Die anschließende Party im Beverunger Stadtkrug ließ die folgende Nacht dann für viele der Beteiligten kürzer erscheinen, als sie gewesen sein mag. Was natürlich nicht verhinderte, dass die Sache am nächsten Morgen in gewohnter Manier pünktlich weiter ging. Und zwar mit Tenfold Loadstar, einer Quasi-Damen-Band aus Berlin, die Rembert Stiewe schon lange auf der Einkaufsliste für das OBS gehabt hatte. Verstärkt um eine Geigerin boten Tenfold Loadstar wunderschönen, friedlichen Folk-Pop mit melodischen Akzenten und mühelos dahingezauberten Harmoniegesängen. Sehr schön, das - und wie gemacht für diese Tageszeit.
Black Rust aus NRW haben sich mit ihrer intelligent gemachten und akustisch geprägten Americana-Variante ja nicht erst seit dem von Robin Proper-Sheppard produzierten Debüt-Album unter Americana-Fans einen Namen gemacht. Die Live-Routine der Jungs kam auch hier zu pass: Wie am Schnürchen reihte sich ein perfekter Country-Folk-Song mit eigener Note (Keyboards, Percussionist) an den anderen und zeigte, dass Black Rust auf dem richtigen Pfad sind. Das räumte auch Chris Eckman ein, der den Produzenten-Job nicht bekommen hatte, weil er den Jungs empfohlen hatte, im Sinne ihrer Inspirationsquellen rauer zu spielen. "Aber ich gebe zu, dass ich mich geirrt habe", revidiert er diese Meinung heutzutage denn auch.
Kristofer Ragnstam aus Schweden entdeckte Rembert, als er zu einem Miserable Rich-Konzert versehentlich zu früh erschien. Von den drei Stücken, die er damals mitbekam, war er so begeistert, dass er den flapsigen Typ und seine Chaotentruppe vom Fleck weg fürs OBS engagiert. Bei Ragnstam ist das, was er macht - abwechslungsreichen Gitarrenpop etwa, der mit wüsten Keyboard-Einlagen garniert ist - weniger wichtig, als die Art, in der er das tut: Energiegetrieben, fast hysterisch und mit Witz nämlich. So unterbrach er gleich mehrere Songs mitten im Flow, um nachzufragen, ob noch jemand da sei. Das deshalb, weil das Publikum hier lieber zuhört und staunt als zu pöbeln und Krach zu machen. Insgesamt war dies ein kurzweiliger Auftritt mit großem Unterhaltungswert.
Die nächsten beiden Acts hätten dann gegensätzlicher kaum sein können. Bevor die Band Of Heathens die Blue Rose-Abstinenz auf dem Festival beendeten, spielte Marissa Nadler aus Massachusetts mit ihrer Band auf. "Wir brauchen sehr viel mehr Hall auf den Vocals", meinte die fast ätherisch anmutende Frau beim Soundcheck. Warum, wurde schnell klar: Marissas Gesang, der viele der anwesenden Fachleute an Joan Baez erinnerte (minus des Vibratos vielleicht), kam eingebettet in wahre Klangwolken aus Effekten daher. Dazu gab es minimale, geradlinige Gitarren- und Bandbegleitung und sehr viel Atmosphäre. Als besonderes Bonbon spielte Marissa eine einfühlsame, heliumleichte Version von Springsteens "I'm On Fire" als Zugabe (mit einer Prise "Tecumseh Valley" angereichert). Marissa wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, wenn sie jemand als Folk-Künstlerin bezeichnet. Hier wurde auch deutlich, warum: Ihre Songs haben mit Americana weniger zu tun als mit Indie-Rock und Dream-Pop - auch wenn sie eben zur akustischen Gitarre vorgetragen werden und weder Rock noch Pop sind. Sehr eigen ist das halt. Und insofern auch nichts für jedermann.
Das gilt übrigens auch für die Band Of Heathens - wenn auch unter anderen Vorzeichen. "Wer hat denn hier Räucherstäbchen angezündet?", wunderte sich nicht nur Rembert, als die Musiker sich ihren olfaktorischen Neigungen hingaben. Wer soliden, erstklassig dargebotenen Roots-Rock Ur-Texanischer Prägung liebt, der erhält hier natürlich die perfekte Vollbedienung: Drei Songwriter, drei Sänger, drei Gitarristen - jeweils mit verschiedenen Schwerpunkten - dazu eine mächtig groovende Rhythmusgruppe. Was will man mehr? Eigenständigkeit vielleicht, weniger altbackenes 70s-Feeling oder etwas, das nicht klingt wie... (bitte beliebigen Americana-Act einsetzen). Immerhin: Was den Erfolg dieser Truppe ausmacht, ist der Umstand, dass sie als vergleichsweise jüngere Zeitgenossen auch viele junge Leute begeistern können (so auch auf dem OBS), die auf diesem Wege diese Art von Musik, die sie ja zu deren Blütezeit nicht haben erleben können, für sich entdecken - was ja so schlecht nicht sein kann. Und das funktioniert auch praktisch: Am nächsten Tag spielten Unentwegte auf dem Zeltplatz quasi das Konzert der BOH am Lagerfeuer nach.
OBS-Veteran Kristofer Astrøm entschuldigte sich zu Beginn seiner Show für den legendären Solo-Auftritt vor einigen Jahren, den er zusammen mit einem entwendeten Holz-Dalmatiner absolviert hatte. "Da war ich so betrunken, dass das unmöglich ein guter Auftritt gewesen sein konnte", meinte er. Davon war bei diesem Set mit seiner aktuellen Band Rainaways nichts zu spüren. Hochkonzentriert und mit enormer Spielfreude stürzten sich die Jungs in eine Art kollektiver Gitarren-Hysterie. Der Griff zu den Ohrstöpseln war hier schon angeraten. Rembert meinte vor dem Konzert noch, dass die neue Band (inklusive des Bassisten Nikke Ström, der aussieht wie eine im Märchen verzauberte Schildkröte) diejenige sei, die am besten zu Kristofer passte. Wie das gemeint war, wurde während der Show deutlich: Es gab ein punktgenaues Miteinander, bei dem sich Druck und Spielfreude prächtig ergänzten und auch den Songwriter Astrøm noch (ein wenig) Raum ließen. Es gab also weder Fireside-Retro noch Solo-Blues sondern ein mächtig reinhauendes Set des Schweden, bei dem dessen gewöhnlich lamentöse Seite ebenso ausgespart wurde, wie die poppigen Noten der letzten Alben. Insgesamt entwickelt sich Astrøm immer mehr zu einem Universal-Artisten der Songwriter-Sparte. Witzig übrigens, dass die Neil Young-Momente des Festivals (von Chris Eckman mal abgesehen) hier als Schwedenhappen serviert wurden.
Und mit Chris Eckman ist die Sache so ähnlich, wie mit dem Licht im Kühlschrank: Er kommt wohl deswegen immer wieder zum Festival, weil er checken will, ob es auch stattfindet (Zitat-Copyright by Volker Ebert). "Ich wusste gar nicht, dass dieses Festival auch trocken sein kann", scherzte Chris zunächst mal. Dieses Mal schlug der Meister mit seiner slowenischen Last Side Of The Mountain Band auf, die um vier charmante Harmonie-Sängerinnen ergänzt worden war. Und das war auch schon der ganze Trick: Die Songs des aktuellen, namensgebenden Albums, einige Walkabouts-Klassiker, ein Song von den Steve Wynn-Sessions kamen in diesem Setting hervorragend zur Geltung. Großen Anteil daran hatte Bassist Ziga Golob (der auch auf den Studio-Sessions zur CD und Steve Wynns "Dragonbridge"-Album dabei war) und eben die Sängerinnen, die sich von der guten Stimmung mitreißen ließen und beschwingt neben und auf der Bühne herumtanzten ("Das haben sie vorher noch nie gemacht", erklärte Chris nachher erfreut). Als Bonbons gab es eine grandios entschleunigte Version des VU-Klassikers "Rock'n'Roll" und mit "Cortez The Killer" die obligatorische Neil Young-Verbeugung. (Ob das nun unbedingt nötig war, darf diskutiert werden, aber immerhin war soeben das erste Exemplar der Neil Young Archive Box bei Glitterhouse aufgeschlagen, das vor der Show mit ehrfürchtiger Begeisterung intensiv begutachtet worden war.) Im Prinzip gab es also klassische Eckman-Sounds - die indes mit der jungen Band quasi runderneuert dargeboten wurden. Da bei diesem Festival auch jüngere Leute eingesickert waren, wäre es nicht undenkbar, dass Eckman mit dieser Show auch neue Fans gewonnen haben könnte.
Video: Benedicte Braenden - "Winter" - OBS 13:
Video: Washington - "Rouge Noir" - OBS 13:
Video: Marissa Nadler - "Sylvia" - OBS 13:
Video: Kristofer Aström - "She Came" - OBS 13:
Video: Chris Eckman - "Findlays Motel" - OBS 13:
Video: Chris Eckman - "Down Down Down" - OBS 13:
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