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HAYLEY REARDON
 
Abenteuerlustige Stubenhockerin
Hayley Reardon
"Als ich jünger war, zog es mich hauptsächlich zu Liedern, mit denen ich mich textlich wie musikalisch in einem offensichtlichen Sinne identifizieren konnte. Jetzt suche ich etwas Instinktiveres", sagt Hayley Reardon über ihre Entwicklung als Singer/Songwriterin zwischen altgedientem Folk und zeitgemäßem Pop. Der neueste Beweis dafür ist ihre just digital erschienene Single "If I Fall", mit der sich die 23-jährige Amerikanerin stärker denn je vom lange durch ihre Solo-Akustik-Konzerte gepflegten Image des "Mädchens mit der Gitarre" entfernt. Wie schon mit den beiden letzten Herbst veröffentlichten Liedern "Forgiveness" und "Everything Else" legt sie nun mehr Gewicht auf Arrangement und Sound, ohne dabei ihr feines Gespür für anrührendes Storytelling und nonchalante Tiefgründigkeit weit jenseits ihrer jungen Jahre zu verlieren. Wie es dazu kam, welche Inspiration hinter der neuen Single steckt und wie die derzeitige Situation sie zum Umplanen zwang, verriet sie uns in einem spätabendlichen Interview kurz vor Ostern.
GL.de: Hayley, mit "If I Fall" und den zwei Singles zuvor beschreitest du spürbar andere Wege als zuletzt auf der eher traditionell instrumentierten "Where I Know You"-EP. Was war der Auslöser dafür?

Hayley: Ich werde sehr stark von den Songs geleitet, die aus mir herauskommen, und versuche, mich nicht zu sehr in den Prozess einzumischen und zu sagen "Ich sollte mehr in diese Richtung gehen" oder "Ich möchte mehr so klingen". Ich schreibe einfach, was sich im Moment gut anfühlt, und lasse dann die Songs entscheiden, wie sie sein wollen. Jegliche Entwicklung seit "Where I Know You" ist darauf zurückzuführen, dass die Songs danach verlangt haben und wir zugehört haben. Mein wunderbarer Produzent Ryan Hommel ist darin großartig. Er findet immer subtile und super kunstvolle Wege, um ein Lied voranzutreiben, ohne jemals seinen ursprünglichen Charakter zu kompromittieren.

GL.de: "If I Fall" ist bereits einige Jahre alt. Auf YouTube findet sich eine ältere, völlig anders klingende Version des Songs. War die Solo-Akustik-Version damals nur den Umständen geschuldet oder hat das Lied eine echte Metamorphose durchlaufen?

Hayley: Ich habe dieses Lied mindestens ein Jahr lang liegen lassen, nachdem ich es geschrieben habe. Ich hatte gerade angefangen, mich ihm wieder zuzuwenden, als Ryan und ich weitere Aufnahmen zu planen begannen, und ich habe es ihm aus einer Laune heraus geschickt, nachdem wir alle meine anderen Songoptionen durchgesehen hatten. Er hat sich für das Lied stark gemacht und wir haben beschlossen, es zu versuchen. Ich war keineswegs auf die akustische Solo-Version festgelegt und war gespannt, was daraus im Studio werden könnte.

GL.de: Es war also Ryan, der die Veränderungen angestoßen hat?

Hayley: In diesem Fall war es tatsächlich Ryan, der die Zügel in der Hand hielt. Ich hatte den Song als Open-Tuning-Akustik-Song geschrieben, aber im Studio kam Ryan auf diesen hüpfenden, sprudelnden E-Gitarren-Part, der dem Lied eine neue Energie verlieh. So hatten wir eine völlig andere Grundlage für unsere Arbeit und konnten darauf aufbauen.

GL.de: "If I Fall" ist durch ein Zitat des jüdischen Mystikers Baal Shem Tov inspiriert worden. Wie genau kam es dazu?

Hayley: Ich lebe zurzeit in Massachusetts, wo ich herkomme, aber zuvor habe ich in Nashville gelebt. Ich war ungefähr dreieinhalb Jahre dort und wollte gegen Ende dieser Zeit wirklich nach Hause, ohne mir das richtig einzugestehen. Es fühlte sich an, als hätte ich versagt oder aufgegeben. Eines Tages, als ich mich damit abgefunden hatte, dass ich in naher Zukunft wahrscheinlich einige schwierige Entscheidungen zu treffen hätte, nahm ich die Memoiren einer Frau namens Dani Shapiro mit dem Titel "Devotion" in die Hand. Das Buch beginnt auf einer ansonsten leeren Seite mit dem ordentlich gedruckten Zitat von Baal Shem Tov in der Mitte ("Lass mich fallen, wenn ich fallen muss. Die, zu der ich werde, wird mich fangen"). Ich las diese Worte und legte das Buch sofort weg und schrieb "If I Fall" in Gänze.

GL.de: Im Moment veröffentlichst du regelmäßig Singles, die zusammen allerdings bereits ein neues, größeres Gesamtbild andeuten. Ist das eine Konzession an den Spofity-Zeitgeist oder planst du, deinen ersten drei Alben in Bälde eine weitere Langform-Veröffentlichung folgen zu lassen?

Hayley: Zusätzlich zu den drei bereits veröffentlichten Singles habe ich zwei weitere Songs fertig. Zusammen sollen sie eine 5-Song-EP ("A Hundred Little Lives") ergeben, aber es gibt noch keinen endgültigen Plan, ob daraus eine Langform-Veröffentlichung wird. Ich arbeite völlig independent und selbstfinanziert, also habe ich die Aufnahmesessions immer dann dazwischengemogelt, wenn ich sie mir leisten konnte. Ich denke aber definitiv immer noch im Albumformat und würde gerne ein weiteres Album in voller Länge machen, wenn die kreativen und finanziellen Sterne richtig stehen.

GL.de: Die derzeitige Coronavirus-Pandemie hat deine Pläne ganz schön durcheinandergewirbelt. Weder deine Europatournee noch deine Künstlerresidenz in Dachau können derzeit stattfinden. Bist du schon so weit, die positiven Seiten der Situation zu sehen? Können wir - in Anlehnung an die damals in der Einsamkeit deines Wohnheimzimmers in Nashville entstandenen Frühwerke - vielleicht auf eine Art "Dormroom Originals 2.0" hoffen?

Hayley: Oh ja, das wäre toll, wenn das das Ergebnis der Quarantäne-Zeit wäre! Die Künstlerresidenz und der damit verbundene sechsmonatige Aufenthalt in Europa waren bereits seit einem Jahr in Planung. Das war viel Arbeit für mich, mein Team in Europa und die netten Leute in Dachau und ich hatte mich riesig auf dieses neue Abenteuer gefreut. Natürlich war ich schon sehr traurig, dass ich mich von all den Plänen für den Moment verabschieden musste. Gleichzeitig bin ich aber auch eine Stubenhockerin und liebe es, mich mit meinen Büchern und meinen Gitarren verkriechen zu können. Mein Rezept für Songswriting, für alles Kreative ist immer, einen Haufen interessanter Erfahrungen zu machen und mir dann ordentlich Zeit der inneren Einkehr zu geben, damit mein Unterbewusstsein mir den Weg zeigen kann. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass auch diese Zeit Früchte tragen wird, nur auf andere Weise, als ich das ursprünglich gedacht hatte.

GL.de: Zumindest ein Konzert der Deutschland-Tournee fällt nicht ganz aus. Am Tag deines geplanten Hauskonzerts in Schwalbach am 18. April wird es eine Livestream-Show von dir geben. Eigentlich ist dein Solo-Akustik-Storyteller-Format doch wie gemacht für solch eine Gelegenheit, oder?

Hayley: Wenn ich ehrlich bin, war ich bisher sehr zurückhaltend, wenn es darum ging, auf den Zug der virtuellen Konzerte aufzuspringen. Das fühlt sich für mich schon sehr unnatürlich und beängstigend an. Dann aber sagte ich mir, dass es wohl keinen besseren Zeitpunkt als die Quarantäne gibt, um mich dieser Angst zu stellen. Ich gebe dir aber durchaus recht, meine Show besteht vor allem aus mir, meiner Gitarre und den Geschichten, die ich erzähle. Hoffentlich gelingt es mir, auf diesem Gefühl der Intimität aufzubauen, anstatt von ihm abzulenken.

GL.de: Letzte Frage: Was macht dich - abseits der Quarantäne - derzeit als Musikerin besonders glücklich?

Hayley: Dieser Abschnitt in meinem Leben und in meiner Karriere ist durch große Expansion gekennzeichnet. Meine Karriere hatte zwar verglichen mit anderen keinen großen Höhenflug, aber die Erfahrungen der letzten Zeit und die Menschen, die dadurch Teil meines Lebens wurden, waren unglaublich bereichernd. Dafür bin ich sehr dankbar, denn genau das hält den Motor am Laufen!

Anmeldung zum Livestream-Konzert am 18.04.2020 hier!

Weitere Infos:
www.hayleyreardon.com
www.facebook.com/hayleyreardonmusic
www.instagram.com/hayleyreardon
hayleyreardon.bandcamp.com
www.youtube.com/channel/UCpXbUZcxpEtSkb_rUAC6lOg
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
Hayley Reardon
Aktueller Tonträger:
If I Fall (Single)
(Eigenveröffentlichung)

 
 

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