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Konzert-Bericht
 
Es geht um die Musik

Sophie Chassée
Bastian Hohnke/ Hanna Schwalbach

Krefeld, Kulturfabrik
03.10.2020

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Sophie Chassée
Herantasten an die neue Normalität: Mit dem Ende der Open-Air-Saison rauchen bei vielen Veranstaltern die Köpfe, in welchem Rahmen Konzerte in den kommenden Monaten auch drinnen möglich sein können. Auch die Kulturfabrik in Krefeld hält dieser Tage des Öfteren die Zehen ins Wasser und testet ihr - im Vergleich zu vielen anderen Locations - wirklich durchdachtes Hygienekonzept auf seine Alltagstauglichkeit. Am ersten Oktoberwochenende fand nun im großzügig bestuhlten großen Saal ein kleiner, feiner Singer/Songwriterabend mit drei Künstlern vom Niederrhein statt, der uns nach vielen in der Vergangenheit verpassten Chancen endlich einmal die Gelegenheit gab, die großartige Sophie Chassée live auf der Bühne zu erleben.
Den Anfang macht Hanna Schwalbach, der Generation You-Tube auch als Hanna Sings und eine Hälfte des Duos April Lawine bekannt. Vor vier Jahren bereits gewann die junge Lokalmatadorin den Krefelder Singer-Songwriter-Slam, in der Kufa dagegen erfahren wir vor allem, was in der Zwischenzeit passiert ist - und das geradezu buchstäblich. Den Stoff für ihre Lieder pflückt Hanna nämlich gewissermaßen direkt aus ihrem Tagebuch und rückt mal mit deutschen, mal mit englischen Texten alle erdenklichen Coming-of-Age Themen in die Fokus und betrachtet die Welt durch die Brille - no pun intended - einer 20-Jährigen. So klar der textliche Rahmen abgesteckt ist, so flexibel ist Hanna musikalisch. Obwohl sie bei diesem Auftritt im Troubadour-Modus neben ihrer feinen Stimme nur eine Akustikgitarre zur Verfügung hat, schlägt sie klanglich einen großen Bogen von Punkrock-Wucht ("Personal Hell") zurück bis zu Fingerpicking-Folk ("Klassik"). Letzterer Song entpuppt sich als der heimliche Hit des 45-Minuten-Sets und sorgt im Publikum für so viel Begeisterung, dass sie ihn bei der Zugabe kurzerhand noch einmal spielt - und es sogar schafft, in dieser Version die Kulturfabrik in den Text einzubauen… Gerade anfangs noch sympathisch nervös, aber sichtbar stolz, in der Kufa auftreten zu dürfen - und dann gleich im großen Saal! - beweist sie mit zwei Coverversionen, dass ihre Lieder alle vom Hier und Jetzt handeln mögen, ihre musikalischen Favoriten dagegen schon weit vor ihrer Zeit aktiv waren. Zuerst spielt sie ihren absoluten Lieblingssong, "Hotel California" von den Eagles, und beweist dann ihren guten Geschmack, als sie sich für den Schluss den schönsten Song der besten Band der Welt (also "Just Like Heaven" von The Cure, falls jemand die letzten 33 Jahre auf einer einsamen Insel gelebt hat) aufgehoben hat. Ein prima Auftakt!

Bastian Hohne ist sogar noch ein Jahr jünger als Hanna, punktet aber praktisch von dem Moment an, als er die Bühne mit seiner Akustikgitarre betritt, mit famoser Lässigkeit. Weil er es am Vorabend nach eigener Aussage etwas übertrieben hat, sind gleich zwei Vorhaben - den kompletten Auftritt im Stehen und mit ausschließlich selbst geschriebenen Liedern zu bestreiten - schon vor dem ersten Lied Geschichte. Stattdessen gibt's, sitzend, passenderweise Ed Sheerans "The Drunk" zum Einstieg. Auch für Bastians eigene Lieder ist Sheeran oft eine wichtige Inspiration, sei es in puncto Songwriting-Stil oder für den fließenden Übergang von klassischen Singer/Songwriter-Tugenden zu unverhohlen eingängiger Popmusik, wenngleich er stimmlich bisweilen eher ein wenig an David Gray erinnert. Ähnlich wie Hanna bewältigt auch Bastian sein Leben mit seinen Liedern und singt über die Fallstricke des Erwachsenwerdens, von der ersten Liebe in der Ferne ("Love Over Distance"), von Mädchen, die nie lächeln ("Smile"), vom Tod seines Großvaters ("Remember Me"), aber auch eine augenzwinkernde Ode an eine Flasche Bier ("You") ist vertreten. Dabei weiß er mit melancholisch-balladesken Nummern genauso zu überzeugen wie mit ohrwurmigen Uptempo-Songs und bringt seine Gedanken auch bei den Ansagen zwischen den Songs charmant auf den Punkt. Am Ende hört er auf, wie er angefangen hat (oder wie er es ausdrückt: "Zum Schluss spiele ich noch was, das ihr alle kennt"). Einigen textlichen Unsicherheiten zum Trotz ist Cat Stevens "Father And Son" dann das i-Tüpfelchen.

Sophie Chassée beschreibt ihren Sound selbst als "Sophisticated Music", und das ist mehr als nur ein smartes Wortspiel mit ihrem Namen. Hatten Hanna und Bastian den Klang ihrer Instrumente vor allem dazu genutzt, ihre Texte zu akzentuieren, füllt die ursprünglich aus Mönchengladbach stammende Musikerin mit ihrem fabelhaften Modern-Fingerstyle-Gitarrenspiel vom ersten Ton an den großen Saal der Kufa bis in die letzte Ritze und sorgt gleich mit dem Opener "Haunting Shadow" spätestens beim perkussiven Mittelteil für ungläubiges Staunen und den ersten von vielen Gänsehaut-Momenten. Eigentlich ist Sophies Genre eine Domäne von Herren in den besten Jahren, die nicht oft vor die Tür kommen und sich ihr Können in mühseliger, jahrzehntelanger Kleinarbeit angeeignet haben. Sophie dagegen ist gerade einmal 23, und auch wenn sie ihr erstes Album bereits 2013 veröffentlicht hat und inzwischen Musik studiert, ist es gar nicht so einfach zu begreifen, wie jemand in solch jungen Jahren als Instrumentalistin so gut sein kann. Ähnlich wie die nur zwei Jahre ältere Molly Tuttle auf Bluegrass-Terrain verlässt sich auch Sophie allerdings nicht allein auf ihre Fähigkeiten als filigrane Gitarrenvirtuosin auf den Spuren von John Mayer, Andy McKee oder Ben Howard. Statt sich ausschließlich auf Instrumentalnummern zu verlegen, vertont sie mit einem Hauch Melancholie Episoden und Momentaufnahmen aus ihrem Leben und hüllt dabei ihre mit sanfter Stimme gesungenen englischsprachigen Texte in warmtönen Wohlklang. Dabei scheut sie an den richtigen Stellen auch vor poppiger Eingängigkeit nicht zurück, wie beim wunderbar leichtfüßigen "City Lights", einem von gleich einer Handvoll verheißungsvollen Ausblicken auf ihr viertes Album, das derzeit beim Mastering ist und mit ein wenig Glück noch in diesem Jahr erscheinen wird.

Beeindruckend ist allerdings nicht nur, was Sophie macht, sondern nicht zuletzt auch, wie sie es tut. In Zeiten, in denen Musik immer mehr auf Profit ausgerichtet ist und für manche Musiker bisweilen nur ein Mittel zum Zweck zu sein scheint, um in die nächste Steuerklasse aufzusteigen, präsentiert sich Sophie an diesem Abend als Musikerin aus Leidenschaft, die viel Herzblut in ihr Tun steckt und dabei trotz eines gesunden Selbstbewusstseins stets bedacht, ja, bescheiden erscheint. Ihr Können an der Gitarre setzt sie - anders als viele ihrer männlichen Kollegen - nie als Gimmick ein, und auch wenn sie sich in den ausgiebigen Stimmpausen ans Publikum wendet, trifft sie stets den richtigen Ton, ganz egal, ob sie begeistert von ihrer brandneuen, speziell für sie angefertigten Lakewood-Gitarre erzählt, die an diesem Abend ihre Konzertpremiere feiert, über kitschige Liebeslieder scherzt oder freimütig Probleme mit dem sexistischen Produzenten thematisiert, mit dem sie ursprünglich ihr neues Album - treffenderweise "Lesson Learned" betitelt - aufnehmen wollte, bevor sie die Reißleine zog. Als der Auftritt nach knapp einer Stunde mit einem letzten neuen Highlight ("Friend Zone") endet, steht fest: Gäbe es Sophie nicht schon, man könnte sie kaum besser erfinden.

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Surfempfehlung:
www.sophiemusic.de
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www.instagram.com/__sophiemusic__
www.instagram.com/bastian_hohnke.music
www.instagram.com/hanni.sings
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
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