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LUISE WEIDEHAAS
 
Das Wort dient dem Klang
Luise Weidehaas
Entspannt, verträumt, melancholisch: "Zartcore" nennt Luise Weidehaas selbst ihre Musik, und viel besser kann man den aus der Zeit gefallenen Leisetreter-Folk der aus Meißen stammenden, aber in Düsseldorf heimischen Singer/Songwriterin wirklich kaum beschreiben. Fünf Jahre nach ihrer ersten EP "Swell" und viele feine Konzerte später erscheint mit "Shore" nun endlich ihr beeindruckendes erstes Album. Mit dem Multiinstrumentalisten David Schütte (Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld) als wichtigstem Mitstreiter und Gästen von Honig und Hello Piedpiper widmet sich Weidehaas darauf zurückhaltenden, aber doch sehr bewusst arrangierten Liedern, die oft durch Reisen in ferne Länder inspiriert wurden und gleichzeitig allein durch Songtitel wie "Baumhaus", "Pazifik" oder "Schwalben" von einer großen Naturverbundenheit zeugen. Bisweilen scheint der Geist der frühen Joni Mitchell durch diese betont gelassen klingenden Songs zu schweben, denn Weidehaas singt zwar auf Deutsch, tut dies aber nicht nur beim unbestrittenen Highlight "Nacht" mit englischer Leichtigkeit: Am Ende dient das Wort so stets dem Klang. Für unser Interview erwischen wir Luise daheim: "Ich bin in meiner kleinen Wohnung", verrät sie. "Es hat gerade begonnen zu regnen, zum Glück habe ich aber eben meine Fahrradrunde noch bei fast Sonne gemacht, daher ist die Stimmung ausgeglichen bis gut."
GL.de: Springen wir gleich mittenrein: Du hast bereits vor fünf Jahren deine erste EP veröffentlicht, nun erscheint dein erstes Album. Siehst du den langen Anlauf rückblickend als Segen oder als Fluch?

Luise: Wir haben eigentlich schon zwei Jahre nach der EP über ein Album nachgedacht und "Nacht" zum Beispiel auch schon ziemlich bald aufgenommen, allerdings lagen zwischen den Aufnahmen der anderen Lieder und den Arrangements immer wieder Wochen und Monate. Die größte Herausforderung war es einfach, gemeinsame freie Tage zu finden. Ein Segen wären drei gemeinsame freie Wochen am Stück gewesen, wo man schön hätte eintauchen können in die Arbeit, aber das war dann auch recht unrealistisch. Somit war es so auch kein Fluch, einfach die Realität.

GL.de: Was ist die wichtigste Lektion, die du seit der Veröffentlichung der EP gelernt hast und die nun in die Arbeit am Album einfließen konnte?

Luise: Dass ich auf jeden Fall wieder mit der gleichen Crew, den gleichen Menschen auch das Album aufnehmen wollte. Zudem fühle ich mich live und auch im Studio wesentlich sicherer als noch vor zwei/drei Jahren.

GL.de: Warum gibst du deinen Platten eigentlich englische Titel, wenn die Lieder doch alle auf Deutsch sind? Und warum überhaupt deutsche Texte, wenn du selbst auch eher Englischsprachiges magst?

Luise: "Swell" und "Shore" sind meinem Lieblingselement Wasser entlehnt, meine Eltern sind Segler, ich liebe und brauche das Meer, die Küste und Seen. Ich bin an der Elbe geboren und radele täglich am Rhein entlang, und auch meine Reisen führen mich immer in Wassernähe. Außerdem klingen die Worte schön und sehen auch gedruckt schick aus. Ich singe auf Deutsch, weil ich da mehr Möglichkeiten, mehr Wörter habe mich auszudrücken. Wäre ich fleißiger, würde mehr auf Englisch lesen usw., würde ich sicher auch auf Englisch singen. Wobei es auch gar nicht so unangenehm ist, auf Deutsch zu singen. Ich versuche zum Beispiel beim Singen so zu phrasieren und nur solche Wörter zu wählen, dass es meinen englischen Hörgewohnheiten entspricht, meine Dummy-Texte sind auch immer auf Englisch, spätestens da merke ich oft, wieviel leichter es wäre, einfach englisch zu singen.

GL.de: Mit den meisten deiner Lieder machst du einen großen Bogen um gängige Songstrukturen oder verzichtest oft sogar auf klassische Refrains - was steckt dahinter?

Luise: Ha, mangelnde Gitarren-Skills vielleicht? Naja, ich brauche nicht unbedingt einen klassischen Liedaufbau, um ein Lied als fertig zu betrachten. Ich suche schöne Melodien und mag auch das repetitive Moment dabei, ohne ein künstliches Korsett zu erstellen, wenn es sich nicht beim Schreiben aufdrängt. Manchmal sind es eben nur drei Töne, die es braucht.

GL.de: Die neuen Lieder sind sehr behutsam, aber doch sehr bewusst instrumentiert. Hat sich für dich das Verhältnis zwischen den Texten und der Musik über die Jahre verschoben?

Luise: Texte sind in erster Linie Mittel zum Melodiefindungs-Zweck. "Melody is King". Es muss gut klingen, und natürlich darf es nicht durch einen öden Text kaputt gemacht werden. Daher singe ich auch auf Deutsch, weil mein Englisch nicht meinem Anspruch an gute Texte genügt.

GL.de: Stell uns doch bitte mal deine Mitstreiter vor: Wer sie sind, was du dir von ihnen im Vorfeld erhofft hast und wie weit ihre Beiträge am Ende die Lieder womöglich in neue Richtungen bugsiert haben.

Luise: Meine Mitstreiter sind wieder David Schütte, diesmal allerdings als alleiniger Produzent, Ingenieur, Arrangeur und Multi-Instrumentalist. Er hat Cello und Gambe studiert und ist musikalisch sehr weit gefächert aufgestellt und wahnsinnig versiert. Felix Herzog hat die LP, wie auch schon meine EP, gemischt. E-Gitarre spielt wieder René Neumann, der mich, bis er vor zwei Jahren nach Berlin zog, auch live begleitet hat. Guido Sprenger, meine neue "Band", spielt E-Gitarre. Martin Hannaford taucht mit seinen herrlichen Chören bei einem Song auf, Clara Flaksman spielt Wurlitzer E-Piano und Lilit Tonoyan, beides studierte Musikerinnen, Geige. Kai Blankenberg hat "Shore" gemastert und Dennis Melskotte das Cover-Design dazu entworfen. David hat alle weiteren Instrumente und Klänge beigesteuert und entwickelt: Cello, Charango, Bratsche, Omnichord, Synthesizer, abstruse Sounds, Klavier, Metallophon, Glockenspiel, Effekte und auch ein paar Chöre eingesungen. Die Zusammenarbeit mit David war überaus harmonisch. Dadurch, dass ich seinem Ohr und seiner Musikalität zutiefst vertraue, war es leicht und angenehm einfach zu machen. Nahezu alle seine Arrangements und Ideen sind auf dem Album gelandet, und war ihm mal ein Lied zu kurz, gab es einfach noch eine Strophe von mir obendrauf. Eine andere Atmosphäre als diese freundschaftliche hätte auch nicht funktioniert. David hat mit seinen Arrangements und seiner Aufnahmeweise meine Lieder einfach für mich bestmöglich produziert. Ich bin allen beteiligten Musikern und Freunden sehr dankbar!

GL.de: Während viele andere derzeit dem Zeitgeist hinterherrennen, klingen deine Lieder oft wie aus der Zeit gefallen. Ist das ein Zufall oder ist eine gewisse Art von Zeitlosigkeit das Ziel?

Luise: Ich versuche schon den Zeitgeist zumindest mitzubekommen, aber ich habe mich noch nie so stark daran orientiert, was andere machen, als Fan und reiner Konsument natürlich schon, und klar fallen mir Sounds oder Produktionen auf, die ich gut finde, aber nicht als Orientierungshilfe für meine Musik. Zeitlos finde ich aber generell auch ein sehr schönes Attribut.

GL.de: Viele deiner Texte erscheinen wie Fotos, wie Schnappschüsse, die Situationen oder Orte einfangen. Wann weißt du, ob etwas zu einem Song wird?

Luise: Manchmal krame ich in Erinnerungen, schaue mir Bilder und Fotos an und versetze mich in bestimmte Stimmungen und Situationen, so können Lieder entstehen. Bei "Max" war das so - mein Kater ist vor etlichen Jahren im Pool der Nachbarn elendig ertrunken. Dieser Schmerz, den ich darüber als Kind verspürte, bleibt, sobald man sich daran erinnert, ist er greifbar. Aber im Grunde lässt sich jede Stimmung wiederbeleben, auch freudigere, man braucht nur Zeit und Muße, wie so oft. Und manchmal ist es auch in dem Moment klar, wo man etwas erlebt, dass ein Lied draus wird, wie bei "Schwalben" zum Beispiel.

GL.de: Allgemeiner gefragt: Was bedeutet das Songschreiben für dich? Nutzt du es, um Erlebtes für dich klarzukriegen und zu verarbeiten oder ist es eher handwerklich motiviert, ein Spiel mit schönen Worten und Bildern?

Luise: Gute Frage! Beides, denke ich. Manchmal möchte ich einer Person/Situation/Tier ein Denkmal setzen, und ab und zu tut es einfach gut, ein Lied zu schreiben, etwas Neues zu erschaffen oder Angefangenes fertigzustellen. Und klar, in manchen Ausnahmesituationen hilft Schreiben natürlich, um klarer zu werden.

GL.de: Ist dir Perfektionismus wichtig, oder ist auch Unvollkommenheit okay, solange sie das richtige Gefühl transportiert?

Luise: Wenn es mir um Perfektion ginge, hätte ich mich wohl nie auf eine Bühne gestellt, hauptsächlich, weil ich an der Gitarre reiner Autodidakt bin. Aber je versierter man wird, desto mehr Spaß macht es auch, etwas vorzutragen. Ich persönlich habe wenig Freude an Halbgarem, wobei das ohnehin im Auge des Betrachters liegt, aber ich bereite mich so gut wie immer auf Auftritte vor und trainiere meine Stimme. Aber es vereinfacht die Sache sehr, wenn die musikalischen Mitstreiter Profis sind, dann muss man nur an seine Unzulänglichkeiten denken. Wie das mit dem Gefühle-Transportieren geht, das weiß hoffentlich keiner so recht. Entweder es entsteht oder eben nicht, lernen sollte man es jedenfalls nicht.

GL.de: Allein die Titel vieler deiner Lieder zeugen von einer großen Naturverbundenheit. Was reizt dich besonders daran?

Luise: Ich bin so aufgewachsen, in einem großen wilden Garten, mit Baumhaus und Birken, Büschen und Beeten und allerlei Tieren. Mich zieht es immer hinaus ins Grüne, soweit, das in einer Großstadt eben möglich ist, auch auf Reisen bevorzuge ich die "Einsamkeit" in der Natur, da wo ich durchatmen, frei und uneingeschränkt agieren und sein kann.

GL.de: Was man dagegen auf dem Album überhaupt nicht hört, ist Düsseldorf. Viele deiner Lieder sind durch Reisen inspiriert. Sind sie so ein absichtlicher Gegenentwurf zum Großstädtischen, steckt darin vielleicht sogar eine gewisse Realitätsflucht?

Luise: Stimmt, Düsseldorf oder auch Köln (wohin ich täglich pendle) wurden noch nicht direkt besungen, aber Flehe taucht zum Beispiel in meinem Video zu "Prag" auf, und ich liebe die Landschaft rund ums Schloß Mickeln. Und ja, Realitätsflucht erlaube ich mir schon immer recht viel, dazu eignen sich Tagträume besonders, und die kann man in Liedern wieder aufleben lassen.


GL.de: Was ist der ungewöhnlichste Ort, den du bisher bereist hast, und warum?

Luise: Das ist schwierig festzumachen, ungewöhnlich schön waren viele Orte, eine verlassene oberirdische Bahnstrecke, komplett zugewachsen, mit verrückten Pflanzen und Äffchen links und rechts in Sri Lanka zum Beispiel. Ich hänge immer sehr an Orten, die mir gefallen, und mir fällt es immer schwer, sie wieder zu verlassen, es gibt immer wieder die allerschönsten Strände, aber am allertraurigsten war ich, als wir Point Reyes in Kalifornien verlassen mussten, daher habe ich jetzt einfach mein Label danach benannt.

GL.de: "Shore" erscheint Ende März, es gibt ein Release-Konzert in Düsseldorf - und dann? Wünsche, Träume, Hoffnungen?

Luise: Gute Konzerte spielen an schönen Orten, neue Lieder aufnehmen, reisen, glücklich sein und gesund bleiben…
GL.de: Letzte Frage: Was macht dich derzeit als Musikerin am glücklichsten?

Luise: Mich macht sehr glücklich, dass ich tatsächlich hin und wieder Musik machen kann mit so vielen außergewöhnlich guten Leuten. Das ist schon verrückt, wenn man so lange ausschließlich vor der Bühne weilte.

Weitere Infos:
www.luiseweidehaas.de
www.facebook.com/LuiseWeidehaasMusik
www.instagram.com/luiseweidehaas
luiseweidehaas.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
Luise Weidehaas
Aktueller Tonträger:
Shore
(Point Reyes Records/Eigenvertrieb)

 
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