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WORRIERS
 
"Die Leute können sich mit viel mehr identifizieren, als sie manchmal denken."
Worriers
Worriers schwimmen sich frei: In der Vergangenheit bisweilen fälschlich allein auf seine DIY-Punk-Wurzeln und die LGBTQ-Themen reduziert, die Mastermind Lauren Denitzio in eindringlichen Erste-Person-Texten immer wieder aufgegriffen hat, ist der Horizont des US-Quartetts auf Album Nummer drei nun spürbar größer, wenn sich bei Texten über die großen universellen Themen - Liebe, Verlust, Zukunftsängste - all diejenigen angesprochen fühlen dürfen, die auf ihrer Sinnsuche in einer immer chaotischer werdenden Welt verloren zu gehen drohen. Hochkaräter wie Anti-Flag, Brian Fallon, Kevin Devine oder John K. Samson sind längst Fans und luden Worriers zu gemeinsamen Tourneen ein. Warum das so ist, wird beim Hören von "You Or Someone You Know" schnell klar, denn mit Produzentenlegende John Agnello am Mischpult finden Denitzio und Co. zwischen Eingängigkeit und Sendungsbewusstsein so spielend die perfekte Balance zwischen schnodderig-rotzigem Punk, klassischen 90er-Jahre-Indierock-Tugenden und überlebensgroßen Rock-Gesten, die sich schon auf den Vorgängern - der Debüt-EP "Cruel Optimist" (2013), dem Album-Erstling "Imaginary Life" (2015) und "Survival Pop" (2017) - angedeutet hatte. Bevor Worriers im Juni auch wieder in Deutschland unterwegs sein werden und auch auf der Booze Cruise mitmischen werden, hat sich Denitzio für das Interview mit Gaesteliste.de dennoch lieber an einen Ort der Stille zurückgezogen: "Ich bin gerade in einer wirklich schönen Bibliothek in L.A., die sich auf Kunst und Musik spezialisiert hat. Ich komme hierher, um manchmal mit einem Freund zu arbeiten, und es ist wirklich friedlich."
GL.de: Lauren, "You Or Someone You Know" ist bereits das dritte Worriers-Album. Was hat sich seit den frühen Tagen am stärksten verändert?

Lauren: Ich denke, als wir anfingen, Platten zu machen und zu touren, gab es anders als jetzt nicht dieses Gefühl von Dringlichkeit. Das derzeitige politische und soziale Klima ist in gewisser Weise einladender, aber für viele Menschen auch viel beängstigender. Ich denke, derzeit in einer Band zu sein, bedeutet definitiv, eine seltsame Art von Plattform zu haben. In gewisser Weise wirkt es frivol, gleichzeitig fühlt es sich jedoch notwendiger als zuvor an.

GL.de: In einem Podcast-Interview mit Tom May (The Menzingers) hast du kürzlich erwähnt, dass du die Band am Anfang nie als langfristige Sache angesehen hast. Erinnerst du dich an einen Wendepunkt, als du realisiert hast, dass dich Worriers zumindest auf absehbare Zeit beschäftigen könnte?

Lauren: Als wir unser erstes Album, "Imaginary Life", aufnahmen und mit Laura Jane Grace zusammenarbeiteten, wurde mir klar, dass das Ganze nicht so schnell aufhören würde. Ich wusste, dass ich der Band einen großen Teil meines Lebens widmete und ich hatte nicht die Absicht, daran etwas zu ändern. Ich denke, damals habe ich einen Weg gefunden, wie die Band für mich funktionieren kann, und plötzlich schien alles viel machbarer zu sein.

GL.de: Zumindest von außen betrachtet sieht die neue LP wie ein großer Schritt aus, nicht nur musikalisch, sondern auch, wenn man all die tollen Künstler sieht, mit denen ihr dieses Jahr auf Tour sein werdet. Sieht du das ähnlich?

Lauren: Ich versuche, nicht übermäßig zuversichtlich zu sein, weil man wirklich nie weiß, was passieren wird, aber ich denke, wir hatten in letzter Zeit einige wirklich bemerkenswerte Möglichkeiten, die für mich keine Selbstverständlichkeit sind. Für mich ist die neue Platte so etwas wie der Moment, in dem wir die Mauer durchbrechen - so wie eine Zeichentrickfigur das tun würde. Nächste Woche unsere Tournee zum Album zu beginnen, fühlt sich in der Tat wie der Beginn von etwas an, das größer ist als das, was wir zuvor erlebt haben.

GL.de: Während andere Künstler heute schnell im Namen der Neuerfindung das Kind mit dem Bade ausschütten und all das hinter sich lassen, was sie zuvor gut oder gar einzigartig gemacht hat, verbindest du sehr geschickt alte Stärken mit neuen Zielen. Ist das nur ein glücklicher Zufall, oder war es eine bewusste Entscheidung, die Dinge ein wenig anders zu machen?

Lauren: Ich bin die Platte definitiv etwas anders angegangen, sowohl hinsichtlich der Logistik des Schreibens (wir leben inzwischen alle in verschiedenen Städten) als auch in Bezug auf den Gesamtsound aller Songs. Ich habe in vielerlei Hinsicht von vorne angefangen und darauf geachtet, dass unsere vorherigen Platten uns nicht den Weg vorschreiben. Ich denke nicht, dass sich das neue Album wie eine ganz andere Band anhört, weil ich immer noch die Songs schreibe, aber es bewegt sich definitiv in eine andere Richtung, als manche Leute vielleicht erwartet hätten.

GL.de: Heißt das im Umkehrschluss, dass du dich zuletzt dadurch etwas eingeschränkt gefühlt hast, in erster Linie eine bestimmte Klientel anzusprechen?

Lauren: Ich glaube nicht, dass ich versucht habe, die Texte allgemeiner zu gestalten. Ich habe mich vielmehr dazu entschlossen, aus meiner eigenen Perspektive zu schreiben, ohne irgendetwas zu erklären und ohne wirklich offensichtlich auf meine Ansichten und Umstände einzugehen. Ich wollte, dass diese Dinge von allein durchscheinen. Abgesehen davon: Ich denke, die Leute können sich mit viel mehr identifizieren, als sie manchmal denken.

GL.de: In der Tat gelingt es dir ganz ausgezeichnet, Themen, die eine größere Allgemeingültigkeit haben, mit deiner ganz persönlichen Sicht der Dinge zu verquicken, die schon eure früheren Platten ausgezeichnet haben. Ist dir das leichtgefallen?

Lauren: Um ehrlich zu sein - das ist einfach meine Art, Songs zu schreiben. Das geschieht auf jeden Fall mit Bedacht, aber es fällt mir nicht schwer, das zu tun. Ich schreibe gerne Lieder, bei denen ich selbst gerne mitsingen würden, aber mit spezifischeren, manchmal auch sarkastischen Texten.

GL.de: Deine Plattenfirma ist davon überzeugt, dass deine Texte nun mehr denn je nachzuempfinden sind und einen Nerv beim Publikum treffen werden. Hast du es beim Schreiben darauf angelegt?

Lauren: Ehrlich gesagt spielte das keine Rolle, als ich die Lieder geschrieben habe, und ich habe es auch nicht besonders darauf abgezielt, diesen Aspekt zu betonen oder irgendetwas anderes, was sonst nicht zur Sprache gekommen wäre. Vielleicht liegt es daran, dass es bisweilen überraschend leicht ist, mit Liedern über "Queerness", über romantische Freundschaften oder über das Zurechtfinden in den politischen Gegebenheiten als eher radikal eingestellter Mensch auch Leute anzusprechen, die nicht unbedingt die gleichen Etiketten verwenden, um ihr Leben zu beschreiben. Ich habe kein Interesse daran, mich in der Menge zu verstecken oder den Eindruck zu erwecken, dass ich wie alle anderen bin, aber es gibt jede Menge Gefühle, die wir alle teilen.

GL.de: Allgemeiner gefragt: Wonach suchst du beim Songschreiben heute?

Lauren: Mich haben immer Songs angezogen, die zum Mitsingen einladen und sehr melodiös sind. Zudem bin ich ein großer Fan eher literarischer, erzählerischer Texte. Ich höre viel Rock und Punk, aber ich mag auch Popkünstler wie Ham, Bleachers oder Christine And The Queens. Mein Geschmack ist breit gefächert, aber die guten Hooks müssen da sein.

GL.de: Das neue Album ist bereits als "große Rock-Platte" beschrieben worden, und da ist definitiv etwas dran. War der Weg dorthin für dich ein schleichender Prozess?

Lauren: Ich denke, wir sind schon lange keine Band mehr, die vornehmlich in schummerigen Kellern spielt. Selbst als wir "Imaginary Life" machten, stellten wir fest, dass wir eher Rock-Platten als Pop-Punk machten oder dabei besonders lo-fi waren. Ich finde, dass diese Platte unsere Musik und Live-Shows auf eine Weise einfängt, wie das zuvor noch die der Fall war. Das ist definitiv anders und eine schöne Abwechslung.
GL.de: Du hast eben schon angedeutet, dass ihr inzwischen in verschiedenen Städten wohnt, und das hat sich auch auf das Songwriting und das Arrangieren niedergeschlagen. Statt im Proberaum entstanden Ideen dieses Mal bisweilen am Computer. Wie unterscheiden sich die neuen Lieder aufgrund dieses neuen Prozesses von den alten?

Lauren: Ich denke, dass es sie auf jeden Fall besser gemacht hat. Für mich hat es einen großen Unterschied gemacht, mehr Zeit und Raum für die Songs zu haben. Vor Ort entscheiden zu müssen, was jeder spielt, ist nicht immer zweckdienlich. Wir haben natürlich weiterhin viel Zeit damit verbracht, wirklich zusammen zu spielen, aber ich bin überzeugt, dass es ein großer Vorteil für die Platte war, zu Hause an den Demos arbeiten zu können.

GL.de: Ist es nicht trotzdem ein wenig seltsam, als Gitarrenband die Instrumente beiseite zu legen und plötzlich Arrangements am Bildschirm auszuhecken?

Lauren: Nein, ich liebe das! Das macht so viel Spaß! Ich spiele Gitarre, um Songs zu schreiben. Das ist der springende Punkt. Für mich ist das Instrument nur ein Werkzeug, um Songs zu schreiben. Wenn ich also mehr Werkzeuge zur Verfügung habe und Songs schreiben kann, ohne immer in einem Studio sein zu müssen, dann ist das großartig. Es geht nicht darum, dass Computer einen Song generieren, sondern darum, die gewünschte Struktur und die gewünschten Sounds besser zugänglich zu machen.

GL.de: Aufgenommen habt ihr die Platte dann mit John Agnello. Mit welchen Hoffnungen bist du ins Studio gegangen und was hat sich dann tatsächlich als sein wichtigster Beitrag herausgestellt?

Lauren: Ich bewundere seine Arbeit mit Bands wie The Hold Steady, Hop Along, Waxahatchee, Dinosaur Jr ... ehrlich gesagt alles, woran er gearbeitet hat! In seiner Arbeit gibt es einen roten Faden der gitarrengetriebenen Musik und ich wollte, dass das ein Teil unseres Prozesses ist. Er hat uns geholfen, dem Sound Dinge hinzuzufügen, die gewissermaßen im Vorbeigehen passiert sind, als ich gerade gar nicht hingeschaut habe, und das war eine sehr schöne Art des Arbeitens. Er war genauso begeistert von den Songs wie wir und ich denke, seine Energie und sein Einsatz haben einen großen Beitrag geleistet.

GL.de: Is ist schon mehrfach angeklungen: Du hast inzwischen Philadelphia den Rücken gekehrt und lebst nun in L.A. Was begeistert dich an der Stadt, und musstest du dich erst mit dem Gedanken anfreunden, in diese ganz andere Welt einzutauchen?

Lauren: Ich war, ehrlich gesagt, sofort zu 100% begeistert davon, hierher zu ziehen. Ich glaube nicht, dass ich gewusst habe, wie sehr mich das Wetter und die allgemeine Stimmung zu einem glücklicheren Menschen machen würden. Es gibt viele sehr ehrgeizige Leute hier draußen, was durchaus ein zweischneidiges Schwert ist, aber insgesamt habe ich festgestellt, dass mein kreatives Leben hier nur überraschender und schöner ist. Ich mag weder den Verkehr noch die Oberflächlichkeit, die nicht weit ist, wenn man der Film- und Fernsehbranche so nah ist, aber ich wusste, dass das auf mich zukommen würde. Es ist wirklich ziemlich toll hier!

GL.de: Wie hat dich der Umzug verändert?

Lauren: Ich bin nun ein viel glücklicherer und motivierterer Mensch, so sehr, dass es unübersehbar ist. Ich habe mich immer kreativ überfordert und mich viel zu vielen Dingen verschrieben, aber ich denke, die Energie hier und die kreative Gemeinschaft haben es mir viel leichter gemacht, eine gute Balance zu finden und all die Dinge zu genießen, an denen ich arbeite. Ich möchte nicht kitschig klingen, aber es war ein großer Game-changer.

GL.de: Anders als früher trennst du heute deine Arbeit in der Bildenden Kunst und in der Musik nicht mehr strikt. Was hat den Ausschlag dafür gegeben?

Lauren: Ich versuche, die beiden bewusster zu kombinieren oder sie zumindest nicht voneinander fernzuhalten. Das heißt nicht, dass sie sich ähneln oder das gleiche Publikum ansprechen, aber letztlich bin ich es, der alles tut, also muss es dort einen gemeinsamen Nenner, einen roten Faden geben. Ich habe kürzlich eine Zeichnung für eine Gruppenausstellung in San Francisco gemacht, die unsere Texte verwendet, und dabei festgestellt: Das funktioniert auch allein, ohne Verbindung zur Band. Ich spiele sehr gerne mit solchen Dingen.

GL.de: Sehr schön ist auch das Artwork des Albums, dessen Elemente sich auch in den Single-Covern und sonstigen grafischen Elementen zur neuen Platte wiederfinden. Wie kam es dazu?

Lauren: Ich wollte weiterhin Fotografie und Collagen für diese Platte verwenden, so wie wir es schon bei "Cruel Optimist" und "Imaginary Life" getan haben. Ich wollte, dass das Design wärmer und ein bisschen vintage aussieht, also holte ich mir eine Einwegkamera und fuhr mit meinem Freund Dan durch meine Nachbarschaft, um Fotos zu machen. Ich habe viele wirklich schöne Hügel gefunden, von denen man L.A: überblicken kann, und das ist das Covermotiv. Dann machte Dan ein Foto von mir an einer dieser Stellen für der Rückseite des Covers. Da wir in der Gegend viele Fotos gemacht haben, gab es viel, mit dem ich arbeiten konnte, und so entstand die Idee, diese Bilder für die Singles und andere visuelle Elemente der Platte zu verwenden. Ich mag diese Art der Einheitlichkeit, der Beständigkeit, und deshalb bin ich froh, dass ich die Gelegenheit hatte, das so umzusetzen. Es gibt eine bestimmte Atmosphäre, von der ich denke, dass sie wirklich zu dieser Platte passt, und davon habe ich mich einfach mitreißen lassen.

GL.de: Letzte Frage: Was macht dich in puncto Musik gerade besonders glücklich?

Lauren: Ich habe es in letzter Zeit wirklich genossen, mit vielen verschiedenen Leuten zusammenzuarbeiten, und ich liebe die neuen Songs von Haley Williams von Paramore, die mit einer Reihe verschiedener Kollaborateure entstanden ist. Ich habe gerade gelesen, dass einer ihrer neuen Songs zusammen mit Boygenius entstanden ist, und dieses Treffen verschiedener Welten macht mich wirklich glücklich!

Weitere Infos:
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Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
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