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Berlin Festival

Berlin, Flughafen Tempelhof
09.09.2011/ 10.09.2011

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Berlin Festival
Seit Jahren setzt das Berlin Festival als krönender Abschluss der Popkomm und den letzten Zügen des Sommers den glitzernden Hut auf. Auch in diesem Jahr zog das Festival auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen Berlin Tempelhof wieder tausende musikbegeisterte Fans aus nah und fern an und präsentierte sich nach einigen organisatorischen Schwierigkeiten im letzten Jahr mit einem neuen, gut durchdachten Konzept für das Festival-Gelände sowie spannenden nationalen und internationalen Künstlern.
Zur Freude aller Besucher und Bands erwies sich auch der Wettergott als sehr gnädig, behielt gerade rechtzeitig zum Wochenende die Regentropfen für sich und ließ sogar ein paar Sonnenstrahlen springen. Es schien fast so als könnte nichts auf der Welt die gute Stimmung trüben. Ein Gefühl, das volle zwei Tage lang anhielt, immer mit der Musik in-und außerhalb der Hangar-Konstruktionen spürbar war und in der Luft schwebte.

Ein Blick auf das Gelände und den Line-Up-Plan verriet schon im Vorfeld, dass die Veranstalter akribisch an einer nötigen Lösung für die begehrten und oftmals überfüllten Shows in den Hangarn gearbeitet hatten. Musste das Festival aus Sicherheitsgründen im letzten Jahr abgebrochen werden, weil zu viele Menschen zeitgleich durch die Schleusen Eintritt in die Hangar suchten, wurde durch eine geänderte Aufstellung der Bühnen in diesem Jahr dafür gesorgt, dass sich die Menschenmassen um ein Vielfaches besser verteilen konnten. Selbst die Spielzeiten der auftretenden Bands wirkten ausbalancierter und beugten einem einseitigen Interesse von Seiten des Publikums vor.
 
Mit James Blake als Eröffnungsact des festlichen Musikgenusses wurde darüber hinaus gewährleistet, dass die Besucher relativ zeitig auf das Gelände strömen würden. Die Veranstalter sollten Recht behalten, denn pünktlich am frühen Nachmittag versammelte sich bereits eine Schar aus interessierten Hörern vor der Hauptbühne, um sich von den Live-Qualitäten des Engländers zu überzeugen. Oder, wie sich bald herausstellte, von der gewaltigen Leistung der wummernden Bässe, die sich unaufhörlich in die Magengegend gruben und das Hörerlebnis zum Teil trübten, da beinahe alle Songs drohten in einem Soundbrei unterzugehen. So verhalten wie der fast schüchtern wirkende James Blake selbst war dann auch die Reaktion vor der Bühne, ob aus purer Gebanntheit oder doch Desinteresse ließ sich nicht genau sagen.

Geheimtipps oder etablierte Künstler, Indie Rock, Elektro oder HipHop - das Fanherz konnte schon ab und an im Freudentaumel aus dem Rhythmus kommen und sich darauf einstellen, neue Lieblinge zu gewinnen oder aber auch alten Bekannten mit doppelter Klopfgeschwindigkeit zu begegnen. So manch beschwingter Zuschauer fühlte sich zu Austra-Klängen animiert, mit ausgestreckten Armen, barfuß, schwebend leicht und wie in Trance durch die Menge zu tanzen. Auch die Band selbst vollführte während ihres poppig, elektronischen Sets einige vorzeigbare Bewegungen, deren Ursprung und Ziel zwar nicht genau definierbar, aber unterhaltsam anzusehen waren. Eine Tatsache, die auch im Auftritt der New Yorker Surfpop-Herren von The Drums unzählige Male zelebriert wurde. Die Band war nach Berlin gekommen, um Kostproben ihres neuen Album "Portamento" über die Lautsprecher an die Ohren aller Anwesenden zu transportieren, was jedoch nicht mit der gewohnten Leichtigkeit glückte, die man sonst von ihnen kennt. Dafür fehlte es der Show an Spontaneität und wirklicher Spielfreude. Es machte sich schnell der Eindruck breit, dass die anberaumten sechzig Minuten Spieldauer eher eine Pflicht als eine Kür waren.

Um einiges enthusiastischer wirkte da das Konzert des kalifornischen Quartetts Health, welches mit geballter Energie den eigenen Tönen hinterher jagte, diese trotz des sehr wilden Benehmens auf der Bühne immer unter Kontrolle zu haben schienen und die Schmerzgrenze der Gehörnerven ausloteten wo es nur ging. Aufjaulende Gitarren, zutiefst verzerrte Bässe, knallharter Schlagzeug-Takt und eine im Gegensatz dazu beschwichtigende Gesangsmelodie, die das drohende Inferno abwandte - Health waren eine volle Stunde lang in ihrem Element und sorgten dafür, dass das Publikum in kürzester Zeit mit dem tobenden Wahnsinn auf der Bühne warm wurde. Nicht ganz so einfach hatten es da ein paar Stunden zuvor The Rapture, die der Menge zwar ein betont tanzbares Set greifbar vor die Füße legten, ihr aber erst gegen Ende des Auftritts eine deutlich positive und ausgelassene Reaktion entlocken konnten. Vielleicht gab das leicht reserviert wirkende Publikum aber auch nur vor nicht voll und ganz bei der Sache zu sein, damit Sänger Luke Jenner sich auch wahrhaftig von der Bühne traut, um die Anwesenden höchstpersönlich mit einem Bad in den Leuten und vollstem Einsatz zu beglücken. Das Rezept ging auf und der letzte, verklingende Ton gab sich mit vielen auf den Betonboden erzeugten Tanzgeräuschen ein Stelldichein.

Der musikalische Hauptgewinn lockte dann zur späten Stunde und kam gleich in doppelter Ausführung und dennoch in sehr unterschiedlicher Form daher. Die Rede ist von Primal Scream und Suede, deren Verdienste für die britische Musikkultur ungefähr genauso unbestritten hoch sind wie ihre weltweiten Plattenverkäufe. Ebenso hoch war auch das Interesse an den beiden Auftritten und so konnten sowohl Primal Scream als auch Suede nicht über mangelnde Besucherzahlen ihrer Shows klagen. Angesichts der bis zum heutigen Tag andauernden Karrieren der Bandkollegen und der dadurch quantitativ gespielten Hits, fühlte sich der ein oder andere Zuschauer mit Sicherheit in die Vergangenheit zurückversetzt. Wohl auch, weil sich weder die schottischen Psychedelic-Rocker rund um Bobby Gillespie noch die englischen Brit-Rock-Veteranen mit Brett Anderson an der Spitze die Blöße gaben und zwei rauschende Auftritte wie zu ihren besten Zeiten ablieferten. Während Primal Scream auf bunte Visuals, souligen Background-Gesang und einen engagierten Frontmann setzten, dessen Bewegungen graziös mit der Musik verschmolzen und dessen stimmliche Präsenz allgegenwärtig war, blieben Suede ihrer gewohnt mitreißenden Art treu und verliehen ihren Songs durch einen unermüdlich aufgezogenen und immer wie unter Strom stehenden Brett Anderson die nötigen Funken, die sich im Eiltempo auf die Zuschauer übertrugen. Keine Show, ohne dass sich dieser die Zuneigung von den Fans in den ersten Reihen mit viel Einsatz und Körperkontakt abholt.

Auch am zweiten Tag hatten die Besucher wieder ausreichend Gelegenheit, erneut wachsame Augen und Ohren zu beweisen und sich in die zahlreichen Shows zu stürzen, die sich überall boten. Besonders gut funktionierte das gleich in den Nachmittagsstunden beim Set der Neuseeländer The Naked And Famous, die den Fans mit dem Elektro-Pop ihres Debütalbum "Passive Me, Aggressive You" im Sonnenschein einen eindringlichen und lebhaften Auftritt bescherten und sie gekonnt mit ihren Melodien umwickelten, so dass alles andere als ein wohlverdienter Applaus ausgeschlossen war.

Inmitten der vielen Indie- und Elektro-Acts spielte das texanische Quintett The Black Angels und ließ den Rock'n'Roll mit Psychedelic-Einschlag durch die Hangar-Tore in die Abendluft hinaus schallen. Das authentische Spiel in Anlehnung an die Hochzeiten von Gitarren basiertem Rock zog derweil ohne Überraschung auch ein durchschnittlich älteres Publikum an, das auch mit grauen Haaren und Lederjacken für einiges an Kopfschüttelbewegung und Luftgitarrenausbrüchen vor der Bühne sorgte. Weitaus beschwingtere und klanglich weniger aufmüpfige Songs wurden dem Publikum von dem Amerikaner Zach Condon und seiner Band Beirut geboten, die mit den letzten verbliebenen Sonnenstrahlen einen herzlichen Auftritt auf die Bühne zauberten und mit ihren Folklore gespickten Popsongs eines der harmonischsten Konzerte des Festivals spielten. Dabei wurde älteres Liedgut ebenso feinfühlig und unbefangen aufgenommen wie neue Stücke ihres gerade erschienenen Albums "The Rip Tide". Aus Dank für den freundlichen Empfang auf Berliner Boden streckte Zach Condon dann während einer langen Applaus-Sequenz ergriffen seine Trompete in die Höhe und fügte diesem Moment einen Hauch von Komik hinzu, da sein Mundstück laut hörbar auf die Bühnenbretter segelte.

Ein größeres Kontrastbild als das anschließende Boys Noize Set hätte sich der Festivalbesucher kaum ausmalen können und dennoch machte gerade die große Abwechslung und die zum Teil gravierende, musikalische Differenz der Künstler die gewissen Spannungsmomente aus, die die Zuschauer über den gesamten Tag verteilt bei Laune hielten und das Festival zu einem ereignisreichen Erlebnis machten. So wurde der Reunion-Auftritt der Beginner in weiser Voraussicht bis auf den letzten Slot im Line-Up hinaus gezögert und die dem HipHop zugewandte Fanschar durfte mit eigenen Augen sehen, wie das Trio unter einer Licht- und Beatflut wieder gemeinsam den Weg zurück auf die Bühne fand und das Festival auf dem Flughafengelände als Headliner mit großem Brimborium abschloss. Zeitgleich versetzte die The Bloody Beetroots Death Crew 77 unter Mitwirkung von Refused Sänger Dennix Lyxzén den Hangar 5 in Ekstase und läutete den Ausnahmezustand ein während ein basslastiges Beben durch die Boxen toste, dem die Zuschauer mit anhaltender Feierlaune begegneten.

Wer Punkt Mitternacht noch gefüllte Energiereserven besaß, konnte sich direkt vom Festival-Gelände in Bussen auf dem Weg zum Club X-Berg machen, wo bis in die frühen Morgenstunden DJ Sets und Performances von Größen wie Public Enemy, Mr. Oizo oder Gesaffelstein zum körperlichen Belastbarkeitstests riefen.

Nach fast 48 Stunden unbändigem Musikgenuss, einer andauernden Probe für die Gehörnerven und einem nicht enden wollenden Unterhaltungsstrom bleibt die diesjährige, umstrukturierte Auflage des Berlin Festivals in positiver Erinnerung, die es vermochte, Kritikerstimmen aus dem letzten Jahr verstummen zu lassen und den Fokus wieder auf das wahre Kernstück der Veranstaltung zu legen, nämlich die vielen wundervollen Konzerte, die der Stadt Berlin und seinen Besuchern hoffentlich auch in den kommenden Jahren weitere fabelhafte Stunden bescheren werden.

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Surfempfehlung:
www.berlinfestival.de
Text: -Annett Bonkowski-
Foto: -Annett Bonkowski-


 
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