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MARY EPWORTH
 
Das große Krabbeln
Mary Epworth
Es kommt sicherlich nicht von ungefähr, dass Mary E. Epworth sich für ihre neuen Scheibe "Elytral" auch gleich eine neue Frisur zugelegt hat (auch wenn sie sagt, dass ihre langen Haare ihr einfach zu schwer geworden seien). Denn neue Lebensabschnitte verlangen schließlich nach einer solchen Maßnahme - und einen neuen Lebensabschnitt stellt "Elytral" - zumindest in musikalischer Hinsicht - mit Sicherheit dar. Auf "Elytral" bricht Mary nämlich auf in musikalische Gefilde, die nie ein Ohr zuvor gehört hat. Jedenfalls keines, das sich bislang mit dem Wirken der Britin arrangieren konnte. Statt klassischem Songwriting gibt es hier eine Art Blaupause in Sachen Dekonstruktion, Klangraumerforschung, avantgardistischer, elektronischer Instrumentierung und rätselhafter struktureller Dehnungen und Wendungen. Rätselhaft ist auch der Name des Albums, "Elytral". Ein Elytron ist der Deckflügel eines Insektentiers - vorzugsweise eines Käfers. "Elytral" bedeutet somit "Deckflügelig". Oder doch nicht?
"Ich habe mich nach einigen Monaten des Suchens für diesen Titel entschieden, weil ich nach einer visuellen Metapher für das Album suchte", verrät Mary, "visuell deshalb, weil es inhaltlich auf der Scheibe überhaupt nicht um Käfer geht - ich hatte hier die See und das Schwimmen sehr viel stärker als Bild im Kopf. Die Idee mit dem Käfer-Thema entstand also zwischen der Fertigstellung des Albums und der Konzeption des Artworks. Ich habe dann aber angefangen mich für Käfer zu interessieren. Hauptsächlich für die noch flügellosen Glühwürmchen-Larven, die ja auch zur Käfer-Familie gehören, weil es hier um Licht und Schatten geht. Die Scheibe bezieht sich meiner Meinung nach nämlich stark auf Farben, Licht, den Kontrast zwischen schwarzem Wasser und dann dem Licht, dass sich dadurch Bahn bricht. Ich mochte es auch stets, wenn ein großer Käfer zum Flug ansetzt. Die äußeren, harten Deckflügel öffnen sich und darunter kommen diese riesigen, durchscheinenden Flügel zum Vorschein. Ich mag den Kontrast von Texturen und was diese symbolisieren - Stärke zum Beispiel, oder was du im inneren zu verstecken hast. Ich habe das bislang noch niemandem erzählt - aber die LP, das Cover und die Farben der Vinyl-Ausgaben sind eine physische Repräsentation dieses Prozesses: Hellorangene, leichte Flügel, die aus einer schwarzgrünen Hülle zum Vorschein kommen."

Super - damit ist die zugrundeliegende Basis-Philosophie des Albums ja hinreichend etabliert. Kommen wir aber mal zur Musik: Warum arbeitete Mary denn hier vorwiegend mit elektronischen Instrumenten? "Ich denke, ich habe einfach unterschiedliche Werkzeuge benutzt", überlegt Mary, "denn ich steckte ein wenig fest - das war vermutlich eine Schreibblockade - und habe deswegen angefangen, mit dummen kleinen Song-Teilen auf meinem iPad und Garageband zu experimentieren. Ich habe dann festgestellt, dass es ziemlich einfach ist, die Basis von Songs auf diese Weise schnell zu konkretisieren. Vorher war das so, dass ich eine Idee hatte, diese auf der Gitarre zu Akkorden machen musste, und diese dann zu Will Twynham, dem Produzenten von 'Dream Life' bringen musste, der auch mein Partner und mein Vertrauter in den meisten Dingen ist. Auf diese Weise fing ich sozusagen die erste Version eines Songs ein und musste dann vorsichtig den Rhythmus irgendwie hinbekommen. Dabei habe ich festgestellt, dass ich im Grunde eine frustrierte Drummerin bin - nachdem mir Freunde und Bekannte schon jahrelang erzählt haben, dass ich meine Gitarre oder die Autoharp sowieso wie eine Drummerin spiele." Ja und wie geht das dann heute? "Mich mit Drum-Computern zu beschäftigen war eine große Erleichterung für mich, denn somit habe ich heutzutage eine sehr viel größere Kontrolle über den Groove. Wie immer, will ich auf mit den neuen Songs irgendetwas ausdrücken - aber andererseits wollte ich auch freier agieren. Und dazu war es notwendig, den inneren Kritiker auszuschalten, der sich der Kreativität in den Weg stellt." Was war dann also das Ziel dieses Prozesses? "Ich wollte etwas schneller arbeiten, dabei mutiger sein und experimenteller vorgehen - und ich wollte dem Hörer verdeutlichen, dass ich mich kaum wohl je wieder auf einen Pfad zurückziehen wollte, den ich schon mal begangen habe."

Das ist Mary mit "Elytral" zweifelsohne gelungen. Mit dem neuen musikalischen Setting ist auch eine Änderung der Gewichtung beim Songwriting - oder man sollte besser "bei der Komposition" - zu beobachten. Sounds und Strukturen scheinen heute für Mary wichtiger zu sein, als inhaltliche Botschaften. Das geht sogar so weit, dass konventionelle Song-Bestandteile - wie zum Beispiel die sogenannten Bridges - durch klangmalerische Instrumental-Noise-Parts ersetzt werden. "Ich war ja sowieso nie eine klassische Songwriterin", meint Mary, "ich glaube ich habe diesbezüglich sogar eine Lernschwäche. Einige Regeln - die zum Beispiel die Song-Strukturen betreffen oder Tonlagen - haben nie richtig Sinn für mich gemacht. Ich kann zwar versuchen, so etwas zu erlernen - aber es setzt sich nie so richtig in meinem Kopf fest. Als Ergebnis (oder weil ich sowieso ein Anti bin) mag ich es, ungehorsam zu sein und kümmere mich nicht um Bridges, zweite Strophen oder so etwas. Wenn es für mich funktioniert, dann funktioniert es eben. Manchmal ist es ja auch nett, die Leute ein wenig aufzurütteln. Die Texte sind mir hingegen schon sehr wichtig." Worum geht es denn? Diese Frage ist deshalb angebracht, weil die Texte aufgrund des atmosphärischen Sound-Treatments mit Hall, Echo und Effekten nicht wirklich gut zu verstehen sind. "Also für mich fühlte es sich an, als schriebe ich aus einem düsteren Ort heraus", räumt Mary ein, "im Rückblick erstaunt mich das aber, denn wenn ich damals - 2015, als ich die Songs schrieb - schon dachte, dass es düster aussähe, dann sind 2016 und 2017 so schlimm, dass ich gar nicht mehr weiß, über was ich mich damals zu beklagen hatte. Ich habe 2016 hauptsächlich mit meiner Wut und Verachtung über Themen wie Brexit, Trump usw. verbracht. Es fühlte sich seltsam an, schon 2015 ein Album angegangen zu sein, das sich so 'heutig' anfühlt. Nach der Wahl im letzten Juni konnte ich wochenlang niemand in die Augen blicken, ich wollte mir nur schreckliche, intensive, zerstörerischen Krach anhören."
Das hört man. Ergänzen denn die Geräusche auf "Elytral" die Texte auf gewisse Weise? "Ich weiß oft selbst für lange Zeit gar nicht, worüber ich schreibe", überlegt Mary, "außer, wenn ich über das Meer schreibe. Ich bin nämlich vom Meer besessen. Sich im Meer zu befinden - oder einer großen Landschaft wie einer Wüste - lässt mich immer klein und unwichtig erscheinen - ich kann mich dann immer gleich entspannen. Es gibt überhaupt immer viel Natur in meiner Musik. Das ist Teil meiner selbst. Ich bekomme schon Angstzustände, wenn ich nicht raus in die Natur kann. Die Geräusche fühlen sich für mich wie der Teil eines großen Ganzen an. Ich versuche immer zu malen was ich fühle oder mir in meinem Kopf vorstelle. Du sollst das dann durch den Klang sehen können." Sind die Stimmen deswegen so verschleiert? "Ich will schon, dass die Leute die Texte hören können und sich fragen, um was es geht. Aber ich bin auch ganz damit zufrieden, dass man sich diese extrahieren muss. Ich mag ein wenig Mystik in einem Song. Es gibt einen Song namens 'Vacuum Cleaner' von Tintern Abbey, den ich nicht verstehen kann. Ich mag aber diese Art von Herausforderung."

War "Elytral" denn das, was sich Mary letztlich vorgestellt hatte - und wie geht es danach weiter? "Ich habe immer ein bestimmtes Ziel", erklärt Mary, "denn ich will mich immer von dem Punkt, an dem ich mich befinde, weiterentwickeln. Es kann aber auch sein, dass ich sechs Monate später selber frage, warum ich dieses oder jenes gemacht habe. Ich arbeite gerade an der nächsten Staffel von 'Within The Wire' (einem Podcast, für das Mary die Musik beisteuert). Das ist das erste Mal, dass ich alles selbst mache, ohne dass mir jemand über die Schulter schaut. Ich habe auch schon Demos für das dritte Album und ich freue mich darüber, dass ich diese Demos soundmäßig weiter ausbauen kann. Zwei Tracks, bei denen ich die Ehre hatte, mit Tony Visconti in seinem brandneuen Album in London zusammenzuarbeiten, sind auch schon fertig. Gerade bereite ich mich emsig darauf vor, 'Elytral' live vorzustellen, den neuen Sounds Ehre zu erweisen und 'Within The Wires' zu bearbeiten. Aber sobald ich mal eine Woche frei habe, werde ich mich auf Album drei stürzen. Ich hoffe, es kommt nächstes Jahr raus - aber sowas dauert wohl immer ewig." So richtig langweilig wird es Mary Epworth wohl nicht so schnell. Wollen wir denn auch mal hoffen, dass sie es irgendwann auch mal auf unsere Bühnen schaffen wird. Grundsätzlich abgeneigt ist sie wohl nicht, denn auf die Frage, ob sie mal bei uns live spielen werde, meint sie nämlich "Yes, please!".

Weitere Infos:
maryepworth.com
www.facebook.com/maryepworth
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Pressefreigabe-
Mary Epworth
Aktueller Tonträger:
Elytral
(Sunday Best/Pias Cooperative/Rough Trade)




Mary Epworth

 
 

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