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SLEATER-KINNEY
 
Risikobereit
Sleater-Kinney
Amerikas beste Rock-Band zu sein, ist Sleater-Kinney offenkundig nicht genug. Unter dem unüberhörbaren Einfluss von Universalgenie Annie Clark alias St. Vincent am Mischpult unterstreichen die einstigen Riot Grrls auf "The Center Won't Hold", ihrem inzwischen neunten Album, dass Pop längst kein böses Wort mehr für sie ist. Klanglich mit moderner Rhythmik und ohne Scheu vor Synths und Effekten am Puls der Zeit, ist die neue LP vollgestopft mit Dur-Akkorden und mitsingtauglichen Melodien, während die beiden Frontfrauen Corin Tucker und Carrie Brownstein textlich ihr Publikum in eine Welt des Chaos und der Dystopie entführen. Ein Gegensatz, der gewollt ist: Zwischen zuckersüßen Melodien und bitteren Texten brodelt auf "The Center Won't Hold" elektrisierende Spannung. Anders gesagt: So klingt eine Band, die niemandem mehr etwas zu beweisen hat, es aber trotzdem gerne tut. Gaesteliste.de sprach mit Tucker über die musikalische Neuausrichtung Sleater-Kinneys, die Umwälzungen im Musikgeschäft und natürlich das politische Klima in den USA.
Ein Thema blieb außen vor: Der überraschende Ausstieg von Schlagzeugerin Janet Weiss, die 23 Jahre lang mit unnachahmlicher Wucht die Songs von Tucker und Brownstein nach vorn gepeitscht hatte, wurde genau 72 Stunden nach unserem Interview Ende Juni öffentlich. Außer einer knappen, eher sachlichen Pressemitteilung äußerten sich beiden Bandgründerinnen lange nicht zum Abschied ihrer praktisch unersetzlichen Trommlerin, bis sich Brownstein vor einigen Tagen auf Twitter äußerte: "Was soll ich sagen? Sie ist gegangen. Wir baten sie zu bleiben. Wir haben es versucht. Es ist schwer und traurig. Die meisten Leute fragten mich: 'Hey, geht es dir gut?' Das ist die menschliche Reaktion. Sie hat uns mit einem Job stehen lassen, einem Job, bei dem wir ihr Mitwirken erwartet und gewünscht haben. Sie spielt großartig auf dieser Platte, und sie hat uns und Annie von dem Album vorgeschwärmt. Aber wir müssen weiter in die Zukunft schauen. Dinge ändern sich, auch wenn diese Änderungen hart und unerwartet sind. Vier großartige Frauen haben an dieser Platte gearbeitet, und wir werden diese Arbeit ehren."

Die US-Tournee von Sleater-Kinney (mit einer noch unbekannten neuen Schlagzeugerin) beginnt im September, im Februar 2020 ist die runderneuerte Band dann auch in Berlin und Frankfurt live zu sehen.

GL.de: Corin, auf der neuen Platte steht textlich beißende Kritik am politischen Status quo in den USA und die Empörung über Donald Trumps nicht selten frauenverachtende Machenschaften im Vordergrund. Ist die Welt in euren Augen heute schlechter als zu Beginn eurer Karriere?

Corin Tucker: Natürlich hat es in den USA immer schon Rassismus gegeben, aber der zunehmende Einfluss der Sozialen Medien und Trumps Präsidentschaft haben den Vormarsch der White Supremacy in einer Art und Weise begünstigt, die einfach nur schrecklich ist. Dass so etwas in heutigen Zeiten passiert, ist schockierend, vor allem, weil sich auch viele junge Menschen dieser Bewegung anschließen, die mithilfe Sozialer Medien auf sehr effektive Weise einer Gehirnwäsche unterzogen werden. Dabei wird vor allem auf Menschen abgezielt, denen es nicht gut geht, die eine schwere Zeit durchmachen, um sie mit neuen Taktiken von diesen abscheulichen Denkweisen zu überzeugen.

GL.de: Trotzdem: Sind #metoo und eine ungewohnt starke Opposition gegen den amtierenden Präsidenten in gewisser Hinsicht so etwas wie eine verspätete Bestätigung für eure Arbeit in all den Jahren?

Corin Tucker: Ja! Die kulturellen Veränderungen der letzten Jahre haben zur Folge, dass mehr und mehr Menschen offen für die Ideen unserer Band sind. Dass so viele der jüngeren Generation bei dem, was wir zu sagen haben, keinerlei Unbehagen mehr verspüren, ist der Wahnsinn! Die jungen Leute wollten wirklich wissen, was wir zu sagen haben - und das ist großartig!

GL.de: Klanglich entfernt ihr euch genau 25 Jahre nach der Gründung von Sleater-Kinney mit "The Center Won't Hold" weiter von euren Ursprüngen als je zuvor. Wie fühlt sich das an?

Corin Tucker: Ich bin total aufgeregt, denn wir sind dieses Mal viele Risiken eingegangen, um eine Platte aufzunehmen, die in der Tat anders klingt als alle vorherigen. Das finde ich total spannend, auch wenn das eine Reihe Herausforderungen mit sich bringt. Weil bei den neuen Liedern so viele Synthesizer zum Einsatz kommen, sind wir zum Beispiel jetzt zu fünft auf der Bühne, und erst einmal dachte ich: "Wow, wie kriegen wir das jetzt hin?" Im Moment sind wir damit beschäftigt, die Live-Show auf die Beine zu stellen, und das ist definitiv eine Herausforderung, aber eine, der ich mich gerne stelle.

GL.de: Den ersten Schritt zu einem erweiterten Bandgefüge habt ihr ja bereits auf der Tournee zu eurem letzten Album "No Cities To Love" (2016) gemacht, als Katie Harkin als zusätzliche Gitarristin und Keyboarderin mit dabei war.

Corin Tucker: Ja! Mit Katie zu spielen war toll. Sie ist einfach unglaublich talentiert, sowohl als Gitarristin als auch an den Keyboards, und singen kann sie auch noch! Die komplette letzte Tournee war ein Riesenspaß! Die ersten ein, zwei Shows waren ein wenig seltsam, weil wir ja acht Jahre gar nicht gespielt hatten, und plötzlich war da auch noch eine neue Mitstreiterin! Ich bin sicher, dass wird dieses Mal nicht anders sein, aber genau das macht es ja auch spannend, und ich freue mich sehr darauf, auf der kommenden Tournee mit Katie und Toko [Yasuda, von den New Yorker Indierockern Enon] zusammenzuspielen.

GL.de: Wie wählt ihr die Mitstreiterinnen aus? Gilt auch bei euch die Regel, dass sie erst einmal nette Menschen sein müssen, mit denen man gerne die 22 Stunden pro Tag abseits der Bühne verbringt?

Corin Tucker: Wenn ich ehrlich bin, nein! Wir haben Katie damals ausgewählt, weil wir wussten, dass sie eine tolle Multiinstrumentalistin ist, und dass wir auch noch wahnsinnig gerne mit ihr abhängen, war das Sahnehäubchen. Bei der Auswahl waren wir sehr pingelig, und das galt nun auch für Toko. Wir haben mit etwa zehn Musikerinnen Kontakt aufgenommen, um herauszufinden, wer am besten qualifiziert wäre, und auch wenn die persönliche Seite natürlich eine Rolle spielt, war für uns doch die Frage entscheidend, wer in der Lage sein würde, den Wust an Synths in den Griff zu kriegen, den es bei den neuen Liedern zu hören gibt. Toko ist großartig, weil sie nicht nur wahnsinnig hart arbeitet, sondern problemlos in der Lage ist, ganz viele Sachen gleichzeitig zu machen. Ich bin sehr glücklich, dass sie dabei ist, denn mit ihr abzuhängen, ist auch noch toll (lacht)!

GL.de: In den Interviews zum letzten Album habt ihr immer wieder betont, dass weitere Platten denkbar, aber kein Muss sind, zumal du ja auch gut mit deiner anderen Band Filthy Friends beschäftigt bist. Was gab letztlich den Ausschlag, "The Center Won't Hold" in Angriff zu nehmen?

Corin Tucker: Ich hatte immer gehofft, dass wir noch eine weitere Platte machen, wenn auch nicht sofort ein, zwei Jahre nach "No Cities…". Der Prozess war dieses Mal allerdings etwas komplizierter, weil Carrie nach Los Angeles gezogen ist. Deshalb haben wir die Songs separat geschrieben, sie aufgenommen und uns dann gegenseitig die Dateien geschickt. Genau das hat die neue Platte so einzigartig gemacht, denn letztlich haben wir beide Demos für komplette Songs aufgenommen, anstatt nur einzelne Ideen in den Raum zu werfen - und wir haben dabei Synthesizer benutzt.

GL.de: Die Synths sind auch auf der fertigen Platte allgegenwärtig. Grandiose U-Turns, bei denen Künstler ihr gesamtes bisheriges Schaffen über Bord gehen lassen, sind derzeit schwer in Mode. War es ein Thema bei den Aufnahmen, wie weit ihr gehen könnt und wollt?

Corin Tucker: Ja, darüber haben wir im Studio auf jeden Fall gesprochen. Deshalb sind im Laufe des Prozesses auch noch mehr und mehr Gitarren hinzugekommen, denn wir sind uns bewusst, dass das ein essenzielles Element unserer Band ist. Allerdings war es uns ja immer schon wichtig, dass jede neue Platte anders klingt als ihre Vorgänger.

GL.de: Den Wunsch nach Veränderung unterstreicht ja auch die Tatsache, dass ihr euch für Annie Clark und gegen Jeff Tweedy, der zuerst als Produzent im Gespräch war, entschieden habt!

Corin Tucker: Annie war total begeistert von der Idee, die Dinge etwas anders anzugehen, und ihre Fähigkeiten sind einfach beeindruckend. Sie ist eine unglaubliche Sängerin, Songwriterin, sie ist ausgebildete Musikerin an Synthesizer und Gitarre und hatte vom Fleck weg eine Fantastilliarde Ideen! Sie hat mehr aufs Songwriting eingewirkt als alle anderen Produzenten, mit denen wir in der Vergangenheit zusammengearbeitet haben. Sie hatte sehr spezifische Ideen, welche Parts der Songs besonders betont werden sollten. Weil sie selbst schreibt, hat sie sich nie gescheut zu sagen: "Wisst ihr was? Dieser Teil ist toll, aber an dem hier solltet ihr noch ein wenig arbeiten. Wie wär's, wenn ihr dies oder das tut?" Uns nach 25 Karrierejahren in eine solche Beziehung zu stürzen, war für mich ein Ansporn zur rechten Zeit!

GL.de: Ist die Neuausrichtung auch eine Reaktion auf die Veränderungen auf dem Musikmarkt?

Corin Tucker: Ja! Die Veränderungen sind uns sehr bewusst. Wir wissen, dass es heute nicht mehr so ist, dass die Leute in erster Linie Vinyl direkt bei der Band kaufen - die Mehrheit streamt Musik auf ihrem Telefon. Wir wollen uns verändern und anpassen, um auch den jüngeren Menschen die Chance zu geben, unsere Musik zu hören.

GL.de: Letzte Frage: Was macht dich derzeit als Musikerin besonders glücklich?

Corin Tucker: Ich habe derzeit eine Riesenfreude daran, mir neue Herausforderungen zu suchen, mir neue Fähigkeiten anzueignen und neue Dinge auszuprobieren (lacht). Ich denke, es würde mich langweilen, wenn ich immer wieder nur das Gleiche tun würde und wir als Band immer wieder die gleiche Show mit den gleichen alten Songs abliefern würden. Ich freue mich über all die Herausforderungen, die wir auf der neuen Platte eingebaut haben, und die Risiken, die damit einhergehen. Ich bin auch sehr dankbar dafür, dass wir jetzt schon so lange eine Band sind und dass die Leute so gespannt auf unsere neue Platte sind. Nach 25 Jahren ist das eine ziemlich große Leistung!

Weitere Infos:
www.sleater-kinney.com
www.facebook.com/SleaterKinney
twitter.com/Sleater_Kinney
www.instagram.com/sleater_kinney
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Charlie Engman-
Sleater-Kinney
Aktueller Tonträger:
The Center Won't Hold
(Mom+Pop/Caroline/Universal)




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