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Reeperbahn Festival 2020 - 2. Teil

Hamburg, Reeperbahn
18.09.2020/ 19.09.2020

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Reeperbahn Festival 2020
Auch der dritte Festivaltag begann wieder entspannt bei schönstem Sonnenschein mit Open-Air-Shows. Beim N-Joy Reeperbus performte etwa der junge Däne Nicklas Sahl, der am Tag zuvor schon auf der XL-Bühne erstaunlich viele Interessent(inn)en für seine romantischen Selbstfindungs-Songs fand, die dank seines jugendlichen Alters noch weit entfernt jeglicher Männerschmerz-Wehleidigkeit angesiedelt sind. Sympathisch machte Sahl die Tatsache, dass er erkannt hat, dass seine Berufung als performing Artist im Widerspruch zu seiner persönlichen Unfähigkeit steht, sich anderen gegenüber emotional zu öffnen und somit seine Musik auch ein therapeutisches Medium für ihn darstellt.
Mit ihrer Hauptband Gurr begeisterte Laura Lee noch auf dem letzten Reeperbahn Festival zum wiederholten Mal die Fans - bis Kollegin Andreya Casablanca von der Bühne stürzte und sich verletzte. In diesem Jahr spielte Laura Lee nun mit ihrem aktuellen Projekt, der Power-Pop-Band Jettes auf. Ursprünglich gegründet zusammen mit Melody Connor als Duo mit Laura Lee als singender Drummerin gegründet, haben sich die Vorzeichen zwischenzeitlich geändert: Connor hat sich zu Gunsten seiner Solo-Aktivitäten aus dem Line-Up verabschiedet und Laura Lee wechselte als alleinige Front-Person nun an die Gitarre. Das, was die Musik von Jettes auszeichnet - so Laura Lee -, fasste der Spiegel zusammen mit dem Label: "Null Innovation aber viel Energie". Und so präsentieren sich Jettes auch auf der Bühne: Ein knackiger, Riff-orientierter Power-Pop-Garage-Rock Hit jagt den nächsten. "Wenn ihr nach einer Band sucht, die den Rock'n'Roll neu erfunden hat, seid ihr bei uns an der falschen Adresse", freute sich Laura (merkwürdigerweise auf Amerikanisch. Nun ja - das Reeperbahn Festival ist ja theoretisch immer noch international.)

Die Berliner Songwriterin Novaa hatte gerade passend zum Festival ihr zweites Album "The Futurist" veröffentlicht. Die junge Dame, die weiland ihrer Musik das Label "organische Elektronik" zuwies (und sich auch nach wie vor als gut beschäftigte Gast-Vokalistin auf dem E-Pop-Sektor tummelt), stellt bei ihrem aktuellen Projekt nun aber ganz deutlich den Songcharakter in den Vordergrund und trug ihre melancholischen Pop-Balladen dann beim N-Joy Reeperbahn-Bus dann auch - hochkonzentriert und mit geschlossenen Augen - rein organisch mit Gitarre und Piano vor.

Die in Berlin ansässige Norwegerin Tuva Hellum Marschhäuser hatte ihr Projekt Tuvaband - trotz des Namens - zunächst als Solo-Unternehmen aufgezogen und im ambientmäßig ausgerichteten E-Pop-Setting angerichtet. Bereits mit der Veröffentlichung der zweiten LP "I Entered The Void" wurde dann aber deutlich, dass Tuva noch einiges in Petto hatte. Auf dem Reeperbahn Festival präsentierten sich Tuva und ihre bis auf den Drummer weibliche Besetzung nun bei den Anchor-Shows im Nochtspeicher tatsächlich als Band-Projekt. Elektronik spielte nur noch eine untergeordnete Rolle. Stattdessen gab es Folkpop skandinavischer Prägung und - dank Gitarristin Caroline Blomqvist (die selbst in Berlin ihr Projekt Minru betreibt) hin und wieder sogar eine ordentliche Portion Rock-Drive mit leicht psychedelischer Note. Tuva selbst als Performerin scheint dieses Setting zu liegen, denn heutzutage versteckt sie sich nicht mehr (wie früher) hinter einem Keyboard, sondern präsentiert sich selbstbewusst als leicht schillernde Frontfrau. Für viele war dieser Gig eine jener angenehmen Überraschungen, die das Reeperbahn Festival gemeinhin auszeichnen.

Ähnliches galt auch für die (sich nach der Lüftung des Nochtspeicher) anschließende Anchor-Show der französischen Durchstarterin Suzane. Viel braucht Océane "Suzane" Colom nicht, um ihre unterhaltsamen Club-Hits im Chansonformat (doch, so etwas gibt es!) mit ihrer atemberaubenden Bühnenpräsenz und keinen Widerspruch duldendem Selbstbewusstsein zum Leben zu erwecken. In der Tat war die Bühne bis auf ein kleines Steuergerät leer und es oblag Suzane, mit ihrer körperbetonten, humorigen Dancefloor-Bühnenshow das Publikum auf ihre Seite zu ziehen. Dabei lieferte mit der Textzeile "Ta vie en scène, elle en devient obscène, obscène" ("Dein Leben auf der Bühne wird obszön") aus ihrem Song "Monsieur Pomme" - bei dem es eigentlich um die Instragram-Sucht geht - eine schöne Allegorie für die Corona-bedingte Live-Situation. Als besonderes Bonbon ließ sie sich von dem Wuppertaler Rapper Horst Wegener bei dem Song "Il est où le SAV" ("Wo ist der Kundenservice!") mit einem Rap auf Deutsch unterstützen - vielleicht auch, um die im November anstehende, für den deutschen Markt optimierten Debüt-LP "Toï Toï" anzukündigen.

Als einer der wenigen größeren Clubs war das Grünspan als Spielstätte eingebunden. Hier spielte Dominique Dillon de Byington dann ein anrührendes Abendkonzert. Obwohl sie ja nun schon hinreichend RF-Erfahrung hat und 2017 sogar in der Elbphilharmonie aufgetreten war, schien sie aufgrund des sparsamen Settings - alleine, am Klavier sitzend - ziemlich überwältigt von der Situation. "Ich bin so nervös, dass ich mich jetzt bestimmt dauernd verspiele", kündigte sie die Show mit einer der wenigen ans Publikum gerichteten Ansagen an. Das tat sie dann zwar auch gelegentlich - aber gerade das machte die Show auf einem menschlichen Level äußerst sympathisch. Nun geht es bei Dillon ja auch weniger um instrumentale Fingerfertigkeiten, als vielmehr um Klänge und Emotionen. Und diese kamen - im akustischen Piano-Setting, das nur von wenigen elektronischen Impulsen begleitet wurde - deutlich effektiver zum Tragen als z.B. über die bis zum Abstrakten ausgereizten klanglichen Experimente ihrer letzten LP "Kind". Ihre EP "When Breathing Feels Like Drowning" aus dem letzten Jahr - von der sie dann auch einige Tracks spielte - schien eher die Grundlage für diese wirklich schöne Show gebildet zu haben.

Der letzte Festivaltag begann mit einer Show des Berliner Pop-Duos Children auf der Fritz-Bühne. Laura Daede und Steffi Frech hatten schon am Tag zuvor für eine Show mit ihrem Gitarristen beim N-Joy Reeperbus vorbei geschaut - und bereits dort Bekanntschaft mit den Coronoa-Beschränkungen gemacht. Denn Laura, die bei einigen Songs Querflöte spielt, musste dort nämlich hinter einem Plexiglas-Spuckschutz spielen. Zum Glück war das bei dem Set, das sie dann am Samstag auf der Fritz-Bühne - und auch bei dem Abend-Konzert auf dem Lattenplatz beim Knust - nicht mehr notwendig. Hier wie dort spielten die jungen Damen, die ihre Fans gerne mit "Dear Hippies" anreden, dann auch Sets mit der kompletten Band. Das schöne an der unterhaltsamen, organischen Pop-Musik des Duos ist, dass die Musik (so Steffi) "gar nichts besonderes will". Was sie will, ist einfach unterhalten, gefallen, amüsieren und Lebensfreude ausdrücken. Und das tut sie dann auch. Und zwar auf eine zwar mitreißende, aber unaufdringliche Art und Weise. Was bei den Konzerten auf dem RF dann noch auffiel, war, dass die auf dem Album noch zur Hälfte versammelten, englischsprachigen Songs gegenüber den eigentlich spannenderen, auf deutsch gesungenen Titeln (oder jenen, bei denen die Sprachen gemischt sind) in den Hintergrund traten. Die Mädels sind jedenfalls auf dem richtigen Weg!

Zu einem regelrechten Schlüsselerlebnis des diesjährigen Reeperbahn Festivals geriet im Folgenden der Auftritt des Chemnitzer Trios Blond (mit dem Children übrigens gerade erst zusammen gearbeitet haben) auf der Festival Village Stage. Denn Lotta und Nina Kummer und ihr Kumpel Johann Bonitz hatten sich allerlei Sachen überlegt, wie man die Corona-Beschränkungen wenigstens ein bisschen aushebeln könnte. So waren auf dem Festival Tanzen und Mitsingen ja eigentlich behördlich untersagt. Deswegen deklarierte Lotta die Show kurzerhand zu einer Aerobic-Veranstaltung um (was ja nicht verboten war) und regte an, abwechselnd mit dem Oberkörper und dem Unterkörper zu zappeln, um auf diese Weise das Tanzverbot subversiv zu umgehen. Die Damen selbst machten dann entsprechende Körperübungen vor und als dann noch zwei Tänzer hinzugerufen wurden, wurden diese schlicht als Pantomimen gelabelt. Man kann ja zu der zuweilen hahnebüchen wuseligen und stilistisch vollkommen unverantwortlich zusammenkombinierten Pop-Musik der Debüt-LP "Martini Sprite" stehen, wie man will: Aber peformerisch mischten Blond ganz vorne mit, was den Unterhaltungsfaktor und die Publikumseinbindung betraf.

Als eine der wenigen Acts widmete sich die Niederländerin Eefje de Visser in diesem Jahr dem klassischen Songwriter-Setting. Die Anchor-Aspirantin aus Ghent wurde zwar im Vorfeld als Synthie-Pop-Act angekündigt (was durch ihre Studioproduktionen in gewisser Weise auch gerechtfertigt werden könnte), trat aber etwa beim N-Joy Reeperbus in einem rein akustischen Setting als Kopf eines Gesangstrios auf, um die Songs ihres soeben erschienenen, vierten Albums "Bitterzoet" eher in einem klassischen, harmoniebetonten Folkpop-Format zu präsentierten. Das Besondere ist dabei, dass Eefje ihre Songs konsequent auf Holländisch präsentiert - was sich bemerkenswerterweise aber überhaupt nicht irritierend auswirkt. Alleine aufgrund der Qualität der sorgsam komponierten Songs war das ein Fest für Freunde gediegenden Songwritings.

Auf der Festival Village Stage präsentierte im Folgenden der mittlerweile auch schon zum Urgestein zählende Hamburger Liedermacher Niels Frevert insbesondere die Songs seines aktuellen Albums "Putzlicht". An die Musik seiner alten Band Nationalgalerie erinnert heutzutage nur noch wenig - aber es muss attestiert werden, dass Frevert mit seiner Band in Hamburg eine bemerkenswert bühnenfüllende, druckvolle Show inszenierte, die das, was er mit seinem Album "Putzlicht" produktionstechnisch bereits versprach, in vollem Umfang einlöste. Die ungewohnte Opulenz geriet dabei aber nicht zum Selbstzweck, sondern zur Basis für die Geschichten, die Frevert mit stoischer Nonchalance zum Leben erweckt. Zum besonderen Highlight geriet dabei der Auftritt eines weiblichen Bläser-Duos rechtzeitig zum Titeltrack, der dem Ganzen noch mal ein Putz- äh Glanzlicht aufsetzte.

Leider nur einen Auftritt auf dem Festival (und dann auch noch ausgerechnet auf der Fritz-Bühne) absolvierte das international besetzte Berliner Schrammelpop-Trio Shybits. Sänger und Gitarrist Liam aus England, Drummerin Meg aus Südafrika und Bassist Piero aus Italien haben es sich ohrenscheinlich auf die Fahne geschrieben, ihre ansteckend gute Laune in Form munter dahinpolternder, irgendwie sommerlich angehauchter, und mit großer Begeisterung lebhaft dargebotener Power-Pop-Songs auszuleben. Das funktionierte auch ansatzweise recht gut - hätte allerdings entweder mehr Nähe zum Publikum oder eine größere Bühne benötigt, um seine volle Wirkung entfalten zu können.

Den Festival-Schlusspunkt im legendären Knust setzte schließlich die in Berlin ansässige Künstlerin JJ Weihl, die als Berufsbezeichnung "Computer Technologist at Discovery Zone" auf ihrer Facebook-Seite angibt. Die besagte Discovery Zone ist dabei das aktuelle Musikprojekt JJs, die ansonsten auch in der Band Fenster tätig ist. Bei Discovery Zone geht aber um mehr als einfach ein weiteres Outlet für JJs Musik. Discovery Zone ist angelegt als multimediales Projekt, bei dem JJ ihre Songs mittels selbst erstellter, aufwendig produzierter Videos und Back-Projektionen, zu denen sie simultan performt visualisiert. "Ich rede nicht viel, weil ich schüchtern bin", erklärte sie eingangs ihrer Show - freute sich dann aber doch, als es ihr mühelos gelang, das Publikum unerwartet zum Mitklatschen zu bewegen. JJ präsentierte ihre angenehm eingängigen, aber keineswegs banalen Glam-E-Pop-Songs ganz alleine - mit einem Theremin, einer digitalen Gitarre, einem Mini-Keyboard und einem kleinen Gadget, mit dem sie ihre Stimme manipulierte und diverse Backingtracks triggerte. In diesem Sinne machte sie ihrem Projektnamen alle Ehre.

Als Fazit des gesamten Festivals lässt sich sagen, dass das Corona-Konzept konsequent implementiert wurde und somit das Ganze zu einem erfolgreichen Abschluss geführt werden konnte, der letztlich aufzeigte, was mit echter Live-Musik momentan überhaupt noch möglich ist. Es wäre jedoch zu hoffen, dass die Entwicklung irgendwann wieder "normale" Live-Shows ohne Einschränkungen möglich macht - und diese Einschränkungen nicht etwa nach dem Motto "seht ihr, es geht doch auch so" etwa gar bestehen bleiben. Denn eines ist klar: Geld lässt sich auf diese Weise nicht verdienen und weder die wirtschaftlichen, noch die kulturellen oder gar spirituellen Bedürfnisse von Musikern, Publikum und auch den Veranstaltern lassen sich unter diesen Umständen hinreichend befriedigen.

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Surfempfehlung:
www.reeperbahnfestival.com
www.facebook.com/reeperbahnfestival
twitter.com/reeperbahn_fest
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www.youtube.com/user/ReeperbahnFestival
www.arte.tv/de/arte-concert/neueste-videos/?genres=pop-rock
www.youtube.com/watch?v=TFxhbem_4_E
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
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