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JESS WILLIAMSON
 
Größer als wir selbst
Jess Williamson
Sagen wir mal so: Die in L.A. lebende und arbeitende US-Songwriterin Jess Williamson hat Glück gehabt, dass sie die Arbeiten zu ihrem neuen, vierten Album "Sorceress" noch vollständig abschließen konnte, bevor auch sie vom Coronavirus in einen Lockdown gezwungen wurde. Denn die Aufnahmen der zwar an der Westküste geschriebenen, neuen Songs fanden in Brooklyn statt und wurden in Dripping Springs im ehemals heimischen Texas fertiggestellt. Das hat mit der Historie Jess' zu tun, die in Dallas geboren wurde, in Austin ihre musikalische Laufbahn etablierte, zeitweise in New York lebte und seit 2016 nun in Los Angeles residiert. Das mit diesem Lebensstil verbundene rastlose Herumreisen ist ja nun nicht mehr möglich. Tatsächlich ist es dann auch eine Art von tragischer Ironie, dass die erste Zeile von "Smoke", dem ersten Tracks ihres neuen Albums "Sorceress" lautet: "We like staying home - we like running around."
"Haha - danke, dass du das auch bemerkt hast", freut sich Jess, die gerade in L.A. festsitzt, "das ist ziemlich lustig und prophetisch. Darüber habe ich in letzter Zeit auch viel nachgedacht." Worauf übrigens unbedingt hingewiesen werden muss, ist, dass Jess Williams die mit Abstand schönste Sprechstimme der Jetztzeit hat. Tatsächlich hört es sich an, als singe sie das, was sie im Plauderton berichtet, irgendwie auch gleich. "Die Sache mit dem Virus ist zur Zeit definitiv die größte Herausforderung, mit der wir umgehen müssen", berichtet Jess weiter, "es gibt eine ganze Menge Fälle hier in der Stadt und die Stadt befindet sich im Lockdown. Alle Strände, Wanderwege und Wochenmärkte sind geschlossen. Apotheken und Lebensmittelgeschäfte sind zwar noch offen, aber man darf ansonsten nicht raus. Es ist ziemlich wild - weil es auch keinen Verkehr mehr gibt." Die ersten musikalischen Gehversuche Jess' scheinen sich auf dem Folk-Sektor abgespielt zu haben, denn ursprünglich begann sie als Banjo-Spielerin. "Aufgewachsen bin ich aber eigentlich mit Country-Musik", schränkt Jess diese Vermutung ein. Das macht aber Sinn, denn Country-Musik ist ja schließlich das Genre, das sich am Besten zum Erzählen von Geschichten eignet - und Texte scheinen für Jess eine ganz besondere Rolle einzunehmen. "Da stimme ich zu", bestätigt sie, "für mich als Musikerin sind die Texte nämlich das Allerwichtigste - und zwar sowohl als Zuhörerin wie auch als Songwriterin. In Country und Folkmusik geht es ja gerade um die Texte, die Worte, die Poesie."

Nun heißt die neue Scheibe zwar "Sorceress" - aber in dem betreffenden Song macht Jess deutlich, dass sie sich selbst gerade NICHT als Zauberin betrachtet. Wovon handeln die Songs der neuen LP stattdessen? "In jedem Song der neuen Scheibe geht es für mich um die Suche nach einer höheren Macht", erläutert Jess, "beziehungsweise irgendetwas außerhalb unserer selbst, das dem Leben einen Sinn gibt. Jeder Song wird dabei auf eine andere Art präsentiert. Es kann um Spiritualität gehen - auch heidnische oder New Age Esoterik - oder aber auch um die Liebe oder die Abhängigkeit von der Liebe zwischen zwei Personen. Ein anderer Song handelt von der Liebe zur Familie. Es geht um die Suche nach etwas Größerem als wir selber." Handelt es sich bei Jess' Texten dann um Poesie? "Ja", bestätigt sie, "für mich ist der ganze Song ein Gedicht. Die Texte, die Musik, die Stille dazwischen. Das ist alles Poesie. Es würde nicht ohne die Musik funktionieren und es würde nicht ohne die Worte funktionieren." Wenn Jess sagt, dass jeder Song auf eine andere Art präsentiert wird, meint sie damit vielleicht, dass die Scheibe als Sammlung musikalischer Kurzgeschichten angelegt sein könnte? "Oh - dieser Gedanke gefällt mir sehr", überlegt sie, "ich habe das gewiss nicht absichtlich so angelegt, aber ich glaube fast, dass genau das passiert ist. Manchmal weiß ich - ehrlich gesagt - selbst nicht so ganz, was ich da tue." Nun - das ist dann die Magie des Musizierens. "Ja, das stimmt", pflichtet Jess bei.

Jess Williamson
Worum ging es Jess musikalisch? Die neue Scheibe ist ja - besonders in stilistischer Hinsicht - wesentlich vielseitiger als ihre bisherigen Alben. "Ich wollte einfach experimentieren und Sachen ausprobieren, die ich mich in der Vergangenheit nicht getraut hatte", überlegt sie, "speziell ging es mir dabei um Pop-Elemente wie programmierte Drums, E-Bass oder Synthesizer-Sounds einzusetzen. Klänge also, die man nur elektronisch erzeugen kann. Das habe ich bisher nicht gemacht, denn bislang wollte ich immer alles organisch halten. Ach ja: Ich wollte auch mehr konkrete Country-Elemente wie zum Beispiel eine Pedal-Steel-Gitarre einbinden." Daraus ist ein fast schon poppiger Gesamtmix entstanden. "Ja, mir war einfach nicht klar, wie spannend und seltsam die Pop-Musik heutzutage sein kann", gesteht Jess, "das ist alles wirklich interessant. Es gibt da einfach so viele Möglichkeiten." Gilt das auch auf der songwriterischen Ebene? "Ja, du musst nur etwas zu sagen haben", bestätigt Jess, "wenn du eine originelle Idee hast, dann brauchst du dir auch keine Sorgen über irgendetwas anderes zu machen." Dabei gelangen Jess einige wirklich genresprengende Experimente. Etwa der Song "Ponies In Town", ein balladesker Song, der mit Flötentönen und ätherischen Gospelchören aufwartet. Wie entsteht denn so etwas? "Das ist vielleicht mein Lieblingssong auf der Scheibe", überlegt Jess, "ich habe diesen Song einfach ganz normal in Form eines traditionellen Folksongs auf der Gitarre in meinem Schlafzimmer in L.A. geschrieben. Aber einer der Leute, mit denen ich in New York zusammen arbeitete, spielte Flöte. Alleine die Idee, mit einer Flöte zu experimentieren, reizte mich. Wir probierten dann in NY mit diesem Song herum. Als wir dann in Dripping Springs, Texas, das Ganze bearbeiteten, hatte ich diese Idee mit den Chor-Harmonien, die eine andere Melodie beitragen könnten. Auf einem Spaziergang nahm ich dann noch Vogelgezwitscher in einer Vogelklinik auf. Das Ergebnis ist sozusagen ein klassischer Folksong im Weltraum." Die Entstehungsgeschichte dieses Songs legt dann nahe, dass es für Jess nicht ganz unwichtig ist, wo ihre Songs entstehen. "Ja, denn sowohl die Städte, wie auch die Leute und die Orte in diesen Städten haben unterschiedliche Schwingungen", erläutert Jess, "ich mag es zudem auch, mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten. Zum Beispiel mit meinem Tontechniker Dan Duszinsky, dessen Studio auf einem Landgut ist (und mit dem zusammen ich schon 'Cosmic Wink' gemacht hatte) oder mit jemanden, den ich nicht so gut kenne in einem schickes Studio in Brooklyn. Es ist einfach cool zu sehen, was passiert, weil alle verschiedene Ideen haben können."

Was zeichnet gute Songs für Jess aus? "Für mich sind immer die Texte entscheidend", erläutert Jess, "ein guter Text berührt mich in der Weise, dass ich mich verstanden fühle. Wenn ich das Gefühl habe, dass da jemand Gefühle, Worte und Musik auf eine Weise zusammenbringt, die mir selbst nicht möglich ist, dann ist das für mich ein guter Song." Okay - das sind dann die Songs anderer Leute. Was ist aber mit Jess eigenen Songs - worauf kommt es ihr da in besonderer Weise an? "Es ist nicht immer wichtig, was meine Songs für mich bedeuten", zögert sie, "es kommt vor, dass mir Menschen sagen, dass einer meiner Songs ihnen in einer bestimmten Situation geholfen habe - aufgrund ihrer Interpretation der Texte. Es ist dann also egal, warum ich diesen Song geschrieben habe, so lange er für andere etwas bedeutet. Ich kann etwa einen Song über ein gebrochenes Herz - mein gebrochenes Herz - schreiben, aber wenn dieser Song zum Beispiel jemanden hilft, über den Tod eines geliebten Menschen hinwegzukommen, dann hat meine Interpretation keine Bedeutung mehr. Joanna Newsom hat mal gesagt, dass sie nie ihre Texte erkläre, weil das so wäre, als erkläre man, warum ein Witz witzig ist. Das mag ich." Dürfen Songs in dieser Beziehung auch ein wenig größer als das Leben sein? "Ich denke, sie können so sein, oder?" überlegt Jess, "jedenfalls so lange man etwas zu sagen hat..."

Was ist für Jess die größte Herausforderung? "Na ja - momentan sicherlich, dass die ganze Welt angehalten wurde", zögert sie, "die ganzen Strukturen verändern und verschieben sich und niemand weiß, was passieren wird. Es ist alles unsicher. Ich, als Nachwuchskünstlerin, müsste ja eigentlich dringend auf Tour sein und ich weiß nicht, wann ich es wieder sein kann. Die Ungewissheit ist also die größte Herausforderung. Aber ich habe das seltsame Gefühl, dass das alles gut wird und wieder so sein wird, wie es sein sollte." Dem fügen wir sicherheitshalber am Besten mal nichts hinzu.
Weitere Infos:
www.jesswilliamson.com
www.facebook.com/jesswilliamsonmusic
jesswilliamson.bandcamp.com
www.youtube.com/watch?v=X9RXQcbzniA
www.youtube.com/watch?v=C8oFdsv-ZR8
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Kathryn Vetter Miller-
Jess Williamson
Aktueller Tonträger:
Sorceress
(Mexican Summer/Alive)

 
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