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Alles im Fluss

Agnes Obel
Marlène

Köln, Carlswerk Victoria
29.02.2020

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Agnes Obel
An einem Tag, den es nur alle vier Jahre gibt, lud Agnes Obel auf ihrer ausverkauften Deutschlandtour zum aktuellen Album "Myopia" zur Audienz in das Kölner Carlswerk Victoria. Die alte Fabrikhalle im Kölner Ortsteil Mülheim war diesem Anlass entsprechend eingerichtet worden. Tatsächlich hatten es die Veranstalter geschafft, 1.000 Fans in der bis zum letzten Quadratzentimeter eng bestuhlten Halle unterzubringen. Rote Scheinwerfer an den Tragsäulen und eine dezente Beschallung mit Vogelgezwitscher (anstatt beliebiger Musik vom Band) stimmten das Publikum auf die zu erwartende liturgische Erfahrung ein. Die salbungsvoll andächtige Atmosphäre fiel dann auch der Künstlerin auf. "Das ist ein sehr ernster Abend heute", scherzte die für ihre Verhältnisse locker aufgelegte Agnes etwa, als sie eben diese Stimmung bemerkte, "da müsst ihr alle schön still sein."
Dabei hatte Agnes' Support Act, die Berliner Liedermacherin Marlène, eigentlich zuvor das ihre getan, um gerade die Kirchenatmosphäre ein wenig aufzulockern. Nicht, dass Marlène die Tradition der Verballhornung aufnimmt, die in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts zu einem Comedy-Aspekt in der Unterhaltungsmusik geführt hatte (und die heute von Acts wie Max Raabe mit ironischer Distanz wiedergekäut wird) - aber es fiel schon auf, dass der leise Humor ihrer im Allgemeinen "chansonesk" angelegten Lieder wieder das altmodische Lieder-Flair jenseits des typischen Pop- oder Indie-Folk-Songs anstrebt, der ansonsten das Deutschpop-Szenerie dominiert (besonders dann, wenn sie hinter dem Piano Platz nahm). Marlène ist Mitglied bei dem Trio Yippie Yeah (mit dem zusammen sie gerade die EP "Februar" veröffentlicht hat) und war zuletzt als Support von Gisbert zu Knyphausen unterwegs. "Man muss im Leben immer vorbereitet sein, falls einen Agnes Obel anruft und fragt, ob man nicht Support für sie spielen wolle", erklärte Marlène, warum sie überhaupt anwesend war. Dabei präsentierte sie sich als ungemein sympathische Performerin. "Es gibt Leute, die können beim Stimmen sprechen", erklärte sie, während sie ihre Gitarre stimmte und ergänzte dann, "und dann gibt es mich." Musikalisch liegen Marlènes einfühlsame Kiez-Geschichten (einer davon auf Französisch) natürlich auf einer anderen Ebene als das, was Agnes im Folgenden bot - aber stimmungsmäßig bot Marlène einen schönen Einstieg in den Abend.
Eine richtige Rampensau war Agnes Obel ja noch nie. Dennoch war das Bühnensetting, mit dem sie sich und ihre international besetzte "Girl Band" präsentierte, doch eher auf Distanz als etwa auf Kommunikation angelegt. Sowohl die Keyboards wie auch die anderen Musikinstrumente waren im hinteren Teil der Bühne aufgebaut und ein mehrere Meter breiter Abstand der ersten Sitzreihen von der Bühne sorgte dafür, dass zwischen ihren Fans und Agnes selbst mindestens ein Abstand von 20 Metern herrschte. Hinzu kam, dass Agnes im ersten Drittel der Show an einem aufrechten Klavier mit dem Rücken zu mindestens einem Drittel des Publikums saß. Außerdem ist die Beschallung der Carlswerk-Halle nicht dazu geeignet, den hinteren Teil des langgezogenen Gebäudes einzubeziehen, so dass die Musik, die von der Bühne quoll, nur bis ungefähr zur Position des Mischpultes in der Hallenmitte richtig gut, füllig und laut genug klang. Sich also in der Musik von Agnes Obel zu verlieren (wozu diese aufgrund ihrer hypnotischen Konsequenz und klangmalerischen Dichte ausgezeichnet geeignet wäre), war also nur für die Zuhörer im vorderen Teil der Halle wirklich möglich.

Jetzt aber genug der Kritik, denn alles andere begeisterte - insbesondere in musikalischer Hinsicht - dann nämlich durchweg. Logischerweise konzentrierte sich Agnes auf die Songs ihres aktuellen Albums "Myopia" - was so viel wie "Kurzsichtigkeit" heißt, aber eher allegorisch gemeint ist. Im Prinzip machten die insgesamt vier Damen auf der Bühne dann das, was Agnes im Studio meist ganz alleine machte. Allerdings ging es nicht nur darum, die Parts die Agnes im Studio alleine eingespielt hatte, auf der Bühne zu reproduzieren, sondern stattdessen waren die Arrangements entsprechend der Verfügbarkeit der vielen verschiedenen Klangquellen (Geige, Mellotron, Xylophon, Klavier, Synthesizer, Percussion und Cello) aufgebohrt worden und so kam es, dass die Damen - gerne zum Schluss der sich jeweils orgiastisch aufbäumenden Stücke - einen fast schon symphonisch anmutenden Klangkörper produzierten. Das galt sowohl für die neuen Tracks, wie auch ältere Tracks. Das zum Ende gegebene "Stretch Your Eyes" vom letzten Album "Citizen Of Glass" kam dann daher wie der Soundtrack im Abspann eines Monumental-Films. Im Zusammenspiel mit Agnes wundersamen Melodien war das schon ein erhebendes Erlebnis.

Für Soli blieb in dem streng durchgetakteten Bühnenkonzept kein wirklicher Raum - aber es war sowieso eher das organische Miteinander der Musikerinnen, das am Ende die Faszination der Performance ausmachte. Dafür spielte Agnes aber auch die Instrumental-Nummern wie "Parliament Of Owls", die auf dem Album als musikalische Zwischentitel fungieren und beim Konzert als Überleitung zum nächsten Song. Zwischen den Stücken gab Agnes des weiteren kurze Erläuterungen zu ihren Songs - teilweise auf Deutsch (sie spricht eigentlich besser Deutsch als sie sich selbst das zutraut), hauptsächlich aber in einem Mix aus Deutsch und Englisch.

Die vokalen Verfremdungen mit Pitch-Shiftern, Samplern und Harmonizern, die Agnes auf "Myopia" implementiert hatte, um die Perspektiven auf das Material zu verändern, spielten im Live-Kontext eher eine untergeordnete Reihe. Entweder sangen die drei Musikerinnen die Harmonien - oder es gab punktuell gesampelte Klangfetzen a la Laurie Anderson (wie z.B. bei dem Tracks "Can't Be"), die eine eher rhythmische oder atmosphärische Funktion hatten. Apropos Rhythmus: Früher verließ sich Agnes Obel oft auf die hypnotische Wirkung von Walzern. Heutzutage ist sie diesbezüglich mutiger geworden, so dass echte Walzer - wie z.B. in dem älteren Song "Philharmonics" - heutzutage eher die Ausnahme bilden. Dafür war natürlich die liturgische Stimmung, die das Agnes Obel Kleinorchester durch die Staffelung von Stimmen, Klangfarben und immer wieder miteinander verzahnter Kaskaden und Glissandi erzeugte, nicht zu unterschätzen. Diese Stimmung wurde noch verstärkt, indem im zweiten Teil der Show die bewährten Old-School-Glühbirnen als eine Art künstlicher Sternenhimmel zugeschaltet wurden. Einzelne Titel aus der Setlist hervorzuheben macht eigentlich keinen Sinn, da dieses Konzert in seinem hypnotischem Fluss eigentlich als faszinierende, majestätisches Gesamtkunstwerk beeindruckte.

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Surfempfehlung:
www.agnesobel.com
www.facebook.com/agnesobelofficial
www.marlenecolle.com
www.facebook.com/marlenecollemusic
www.youtube.com/watch?v=R0-HVFEjOlE
www.youtube.com/watch?v=9-b85ngtQO4
www.youtube.com/watch?v=SPLpYGlAcZw
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
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