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Konzert-Bericht
 
Schienenweg-Enthusiasten auf Tour

iLiKETRAiNS
Polarkreis 18

Köln, Gebäude 9
01.10.2006

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iLIKETRAINS
Typisch deutsche Musikpresse: Zwar will man keinen Hype verpassen, trotzdem ist man immer etwas hinterher. Bands werden prinzipiell erst im größeren Rahmen besprochen, wenn hierzulande auch ein Debütalbum erschienen ist. Kommt eine Band, wie in diesem Fall iLiKETRAiNS aus Leeds, aber glücklicherweise schon vorher für wenige Shows nach Deutschland, so ist sie hier fast unbekannt – und das Konzert unverdienterweise schlecht besucht. Vielleicht sind aber auch einfach alle musikbegeisterten Kölner bei dem ausverkauften Auftritt von Olli Schulz im Prime Club. Jedenfalls finden sich nur ungefähr 70 Leute im Gebäude 9 ein.
Dass die Zuhausegebliebenen einen großartigen Konzertabend verpassen, wird eigentlich schon während der Vorband klar. Endlich einmal, so scheint es, hat sich jemand Gedanken gemacht und statt eines beliebigen Supports, der gerade zur Verfügung stand, eine Vorband gebucht, die sowohl begabt ist als auch angemessen auf den Hauptact einstimmt. Polarkreis 18 kommen aus Dresden und sind an diesem Abend das erste Mal in Köln, werden aber vom Publikum sehr wohlwollend empfangen. Zwar bewegt sich die Musik der noch recht jungen Band innerhalb der Koordinaten Radiohead – Muse – Sigur Ros – Notwist – Postal Service, allerdings nicht ohne auf der Bühne eine vollkommen eigenständige Größe zu entfalten. Ihre hypnotisierenden Lieder beeindrucken das Publikum so sehr, dass niemand den Raum verlässt und der Applaus nach Ende des Auftrittes nicht aufhören will bis die Band schüchtern noch einmal die Bühne betritt. Eine Zugabe ist im Zeitplan des Abends eigentlich nicht vorgesehen, und sie befürchten Ärger mit der Bookingagentur, entschließen sich dann aber doch dem Wunsch der Zuschauer zu entsprechen und ein weiteres Lied zu spielen. Hoffentlich wird man noch viel von dieser außergewöhnlichen und hervorragenden Band hören. Ein Album bei Motor wird demnächst erscheinen.
Als iLiKETRAiNS nach einer längeren Umbaupause endlich die Bühne betreten ist es schon recht spät. "We're late – just like British trains", entschuldigt sich Sänger David beim Publikum (die ungeplante Zugabe von Polarkreis 18 würde wohl von der Deutschen Bahn als "Verzögerungen im Betriebsablauf" bezeichnet werden). Überhaupt ist iLiKETRAiNS nicht nur ein Bandname, sondern viel mehr: So sieht es also aus, wenn sich Schienenweg-Enthusiasten nicht zum sonntagnachmittäglichen Fotografieren von Zügen zusammenschließen, sondern eine Band gründen. Das Bühnenoutfit besteht aus Schaffner-Uniformen, und auch das National Rail-Logo wird des Öfteren von einem Diaprojektor an die Wand geworfen. Überhaupt wird jedes Lied von passenden Bildern und Kurzfilmen unterstützt – für die visuelle Untermalung ist der Flügelhornbläser der Band zuständig, der, wenn er nicht mit seinem Instrument beschäftigt ist, mit den altmodischen Projektoren einen nicht unerheblichen Teil zur Erzeugung der düsteren Atmosphäre beiträgt. Jedes Stück von iLiKETRAiNS ist ein eigenes, ausuferndes und gewaltiges Epos. "Stainless Steal" beispielsweise ist ein Eifersuchtsdrama erster Güte (und wem würde es nicht eiskalt über den Rücken laufen, wenn in diesem Zusammenhang die Worte "please don't go into the kitchen, that's where the knives are" fallen?), "A Rook House for Bobby" erinnert an den Schachspieler Bobby Fisher, und "Terra Nova" handelt von Robert Scotts missglückter Antarktis-Expedition, die 1912 fünf Männern das Leben kostete (im Hintergrund läuft dazu ein Werbefilm mit einer glücklichen, skifahrenden Familie und den eingeblendeten Worten "Do you like snow?").

Bei einer durchschnittlichen Liedlänge von sechs bis acht Minuten bleibt während der einen Stunde, die iLiKETRAiNS auf der Bühne stehen, wenig Zeit für eine große Anzahl von Liedern. Die meisten der live präsentierten Stücke dürften von dem bereits erschienenen Mini-Album "Progress / Reform" bekannt sein. So auch die Zugabe "The Beeching Report", wo die Band ihrem Namen wieder einmal gerecht wird: Wovon sollte ein so bedrohliches Lied auch handeln als von der Schließung von wenig genutzten Nebenstrecken der Bahn? "Reform, reform, oh you are taking apart, what we made with our hands and our hearts", heißt es mit Anspielung auf den 1962 von Dr. Richard Beeching veröffentlichten Bericht, der dazu führte, dass ein Viertel des britischen Schienennetzes stillgelegt wurde. Ein T-Shirt, das eine Karte aller vom "Beeching Axe" betroffenen Strecken zeigt, kann man im Anschluss an das Konzert am Merchandise-Stand der Band käuflich erwerben. So geht ein Abend mit zwei beeindruckenden Bands zu Ende, der hoffentlich für alle Beteiligten nicht der letzte Besuch in der Stadt ist.

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Surfempfehlung:
www.iliketrains.co.uk
www.myspace.com/iliketrains
www.polarkreis18.de
www.myspace.com/polarkreis18
Text: -Christina Ocklenburg-
Foto: -Christina Ocklenburg-


 
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