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JASON ISBELL AND THE 400 UNIT
 
Zeit für etwas anderes
Jason Isbell And The 400 Unit
Jason Isbell auf neuen Wegen: Auf "Reunions" widmet sich der ursprünglich aus Alabama stammende vierfache Grammy-Gewinner der Art von Songs, die er am liebsten schon vor Jahren geschrieben hätte, wenn es ihm damals nicht noch an Erfahrung, Reife und dem richtigen Handwerkszeug gemangelt hätte. Bestachen seine Platten zuvor oft mit ungekünsteltem "Mittendrin, statt nur dabei"-Feeling, legten Isbell und sein langjähriger Produzent Dave Cobb dieses Mal das Augenmerk eher auf Details. Faust-in-die-Luft-Rocksongs machen hier mit wenigen Ausnahmen Platz für Americana-Storyteller-Balladen, die spürbar komplexer gestaltet sind, ohne dabei je die tiefempfundenen Texte aus den Augen zu verlieren, mit denen Isbell auf ein trotz seiner erst 41 Jahre betont bewegtes Leben zurückblickt, wenn er Kindheitserinnerungen, verlorene Freunde und das ausschweifende Leben, das er längst hinter sich gelassen hat, in den Fokus rückt. Ende März hatten wir das Vergnügen, mit dem bodenständigen Tausendsassa, der einst seine Karriere bei den Drive-By Truckers begann, zu plaudern.
Ein wenig mag es an seinem herrlichen "southern drawl", seinem einschmeichelnden Südstaatenakzent, liegen, aber wenn man mit Jason Isbell spricht, bekommt man schnell das Gefühl, dass der Amerikaner wunderbar gelassen und ausgeglichen ist. "Ich bin sehr dankbar für das, was ich habe. Ich bin Vater einer vierjährigen Tochter, ich habe eine wundervolle Ehefrau [die Musikerin Amanda Shires] und uns geht es wirklich gut", sagt er gleich zu Beginn unseres Gesprächs - und das gilt sogar in COVID-19-Zeiten. "Wir leben etwa eine halbe Stunde außerhalb von Nashville, was bedeutet, dass wir ordentlich Abstand zu unseren Nachbarn haben. Im Großen und Ganzen fehlt es uns hier an nichts." Trotzdem kennt Isbell auch die Fallstricke des Erfolges. Lange Zeit waren Drogen und Alkohol ein ständiger Begleiter für ihn, bevor ihm mit der Unterstützung der richtigen Menschen in seinem Umfeld vor rund acht Jahren persönlich und gleich anschließend mit dem Album "Southeastern" auch künstlerisch ein Befreiungsschlag gelang. "Es ist mir sehr wichtig, dass ich Menschen um mich habe, die mich zurechtweisen, wenn ich Blödsinn verzapfe", sagt er. "Wenn ich einen neuen Song schreibe, der nicht gut ist, dann höre ich von meiner Frau: 'Das kannst du aber besser!' Das bewahrt mich davor, ständig nur die Lieder meiner Vergangenheit zu imitieren. Ich habe auch weiterhin viel Kontakt mit Menschen, die sich den täglichen Herausforderungen des Lebens stellen müssen, und das erinnert mich ständig daran, dass es auch ein Leben außerhalb meiner Blase gibt."

Genau das spiegelt auch Isbells neues Album wider, mit dem er sich deutlich anders alsin der Vergangenheit positioniert, gleichzeitig aber nie vergisst, wo er herkommt. '"Auf diesem Album gibt es eine Menge Geister", verriet Isbell bereits in den Liner Notes zur LP. "Manchmal geht es in den Liedern um die Geister von Menschen, die nicht mehr da sind, aber sie handeln auch davon, wer ich einmal war, der Geist von mir selbst. In diesem Sinne ist es ein Wiedersehen mit meinem damaligen Ich." Klanglich dagegen erleben wir auf "Reunions" ein neues Ich Isbells, denn die LP glänzt mit einem Sound, der auf klassischen Tugenden fußt, aber nicht auf Teufel komm raus in der Vergangenheit verharrt. Einer der Gründe für das Update ist, dass Isbell das Gefühl hatte, mit "The Nashville Sound", seinem famosen letzten Album, gewissermaßen alles gesagt zu haben, und es Zeit für eine Neuorientierung wurde. Doch wann genau ist ihm das eigentlich bewusst geworden? "Ich denke, das war kurz nachdem wir angefangen haben, mit den Songs von 'The Nashville Sound' auf Tournee zu gehen", sagt Isbell. "Oft wirst du mit den Songs erst auf der Bühne richtig warm, denn eines unserer Ziele ist stets, die Lieder im Studio im Kasten zu haben, bevor wir sie zu gut kennen. Sobald wir unterwegs waren und die Stücke jeden Abend spielten, wurde mir bewusst, dass ich mit den letzten Alben ein definitives Statement abgegeben hatte und meinen eigenen Wandel und meinen Übergang von einer verlängerten Jugend ins tatsächliche Erwachsenenleben dokumentiert hatte. In dieser Phase habe ich neue Prioritäten gesetzt, um langfristig glücklich sein zu können, und darum ging es auf diesen Platten. Jetzt wusste ich: Es ist Zeit für etwas anderes."

Stand bislang auf Isbells Platten oft ungeschönte Live-Atmosphäre im Vordergrund, klingt die neue Platte deutlich ausproduzierter. Fast könnte man meinen, Isbell und die Seinen tauschen hemdsärmelige Springsteen-Grandezza gegen filigrane Dire-Straits-Eleganz. "Viele meiner Lieblingsplatten sind aufwendig produziert und nur wenige von ihnen sind 'live' eingespielt worden", gesteht Isbell. "Ich habe eine großartige Band und es würde uns sehr leichtfallen, alles live aufzunehmen - spiel das Lied ein paarmal und suche dir das beste Take aus -, aber ich möchte nicht in einen Trott geraten und Platten machen, die immer gleich klingen." Deshalb investierte Produzent Dave Cobb dieses Mal mehr Zeit als je zuvor in den Mix der Platte und legte dabei auf einen Detailreichtum wert, für den ob der Spontaneität der früheren Werke damals kein Raum blieb. "Unser Ziel war es dieses Mal, einen Sound zu kreieren, der interessant und bedacht erscheint", erklärt Isbell.

Doch auch wenn Cobb und die seit vielen Jahren eingespielte Backing-Band The 400 Unit auf "Reunions" viele Freiheiten genossen, gab Isbell die Zügel natürlich nicht vollends aus der Hand. "Ich behalte mein Vetorecht", bestätigt er. "Früher habe ich all meine Platten zumindest co-produziert, aber seitdem ich trocken bin, wende ich die Vorstellung, dass man letzten Endes eh nicht alles in seinem Leben unter Kontrolle hat, auch auf meine Musik an. Seitdem konzentriere ich mich auf meine Aufgaben - das Songwriting, den Gesang, das Gitarrenspiel - und versuche, in allen anderen Belangen die Umklammerung zu lösen und die Kontrolle aus der Hand zu geben. Bei dieser neuen Platte war das mehr denn je der Fall. Ich versuche, von meinem Vetrorecht weniger und weniger Gebrauch zu machen, und einer der Gründe dafür ist, dass ich Dave Cobb mit jeder neuen Platte, die wir gemeinsam machen, ein bisschen mehr vertraue." Bevor die Aufnahmen anstanden, erklärte Isbell seinem Produzenten, was dieses Mal anders sein sollte. "Ich sagte ihm, dass ich eine Platte machen möchte, die mehr Hi-Fi ist, die stärker produziert und somit anders ist als das, was wir zuvor gemacht haben", erinnert er sich. "Er war sofort dafür zu begeistern, und deshalb habe ich mich rausgehalten und ihn einfach seinen Job machen lassen. Du holst dir ja nicht einen brillanten Produzenten ins Studio und beschneidest dann seine Macht so weit, dass er nur noch das tut, was jemand anders auch für die Hälfte der Kohle hinbekommen hätte!"

Auch in Sachen Tonstudio machte Isbell erneut keine halben Sachen. Auch "Reunions" entstand im sagenumwobenen RCA Studio A in Nashville, einem der letzten verbleibenden Großraumstudios der guten alten Zeit. Was macht für Isbell den Reiz aus, schließlich sind Sessions dort ungleich kostspieliger, als ein paar Laptops im eigenen Keller anzuschließen. "Das ist in etwa so, ob du mit einem 200-Dollar-Anzug zur Arbeit gehst oder einem, der 2000 Dollar gekostet hat", sagt er. "Wenn du in einem billigen Anzug zur Arbeit in einem stinknormalen Büro auftauchst, in dem alle nur ihre Pflicht tun, hast du schnell das Gefühl, dass du nicht viel zu verlieren hast. Wenn du mit einem teuren Anzug in einem beeindruckenden Gebäude sitzt, in dem alle nach Höherem streben, denkst auch du: 'Ich baue jetzt besser keinen Scheiß!' So geht es mir, wenn wir im RCA Studio A aufnehmen. Heutzutage werden eine Menge guter Platten in Kellern aufgenommen, und rein technisch ist der Unterschied zu einem großen Studio nicht gravierend. Aber wenn du in eines der alten Studios kommst - von denen es nicht mehr viele gibt, weil sie nicht mehr profitabel sind -, die perfekt ausgestattet sind und in denen nichts dem Zufall überlassen ist, denkst du schnell: 'Ich muss jetzt beweisen, dass ich es verdient habe, hier zu sein.' Wenn du wie ich als Kind davon geträumt hast, als Musiker groß rauszukommen, dann ist das ein gewaltiger Moment, wenn du realisierst, dass du im RCA Studio A in der Music Row in Nashville stehst, in genau dem Raum, in dem Dolly Parton 'Jolene' und 'I Will Always Love You' aufgenommen hat und die gesamte Outlaw-Country-Bewegung ihren Ursprung hat. Da weißt du: 'Hier musst du dein Bestes geben.'"

Weitere Infos:
www.jasonisbell.com
twitter.com/jasonisbell
www.instagram.com/jasonisbell
jasonisbell.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
Jason Isbell And The 400 Unit
Aktueller Tonträger:
Reunions
(Southeastern/Thirty Tigers/Membran)

 
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