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LAURA STEVENSON
 
"Niemand denkt von sich selbst: Ich bin die Beste!"
Laura Stevenson
Laura Stevenson ist eine echte Ausnahmeerscheinung. Mit jeder ihrer bisher vier Platten hat sich die inzwischen im New Yorker Hudson Valley heimische Singer/Songwriterin neu erfunden und dabei mit leichter Hand und ohne jegliche Berührungsängste Folk, Indierock und - auf ihrer brillanten letzten LP "Cocksure " - Power Pop gestreift. Auf "The Big Freeze", ihrem beeindruckenden fünften Album, verknüpft die 34-jährige Amerikanerin nun geschickt alles, was sie bisher ausgemacht hat, und gewährt uns mit ihren häufig wunderbar poetischen, bisweilen aber auch trügerisch simplen Texten noch schonungsloser als zuvor einen Blick in ihre oft turbulente Gefühlswelt. Offen spricht sie über Selbstverletzungen und neu gewonnene Selbsterkenntnis, ohne deshalb das Publikum in einen emotionalen Abgrund zu reißen.
Ohne Zeitdruck aufgenommen im Hause von Lauras Mutter, glänzt "The Big Freeze" abseits klassischer Songwritingstrukturen mit großer Intimität und einfallsreich eingesetzter Instrumentierung. Streicher und Bläser sorgen für neue Höhepunkte, im Mittelpunkt aller Songs steht aber mehr als je zuvor Laura selbst: Ihre Stimme, ihr Gitarrenspiel sind das Herz und die Seele der Lieder. Ähnlich wie Robert Smith von The Cure gelingt es ihr dabei, mit ihren Songs nicht auf das Gehirn, sondern direkt auf das Herz der Hörer zu zielen, während sie stimmlich eine perfekte Balance zwischen Traurigkeit und Empowerment herstellt. Bei aller Tristesse ist der nächste Hoffnungsschimmer so nie weit entfernt.

Am Tag der Albumveröffentlichung in der letzten Märzwoche nahm sich Laura Zeit, mit Gaesteliste.de über ihr neues Album und mehr zu sprechen, bevor sie im Juni - leider dieses Mal ohne Deutschland-Termine - in neuer, kleiner Besetzung auf Europa-Tournee geht.

GL.de: In der Vergangenheit bist du ob deiner Wandelbarkeit mit jeder neuen Platte in andere Schubladen gesteckt worden. Die neue Plate dagegen klingt vor allem wie Laura-Stevenson-Musik. Siehst du das auch so?

Laura: Ja! Am Ende des Tages schreibe ich einfach Songs. Dabei geht es mir nie darum, Lieder für ein Album zu schreiben. Die Platten sind jeweils lediglich ein Best-of der Lieder, die zum jeweiligen Zeitpunkt am besten zusammenpassen. Gleichzeitig habe ich auf jeden Fall das Gefühl, dass ich als Songwriterin gewachsen bin, und das Album repräsentiert die Songwriterin, die ich inzwischen bin. Es freut mich sehr, dass du sagst, es klingt nach mir, denn für diese Platte habe ich alles über Bord geworfen und mir gesagt: "Jetzt schreibe ich einfach die besten Songs, zu denen ich fähig bin!"

GL.de: Wir haben kürzlich mit Mary Timony von Ex Hex gesprochen, die erzählte, wie wichtig ihr es inzwischen ist, die Meinungen anderer auszublenden und stattdessen einfach ihren Instinkten zu folgen und das zu machen, was ihr am meisten Spaß macht. Geht es dir ähnlich?

Laura: Absolut! Es hat eine Weile gedauert, bis ich all die Hintergrundgeräusche und die Selbstzweifel ausschalten konnte, die mit Kritik, Erwartungshaltungen anderer oder dem Wunsch, es allen recht zu machen, einhergehen, um genau das zu tun, was das Beste für mich ist. Letztlich bin ich ja die Einzige, die sich diese Songs anhört. In 30 oder 40 Jahren möchte ich zu ihnen zurückkehren und sagen können: So war ich damals und ich bin stolz darauf!

GL.de: Darf man sagen, dass du bei den vorherigen Platten jedes Mal eine ähnliche Herangehensweise hattest, aber darauf bedacht warst, zu unterschiedlichen Ergebnissen zu kommen, während dieses Mal die Herangehensweise grundlegend anders war, es klanglich aber mehr darum ging, frühere Ideen zu perfektionieren?

Laura: Ja, das kann man sicher so ausdrücken. Ich bin von unglaublich vielen verschiedenen Arten von Musik beeinflusst. In der Vergangenheit war die Inspiration allerdings bisweilen lauter als mein Song an sich. Jetzt sind all die Einflüsse viel stärker in mein eigenes Tun eingebettet. So nah wie mit dem neuen Album bin ich meiner wahren "Stimme" als Songwriterin noch nie gekommen. Dabei habe ich in der Tat das, was ich tue, so gut wie möglich verfeinert. Gleichzeitig lerne ich aber immer noch gerne von Musikern, die eine ganz bestimmte Sache gemeistert haben oder dem nahegekommen sind. Schließlich wachse auch ich noch als Künstlerin - niemand denkt ja von sich selbst: "Ich bin die Beste!" Ich bin genauso unsicher wie andere und versuche, mich zu verbessern. Aber wenn du etwas Neues, Interessantes erschaffen willst, ist es unvermeidbar, auch auf die Arbeit anderer zu schauen. Schließlich existiert nichts in einem Vakuum.

GL.de: Für das neue Album hast du speziell Leonard Cohen und die leider viel zu unbekannte (und früh verstorbene) kalifornische Folk-Songwriterin Judee Sill als besondere Einflüsse genannt. Was hat dich an Judees Musik gereizt?

Laura: Besonders angetan war ich von der Art und Weise, wie sie die Streicher auf ihren Platten eingesetzt hat - es gibt sogar Fotos, wie sie ganze Orchester dirigiert! Beeindruckt hat mich vor allem, die Streichinstrumente exakt ihrer Stimme folgen. Es gibt da ganz besondere Peaks, und dann fällt alles auf fast jazzige Weise ab - ich weiß nicht, wie ich das vernünftig ausdrücken soll, ich bin fürchterlich darin, Musik zu beschreiben (lacht)! Weil die Streicher genau das spielen, was sie singt, verschmelzen Stimme und Instrumente vollkommen. Sie wird zu den Streichern und die Streicher werden ihre Stimme. Das fand ich unglaublich cool. Deshalb habe ich die Streicher bei meinen Aufnahmen auch gebeten, mit den gleichen Flexionen zu spielen, die ich auch beim Singen benutze. Das hat eine Menge Spaß gemacht!

GL.de: Die neue Platte ist über einen längeren Zeitraum gewachsen. Die ersten Lieder hast du sogar bereits geschrieben, noch bevor du dein letztes Album, "Cocksure", aufgenommen hast, richtig?

Laura: Ja! "Low Slow", "Hum" und "Rattle At Will" sind alle schon ziemlich alt. An "Low Slow" und "Rattle At Will" habe ich damals mit meiner Band gearbeitet, aber es wollte nicht so richtig funktionieren. "Hum" war dagegen immer schon ein echter Solosong, deshalb passte er nicht auf "Cocksure". Ich habe auf den richtigen Moment gewartet, sie auf einem Album zu veröffentlichen, auf denen ich mich ihnen richtig widmen kann, und "The Big Freeze" ist nun diese Platte!

GL.de: Es ist fast ein Klischee, zu sagen, dass jedes neue Album eine Reaktion auf den Vorgänger ist, aber: Über die letzte LP hast du gesagt, dass es dir darum ging, Lieder zu schreiben, die toll mit der Band klingen. In dieser Hinsicht ist das neue Album definitiv ein echter U-Turn, oder?

Laura: Ja! Als ich "Cocksure" aufgenommen habe, hatte ich bereits einige Jahre mit den gleichen Leuten zusammen gespielt. Ich wollte einfach Spaß haben und eine Platte machen, die die Energie der gemeinsamen Konzerte reflektierte. Letztlich macht es mir aber den meisten Spaß, Lieder zu schreiben, die auch klanglich einen tieferen emotionalen Inhalt haben. Das ist etwas, das ich dieses Mal stärker verfolgen wollte, weil ich das Gefühl habe, dass ich dabei mehr von mir in den Song legen kann. Mit der Band zu spielen, macht mir eine Menge Spaß, aber da stecke ich immer etwas zurück, weil für mich im Mittelpunkt steht, die Band zusammenzuhalten. Ich mag allerdings auch die Dualität!

GL.de: Die Bandkonstellation war zudem deutlich demokratischer. War es eine bewusste Entscheidung, dir nun wieder mehr Verantwortung auf die eigenen Schultern zu laden?

Laura: Vielleicht! Wenn ich Songs mit der Band arrangiere, nehme ich in der Tat die Ideen der anderen auf, und manchmal ändert sich dann das Tempo oder irgendetwas anderes wird umgedreht, und daran habe ich wirklich viel Freude. Dieses Mal waren die Lieder allerdings so persönlich, dass ich mich ganz allein um ihr "Wachstum" kümmern wollte. Ich wollte wirklich sehen, was aus diesen Songs wird, wenn ich die Einzige bin, die sich ihrer annimmt.

GL.de: Auch bei den Aufnahmen hast du erst einmal allein angefangen?

Laura: Ja! In der Vergangenheit habe ich viele sehr kleinteilige Studioaufnahmen gemacht, bei der wir ursprünglich alle gemeinsam im Raum gespielt haben. Anschließend habe ich dann aber meine eigentlichen Gitarrenparts über die bereits aufgenommenen Bass- und Schlagzeugspuren drübergespielt. Dadurch klingt am Ende alles ein wenig zusammengestückelt. Wenn die Aufnahme tatsächlich live gemacht wird, ist das großartig, weil du die Energie der Band spüren kannst, aber diese Erfahrung habe ich bisher nur einmal machen dürfen - in der Wohnung eines Freundes (lacht). Aufnahmen mit der kompletten Band im Studio zu machen, war für mich bisher immer eher stressig, nicht zuletzt, weil ich am Ende von allem immer noch den Gesang aufnehmen musste. Da habe ich oft gedacht: Das klingt nicht wie die Person, die in der Band singt, das klingt wie jemand in einer Tonkabine! Ich fühlte mich dann oft richtig abgekoppelt vom ganzen Aufnahmeprozess. Das ging sogar so weit - das ist ein wenig albern -, es ging so weit, dass ich bei den Gesangsaufnahmen für die lauten Songs eine nicht eingestöpselte Gitarre in der Tonkabine spielte, nur um ein Gefühl für das Lied zu bekommen. Du kannst einfach die Energie des Liedes nicht spüren, wenn du dich mit deinen Händen nur am Kopfhörer festhälst! Bei der neuen Platte haben wir für alle Songs zuerst meine Stimme und die Akustikgitarre zur gleichen Zeit aufgenommen und alles andere später hinzugefügt. Wenn sich das Schlagzeug manchmal ein wenig schräg anhört, dann deshalb, weil wir es erst später aufgenommen haben, anstatt wie üblich damit zu beginnen (lacht). Ich weiß bis heute nicht, wie der Schlagzeuger es geschafft hat, zu den Aufnahmen zu spielen, denn ich bin furchtbar darin, das Tempo zu halten...

GL.de: Die Tatsache, dass du lieber deinen eigenen Weg gehst, als traditionellen Strukturen zu folgen, betrachtest du aber schon als eine deiner Stärken?

Laura: Oh, ja! Auf der neuen Platte gibt es kaum Hooks. Es gibt praktisch keine Parts, die sich wirklich wiederholen, und auch keine echten Refrains. Das ist ziemlich verrückt, liegt aber schlicht daran, dass ich nicht gerne Refrains schreibe. Ich sage mir einfach: Wenn man eine Stelle in einem Lied mag, kann man sie sich einfach noch einmal anhören, ich werde sie deswegen nicht wiederholen (lacht)! Ich mag dieses ganze Strophe-Refrain-Strophe-etc.-Zeug einfach nicht besonders gern!

GL.de: Kürzlich hast du in einem Interview erwähnt, dass du in deinen Songtexten bisweilen persönliche Themen ansprichst, an die du dich im wirklichen Leben noch nicht rantraust. Erfüllen Sie dann zumindest den Zweck einer To-do-Liste, erinnern sie dich daran, dass das noch ansteht, wenn du sie Abend für Abend singst?

Laura: Ich denke schon! Den Songs "Value Inn" spiele ich zum Beispiel schon rund zwei Jahre live, und inzwischen hat er mich dazu gebracht, mich um einige Dinge zu kümmern, die ich vermutlich noch nicht angegangen wäre, wenn ich nicht durch die Performances auf der Bühne den Moment, in dem ich das Lied geschrieben habe, wieder und wieder durchlebt hätte. Das war eine tolle Erfahrung für mich. Hoffentlich haben die anderen Songs einen ähnlichen Effekt, sobald ich anfange, sie live zu spielen.

GL.de: In "Dermatillomania" und dem dazugehörigen Essay auf der Talkhouse-Website sprichst du offen über Dermatillomanie, eine Impulskontrollstörung, die dich schon mehr als dein halbes Leben begleitet. Musikalisch ist die Nummer aber eine der erhebendsten Nummern auf der neuen Platte, anders als die anderen aufgenommen mit typischer Indierock-Besetzung. Bei einem Konzert vor einigen Jahren hast du mal gesagt: "Wir haben viele traurige Songs, aber einige davon sind als glücklich getarnt." War das auch hier dein Ansatz?

Laura: Ja, man sollte das Empowerment spüren können. So eine triumphierende Melodie wie die am Ende des Songs habe ich noch nie geschrieben. In gewisser Weise ist das Stück der zweite Teil eines Liedes von meinem Album "Wheel" namens "The Wheel". Als ich den Song geschrieben habe, fühlte ich das Empowerment, die Ermutigung wie nie zuvor. Das hinter mir zu lassen, löst bei mir keine Freude aus, aber etwas, was dem sehr nahekommt. Deshalb ist das Lied auch in Dur.

GL.de: Schon im Dezember hast du anlässlich des Geburtstags deiner Mutter zwei feine Akustiksongs - "The Mystic And The Master" und "Maker Of Things" - veröffentlicht, die nun nicht auf dem Album zu finden sind. War es von Beginn an geplant, sie separat herauszubringen?

Laura: Nein, sie sind zur gleichen Zeit und mit den gleichen Leuten wie das Album aufgenommen worden, aber irgendwie gab es auf der Platte keinen sinnvollen Platz für sie. Anstatt im Kontext der anderen Lieder aufzublühen, zogen sie das Album nur in die Länge. Weil sie beide für sich gewissermaßen Zeitkapseln sind, die ganz bestimmte Momente festhalten, wollte ich die Kraft, die sie besitzen, nicht verschwenden. Ich habe kurz überlegt, sie für die nächste Platte zurückzuhalten, aber dann kamen wir ans Ende des so fürchterlich hoffnungslosen letzten Jahres, und weil ich das Gefühl hatte, das ganze Jahr nichts Produktives getan zu haben, kam ich auf die Idee, sie vorab zu veröffentlichen und die Einnahmen einem guten Zweck zukommen zu lassen. Ich wollte diesem beschissenen Jahr einfach noch etwas Positives hinzufügen. Das Ganze ergab einfach Sinn, denn die Lieder sind für meine Mutter geschrieben und ihr Geburtstag ist kurz vor Weihnachten.

GL.de: Du hast "The Big Freeze" auch im Hause deiner Mutter aufgenommen?

Laura: Ja, das stimmt. Das Haus steht eh die Hälfte des Jahres leer, und weil ich eh nicht genug Geld hatte, um mir ein Studio zu leisten, haben mein Freund Joe [Rogers], der das Album co-produziert hat, und ich einfach all unseren Kram gepackt und ganz ohne Zeitdruck dort aufgenommen.

GL.de: Letzte Frage: Du bist inzwischen ziemlich anerkannt, auch wenn dir ein großes Publikum bisher versagt blieb. Kannst du damit leben?

Laura: Ich bin mit meinem derzeitigen Status ganz zufrieden. Besonders für die neue Platte habe ich sehr viel Zuspruch und Unterstützung erhalten. Wenn ich mich ganz auf die Musik konzentrieren kann und dabei genug für ein bescheidenes, ehrliches Leben zusammenkommt, dann bin ich genau da, wo ich sein möchte!

Weitere Infos:
www.laurastevenson.net
www.facebook.com/LauraStevensonMusic
www.instagram.com/laurastevenson
www.twitter.com/laurastevenson
laurastevenson.bandcamp.com
en.wikipedia.org/wiki/Laura_Stevenson
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Rachel Brennecke-
Laura Stevenson
Aktueller Tonträger:
The Big Freeze
(Don Giovanni/H'art)




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