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SPINNING COIN
 
Zu spät, um modern zu sein
Spinning Coin
Eigentlich hatte die schottische Band Spinning Coin einen ganz klaren Plan: Das Ensemble um die beiden Songwriter Sean Anderson und Jack Melin veröffentlichte zunächst mal ein paar Singles und übte sich als Live-Act in der Heimatstadt Glasgow - etwa als Support für Teenage Fanclub - und gelangte so an das Domino Label, der Heimstatt der legendären Indie-Ikonen The Pastels. Diese vermittelten Spinning Coin dann an den Kollegen Edwyn Collins, in dessen Studio das Debütalbum "Permo" (unter Beteiligung der Pastels) auch eingespielt wurde. Dann jedoch ging erst mal alles schief: Der Bassist Cal Donnelly stieg aus und musste durch die eigentlich als Keyboarderin angedachte, neu hinzu gekommene Kanadierin Rachel Taylor ersetzt werden - die dann aber auch gleich das UK wieder verlassen musste, weil sie einfach nicht genug Geld verdiente, um eine Aufenthaltsgenehmigung erlangen zu können. Als Folge davon siedelten Rachel und Sean Anderson nach Berlin über - und nun befindet sich die Band in einem Zustand der topographischen Zerstreutheit. Dennoch gelang es, durch einen zufälligen Kraftakt am Ende einer kräftezehrenden Tour bei einem Studioaufenthalt in Frankreich das neue Album "Hyacinth" einzuspielen - das dann (vielleicht sogar beflügelt von den chaotischen Umständen) neue Maßstäbe in Sachen Indie-Schrammelpop setzte.
"Ja, das war eine ganz schön hektische Zeit", erinnert sich Rachel, "ich musste ja aus dem UK raus, weil ich nicht genug Geld verdient habe. Das hatte zwar nichts mit dem Brexit zu tun, aber die Stimmung im UK hat sich doch stark verändert. Viele unserer Freunde wollen jetzt auch raus, weil es ein wenig creepy und sogar feindselig geworden ist." Wie funktioniert das denn jetzt - mit Bandmitgliedern, die in verschiedenen Ländern leben? "Nun, ideal ist das nicht", räumt Sean ein, "wir haben uns ein paar Mal hier in Berlin getroffen und wir haben auch mal in Glasgow gespielt. Wir müssen mal sehen, wie es weiter geht. Aber im Moment wollen wir es mal so ausprobieren. Es hilft ja, dass wir unsere Songs für uns selbst schreiben und nicht als Team." Rachel ist dieses Mal auch mit einem eigenen Song namens "Black Cat" vertreten. "Ja, ich schreibe auch eigene Songs und habe ein Solo-Projekt. So haben Sean und ich uns auch kennengelernt. Ich dachte aber bislang nicht, dass meine Songs gut für Spinning Coin geeignet seien 'Black Cat' passte dann aber schon." Dabei kommen ja recht unterschiedliche Stücke heraus. Gibt es denn eine gemeinsame musikalische Basis, auf die alle vier Bandmitglieder sich berufen können? "Ja, wir haben schon Dinge, die uns interessieren", überlegt Sean, "das sind ältere Sachen aus den 60s oder 70s - wobei wir schon unterschiedliche Geschmäcker haben." Gibt es da Tendenzen zu afrikanischer Musik? Denn die Art, in der bei Spinning Coin die Gitarrenlicks miteinander verwoben werden, erinnert zuweilen an afrikanische Vibes. "Ja, vielleicht schon", räumt Sean ein, "wir mögen generell lebendige Gitarrensounds." "Jack spielt in einer anderen Band namens Sacred Paws aus Glasgow", fügt Rachel hinzu, "und die haben noch deutlichere afrikanische Bezüge."
Spinning Coin
Inhaltlich legen sich Spinning Coin dieses Mal nicht besonders fest. Während es auf dem ersten Album "Permo" noch um konkrete politische Positionsbestimmungen geht, driftet die Band auf dem neuen Album eher ins mystische Mäandern ab. Auch Songtitel wie "Despotic Sway", "Soul Trader" oder "Ghosting" betreffend. Geht es darum, den Zuhörer zu irritieren? "Ja, das könnte schon sein", zögert Sean, "ich weiß aber nicht so recht..." "Nun ja, für mich klingen die Titel schon recht sinister", ergänzt Rachel. "Sagen wir mal so", führt Sean aus, "man will ja seinen Songs keine Titel geben, die andere schon verwendet haben. Eine richtige Backstory gibt's aber nicht dahinter. Bei einem Song wie 'Ghosting' geht es zunächst mal wirklich um Geister verstorbener Menschen. Aber ich stieß dann auch auf die moderne Auslegung des Begriffes 'Ghosting' - das nämlich jemand eine Beziehung abbricht und dann sozusagen von der Bildfläche verschwindet - und das fand ich dann als modernes Phänomen auch interessant." Wird es denn wenigstens in Songs wie "Thing Of The Past" konkreter? Immerhin räumte Sean ja bereits ein, sich für die "alten Zeiten" zu interessieren. "Ja, ich denke schon, dass ich ein Typ von gestern bin", schmunzelt Sean, "ich finde es immer witzig, wenn Leute versuchen, besonders modern oder hip sein zu wollen. Es geht aber auch um Sachen wie den Kapitalismus als überholte Lebensform und das Streben nach einem einfacheren Leben." Dazu muss man noch wissen, dass es nicht ganz einfach war, ein Treffen mit Rachel und Sean zu organisieren. "Sean hat sein erstes neues Handy seit vier Jahren bekommen", erzählt Rachel, "und es ist - wie meines - kein Smartphone. Das ist ja schon ungewöhnlich. Wir haben auch kein Internet in unserer Wohnung und müssen zur Bibliothek gehen, um ins Web zu kommen. Ich gebe zu, dass das seltsam ist - aber auf diese Weise hatten wir zumindest Zeit, ein Album zu schreiben, was ja auch ganz nett ist."

Das mit dem einfacheren Leben hört sich nicht so an, als lege es Sean als Songwriter darauf an, alle Aspekte seines Tuns kontrollieren zu wollen. "Ja, es ist mir schon passiert, dass ich selber nicht weiß, wovon ich da rede", gesteht er, "erst, wenn ich es dann selbst höre, weiß ich erst, woher die Ideen stammen und was damit gemeint ist." "Das hängt mit dem Prozess zusammen", erklärt Rachel, "wir haben durchaus Freunde, die sehr bewusst Songs schreiben und auch sehr bewusst durchs Leben gehen. Ich denke, wir teilen eher die Einstellung, dass es beim Song-Schreiben darum geht, Gefühle auszudrücken. Für mich hat ein Gefühl auch eine natürlich Struktur, über die man nicht nachzudenken braucht. Man doktert dann vielleicht an Details herum - aber im Grunde ist alles da." "Ja, und wenn man sich zu sehr auf die Struktur konzentriert, dann vergisst man am Ende, worum es einem eigentlich ging", gibt Sean zu bedenken, "am Ende ist es ja auch nicht unsere oder deine oder Musik, die irgend jemandem gehört. Daran glaube ich nicht. Jeder kann unsere Musik hören und sie ist für alle." Nun ja: Musik lässt sich ja auch nicht so einfach definieren - etwas Mystisches oder Magisches bleibt am Ende ja immer übrig. "Das hat mit Harmonien zu tun", erläutert Sean, "wenn du einzelne Noten aus dieser oder jener Harmonie hörst, dann kannst du die genau einordnen. Aber wenn du alles zusammen hörst, dann ist das reine Magie. Das ist, wie wenn du einzelne Zutaten eines Rezeptes kombinierst. Weißt du - um solche Zusammenhänge auszuloten, mache ich ja eigentlich Musik." "Ich weiß gar nicht, warum ich Musik mache", wirft Rachel ein, "ich glaube, ich muss es einfach tun. Ich muss die Welt nicht mit meiner Musik retten - aber ich brauche sie, um mein Leben zu verarbeiten."

Das erklärt vielleicht auch, warum die Musik von Spinning Coin im allgemeinen besonders spontan, lebhaft und unvorhersehbar ist. Teilweise ist da sogar eine nervöse Energie - um nicht zu sagen Hysterie - im Vortrag zu vernehmen. Woher kommt denn das wohl? "Nun das hängt mit den Umständen zusammen, unter denen wir die Songs eingespielt haben", verrät Sean, "wir waren am Ende einer anstrengenden Tour angelangt und nur noch Schatten unserer selbst. Nicht, dass wir vollkommen am Ende gewesen wären, aber wenn man so lange zusammenhängt, dann geht es am Ende nur noch um Kaffee und Adrenalin." "Nun ja, die Situation war ja auch im Allgemeinen sehr chaotisch. Ich musste ja zum Beispiel schnell Bass-Spielen lernen und dann war ja auch klar, dass ich aus dem UK raus musste. Das kam dann alles auf verwirrende, aber auch aufregende Art zusammen." Das alles führt dann dazu, dass Spinning Coin - oder zumindest Rachel und Sean - auf sympathische Weise planlos durchs Leben gehen können. Und irgendwie scheint sich das belebend und inspirierend auf ihre Kunst auszuwirken. Und das bedeutet für den Zuhörer dann eben, dass es mit Spinning Coin so schnell auch nicht langweilig werden wird.
Weitere Infos:
spinningcoin.net
www.dominomusic.com/artists/spinning-coin
www.facebook.com/spinningcoin
twitter.com/spinning_coin
www.instagram.com/spinningcoinband
www.youtube.com/channel/UCfq00kZBB62RnmXxK-iM53Q
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigabe / Ullrich Maurer-
Spinning Coin
Aktueller Tonträger:
Hyacinth
(Domino Records/GoodToGo)

 
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