielen konnte. Das hat auch funktioniert!" Mit dem 12-Bar-Blues des alten texanischen Gitarrengotts hat die Musik von Hand Habits nun wirklich nichts gemein, aber Onkel Joey brachte Duffy auch in songwriterischer Hinsicht auf den Weg. "Er zeigte mir 'Silver Springs' von Fleetwood Mac, und das Lied hat mich wirklich umgehauen. Der Text, die Melodie, die Struktur sind mir wirklich nahegegangen und haben mich seitdem nicht mehr losgelassen."

Später schrieb sich Duffy für einen Gitarren-Kurs am Schenectady County Community College ein - und ist heute, keine zehn Jahre später, eine feste Größe in der kalifornischen Session-Landschaft. "A Deeper Understanding" von The War On Drugs, Weyes Bloods "Front Row Seat To Earth" und William Tylers aktuelle Großtat "Goes West" sind nur drei der Platten, die durch "Your Favorite Indie Rocker's Favorite Guitarist" (Pitchfork) veredelt wurden. "Mit Leuten wie Tara Jane O'Neil zu spielen oder Jim James oder bei den Sessions von The War On Drugs dabei zu sein - diese Menschen zu treffen, die ich immer so sehr bewundert habe, und dann auch noch Musik mit ihnen machen zu können - das ist unfassbar für mich!", sagt Duffy bescheiden. "Dass sie dann auch noch meine Platten mögen, finde ich absolut verrückt! Lizzie von Land Of Talk ist eine meiner größten Heldinnen, und sie singt tatsächlich auf meinem Album! Dabei habe ich eigentlich selbst nicht daran geglaubt, dass sie zusagt, als ich sie gefragt habe!"

Apropos Kollaborationen: Im Mai wird Duffy samt Band in Europa auf Tournee gehen. Mit dabei sind dann auch John Andrews (The Yawns, Quilt), der auch den amerikanischen Teil der Gastspielreise bestreiten wird, und der belgische Drummer Erik Heestermans, den Eingeweihte auch als Schlagzeuger von Steve Gunn und The Weather Station kennen. "Erik habe ich durch meinen Bookingagenten Nikita [Lawrinenko, Paper & Iron Booking] kennengelernt. Auf unsere erste gemeinsame Tournee sind wir gegangen, ohne uns vorher wirklich zu kennen. Ich flog nach Brüssel und er holte mich am Flughafen ab. Das war das erste Mal, dass wir uns richtig trafen. Dann waren wir zwei Wochen zusammen in einem kleinen Renault auf Tour, nur er und ich! Ich fand das schon etwas beängstigend, aber zum Glück hat er mich nicht in den Wahnsinn getrieben! Ich wurde auf der Tour richtig krank und er ist fast die ganze Zeit gefahren, das war schon außergewöhnlich. Ganz abgesehen davon ist er auch noch ein unglaublicher Schlagzeuger!"

Aufgewachsen in einem bisweilen unsteten Umfeld, hat Duffy inzwischen aber längst gelernt, den Zustand des Chaos als etwas Angenehmes zu verstehen. Queer und non-binär ist Duffys Identität - als Mensch und auch künstlerisch. Im Undefinierbaren, im "Dazwischen" liegt nicht nur die größte Inspiration für die Musik von Hand Habits verborgen, es auch der Platz, an dem sich Duffy am wohlsten fühlt. "Absolut! Das Dazwischen ist der "queer space"! Soweit es meine Identität angeht, ist das der Ort, an den ich gehöre!" Der Kern der Hand-Habits-Lieder ist dabei oft ein Gefühl der Konfusion. "Das Songwriting ist für mich dann ein Mittel der Verarbeitung", erklärt Duffy. "Wenn die Dinge so verwirrend sind, wie es nun mal oft im Leben vorkommt, dann ist es leichter, Songs darüber zu schreiben, denn das hilft mir, Klarheit zu bekommen."

Textlich wie musikalisch glänzt Duffy auf "Placeholder" mit der Überwindung von Gegensätzen. Selbst was auf den ersten Blick vielleicht nicht zusammengehören mag, fließt hier organisch zu einem großen Ganzen zusammen. "Was die Klanglandschaft der Lieder angeht, war es mir dieses Mal wichtig, alles spürbar zu vereinfachen", erklärt Duffy. "Gleichzeitig wollte ich mutiger sein und die Songs nicht in zu vielen Schichten verhüllen. Nicht, dass es auf der ersten Platte so viele Schichten gäbe, aber um meine fehlende Erfahrung auf dem Gebiet der Aufnahmetechnik zu kaschieren, habe ich eine Menge atmosphärischer Schichten hinzugefügt, damit das Brummen auf den Aufnahmen übertönt wird!"
Das neue Hand-Habits-Album reflektiert Duffys eigene klangliche Vorlieben nun spürbar deutlicher als der Erstling: "Ich mag es, wenn die Songs simpel klingen. Für gewöhnlich kann ich in hohem Maße produzierter Musik mit einer Menge Schnickschnack nichts abgewinnen. Zumeist ist es ja so, dass Gefühle nicht besonders gradlinig sind, deshalb finde ich es schön, wenn die klangliche Palette übersichtlich und leicht verdaulich ist, damit ich mich ganz auf die Emotionen konzentrieren kann, die ich transportieren will."

Mit "Placeholder" wagt Duffy den Spagat zwischen willkommener Naturbelassenheit und einem unverhohlenen Faible für Akribie. Doch wie passt das überhaupt zusammen? "Eigentlich ist mir erst innerhalb des letzten Jahres wirklich bewusst geworden, wie akribisch ich bin", erwidert Duffy. "Manchmal kann ich allerdings auch richtig faul sein, solange ich das Gefühl habe, dass die melodiöse Qualität stimmt."

Ohne einen richtigen Maßstab, um zu entscheiden, wann ein Song fertig ist, verließ sich Duffy bei den Sessions bisweilen auf das Urteil von Produzent Brad Cook. "Ihn als Produzenten für einen Großteil der Aufnahmen dabeizuhaben, hat mir sehr geholfen. Zu Beginn hatten wir nur zwei Tage eingeplant, das war nicht mehr als ein Testlauf. Mir war gar nicht klar, dass das der Startschuss für eine Platte war - und ihm wohl auch nicht. Am ersten Tag haben wir die Basic Tracks für alle Lieder aufgenommen, und ich erinnere mich daran, wie ich in mir den Wunsch verspürte, sie wieder und wieder zu spielen. Brad hat mich dann zurückgepfiffen und gesagt: 'Das Gefühl, dass du rüberbringen willst, hast du bereits im ersten Take eingefangen! Du musst nicht versuchen, alles superperfekt zu spielen, weil es bereits beim ersten Mal perfekt war.' Das war eine schwierige Lektion, die ich zu lernen hatte!"

Die Erkenntnis, dass das Unperfekte manchmal mehr wert ist als absolute Makel- und Fehlerlosigkeit, ist für Duffy allerdings nicht unbedingt neu, denn auch auf "Wildly Idle" gab es viel Echtes, viel Menschlichkeit. "Es treibt mich in den Wahnsinn, wenn Tontechniker jedes Luftholen rausschneiden wollen oder die Lieder per Computer aufräumen wollen", sagt Duffy. "Natürlich gibt es Musikformen, die davon profitieren, aber bei meiner Musik ist das nicht der Fall."

Gleichzeitig muss allerdings auch erwähnt sein, dass derzeit in Indie-Zirkeln kaum jemand so glänzend und dabei scheinbar mühelos Gitarre spielt wie Duffy: "Nun, die Gitarrensoli klingen bei mir immer dann mühelos, wenn ich viel geübt habe. Allerdings glaube ich auch, dass Menschen bestimmte Begabungen haben - und ich hatte schon immer eine für das Gitarrespielen. Ich bin sehr froh, dass mir das bewusst geworden sind, denn viele Menschen haben Neigungen, die ihnen vielleicht für immer vorborgen bleiben. Vielleicht bist du unschlagbar bei Kreuzworträtseln, aber du hast es nicht versucht."

Neben einer Menge Talent ist Duffys Brillanz aber nicht zuletzt auch jahrelanger harter Probenarbeit geschuldet: "Ich werde oft gefragt, wie es kommt, dass ich so gut Gitarre spiele, und die schlichte Antwort ist: Du musst sehr, sehr viel üben! Das passiert nicht über Nacht. Ich habe gestern auf Reddit Fragen beantwortet, und jemand sprach mich auf Tipps und Tricks an, um besser an der Gitarre zu werden. Es gibt keine Tricks! Du musst einfach viel üben und an dir arbeiten. Du musst dich mit Leuten umgeben, die besser sind als du, und dich selbst herausfordern. Wenn du schreiben lernst, musst du auch erst hundertmal den Buchstaben A aufs Papier kritzeln."

Viel gelernt hat Duffy aber nicht nur allein mit ihrer Gitarre, sondern vor allem auch in der Rolle als Sideperson auf der mehrjährigen Endlos-Welttournee an der Seite von Kevin Morby: "Ich denke, die wichtigste Lektion für mich war, zu lernen, als Bandleader mitfühlend zu sein. Das ist etwas, was ich mir von Kevin abgeschaut habe. Ich fühlte mich von ihm immer wertgeschätzt und er hat mir auch auf kreativer Ebene vertraut. Bei den Bands, die ich in der Vergangenheit hatte, habe ich selbst den anderen Mitwirkenden dieses Vertrauen nicht immer in dem Maße entgegengebracht, wie ich das hätte tun sollen. Jetzt weiß ich, wie wichtig es ist, den anderen Raum zu geben, damit sie sich geschätzt fühlen. Auch wenn Hand Habits in mancher Hinsicht in ein Soloprojekt ist - die Platte hätte ich nicht allein machen können, und das Gleiche gilt für die Live-Shows. Letztlich geht es aber darum, Spaß zu haben. Wenn's keinen Spaß macht, warum machst du es dann überhaupt?"

Weitere Infos:
www.handhabits.band
www.facebook.com/HandHabits/
handhabits.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Jacob Boll-
Hand Habits
Aktueller Tonträger:
Placeholder
(Saddle Creek/Rough Trade)




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