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EX HEX
 
"Es ist unmöglich, kreativ zu sein, wenn du dir zu viele Gedanken machst"
Ex Hex
Die unbändige Spielfreude und beeindruckende Klarheit, mit der Ex Hex schon vor fünf Jahren auf ihrem famosen Debüt "Rips" glänzen konnten, ist auch auf, "It‘s Real", dem Nachfolger des Trios aus Washington, D.C., allgegenwärtig. Gleichzeitig setzen Mary Timony, Betsy Wright und Laura Harris bei ihren mit wuchtigen Powerchords vollgestopften Hymnen im Dunstkreis von Garage-Pop und Post-Punk nun unüberhörbar auf eine bislang ungekannte Mehrdimensionalität. Als Band spürbar zusammengewachsen, verschmelzen Ex Hex hier ohne Scheu vor "guilty pleasures" die gerne etwas ausgefalleneren Ideen der früheren Helium-Frontfrau Timony und die trügerisch simplen Hooks der Bat-Fangs-Vordenkerin Wright mit einer an Mutt Langes 80er-Jahre-Def-Leppard-Produktionen angelehnten Soundästhetik. Ambitionierter, glitzernder und (noch) leidenschaftlicher als der Vorgänger - "It's Real" ist all das.

In den Tagen vor Pfingsten kann man sich davon auch live überzeigen, wenn die drei Damen zusammen mit Neu-Bassist David Christian (der auf dem neuen Album bereits bei einigen Songs als Schlagzeuger ausgeholfen hatte) in der ersten Juniwoche in Köln, Hamburg und Berlin auftreten. Zuvor nahm sich Mary Timony Zeit für ein Gespräch mit Gaesteliste.de.

GL.de: Mary, seit eurem Debütalbum "Rips" sind fünf Jahre vergangen. Was hat sich seitdem verändert?

Mary: Der größte Unterschied innerhalb der Band ist sicherlich, dass Betsy jetzt auch Gitarre spielt und deshalb viele der neuen Songs zwei Gitarrenparts haben. Dass sie zur Gitarre gewechselt hat, war eine ganz natürliche Weiterentwicklung. Ab sofort werden wir nun also zu viert sein. Was das Drumherum angeht: Für mich selbst fühlt sich die Zeit seit unserer ersten Platte gar nicht so lange an, aber das Zeitfenster für Indiemusik ist jetzt ein völlig anderes. Alles ist unglaublich schnell geworden und alle veröffentlichen ständig Platten. Für mich fühlte sich die zwischen den Alben verstrichene Zeit völlig normal an, aber offenbar dreht sich die Welt inzwischen schneller. Es ist schon verrückt, wie sich das Klima vollkommen gewandelt hat. Die Leute kommen heute auf ganz anderen Wegen zu neuer Musik und hören sie auch ganz anders. Folglich muss man sie auch ganz anders promoten. Als ich in den 90ern angefangen habe, gab es solch rapide Veränderungen nicht.

GL.de: Aus kommerziellen Überlegungen muss man sicherlich mit der Zeit gehen, abgesehen davon braucht doch keine Band "Fans", die nur dann bei der Stange zu halten sind, wenn es jedes Jahr eine neue Platte gibt, oder?

Mary: Ja! Das sehe ich genauso wie du, vielleicht liegt das daran, dass wir keine Millennials sind. Im kreativen Prozess darf man über so etwas nicht nachdenken. Mein Hauptaugenmerk liegt darauf, kreativ zu sein und auf dem Gebiet alles so gut wie möglich zu machen. Alles andere liegt eh nicht in meiner Hand - es ist, was es ist. Natürlich ist es wichtig, Platten zu verkaufen, um weiter kreativ sein zu dürfen, aber den meisten Spaß habe ich beim Aufnehmen der Platten - und ich mag auch die Live-Auftritte. Der ganze Geschäftskram ist ok, aber natürlich nicht der Grund, warum ich all das hier tue.

GL.de: Die geschäftlichen Belange waren aber auch ein Grund für die Wartezeit, richtig?

Mary: Ja! Wir waren nach der ersten Platte etwas zu lange auf Tournee und am Ende fühlte ich mich ziemlich ausgebrannt, vor allem, weil ich mich gleichzeitig auch noch um alle geschäftlichen Belange der Band gekümmert habe. Daher habe ich erst einmal ein Jahr oder zwei benötigt, um mich von der Rolle als de facto Bandmanager frei zu machen und mich wieder auf das Songwriting zu konzentrieren. Dann hat Betsy eine Platte mit Bat Fangs gemacht und ich war mit den Helium-Reissues beschäftigt, aber irgendwann waren wir dann wieder startklar!

GL.de: Wie schon die Lieder auf "Rips", so begeistern auch die neuen Songs mit einer Leichtigkeit, einer Direktheit und einem Joie de vivre, den man bei Musikern, die wie du seit 30 Jahren ihre Runden drehen, nur noch sehr, sehr selten findet. Ist es für eine Musikerin wie dich, die in der Lage ist, viel vertracktere Sachen zu machen, schwierig, dich manchmal zurückzuhalten und die Simplizität zu betonen?

Mary: Ja! Das ist nichts, was mir in den Schoß fällt. Inzwischen habe ich den Dreh raus, wie die Lieder dieser Band funktionieren, aber zuvor hatte ich kaum Power- oder Barre-Akkorde benutzt. Ich hatte einen Stil, der mehr auf Alternative Tunings aufbaute und auf Sounds, die alles andere als gewöhnlich waren. Deshalb war es zunächst eine große Umstellung für mich, und anfangs musste ich über alles, was ich tat, erst einmal nachdenken. Allerdings sah ich das Ganze als Herausforderung. Ich wollte sehen, ob ich es schaffe, eine Platte zu machen, die aus geradlinigen Garagen-Popsongs besteht. Das war damals der Auslöser, um mit Ex Hex anzufangen, und ich hatte Glück, dass ich dann bald Betsy gefunden habe, die solche Songs von jeher schrieb.

GL.de: Seit der letzten Ex-Hex-Platte hattest du ja auch einige Gelegenheiten, deine schrägen Ideen auszuleben, bei den "Mary Timony plays Helium"-Konzerten, die es im Zuge der Wiederveröffentlichungen der Platten deiner alten Band gab, oder als Bassistin des eher in Richtung Prog deutenden Projekts Hammered Hulls. War das der Gegenpol zum poppigen Ansatz von Ex Hex?

Mary: Ich denke, dass es genau das war, wenngleich das nicht explizit so geplant war. Es stimmt aber, in beiden Fällen benutze ich gewissermaßen einen anderen Teil meines Gehirns. Die Helium-Shows waren zudem sehr interessant, weil ich dafür Parts neu erlernen musste, die ich geschrieben hatte, als ich 23 war - das war schon eine verrückte Sache! Bei den Hammered Hulls spiele ich ja Bass, und es hat mir eine Menge Spaß gemacht, das auszuprobieren und meine Fähigkeiten an dem Instrument auszubauen.

GL.de: Nicht nur die Werke von Helium wurden kürzlich wiederveröffentlicht, das Gleiche gilt auch für die Platten deiner ersten Band, Autoclave. Hörst du die Sachen heute mit anderen Ohren?

Mary: Ich hasse die Helium-Platten nicht mehr so sehr wie früher, denn ursprünglich klangen die Aufnahmen nicht so, wie ich mir das gewünscht hatte. Heute habe ich einen viel objektiveren Blick auf das Ganze. Das gilt besonders für Autoclave, wobei ich die Band immer sehr gemocht habe. Das liegt vermutlich daran, dass ich dort nicht wirklich die Songs geschrieben habe. Ich habe vor allem die Gitarrenparts beigetragen, die Lieder an sich stammten größtenteils von Christina [Billotte]. Deshalb hatte ich eine weniger enge Beziehung zu ihnen. Allerdings muss ich sagen, dass ich mir die alten Sachen nicht wirklich oft anhöre. Ab und zu höre ich mal rein, und dann ist das ein ähnliches Gefühl, wie in einem alten Tagebuch zu blättern.

GL.de: Wenn du sagst, die Helium-Alben hätten damals nicht so geklungen, wie du dir das gewünscht hättest - wie vermeidest du, dass bei Ex Hex Ähnliches passiert?

Mary: Bei Ex Hex sind wir ein echtes Team und alle müssen mit allem einverstanden sein. Wir gehen so methodisch und so akribisch vor, dass es irgendjemand schon auffallen würde, wenn etwas schiefläuft. Ich habe ein wirklich gutes Gefühl ob unserer Arbeitsweise, und deshalb mag ich die Lieder nun von Anfang an. Bei Helium und auch bei meinen Solosachen war ich aus unerfindlichen Gründen nicht besonders gut darin, die Songs über die Ziellinie zu bugsieren. Rückblickend betrachtet haben die alten Aufnahmen deshalb sehr viele Unzulänglichkeiten. Das heißt übrigens nicht, dass ich das heute besser machen könnte, denn mein Gehirn funktioniert jetzt nicht mehr so gut. (lacht).

GL.de: Wenn sich bei Ex Hex alles um simple, direkte Songs dreht - bedeutet das dann auch, dass viele Ideen auf der Strecke bleiben, weil sie diese Kriterien nicht erfüllen?

Mary: Ja! Ich habe eine Million Sprachnachrichten mit Ideen auf meinem iPhone, aber praktisch keine davon verwende ich später. Wenn wir uns allerdings gemeinsam auf etwas einschießen, dann verfolgen wir es in der Regel auch bis zum Ende. Ich setze großes Vertrauen in unseren Produzenten Jonah [Takagi, der bereits auch die Aufnahmen zu "Rips" betreute], und manchmal wählt er etwas aus, an dem er weiterarbeiten möchte, das ich beinahe aussortiert hätte, und manchmal gibt es Ideen, die ich gerne weiterverfolgen möchte, aber er sagt: "Ach, das ist doch eher langweilig!" Er unterstützt uns beim Filtern des Materials, und es ist prima, jemand zu haben, der den Prozess auf diese Weise vorantreibt.

GL.de: Ihr seid inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem ihr nicht mehr auf die Meinungen anderer hören müsst. Befreit das?

Mary: Ich hatte bei dieser Platte nicht unbedingt das Gefühl, das, das passiert ist, aber ja, es ist unmöglich, kreativ zu sein, wenn du dir zu viele Gedanken machst. Du musst richtig aufgedreht sein und ganz fest daran glauben, dass du gerade etwas Großartiges machst - auch wenn das Gefühl nur für eine halbe Stunde anhält (lacht). Manchmal schaffe ich das, und dann kommt meistens etwas Gutes dabei heraus. Aber wenn ich ehrlich bin: Die meisten meiner Ideen sind nicht besonders gut (lacht).

GL.de: Du kennst aber doch bestimmt das Gefühl, dass man mit zunehmendem Alter zum Beispiel in puncto Musikgeschmack weniger auf die Außenwirkung achtet. Was mit 20 noch völlig inakzeptabel war, ist mit 30 okay, und mit 40 sagt man sich: "Gut ist, was gefällt", oder?

Mary: Ja! Als ich in meinen 20ern war, wäre es mir vermutlich ziemlich peinlich gewesen, einen Song zu machen, der wie Heart in den 80ern klingt, obwohl ich die Musik schon damals gemocht habe. Heute sage ich mir einfach: "Das Zeug ist der Hammer, mir doch egal, ob die Lete das blöd finden!" (lacht) Bei den Aufnahmen hatten wir deshalb immer Mutt Lange im Kopf, weil wir alle seine Art zu produzieren sehr mögen. Dabei waren Def Leppard damals komplett an mir vorbeigegangen, weil ich in den 80ern Indierockerin und Punk war. Heute ist "Hysteria" eine meiner Lieblingsplatten!

GL.de: Mehr noch als in deinen Songs kann man die Anleihen beim 80s-Hard-Rock und Hair Metal in Betsys Liedern hören. Hat das einen besonderen Grund?

Mary: Ich bin etwas festgefahrener und nicht sonderlich gut darin, meinen Stil zu wechseln (lacht). Ich habe keine Kontrolle darüber, was ich als Songschreiberin mache. Ich kann mich nicht hinsetzen und eine Metal-Nummer schreiben. Betsy dagegen ist wirklich gut darin, ihre Inspirationen zu kanalisieren. Wir hatten alle gemeinsam diesen Sound im Kopf, aber ihr ist es gelungen, sich expliziter darauf zu beziehen. Am Ende haben wir diese Aspekte dann auch bei der Produktion in den Vordergrund gerückt.

GL.de: Themenwechsel. Schon bei unserem letzten Gespräch haben wir erwähnt, dass du auch Gitarrenunterricht gibst. Jetzt sieht es so aus, als sei zumindest eine deiner Schülerinnen berühmt geworden, stimmt's?

Mary: Ja! Lindsey von Snail Mail! Ich habe sie vor zwei Jahren kennengelernt. Das war als sie noch zur Highschool ging, noch bevor sie eine Band hatte. Wir trafen uns bei einer Show und sie sagte: "Ich habe gehört, dass du Gitarrenunterricht gibst." Sie war damals wirklich noch ein Kind, aber als sie dann vorbeischaute, war sehr schnell klar, dass sie bereits eine sehr gute Gitarristin war und ich ihr gar nicht viel beibringen musste. Die meiste Zeit haben wir deshalb damit verbracht, Coverversionen von Television zu lernen, was ein Riesenspaß war. Ich habe ihr auch erklärt, was alles dazugehört, in einer Band zu sein, ich war bei ihrer allerersten Show - und danach ging alles ganz schnell. Sie hatte einen Auftritt in New York und plötzlich haben sich alle Plattenfirmen um sie gerissen! Sie ist sehr smart und bodenständig und vor allem wirklich gut! Wir haben die ganze Zeit über viel gesprochen, und es war sehr aufregend, das alles mit anzusehen! Das alles ist aber ganz sicher nicht mein Verdienst, und letztlich sehe ich Lindsey eher als Freundin denn als Schülerin.

GL.de: Letzte Frage: Was macht dich als Musikerin derzeit besonders glücklich?

Mary: Ich übe im Moment viel und das macht mir viel Freude. Ich nehme Stimmunterricht und arbeite hart daran, beim Singen (und auch an der Gitarre) lockerer zu werden. Ich freue mich riesig auf die kommende Tour, denn die Band wird zu viert anders, aber viel straffer und kompakter klingen. Das ist total aufregend!

Weitere Infos:
www.exhexband.com
www.facebook.com/exhexband
www.mergerecords.com/ex-hex
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
Ex Hex
Aktueller Tonträger:
It's Real
(Merge Records/Cargo)




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