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Punk Pop Power

Tom Allan & The Strangest

Köln, Summer Stage im Kölner Jugendpark
07.09.2020

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Tom Allan & The Strangest
Die Kölner At The B-Sites-Reihe mit ihren Pop-Up-Guerilla-Konzerten war gleich doppelt vom Corona-Lockdown betroffen. Nicht nur mussten die kompletten Kopfhörer-Konzerte der Reihe für dieses Jahr abgesagt werden - auch das für Juni geplante Festival musste auf das nächste Jahr verschoben worden. Nachdem im Folgenden dann allerdings mit der Stadt Köln ein Konzept erarbeitet werden konnte, indem das Prinzip der Kopfhörer-Konzerte für die Summer Stage im Kölner Jugendpark (zudem der Location für das geplante Festival) adaptiert wurde, entstand die Idee, am Ende der Open-Air-Konzert-Reihe zumindest einige der angedachten At The B-Sites-Konzerte unter dem Motto "Sommer Köln Zugabe" im Rahmen der Summer Stage Reihe nachzuholen. Den Anfang machten Tom Allan & The Strangest - das inzwischen zu einer soliden Rockband mutierte Projekt von Tom Allan und dem aus Mexico-City stammenden Wahlkölners Evan "The Strangest" Beltran, das seine Wurzeln ja eh auch in der Domstadt hat.
Erst wenige Tage vor dem Lockdown hatte die Band ihr zweites Album "Little Did They Know" veröffentlicht - und somit noch keine Gelegenheit gehabt, das aktuelle Programm live zu präsentieren. Demzufolge motiviert stürmten die Jungs um kurz nach acht die Bühne, um die zahlreichen Fans mit ihrem Mix aus klassischem Rock, Punk und Power-Pop mitzureißen. Das stellte sich aufgrund der Kopfhörer-Situation und den Corona-bedingten Abstands- und Sicherheitsregeln als gar nicht so einfach dar. Tom und seine Mannen lösten das Problem, dass kein direkter Publikumskontakt möglich war, indem sie die Anwesenden möglichst unauffällig in die Show einzubinden suchten - etwa indem sie umständlich erklärten, dass ja auf keinen Fall mitgesungen werden dürfe (schon gar nicht nach Anleitung) und auch das Tanzen nicht erlaubt sei - und dann darauf hinwiesen, dass sie natürlich machtlos seien, wenn sich jemand nicht daran hielte. In der Tat entstand so fast das gewohnte Gemeinschaftsgefühl - auch wenn sich das ohne Kopfhörer ganz schön seltsam anhörte. "Das ist die schönste Stille, die ich je gehört habe", scherzte Evan Beltran, nachdem bei dem Song "By My Side" alle brav mitgemacht hatten.

Das erste Album, "Dear Boy", hatten Tom und Evan noch zu zweit aufgenommen - während "Little Did They Know" zusammen mit Bassist Robin Shepherd und Drummer Nico Gomez live im Bandformat im Hamburger Clouds Hill Studio eingespielt worden war. Tom Allan & The Strangest sind heutzutage also zweifelsohne eine echte Live-Band - was sie im Laufe des letzten Jahres (also als das noch möglich war) bereits eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben. Worum geht es musikalisch? Nun - um nicht mehr oder weniger als darum, den Geist des klassischen Rock'n'Roll aufrecht zu erhalten. Und zwar inklusive aller Warzen, Ecken und Kanten. Worum es hingegen nicht geht, ist die Studioproduktion tongenau und perfekt zu reproduzieren. In der Tat gehören Tom Allan & The Strangest zu jener Sorte von Musikern, denen Perfektion einfach nicht gut genug ist - und das machen alle Beteiligten dadurch deutlich, dass sie auf der Bühne total in ihrer Musik aufgehen und sie Songs gerne mal spontan für regelrechte Jam-Session-Episoden missbrauchen. Leider verpuffte ein wenig der dargebotenen Verve aufgrund des Settings. Zum Beispiel verschwanden Tom und Evan stets im Dunkel, wenn sie versuchten, das Publikum - wie gewohnt - am vordersten Bühnenrand balancierend zu motivieren. Dafür freilich konnten die Jungs ja nichts. Ansonsten war das ein Rock-Show, wie sie im Buche steht. Nicht umsonst haben Tom & Co. einen Song namens "Know It All" im Angebot - denn sie haben sehr genau verstanden, worum es bei der Rockmusik eigentlich geht.

Was Tom Allan & The Strangest musikalisch in der Summe ausmacht, zeigten die Jungs deutlich. Da gibt es zum einen die als Punk-Nummern getarnten Mitsing-Popsongs wie "Sing A Song" oder "Over And Over" vom neuen Album, dann gibt es ambitionierter angelegte Nummern wie "Two Fingers Out", die auch mal Prog- oder Psychedelia-Elemente beinhalten dürfen (oder zu denen Tom ein Blues-Harp-Solo beisteuert), Rausschmeisser wie "Great Divide" und Pop-Songs, die tatsächlich nichts anderes sein wollen, wie z.B. die Single "We Came Running". Und eine Band, die ihre Show mit einem Stück namens "Death Is Not The End" beendet, hat nicht nur das Herz am rechten Fleck, sondern definitiv verstanden, was wirklich wichtig ist.

Tom Allan & The Strangest
NACHGEHAKT BEI: TOM ALLAN & THE STRANGEST

GL.de: Wie seid ihr an die zweite LP herangegangen?

Tom: Unser erstes Album "Dear Boy" haben wir noch zu zweit, nacheinander, mit Multitracking eingespielt - weil wir da ja noch nicht die Jungs bei waren. Robin und Nico sind erst später hinzugekommen. Das neue Album haben wir dann ohne Overdubs live im Studio als Band eingespielt. Wir haben das ganze Set an einem Tag drei Mal hintereinander gespielt und dann jeweils die besten Versionen ausgesucht.

GL.de: Was ist denn der Reiz dabei?

Tom: Die Live-Energie im Studio einzufangen. Wir haben das Feedback bekommen, dass wir eine relativ gute Live-Band seien - nicht, weil wir gut und virtuos spielen, sondern weil eine gewisse Energie entsteht, wenn wir gut zusammen spielen. Und diese Energie ist schwer einzufangen, wenn man das nacheinander aufnimmt. Deshalb haben wir uns entschieden, ein roughes Ding mit Ecken und Kanten aufzunehmen, was dann aber diese Energie hat.

GL.de: Perfektion ist ja auch nicht gut genug, richtig? Ihr legt ja einen gewissen Wert auf...

Evan: ...ein wenig Chaos? Auf jeden Fall.

Tom: Wenn wir auf die Bühne gehen, dann lassen wir uns Freiheiten und wir spielen ja jetzt auch echt lange genug. Wir kennen uns untereinander, wissen wie wir ticken - und deswegen können wir uns das auch leisten. Es geht um das Zusammenspiel und die Interaktion mit dem Publikum.

Evan: Wenn die Leute gut reagieren und eine gewisse Interaktion mit uns haben, dann können wir - glaube ich - sogar besser spielen. Wir geben das, was vom Publikum kommt, dann zurück.

GL.de: Worüber singt ihr eigentlich? Als Muttersprachler habt ihr ja eine ganz andere Möglichkeit, mit Texten umzugehen, als etwa jemand, der mit dem Wörterbuch hantieren muss.

Tom: Ich kann nicht für Evan reden, aber ich möchte nicht in der Position sein, sagen zu müssen, worum es in meinen Texten geht. Das würde Noel Gallagher auch nicht tun. "What's Wonderwall", würde er sagen. Mein Anspruch ist eigentlich, den perfekten Song zu schreiben und immer besser dabei zu werden.

GL.de: Was ist denn ein perfekter Song?

Evan: Das ist so einfach nicht zu beschreiben. Tom hat vielleicht eine bestimmte Idee und ich eine ganz andere - und trotzdem funktioniert das Ganze. Die Ideen balancieren sich dann aus.

Tom: Das Coole in unserer Zusammenarbeit ist vielleicht, dass der andere Dinge gut findet, die man selbst gar nicht so sieht. Wir beurteilen und inspirieren uns da gegenseitig. Ich kann aber gar nicht sagen, was einen perfekten Song auszeichnet - das ist jedes mal unterschiedlich. Was wir ganz gut können, ist Hooklines und Pop-Songs zu schreiben. Wir sind zwar eine Punk-Band - aber wir stehen auf Pop-Songs.

GL.de: In einem Interview sagtet ihr ja mal, dass dem Rock'n'Roll heutzutage die Attitüde fehlt. Was meint ihr damit?

Tom: Uns ist bewusst, dass wir das Rad gerade neu erfinden - wir machen das, was wir wollen und das muss uns dann erst mal gefallen. Irgendwelchen Erwartungshaltungen wollen wir nicht erfüllen.

Evan: Du musst vollkommen überzeugt von dem sein, was du machst - egal, ob andere das mögen oder nicht. Wenn man zu vorsichtig oder mit Angst spielst, bringt das gar nichts. Das ist Attitüde.

Tom: Es gibt super viele coole Gitarrenbands. Aber viele Bands heutzutage gehen zu sehr auf Nummer sicher. Da werden die Verstärker so leise gedreht, damit alles gut klingt, da spielt der Drummer mit Click auf dem Ohr, da ist alles so durchkalkuliert. Die Rockmusik in den 60er Jahren musste vor allen Dingen brachial laut sein. Die hatte Ecken und Kanten und das hat gefickt. Heutzutage ist die moderne Rockmusik so zahm und vorsichtig geworden - und damit auch ein wenig irrelevant für die Jugend. Rockmusik muss laut und ehrlich sein.

GL.de: Rockmusik braucht ja auch immer etwas Rebellisches. Orientiert ihr euch deswegen musikalisch lieber nach hinten, als euch mit euren Zeitgenossen zu messen?

Tom: Voll. Rockmusik ist ja mittlerweile durch die Generation der Eltern und Großeltern etabliert. Als Jugendlicher heute Gitarrenmusik zu hören, ist da ja erst mal null rebellisch.

GL.de: Und deswegen muss diese Musik dann wenigstens laut und rau sein?

Tom: Genau. (Und eben nicht perfekt.)

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Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-


 
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