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AGNES OBEL
 
In weiter Ferne so nah
Agnes Obel
Die Titel der ersten drei Tonträger der in Berlin lebenden und arbeitenden Songwriterin Agnes Obel ("Philharmonics", "Aventine" und "Citizen Of Glass") haben schon auf den ersten Blick etwas Mystisches - zumal nichts ist, wie es offensichtlich scheint, aber alles mit einem soliden philosophischen Unterbau versehen ist und nichts ohne Grund oder zufällig thematisiert wird. Und so wundert es dann auch nicht, dass es auf dem nun vorliegenden, vierten, auf einem neuen Label aufgelegten Album, nicht wirklich um "Myopie" - also Kurzsichtigkeit - als Gebrechen geht.
"Nein", bestätigt Agnes, "man könnte sagen, dass es mir darum geht, sich auf bestimmte Aspekte zu fokussieren - etwa wie bei einem Tunnelblick, den man ja durchaus hat, wenn man kurzsichtig ist. Es ist ja so, dass ich alle meine Alben eigentlich alleine mache. Das ist eine Bedingung für mich. So kreiere ich nämlich meine eigene kleine Blase, in der ich mich auf mich selbst konzentrieren kann. Die 'Myopie' ist also im Grunde genommen eine Referenz auf mich selbst bzw. diesen Prozess." Dieser Aufnahmeprozess ist bei Agnes Obel immer eine minutiöse und vergleichsweise langwierige Angelegenheit. Nicht zuletzt, weil es ihr nicht nur um Melodien, Texte und Arrangements geht, sondern auch um Klang und Atmosphäre. Auf "Myopia" etwa baute sie die Songs um ihre Gesangsperformances herum auf. "Ja, ich baute die Songs auf, indem ich meine Stimmen bearbeitete - aber auch die Instrumente", erklärte sie das, "denn es ging darum, den Geist zu repräsentieren." Und wie funktioniert das dann? "Nun, in der Art, in der ich mit Hall arbeite zum Beispiel", erläutert Agnes, "oder in der Art, in der ich Klänge manipuliere oder in der Art, in der ich singe. Man könnte also sagen, dass das eine Art von kurzsichtigem Arbeiten ist - weil es so obsessiv ist, wie ich jeden einzelnen Song in seiner eigenen kleinen Welt verkapsele." Das hört sich so an, als wolle Agnes ihre Songs gar nicht kontrollieren oder dirigieren, sondern erforschen. "Ich denke, das ist richtig", pflichtet sie bei.

Heißt das, das Agnes Obel eher an dem Prozess als an dem Ergebnis interessiert ist? "Puhh", überlegt Agnes, "das ist eine gute Frage. Man ist ja getrieben von dem Bedürfnis etwas erreichen zu wollen. Aber natürlich muss einem auch der Prozess Spaß machen, denn ansonsten würde alles ja keinen Sinn machen. Man muss dabei aber auch offen sein, für die ganzen coolen Zufälle, die sich in dem Prozess anbieten. Ich bin aber auch daran interessiert, das Potenzial ausschöpfen zu können, was ich sehe. Ich muss mich auch ein bisschen in die Idee verlieben, die ich zu Beginn sehe. Was das Ganze befeuert, ist der Traum davon, was möglich wäre. Es gibt also durchaus ein Ziel oder eine Vision oder wie immer du es nennen willst - ich muss aber auch den Weg mögen, dorthin zu gelangen und für alles offen zu sein, was sich ergibt."

In einigen der neuen Tracks - wie z..Bei "Can't Be" - erzeugt Agnes durch mantraartige Wiederholungen einen hypnotischen Flow. Geht es dabei auch um die Veränderung der Perspektive? "Ja - ich weiß nicht", zögert Agnes, "ich habe hier versucht, einen Bewusstseinszustand alleine durch meine Stimme zu erzielen. Der Song sollte eigentlich nur a cappella sein - aber dann fehlte mir etwas. Aber in dem Song geht es eigentlich darum, auseinanderzubrechen - und deswegen wollte ich, dass er ein wenig fragmentarisch klingt. Es geht also weniger um ein Mantra, sondern um eine Repräsentation eines fragmentarischen Zustandes meiner selbst. Ich wollte dem Gedanken des Zerfallens auf diese Weise einen positiven Aspekt abgewinnen. So als könne man dadurch etwas gewinnen."

Auf der Scheibe befinden sich auch drei Instrumentals. Da Agnes ja sagte, dass sie sich dieses Mal besonders auf die Vocals fokussiert habe, wäre es natürlich interessant zu hören, welche Funktion sie dann den Instrumentals zuweist. "Tatsächlich haben die Instrumentals für mich ganz ähnliche Themen, wie die Songs mit Vocals", erläutert Agnes, "das ist natürlich nicht für jedermann offensichtlich - aber es geht auch hier um Gedanken oder Geschichten, die zu sich selbst finden. Das wollte ich auf verschiedene Weise ausloten. Ein Mal mit dem Piano das andere Mal mit dem Cello und Streichern, die am Ende crazy werden. Und dann ist da noch 'Parliament Of Owls', das auf einer Akkordfolge basiert, sie ständig nach unten weist - aber mit etwas Schönem obendrauf, weil auch aus etwas Düsterem etwas Schönes erwachsen kann und das 'Kurzsichtigkeits-Erlebnis" zugleich düstere und schöne Elemente umfasst." Und wieso heißt das Ganze dann "Parliament Of Owls"? "Nun, weil ich einfach Eulen mag", lacht Agnes, "ich hätte es ja auch 'Murder Of Crows' oder 'Schwarm von Fischen' nennen können - aber 'Parliament Of Owls' gefiel mir besser, weil ich insbesondere die Augen von Eulen so schön finde." In "Island Of Doom" geht es um verstorbene Personen, richtig? "Ja, ich habe jemand verloren", zögert Agnes, "ich wusste einfach, dass ich darüber etwas schreiben müsste. Mit der Person, um die es geht, hatte ich eine sehr musikalische Beziehung und fühle mich ihm auch immer noch verbunden, obwohl er nicht mehr unter uns weilt. Ich habe auch zuvor schon über diese Person geschrieben und wusste, dass ich über die Musik zu ihr sprechen musste, als sie verstarb. Ich versuchte, 'Island Of Doom' aus der Perspektive dieser Person zu schreiben und gleichzeitig mit ihm zu sprechen."

Agnes Obel
Das mal eingedenk stellt sich als Letztes vielleicht noch die Frage, ob es in Agnes Musik auch eine spirituelle Note gibt? Rein klanglich und atmosphärisch liegt das ja eigentlich nahe. "Hm - das ist eine sehr gute Frage", seufzt Agnes, "ich weiß gar nicht, was ich darauf antworten soll. Ich möchte nämlich gerne glauben, dass ich keine besonders spirituelle Person bin. Andererseits hat mein Verhältnis zur Musik aber vermutlich schon spirituelle Elemente. Ich glaube nämlich, dass menschliche Wesen durch irgendetwas miteinander verbunden sind, wenn wir musizieren oder Musik hören. Ich kann also nicht gut behaupten, dass es in meiner Musik nur um Psychologie geht. Es ist also eine gute Frage - aber ich muss noch darüber nachdenken und kann sie momentan nicht abschließend beantworten." Nun ja: Es geht ja auch nicht immer um abschließende Antworten, sondern darum, die richtigen Fragen zu stellen. Und das tut Agnes Obel mit ihrer Musik zweifelsfrei.
Weitere Infos:
www.agnesobel.com
www.facebook.com/agnesobelofficial
www.instagram.com/agnesobel
twitter.com/agnesobel
www.youtube.com/user/agnesobel
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Agnes Obel
Aktueller Tonträger:
Myopia
(Deutsche Grammophon/Universal)

 
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