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THE GATHERING
 
Only The Lonely
The Gathering
The Gathering sind, ohne sich selbst zu verlieren, durch mehrere stilistisch einigermaßen beispiellose Transformationen hindurch gegangen: Vom kruden Metal der frühen Jahre über heiß glühende Goth-Rock-Meisterwerke wie "Mandylion" oder das Livedokument "Superheat" bis hin zu dem was sie heute treiben. Darüber, WAS sie heute eigentlich treiben und warum, sprach Gaesteliste.de mit der bezaubernden (sic!) Frontfrau des niederländischen Quintetts, Anneke van Giersbergen.
Um gleich mit der gebotenen investigativ-journalistischen, kritischen Distanz einzusteigen, wird Anneke eingangs des Gespräches mit der Frage verblüfft, ob sie die Beobachtung unterschreiben könne, dass das erste Album auf eigenem Label, "Souvenirs", ihr bislang stärkstes, reifstes Werk darstelle? Verblüffenderweise mag sich Anneke dieser Sichtweise durchaus anschließen: "Stimmt, wir machen jetzt reifere Musik. Es scheint uns dumm, dasselbe Album zweimal oder noch öfter hintereinander zu machen, also mussten wir für uns neue Wege beim Songwriting, beim Aufnehmen und Mixen, aber natürlich auch beim Gesang und Bandzusammenspiel finden. Der Hauptunterschied ist, dass wir uns diesmal wirklich Zeit für diesen Lernprozess genommen haben. Es war nicht immer eine ganz leichte Zeit, aber ganz ehrlich - wir lieben das Ergebnis!" Tatsächlich reißt "Souvenirs" mehr als nur ein Gaesteliste.de-Redaktionsmitglied von den Schreibstubenhockern und überfällt den Hörer, der sich darauf einlassen kann, mit einer düsteren, vielschichtigen Schönheit. Die sich zumindest dem Gathering-erfahrenen Hörer aber erst erschließen kann, wenn er den Schock überwunden hat, dass seine Faves plötzlich das "Metall" der Goth Metal-Schublade abgestreift, ja überwunden haben. Doch zumindest dies hatte sich auf dem Vorwerk, der EP "Black Light District", schon vorwarnend angekündigt. In jedem Falle erfordert "Souvenirs" ein intensiveres Einhören, als jedes Gathering-Werk zuvor. Wie kommt das, wollen wir von Anneke wissen und, ob sie nicht auch die Gefahr sieht, dass "alte Fans" verstört reagieren könnten? Mevrouw van Giersbergen freut sich erst mal über diese Würdigung, stimmt dann aber zu, dass man sich "Souvenirs" erst "erhören" muss. Auf der anderen Seite kennt sie eine ganze Reihe Menschen, die eine ähnliche oder parallele Entwicklung als Mensch wie Musikkonsument und Musiker durchgemacht haben wie die Band. Und die dementsprechend obwohl man sich noch von den aller ersten Tagen an kennt, trotzdem beim ersten Hören von der neuen Musikrichtung berührt und ergriffen waren. Das findet sie nett, obwohl sie auch jeden versteht, der diesen Weg nicht mit ihnen gehen mag. War der Stil-Schwenk denn von allen Bandmitgliedern gleichmäßig gewollt? Oder - so möchte der Gaesteliste.de-Redakteur Spaltpilze pflanzen - ist nicht z.B. René (Rutten, Gitarre) zumindest ein wenig enttäuscht, weil die Walls of Sound der brutzelnden Heavy-Gitarren früherer Alben verschwunden sind? Anneke wiegelt ab: "René ist eines nur einer von fünf Bandmitgliedern. Doch glücklicherweise ist er völlig d'accord mit unserer Entwicklung und hat ja selbst Einiges für das neue Album komponiert. Tatsächlich sind ja sogar mehr Gitarren auf 'Souvenirs' als z.B. auf 'How To Measure A Planet', aber diese Sounds sind vielschichtiger aufgebaut. Wir finden sie von der Intensität her immer noch sehr 'heavy', wenn auch nicht mehr so sehr von der Klangfarbe bzw. Verzerrung her."
The Gathering
"Black Light District" hatte den Weg in die neue Richtung aufgezeigt. Was wird in einem Black statt einem Red Light District überhaupt angeboten, lautet die nächste Frage und natürlich möchten unsere Leser auch wissen, warum The Gathering für diese EP von ihrem vorherigen Label Century Media Records weggingen? "Wir haben für unser vorheriges Label nur noch unseren Vertrag erfüllt", so Anneke wörtlich und in plötzlich erheblich kühlerem Ton, "und haben dabei beschlossen, es einfach selbst zu versuchen. Mit Psychonaut Records haben wir jetzt unser eigenes Musiklabel, was uns bei allem unleugbarem Stress eine sehr wohltuende kreative und wirtschaftliche Freiheit gibt. Der Titel der EP ist in der Tat ein Wortspiel und zielt darauf, dass der Lebensweg manchmal ganz schön dunkel werden kann." Als wir uns dann noch eine Erklärung dazu erhofften, dass Century nach der Auflösung noch schnell eine von der Band nicht-autorisierte DVD mit älterem Material auf den Markt geworfen hat, heißt es in schönsten Niederländisch: "Geen commentaar".
The Gathering
Eines der schönsten Stücke auf dem neuen Reise-Souvenier ist ist das mit sehr "modernen" Rhythmen aufwartende "Even The Spirits Are Afraid" - wovor haben die denn nur solche eine Bange? "Als wir die Musik hierzu schrieben, schien es eine so dunkle, ja düstere Atmosphäre zu haben, dass Hans sagte, DAVOR haben sogar die Geister Angst." Warum wurde der durch seine Arbeit mit Sonic Youth, Motorpsycho, Low, Agrésion bekannte Producer Zlaya Hadzich gewählt? Anneke versteht trotzdem: "Zlaya hat schon bei 'If_Then_Else' mit uns gearbeitet. Wir waren und sind mit dessen Sound wirklich hochzufrieden und haben Zlaya daher gebeten, mit uns an den Songs zu arbeiten - also nicht nur den Toningenieur zu machen. Er ist eine Art sechstes Bandmitglied geworden und wir haben viel von ihm gelernt... Ko-produziert hat übrigens Attie Bauw [u.a. Nits, Gorefest]." "You Learn About It" ist eines dieser kostbaren Lieder, die man gleich nach dem ersten Hören nie wieder vergisst... "und ist auch einer meiner Favoriten", stimmt Anneke zu: "Es ist ein schönes Lied mit einer 'süßen' Gesangsmelodie, der Text dreht sich allerdings um einige Gemeinheiten der Geschäftswelt, die wir erleben mussten, um zu lernen." Auf der sehr schön gemachten Gathering-Site war zu lesen, dass das Stück "Richard" von David Lynchs Film "The Straight Story" inspiriert wurde? "Stimmt, die Lyrics handeln von einem Mädchen, das Schwierigkeiten mit dem Leben selbst hat. Findest du nicht, dass es heute immer mehr Menschen gibt, die mit dem Druck des heutigen Lebenstempos nicht mehr klarkommen? Ich finde das enorm traurig..." Was hält Anneke denn vom Skurril-Großmeister Lynch? Da "Souvenirs" teils schon wie Filmmusik klingt, warum dann nicht mal einen Soundtrack für David? Die zierliche Sängerin findet den Gedanken zwar anziehend, glaubt aber, dass es extrem schwer ist, einen Fuß in genau díese Tür zu bekommen. Nun gut, weiter also zum Titelstück, welche Souvenirs wurden hier eigentlich eingesammelt (to gather: einsammeln)? "Dabei wie bei neuen Album als Ganzem geht es um die persönlichen, musikalischen und vor allem emotionalen Erlebnisse der letzten Monate". "Monsters" scheint der früheren Arbeit des Quintetts noch am nächsten zu stehen - richtig oder falsch? "Finde ich auch, es ist mehr ein 'Rock song', nicht wahr? Von 'Souvenirs' sticht er vielleicht ein wenig ab, aber ich glaube, auf der Bühne wird er hervorragend funktionieren."

Zu "Golden Grounds" weiß die Bandpage": "The red line of this album though is about loneliness. Not a concept, but a red line, as it is impossible to say all songs are dealing about loneliness." Aus dem niederländischen Magazin "iO Pages" war zu erfahren, dass du dir Kinder in einer noch nicht genau bestimmten Zukunft wünschst. Wo kommt da Einsamkeit ins Spiel? Anneke denkt kurz nach, bevor sie erläutert: "Einsamkeit hat viele Facetten. Ich beispielsweise bin per se nicht einsam, habe meine Freunde in der Band, meinen Mann, meine Eltern. Trotzdem kann ich mich in bestimmten Situationen in dieser stets kälter werdenden Gesellschaft verloren und einsam fühlen. Diesem Druck kann ich nur begegnen, in dem ich meine eigenen Grenzen und Zeitrahmen setze. Davon handelt 'Souvenirs' auch. Meinen Kindern würde ich das Gleiche zeigen und vorleben wollen." Auf der Vorab-CD war das gerüchteweise mit Trickster G (Garm) von der norwegischen Black Metal-Legende Ulver leider nicht vertreten... "...wird aber auf jeden Fall auf der CD im Handel sein! Für mich eins der schönsten Stücke auf der Scheibe, darum und wegen der Internet-Piraten haben wir es auch von der Promo sozusagen zurückgehalten. Hans hatte den Kontakt zu Trickster hergestellt. Etwas wider unser Erwarten war er sofort bereit, Lyrics und Gesang für einen Song beizusteuern. Er hat so eine warme und wunderschöne Stimme!" Anneke ist immer mal wieder als "Sex Symbol" zumindest innerhalb der Metal-Szene beschrieben worden, wie fühlt sie sich damit? "Da es immer noch nicht so sehr viele Frauen in der Rockmusik gibt, kann ich zumindest erahnen, warum solche Ideen aufkommen. Aber für mich selbst ist das irrelevant und uninteressant. Wie die meisten Menschen bin ich geschmeichelt, wenn jemand mich und mein Aussehen mag, aber das hat wenig mit der Band und unserer Musik zu tun. Finde ich. Stimmt, auf Promo-Fotos sehen wir gewöhnlich gut aus, aber ein 'Sex Symbol' spielt doch vermutlich noch in einer anderen Liga..." Worauf Anneke leise lacht und entschwindet. Ein sehr besonderer Mensch.

Weitere Infos:
www.gathering.nl
Interview: -Klaus Reckert-
Fotos: -Pressefreigaben-
The Gathering
Aktueller Tonträger:
Souvenirs
(Psychonaut Records/Sony Music)


The Gathering

 
 

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