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Der Himmel über Berlin... wolkenlos!

Berlin Festival 2013 - 1. Tag

Berlin, Flughafen Tempelhof
06.09.2013

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Berlin Festival 2013
Fast das ganze Jahr über ruht der ehemalige Flughafen Tempelhof in Berlin in schwelgerischer Stille vor sich hin. Nur vereinzelt weicht diese Ruhe einem aufgeregten, bunten Durcheinander, das wie gewohnt Anfang September das in die Jahre gekommenen Gelände in eine lebhafte Kulisse aus mehreren Bühnen, vielfältiger Kunst und kulinarischen Versuchungen verwandelt. Kurz gesagt - das Berlin Festival öffnet seine Tore. Der geschichtsträchtige Ort wird ein Wochenende lang auf den Kopf gestellt, eine ganze Schar an musikbegeisterten Menschen aus aller Welt kommt nach Berlin und füllt die umfunktionierten Hangars und das angrenzende Rollfeld mit einem fröhlichen Treiben. Passend dazu schuf das über der Hauptstadt schwebende, spätsommerliche Hoch mit viel Sonnenschein die perfekten Voraussetzungen für ein ausgelassenes Fest mit vielen musikalischen Highlights.
Zum achten Mal in seiner Geschichte begrüßte das Berlin Festival seine nationalen und internationalen Gäste mit einem organisatorischen Aufwand und einer Liebe zum Detail, die auch dieses Jahr wieder mehr als 20.000 Besucher anzog und sicherlich auch den ein oder anderen Künstler angelockt hatte. Schon früh zeichnete sich in diesem Jahr ab, dass den Veranstaltern mit großen Namen wie Blur, Björk, My Bloody Valentine oder den Pet Shop Boys gleich eine Reihe hochkarätiger Künstler ins Netz gegangen waren. Doch auch abseits dieser musikalischen Bonbons gab es mit weiteren, vielversprechenden Acts wie Villagers, Bastille, Savages oder S O H N sowie alten Bekannten wie Get Well Soon, MIA oder Klaxons allerhand Zucker für das Liebhaberherz.

Beinahe hätte man am Freitag, dem ersten Tag des Berlin Festivals, vergessen können, dass die Festival-Saison sich dem Ende nähert. So tatkräftig schien die Sonne vom wolkenlosen Himmel auf das Rollfeld, dessen graue Beton-Oberfläche schwer unter den hohen Temperaturen atmete und den vielen frühzeitig erschienenen Besuchern darauf ausgestreckt als Ruheort diente bevor Bastille aus UK diese beschauliche Idylle als erster Act mit ihrem Synthie-Pop durchbrachen. Gleichzeitig war es der Auftakt zu einem abwechslungsreichen Festival-Programm, das über vier Bühnen verteilt um die Aufmerksamkeit der zahlreichen Gäste buhlte. Auch wenn der neu gestaltete Geländeplan für die Besucher größere Distanzen zwischen den jeweiligen Bühnen bedeutete, garantierte er darüber hinaus eine Weitläufigkeit und kleine Ruheoasen, wie sie auf Festivals nur selten anzutreffen sind. Gedränge herrschte trotz der tausenden Musikfans nur direkt vor den Bühnen. Wer entspannt den Bands lauschen wollte, konnte dies problemlos nur wenige Meter entfernt vom Trubel tun und war trotzdem noch nahe genug am Geschehen, um auch ohne Leinwände zu wissen, was auf der Bühne vor sich ging.

Vor der Nachmittagshitze flüchtend und die Ohren einer lärmenden Symbiose aus hitzigen Gitarren und nicht minder aufgebrachten Drums zugewandt, gönnten sich eine Vielzahl Besucher eine Auszeit vom beschaulich, poppigen Set von Bastille, um sich bei den New Yorkern von Parquet Courts vom Rock'n'Roll einfangen zu lassen. Das Quartett legte eine fast schon gespielte Nonchalance an den Tag, trotz der bis zum Anschlag beanspruchten Instrumente und Stimmbänder, die stets einen Groll gegen die vor ihnen liegende Welt zu hegen schienen und dem Auftritt der Band äußerlich mehr Leben einhauchte als das es die ursprünglichen Songs hergeben wollten.

Mal vom Medienrummel um die Headliner des Abends Blur abgesehen, konnten die folgende Show von Bosnian Rainbows wohl das größte Interesse der Presse verbuchen. Tummelten sich doch schon vor Beginn des Auftritts so viele Fotografen im Bühnengraben wie bei kaum einer anderen Band an diesem Tag. Es war ihnen kaum zu verdenken, denn neben dem musikalischen Kern und ehemaligen The Mars Volta-Kopf Omar Rodríguez-Lopez war es Frontfrau Teri Gender Bender, die dank ihres exzentrischen Verhaltens alle Blicke und Kameralinsen auf sich zog. Allem musikalischen Können der Band und vor allem dem von Rodríguez-Lopez zum Trotz, überschatteten die ungelenken und stets überspitzten Bewegungen Benders sowie deren im Sekundentakt bizarr wechselnde Mimik den musikalischen Wert des Auftritts jedoch erheblich. Für Unterhaltungszwecke sicherlich okay, im Großen und Ganzen aber eine Überspannung des Bogens, den die Band überhaupt nicht nötig hat.

Zum Glück ganz ohne Effekthascherei auskommend und allein die Musik in den Vordergrund rückend, gaben dagegen Villagers aus Irland ihr Berlin-Festival-Debüt und entluden während ihres Auftritts auf der Pitchfork Stage eine so große in Songs verpackte emotionale Bandbreite, wie sie selten in so kurzer Zeit anzutreffen ist. Auch wenn die Band leichte optische Ermüdungserscheinungen an den Tag legte, sollte ihr Set völlig unbehelligt davon zu einem der ersten Highlights des Festivals werden. Kaum eine andere Band im Line-Up vermochte das Publikum auch in stillen Momenten derart einzunehmen, die musikalische Intensität des Augenblicks greifbar zu machen und überzeugte dabei mit einer für Festival-Verhältnisse untypischen Auswahl an Songs. Allein der Opener "The Meaning Of The Ritual" legt nahe, dass Villagers auch inmitten einer lauten Festival-Atmosphäre nicht davor zurückschrecken sich gleich zu Beginn auf leisen Sohlen in die Herzen des Publikums zu schleichen bevor sie dies im weiteren Verlauf des Sets mit ihrem Gespür für persönliche, aber auch experimentell anmutende Klanglandschaften ohnehin getan hätten.

Was die Pet Shop Boys anschließend auf der Hauptbühne in einer ausladenden Show abliefern, kann nur als Kontrasprogramm bezeichnet werden. Weichgespülte Synthie-Beats, glitzernde Outfits, Background-Tänzer in Kostümen, Licht-und Lasereffekte im Wechsel sowie eine über die Karriere hinweg nicht besser gewordene Ansammlung an leicht taumelnden Songs, die sich vorwiegend über textlich simple Zeilen und dazu passend unaufgeregte Melodien definieren. Der Spaß-Faktor war zweifelsohne gegeben und wurde durch die einschlägigen Hits aus dem gut gefüllten Song-Repertoire dauerhaft gefüttert, doch schmälerte der zeitweise ausfallende Ton die Performance, die nach außen hin so viel geben wollte, aber am Ende sichtlich leer wirkte. Wer sich freudig feiernd eben noch in den Armen lag, hatte im nächsten Moment wahrscheinlich schon längst wieder vergessen, dass er die Pet Shop Boys gesehen hatte.

Doch allen eben noch herrschenden Sound-Problemen und der aufkommenden Langeweile zum Trotz konnte der lang erwartete Auftritt von Blur danach das Trübsal mit einem unschlagbaren Greatest Hits-Set ins Ausseits verbannen. Die eben noch etwas teilnahmslosen Besucher lagen sich plötzlich in den Armen, sangen sich die Seele aus dem Leib und feierten die Brit-Pop-Helden ihrer Jugend gemeinsam. Auf der anderen Seite wirkte die Band, was ihre Spielfreude anging, so unverbraucht wie zu Beginn ihrer Karriere, strotzte vor Elan und schien sich von der ausgelassenen Stimmung der Festival-Meute geradezu anstecken zu lassen. Damon Albarn zog mit einem breiten Grinsen von einer Bühnenecke zur nächsten und wagte sogar einen Abstecher ins Publikum während Graham Coxon verschmitzt mit Hornbrille die Emotionen der Besucher studierte, um sie anschließend mit Grimassen zu erheitern. Kaum ein Song verging, bei dem sich keine Verbrüderungsszene abspielte, das Publikum freudig in Ekstase in Erinnerungen schwelgte oder sich hüpfend in den Armen lag. Und doch sind Blur eben mehr als eine Party-Band, die mit Damon Albarn am Mikro einen smarten Kopf und ein Sprachrohr haben, das die Festival-Besucher für einen Moment der Anteilnahme für die syrische Bevölkerung bat und mit "Out Of Time" den Ernst zurückholte. Ganz ohne dabei den großen erhobenen, politischen Zeigefinger zu schwingen, aber mit dem Bewusstsein die Ausgelassenheit und Freude für einen Bruchteil der ihnen zur Verfügung stehenden Zeit zu unterbrechen, um auf das Geschehen in Syrien aufmerksam zu machen, ohne dass das obgligatorische Finale ein paar Songs später mit "Song 2" krampfhaft oder unpassend gewirkt hätte.

Mit diesem ersten Tag im Rücken ließ es sich hoffnungsvoll auf den folgenden blicken, der neben dem weiterhin gütigen Wettergott ebenfalls eine Reihe weiterer musikalischer Highlights versprach. Allen voran den einzigen Auftritt von Björk in Deutschland. Dafür lohnte es sich doch im heimischen Bett oder im Hotel ein wenig Ruhe zu finden und nicht wie so oft bei Festivals im beklemmenden Zelt und in einer tösenden Geräuschkulisse die Nacht zu verbringen. Berlin Festival, what a treat! In jeglicher Hinsicht.


Weiter zum 2. Teil...

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Text: -Annett Bonkowski-
Foto: -Anne Bonkowski-


 
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