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Konzert-Bericht
 
Geheimer Handschlag

Heather Woods Broderick

Tourtagebuch Frühjahr 2020

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Heather Woods Broderick
Dutzende, nein, Hunderte Konzerte hat Heather Woods Broderick in den letzten zehn Jahren in Europa absolviert, war dabei aber stets nur das heimliche As im Ärmel von Großkalibern wie Sharon Van Etten, Alela Diane, Efterklang, Laura Gibson, Damien Jurado oder Lisa Hannigan. Jetzt tourt die 36-jährige Sängerin, Gitarristin und Pianistin aus Oregon erstmals als Headlinerin und mit Band in unseren Breiten, um ihre im Studio kunstvoll ausstaffierten Lieder im Dunstkreis von verträumten Indieklängen, filigranem Folkrock und leichtfüßigem Piano-Kammer-Pop mit Dean Anshutz am Schlagzeug und Andrew Carlson an Bass, Synth und Stromgitarre live behutsam zu reduzieren. Mutig, aber nie übertrieben experimentell, beschreitet Broderick so eigene Wege und rückt mehr denn je ihre liebliche und doch stets ausdrucksstarke Stimme in den Fokus und sorgt so mit intelligent inszeniertem Wohlklang und Naturverbundenheit atmenden Texten eine willkommene Ablenkung von der allgegenwärtigen Lebenshektik. Das konnten wir uns natürlich nicht entgehen lassen.
Hannover, Feinkost Lampe, 20.02.2020

Einen besseren Ort als Feinkost Lampe hätte es für Brodericks Gastspiel in Hannover kaum geben können: Ähnlich wie sie ist auch ihr Auftrittsort so etwas wie ein geheimer Handschlag unter Indie-Aficionados. Untergebracht in der Mädchenumkleide im Kellergewölbe einer alten Schule im Stadtteil Linden, verrät kein Wegweiser, kein Türschild, was sich hinter der von einer einzelnen roten Funzel illuminierten unschmucken alten Holztür an diesem Abend tun wird. Drinnen gibt's heimeliges DIY-Flair für Liebhaber gehobener Subkultur, mit 50er-Jahre-Theke und einem bunten Sammelsurium an Sofas, Bierbänken und Klappstühlen, die sich schnell bis auf den letzten Platz füllen. Am Ende müssen viele Zuschauer stehen oder sie machen es sich gleich zu Füßen der Musiker auf dem Boden bequem. Dass Broderick genau hier auftritt, ist kein Zufall. Offenbar haben sich die Verantwortlichen schon seit Jahren um sie bemüht - ihr Bruder Peter war gleich mehrfach hier zu Gast -, und so liegt dann auch schnell ein Gefühl freudiger Erwartung in der Luft, als Broderick mit ihren beiden Mitstreitern um kurz nach halb zehn die nicht existente Bühne betritt und mit der sanften Fingerpicking-Folk-Nummer "A Stilling Wind" in ein hinreißendes, oft von einem Hauch Melancholie umwehtes Konzert einsteigt.

Trotz des kleinen Bestecks ist Abwechslung Trumpf: An Akustik- und Stromgitarre, Piano und Synth navigiert Broderick ihre Musiker durch ein beeindruckend dynamisches Set, in dem bruchlos Lieder in traditioneller Instrumentierung mit einigen geschickt im Mittelteil der Show "versteckten" vollelektronischen Nummern (bei denen selbst Anshutz an die elektronischen Drumpads wechselt) in einem wohlig warmen Sound zusammenfließen. Die sanfte, oft hallgetränkte Entrücktheit von Brodericks bisweilen überirdisch schönen, ätherischen Klanggemälden weicht dabei zuweilen einer handfesteren menschlichen Note, die perfekt zum herrlich eigenbrötlerischen Oldschool-Charme von Feinkost Lampe passt. Broderick selbst bezeichnet die Atmosphäre als "nice and cozy", wenngleich sie zugibt, dann immer ganz schläfrig zu werden: "Heute hatten wir im Van die Heizung an, und obwohl ich eigentlich lesen wollte, habe ich gerade einmal zehn Seiten meines Buches geschafft." Mit den Highlights ihrer feinen aktuellen LP "Invitation" als Anker haucht sie auch älteren Glanzlichtern wie "Up In The Pine" neues Leben ein und fasziniert mit einer wunderbar voluminösen Version ihrer neuen Single "Hummingbird Skylight". Als sie bei der Zugabe dann noch mit einer spontanen Solonummer überrascht und - zum ersten Mal seit zehn Jahren! - das Frühwerk "Turned" aus ihrem inzwischen zur Rarität avancierten Debüt "From The Ground" spielt, wird aus diesem famosen Konzertabend endgültig ein einmaliges Erlebnis.

Utrecht, TivoliVredenburg (Club Nine) 21.02.2020

Größer könnte der Kontrast zwischen den Auftrittsorten kaum sein: Im Herzen von Utrecht vereint TivoliVredenburg auf gleich neun Etagen mehr als ein halbes Dutzend Konzertsäle in allen Größen und Formen unter einem Dach. Der kuriose Subkulturcharme von Feinkost Lampe weicht hier kühler Moderne, riesigen Glasfronten, kaum enden wollenden Rolltreppen und adrett gekleidetem Personal mit Namensschildern und elektronischen Schlüsselkarten, die bestens zum bis ins kleinste Detail durchorganisierten, aber auch betont keimfreien Gesamtbild passen. Hier, so darf man sich zumindest einbilden, wird Kultur bestenfalls gearbeitet, nicht aber wirklich gelebt.

Broderick und Co. fühlen sich trotzdem wohl, schließlich ist hier nichts dem Zufall überlassen. Selbst der kleine Club Nine ganz oben unter dem Dach hat ein stylisches Dekor und edlen dunklen Holzboden auf und vor der Bühne und natürlich eine perfekte technische Ausstattung auf höchstem Niveau. Anders als tags zuvor, als die filmischen Backdrops, die jeden einzelnen Song begleiten, mangels Deckenhöhe kurzerhand auf die Band projiziert wurden, gibt es hier eine großformatige Leinwand, die über den Köpfen der Protagonisten hängt und so die visuelle Untermalung zwischen psychedelischem Farbenspiel und dezenter Anton-Corbjin-Ästhetik ganz anders zur Geltung kommen lässt. Obwohl die Setlist praktisch mit der des Vorabends identisch ist (nur Überraschungen à la "Turned" sind Mangelware), ist es so nicht nur wegen des zahlenmäßig deutlich kleineren, zudem stehenden Publikums ein gänzlich anderes Konzert. Denn auch wenn es Broderick auf "Invitation" oft um die Suche nach Stille und Abgeschiedenheit ging, findet sie gemeinsam mit den Ihren in Utrecht spürbar Gefallen daran, den großen Raum mit seinen hohen Decken bis in die letzte Ritze mit makellosem Sound zu füllen. In den Mittelpunkt rücken so ganz andere Songs als zuvor: "Where I Lay", mit seinem dramatischen, durch Carlsons eindrucksvollen Falsett-Gesang unterstützten Refrain, das sich bis zu seinem monumentalen Ende ständig steigernde "These Green Valleys" oder "Wyoming", das bei der Zugabe mit herrlich ungefilterter Shoegaze-Rock-Wucht begeistert und dessen letzte Klangfetzen noch durch den Raum wabern, als die drei Musiker längst hinter der Bühne verschwunden sind.

Abgerundet wird der Abend im Vorprogramm durch die aus Amsterdam stammende Hebe, die bei ihrem ersten Soloauftritt seit Längerem an diesem Abend als Sängerin mehr beeindruckt als mit den allein am Keyboard bisweilen etwas entblößt wirkenden Songs, mit denen sie einen ätherischen Feen-Sound im Stile Kate Bushs mal auf Zeitgeist-Indie-Terrain, mal aber auch gleich auf die ganz große Electro-Pop-Bühne bugsiert. Die bekanntermaßen naturverbundene Broderick zeigt sich später nicht nur von Hebes Stimme angetan, sondern auch von ihrem Namen: Hebe (zu Deutsch: Strauchveronika) habe sie nämlich auch in ihrem heimischen Garten...

Nijmegen, Lutherse Kerk, 22.02.2020

Neuer Tag, und wieder ein komplett anderes Setting: Das Gastspiel in Nijmegen findet in der 1896 erbauten Lutherse Kerk statt, die mit ihren 100 fast restlos belegten Sitzplätzen sakrale Atmosphäre (Holzkanzel mit aufgeschlagener Bibel inklusive) und eine gewisse heimelige Stimmung bestens vereint. Folglich gehen Broderick und ihre Mitstreiter den dieses Mal in zwei Sets aufgeteilten Auftritt auch etwas anders an. Vollkommen ohne Film-Backdrops und ausschließlich in weißes Licht getaucht, machen sie sich mit beachtlicher Leichtigkeit den natürlichen Hall des Raumes zu eigen und spielen viele ihrer Lieder in gedämpfteren Versionen, die in diesem Ambiente schnell ihre volle Schönheit entfalten können. So stechen an diesem Abend "I Try" mit seiner stellenweise fast an Sigur Ròs erinnernden unwirklichen Atmosphäre und das mit jazziger Leichtigkeit kokettierende, sanft in Richtung Carole King deutende "Nightcrawler" besonders hervor, bevor Broderick dem Auftrittsort auch programmtechnisch Rechnung trägt und mit den leisen Solonummern "Slow Dazzle" und "Invitation" auch noch zwei Songs spielt, die bislang nicht im Set waren. Lächelnd gibt sie zu, dass ihr schon ein wenig mulmig dabei ist, in einem Saal mit gleich drei alten Klavieren (und einer imposanten Kirchenorgel) ihre Pianonummern auf einem elektronischen Keyboard zu spielen... "Beim nächsten Mal denke ich eher daran", sagt sie augenzwinkernd. Auch für ihre niederländischen Gastgeber hat sie viele positive Worte, schließlich hat sie hier in Nijmegen vor rund zehn Jahren eines ihrer ersten Solokonzerte in Europa gespielt und auch im Rest von Holland schon früh viel positiven Zuspruch erfahren. Ihr Dank ist nicht nur das bisher längste Konzert der Tournee, sondern auch das schönste.

Die Tournee wird im März mit Konzerten in Luxemburg (05.03.), Thun (10.03.), Offenbach (12.03.) und Berlin (13.03.) fortgesetzt.

Für das Konzert am 13.03.2020 in Berlin verlost Gaesteliste.de in Zusammenarbeit mit Greyzone Concerts & Promotion noch schnell 3 x 1 Tickets! Schreibt uns einfach eine eMail mit eurem Namen und dem Betreff "Heather Woods Broderick" an info@gaesteliste.de. Wir losen am 10.03.2020 aus! Viel Glück!

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Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-

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