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NADA SURF
 
"Ich fühlte mich erfinderischer!"
Nada Surf
Nada Surf haben die Kurve gekriegt: Nachdem "You Know Who You Are" vor vier Jahren mehr Pflicht als Kür war, finden die New Yorker Indierock-Veteranen auf "Never Not Together" die perfekte Balance zwischen gut getimten Rückbezügen - die unverblümt poppige Single "So Much Love" knüpft ein Band zum alten Mitsing-Klassiker "Always Love", "Something I Should Do" parodiert ausgenzwinkernd die frühe Großtat "Popular" - und willkommenen Überraschungen, wenn sie mit wunderbar organisch einfließenden orchestralen Parts, Retro-Synth-Girlanden, spürbar mehr Piano und einem niedlichen Kinderchor beim heimlichen Highlight "Looking For You" neue Wege gehen. Das i-Tüpfelchen aber ist, dass Matthew Caws und Co. trotz offenkundiger Bestürzung über den Lauf der Dinge nie ihr humanistisches Weltbild und ihre positive Grundhaltung vergessen.
Das vorherige Werk schlechtzureden, um das neue in einem helleren Licht erstrahlen zu lassen, ist sehr beliebt, aber seien wir einmal ehrlich: Ein richtiger Klassiker war das letzte Nada Surf-Album "You Know Who You Are" nicht, ganz besonders, wenn man es mit etwas Abstand mit zeitlos schönen Klassikern wie "Let Go" oder "Lucky" vergleicht. Zu offensichtlich machte das New Yorker Trio, das heute eigentlich ein in alle Himmelsrichtungen verstreutes Quartett ist, auf der 2016 veröffentlichten LP nicht mehr, als alte Erfolgsrezepte neu aufzukochen und damit eine Platte abzuliefern, die grundsolide, aber letztlich wenig spannend war. Auch auf "Never Not Together" bleiben sich Nada Surf selbst treu, aber die neuen Lieder haben das, was ihrem Vorgänger fehlte: echtes Herzblut. Dem kann auch Frontmann Matthew Caws beim Pressetermin in Berlin Anfang Dezember zustimmen. "Dieses Mal hatte ich wieder öfter das Gefühl, dass ich nicht wusste, was ich tat - und das ist etwas sehr Gutes!", erklärt er. "Ich fühlte mich erfinderischer!"

Dafür änderte Caws seine Herangehensweise. Hatte er sich zuletzt bisweilen auf eine Mischung aus Spontaneität, Können und Erfahrung verlassen, überließ er dieses Mal nichts dem Zufall und nahm für alle seiner neuen Lieder Demos auf, um mehr als nur das Nötigste aus ihnen herauszukitzeln. Zuletzt war er an das Songwriting mit spürbar weniger Sorgfalt herangegangen. "Du schreibst einen Teil eines Songs und bist zufrieden mit der Richtung, die er nimmt, und dem Gefühl, das er transportiert. Den Rest schreibst du schnell runter, du reimst etwas zusammen - und schon bist du fertig", sagt er über die Arbeitsweise, die er nun hinter sich gelassen hat. "'Lückenbüßer' ist solch ein hartes Wort, aber wenn wir in der Vergangenheit welche hatten, bin ich zuversichtlich, dass es nun spürbar weniger sind." Gleichzeitig änderte sich auch seine Perspektive beim Songwriting, ganz besonders beim Texten. Das Streben nach Positivität hat Caws eigentlich schon immer ausgezeichnet, dieses Mal ist es aber ganz besonders deutlich. "Natürlich ist es typisch, die Gründe dafür im persönlichen Umfeld zu suchen, aber seit ich geheiratet habe, suche ich nach anderen Dingen. Zuvor habe ich viel über die Suche nach Stabilität geschrieben, und jetzt, da ich sie habe, fällt es mir leichter, nach draußen zu schauen. Das hat sicher auch dazu beigetragen, die Songs in neue Richtungen zu bugsieren."

Ein weiterer Grund dafür ist auch der oft zitierte Blick zurück nach vorn, der "Never Not Together" vorausging. 2018 verbrachten Nada Surf auf Tour, um ihr 2003 erschienenes Meisterwerk "Let Go" allabendlich komplett zu spielen. Das wirkte sich positiv auf die Arbeitsmoral innerhalb der Band aus. "Die Platte jeden Abend zu spielen hat für einen sehr positiven Druck gesorgt und hat in mir den Wunsch geweckt, ein weiteres richtig gutes Album zu machen", erklärt Caws. Auch personell knüpfen Nada Surf nun an die "Let Go"-Zeiten an. Louie Lino, der schon damals im Studio als Keyboarder aushalf und seitdem immer wieder im Umfeld der Band aufgetaucht ist, darf sich jetzt als viertes Bandmitglied betrachten (Gitarrist Doug Gillard, der zuletzt bei Nada Surf der vierte Mann gewesen war, trug auch zum neuen Album bei, konzentriert sich ansonsten aber nun wieder auf seinen Job bei Guided By Voices). Mit Lino in der Band setzen Nada Surf nun deutlich mehr Keyboards ein als zuvor, doch wie kam es eigentlich dazu? Gibt es mehr Tasteninstrumente zu hören, weil Lino dabei war, oder bekam er den Posten, weil die anderen drei sich mehr Keyboard-Parts wünschten? "Es ist ein wenig von beidem", sagt Caws lachend. "Doug spielte mehr und mehr mit Guided By Voices und stand nicht immer zur Verfügung. Ich wollte aber auf keinen Fall zurück zum Trio - das fühlt sich für mich inzwischen zu spartanisch an, ich will die zusätzlichen Harmonien, die Gefühle, die Tiefe -, und Louie ist jemand, mit dem wir schon sehr lange zusammenarbeiten. Zudem mag ich die Klarheit, die der Einsatz von Keyboards mit sich bringt, vor allem, wenn die Alternative jede Menge zusätzlicher Gitarren ist. Ich kann es nicht erklären, warum das so ist, aber Keyboards klingen kühl, sorgen allerdings gleichzeitig für eine warme Atmosphäre. Synthesizer gefallen mir auch deshalb, weil sie einen Hauch von Fiktion, von Unwirklichkeit mit sich bringen - etwas, das nicht echt ist. Aus dem gleichen Grund mag ich auch gedoppelte Stimme - weil es eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist, mit sich selbst zu singen."

Doch nicht nur personell sind Nada Surf heute spürbar offener. Auf der neuen Platte ist erlaubt, was gefällt. Die einstmals sehr eng gefasste Definition, wer oder was Nada Surf sein können und dürfen, haben sie längst aufgegeben. "Ja, das stimmt", bestätigt Caws. "Zu Zeiten der ersten Platten waren selbst kleine Veränderungen wie auch mal eine ruhige Nummer zu machen eine große Sache. Der Song "80 Windows" auf unserer zweiten Platte - in der Rückschau hört er sich an wie jeder andere, aber damals dachten wir: 'Oh wow, Klingt irgendwie ziemlich entspannt, können wir das wirklich bringen?' Auch wenn die Resultate sicherlich immer noch wie Nada Surf klingen: Heute klammern wir uns überhaupt nicht mehr eng an irgendwelche Definitionen."

So wurde auch "Something I Should Do" möglich, dessen ausgiebiger Spoken-Word-Part an Nada Surfs ersten (und gleichzeitig kommerziell größten) Hit "Popular" von 1996 anschließt. Ausgangspunkt dafür war ein Tweet eines französischen Fans, der sich ein Update des bekanntesten Nada Surf-Songs wünschte: ein "Popular 2020" über Social Media und Memes. Während der Manager der Band in dem Vorschlag einen brillanten Marketingtrick sah, war Caws Reaktion eine völlig andere. "Mein Kopf explodierte förmlich, ich hielt das für die fürchterlichste Idee überhaupt!", erinnert er sich. "Ich lehnte höflich ab, aber dann meinte auch Daniel, dass es doch lustig wäre, wenn ich eine sarkastische, selbstironische Social-Media-Tirade im Stil von 'Popular' verfassen würde. Ich fand die Idee immer noch schrecklich, aber nur so zum Spaß schrieb ich einen Song, der die komplette Story erzählt: 'Jemand twitterte dies, unser Manager sagte das... blablabla', nur um es mir von der Seele zu schreiben. Dann allerdings war ich auf einer Zugreise und machte mir über alles Mögliche Gedanken. Dort schrieb ich dann einen Text nieder, der jetzt 1:1 im Song auftaucht. Das tat ich, weil ich ein guter, unterstützender Mitstreiter sein wollte und weil ich eine Menge Hip-Hop höre und das Gefühl mag, wenn ganz viele Worte zu energetischer Musik auf dich einstürzen. Ich finde das sehr stimulierend. Als wir dann im Studio waren, hatte ich die Idee, den Text einfach mal vorzulesen. Das fühlte sich so ungezwungen an, weil ich typischerweise, wenn ich solch eine Art Essay für mich schreibe, anschließend die Ideen verdichte und in Reimform bringe. Dieses Mal dachte ich: Warum eigentlich? Warum sage ich nicht einfach genau das, was ich sagen will?"

Während Caws und die Seinen in der jüngsten Vergangenheit für kleinere Projekte durchaus auf die Möglichkeiten der digitalen Welt zurückgegriffen haben und Songs in Heimstudios mit per Crowdsourcing aufgetriebenen Instrumenten entstanden, wurde "Never Not Together" in den Rockfield Studios im walisischen Monmouth aufgenommen, einem der letzten altehrwürdigen Studios, in dem schon seit den 70ern Rockgeschichte gemacht wird und legendäre Alben von The Flamin' Groovies oder Echo And The Bunnymen (um nur zwei von Caws' Favoriten zu nennen) eingespielt wurden. "Mitten in der Pampa zu arbeiten, an einem Ort, der speziell dafür gemacht wurde, sorgte dafür, dass die Aufmerksamkeit aller allein der Arbeit galt", sagt er über den positiven Einfluss des Aufnahmeortes. "In dieser Atmosphäre konnten wir alle gemeinsam nach Objektivität suchen, und das führte zu besseren Entscheidungen. Außerdem ist es sehr hilfreich, an einem Ort zu arbeiten, an dem schon viele großartige Dinge entstanden sind. Das weckt in dir den Wunsch, auch etwas richtig Gutes zu machen." Er hält kurz inne und fügt abschließend hinzu: "Die Latte liegt dann einfach etwas höher."

Weitere Infos:
www.nadasurf.com
www.facebook.com/NadaSurf
twitter.com/nadasurf
www.instagram.com/nadasurf_official
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
Nada Surf
Aktueller Tonträger:
Never Not Together
(City Slang/Rough Trade)




Nada Surf

 
 

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