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Konzert-Bericht
 
Seelenblicke im Hier und Jetzt

Joshua Radin
Clara Louise

Köln, Kulturkirche
28.01.2020

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Joshua Radin
"Wollt ihr mal ein echt fröhliches Lied hören?", fragte Joshua Radin bei seinem Konzert in der Kölner Kulturkirche (für das er bewusst auf eine Setlist verzichtet hatte - auch wenn das "undeutsch" sei). "Nein", antwortete jemand aus dem Publikum. "Wie nein?", fragte er erstaunt zurück, "soll ich dann mein traurigstes Lied spielen?" "Ja", kam die Antwort aus dem Auditorium. "Wow, Deutschland", statuierte der Meister, "Freud war ja Österreicher - aber das ist ja nah genug." Nun sind die romantischen, melancholischen (Liebes)-Lieder aber auch genau das, was die vorwiegend weiblichen Fans von ihrem Idol in der ausverkauften Kulturkirche auch erwarteten - insofern war diese Situation dann eigentlich auch erklärlich und folglich ging es im Folgenen weitestgehend nachdenklich und melancholisch zu.
Da kam dann ganz gut zu Pass, dass Joshuas Support Act, die Wahl-Österreicherin Liedermacherin und Poetin Clara Louise (die zwar aus Koblenz stammt, aber schon lange in Salzburg residiert), sich für ihren Support-Slot, den sie mit Gitarrist David Binderberger bestritt, tatsächlich eher die Up-Tempo-Highlights aus ihrem Oeuvre ausgesucht hatte, um die Fans in Stimmung zu bringen. Nicht, dass da jetzt gerockt wurde - aber der mit mehreren Gitarren, einem Banjo und Kickboard garnierte Vortrag - zu dem auch neue Titel wie "Deine Heimat" gehörten - kam auf diese Weise betont kurzweilig und unterhaltsam rüber. Das auch deswegen, weil Clara wie gewohnt die Inhalte ihrer Songs mit bemerkenswerter Offenheit erläuterte und auch die Gelegenheit nutzte, einige ihrer Gedichte vorzutragen - denn neben ihren logischerweise auch lyrisch geprägten Tonträgern, veröffentlicht Clara Louise auch regelmäßig gefeierte Bände mit den Gedichten, die sie seit dem Alter von 13 Jahren verfasst. Clara und Joshua sind dabei schon seit längerer Zeit befreundet, so dass es auf der Hand lag, dass sie ihn bei den deutschen Dates der aktuellen Tour begleitete. Was Clara Louise - sowohl als Musikerin wie auch Poetin - auszeichnet, ist die unbefangene Offenheit und Klarheit, mit der sie ihre Seelenleben mit im positiven Sinne naiver Ehrlichkeit und Emotionalität auslebt. Jeder Anflug von Peinlichkeit wird bei einer solch entwaffnenden Direktheit natürlich im Keime erstickt. Dass ihr dabei zunehmend auch potentielle Hitmelodien einfallen, schadet natürlich auch nicht.

Nachdem Joshua dann mit seinen beiden Musikern zunächst mal spontan einige ältere Songs angestimmt hatte, ging es daran, das aktuelle Album "Here Right Now" zu erläutern: Vor einiger Zeit habe er eine von Existenzängsten geprägten Schreibblockade erlitten - dann allerdings auf einen einsamen Strandabschnitt sitzend, eine Erleuchtung erfahren, als ihm nämlich ein gut gelaunter, freundlicher und offensichtlich frei streunender Hund begegnet sei, mit dem er einen eher bizarren Blickkontakt hatte, von dem er den Eindruck gewonnen habe, dass ihm der Hund direkt in die Seele geschaut habe. Das habe ihn dann dazu bewogen, einen Song über diese Situation als eine Art Standortbestimmung zu schreiben, der dann zum Thema der neuen Scheibe geworden sei und auch die Schreibblockade gelöst habe. Ein bisschen erklärte dies auch, wie Joshua Radin tickt: Hier geht es nicht um Showeffekte, Botschaften oder philosophische Konstrukte, sondern um eine Art musikalischen Kommentar zu Joshuas Leben als Musikus und Künstler. Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Fans zunehmend danach verlangten, dass er sich auf möglichst direkte Weise an sie wendet - was dazu führte, dass er sich heutzutage ohne konventionelle Band präsentiert (aber in dem Fall mit Gitarrist und Pianist). Sinn macht das, denn als Radin etwa vor zehn Jahren mit seiner damaligen Band auch in Köln Station machte, ergab das keinen musikalischen Mehrwert, denn ein Rocker ist und war Radin ja nun wirklich noch nie.

Die nicht existierende Setlist bestand dann aber zum Glück nicht ausschließlich aus melancholischen Balladen. Vielmehr dirigierte Josh sein Publikum mit komplexen rhythmischen Regelwerken (Stampfen, Klatschen, Schnippen, über Kopf klatschen) durch die Up-Tempo-Nummern bzw. -Momente seines Programmes (wie z.B. "Underwater" oder "High and Low") - schoss dabei allerdings insofern über das Ziel hinaus, dass er nicht existierende Zuschauer auf der (geschlossenen) Galerie mit einbezog und sich dann wunderte, dass diese so leise geklatscht hatten. "Ihr hättet ja auch mal was sagen können", wandte er sich ans Publikum, nachdem er festgestellt hatte, dass tatsächlich niemand auf der (zugegebenermaßen schlecht beleuchteten) Galerie gestanden hatte.

Zwar gab es auch einige Tracks mit politischem Inhalt (wie den Refugee-Song "What Would You Do", den er aus der Sicht eines Migranten-Mädchens geschrieben hatte) - aber da sich Radin nicht als politischer Songwriter sieht und sich auch nicht dazu berufen fühlt, in dieser Richtung zu predigen, blieben solche Stücke - und einige generelle Appelle an Toleranz und Offenheit - die Ausnahme. Tatsächlich waren es am Ende sogar positivistische Stücke, wie z.B. "Beautiful Day" (ein Song, den er täglich spiele, um sich für den Tag zu motivieren) oder auch "Your Light" (eine Hommage an Menschen, die dieses bestimmte, innere Strahlen besitzen), die den Tenor des Abends ausmachten - selbst, wenn sie melancholischer Natur waren. Als das Konzert dann mit dem Dylan-Cover "Don't Think Twice" dem Ende zuging, hatte Joshua Radin wieder ein Mal gezeigt, dass er seinen Platz im Leben gefunden hat, in seiner Berufung als Live-Musiker schlicht aufgeht - und nicht zuletzt, dass seine auch an diesem Abend angesprochenen Zukunfts-Ängste eigentlich unbegründet sind.

Joshua Radin
NACHGEHAKT BEI: JOSHUA RADIN

GL.de: Joshua - du hast uns ja schon mal Rede und Antwort gestanden und damals gesagt, dass du Musiker geworden seist, weil du es einfach sein müsstest und dass dich das Live-Spielen mittlerweile am Glücklichsten mache. Ist das eigentlich immer noch so?

Joshua: Das hat sich überhaupt nicht verändert. Allerdings ist das Musikbusiness ja ein wankelmütiges Business - weil die Leute ja immer nach jüngerem Nachwuchs verlangen. Je älter man also wird und je länger man das macht, je länger man Scheiben veröffentlicht, Songs schreibt oder auf Tour geht, desto mehr möchte man, dass dieser Zustand anhält. Man hat dann Angst davor, dass die Leute irgendwann genug von einem haben könnten. Und dann sitzt man zu Hause und fragt sich, was man dann machen soll. Ich bin also in der glücklichen Lage, dass die Leute noch zu meinen Shows kommen. Ich habe immer gesagt, dass ich aufhören werde, wenn die Leute nicht mehr zu meinen Shows kommen.

GL.de: Bei der Show erzähltest du ja die Geschichte von dem Hund, der dir in die Seele geschaut habe und dem daraus resultierenden Titeltrack "Right Here Now". Geht es auf dem Album also darum, dass du mit deiner Situation im Leben jetzt zufrieden bist?

Joshua: Ich bin nie zufrieden. Wenn du zufrieden bist, kommst du als Künstler nicht weiter. Meine kleine Schwester ist zufrieden. Sie ist immer mit dem glücklich, was sie hat. Darauf war ich eigentlich immer neidisch - aber sie ist aber auch auf keine Weise künstlerisch veranlagt. Ich hingegen will immer wissen, was als Nächstes passiert und was ich noch erreichen könnte. Wenn du als Künstler zufrieden bist, wirst du faul und nachlässig. Nein - worum es auf "Right Here Now" geht, ist es, den Moment zu genießen, präsent zu sein und zu versuchen diesen Zustand für alle Zeiten aufrecht zu halten.

GL.de: Und wie geht das?

Joshua: Nun, dabei hilft mir das Touren. Und zwar weil ich auf Tour immer etwas zu tun habe. Es gibt Leute, ich habe einen Plan, ich laufe durch die Stadt, genieße gute Restaurants, spreche mit Leuten. Und dann kommt die Show und ich kann anderthalb Stunden tun, was ich am meisten liebe. Ich bin hingegen nicht so gut darin, in meinem Haus in Los Angeles zu sitzen - dann denke ich nämlich zuviel nach. Auf der Tour zu sein, ist einfach gut für mich. Als ich das realisierte, rief ich meinen Manager an und bat ihn, mit einfach Show zu buchen. Das ist gut für meinen Geist und mein Gedächtnis.

GL.de: Auf der neuen Scheibe tauchen ja auch politische Themen auf.

Joshua: Ich betrachte mich nicht als besonders politischen Menschen. Deswegen vermeide ich es eigentlich über Politik zu schreiben - so sehr ich auch Donald Trump hasse und so sehr ich auch zuweilen peinlich berührt bin, ein Amerikaner zu sein. Allerdings ist Amerika zur Zeit ungemein zwiegespalten. Ich tendiere dazu, normalerweise über das zu schreiben, was in meinem Kopf oder meiner Gefühlswelt passiert. Ich bin politisch auch nicht gebildet genug, eine einzigartige Perspektive zu haben, die ich unbedingt den Leuten nahebringen müsste. Als ich aber diesen Bericht darüber sah, dass an der Grenze zu Mexiko Kinder von ihren Eltern getrennt wurden, war ich so abgestoßen von dieser unamerikanischsten aller Maßnahmen, dass ich versuchte, mich in eines dieser Kinder hineinzuversetzen, um darüber schreiben zu können. Mir war klar, dass mir das nicht wirklich gelingen könnte, aber ich habe mir gesagt, dass ich es als Autor ja einmal versuchen könnte, um die Sache so aus einer persönlichen Warte beschreiben zu können. So entstand der "Refugee Song". Vielleicht regt das ja ein paar Leute - oder auch nur einen einzigen - an, darüber nachzudenken.

GL.de: Letzte Frage: Warum singst du immer so leise?

Joshua: Du meinst meinen Whisperrock? Das habe ich mir mal überlegt, als mich mal jemand fragte, welche Art von Musik ich mache. Nun - das liegt daran, dass ich selbst Musik wie diese gerne höre. Denn wenn du leise singst, dann hören dir die Leute besser zu. Ich liebe es, zu Konzerten zu gehen, wo es keine große Show gibt. Wenn leise gesungen wird, dann kann man auch erkennen, ob es jemand ernst meint. Es ist dabei nicht so, dass ich allen alles abkaufe - aber wenn es passiert, dann ist das das Allergrößte. Es macht auch mal Spaß, abzurocken - aber die Leute haben mir gesagt, dass sie es lieber haben, wenn ich akustisch singe - was mir also entgegen kommt. Und das ist dann auch der Grund, warum die neue Platte so zurückhaltend inszeniert ist und ich auf eine Rhythmusgruppe verzichtet habe.

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Surfempfehlung:
www.joshuaradin.com
www.facebook.com/joshuaradin
www.facebook.com/ClaraLouiseMusic
www.youtube.com/watch?v=Rp39wu7FzWo
www.youtube.com/watch?v=PLELGoZqpm0
Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-


 
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