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Konzert-Bericht
 
Premiere im Grünen

Silly Boy Blue
Kuoko

Oberhausen, Open Airea
15.07.2021

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Silly Boy Blue
Neue Adresse, unveränderte Ambitionen. Nach fünf feinen Konzerten im Innenhof von Schloss Oberhausen haben die Indie Radar Ruhr Open Airs für den Rest dieses ungewöhnlichen Konzertsommers nun nur wenige Hundert Meter weiter auf dem Gelände des Open-Airea-Skateparks im Kaisergarten ein neues Zuhause gefunden. Statt auf Klappstühlen auf Pflastersteinen sitzt das Publikum nun auf Gartenstühlen auf der grünen Wiese, aber sonst ist alles beim Alten, wenn hier in den nächsten zwei Wochen Some Sprouts, Fotos, CATT, Max Prosa und viele mehr auf der Bühne stehen. Den Auftakt allerdings machen zwei Electro-Pop-Shootingstars: Die Hamburgerin Kuoko, die gerade auf ihre erste LP hinarbeitet, und die Französin Silly Boy Blue, die mit "Breakup Songs" vor wenigen Tagen ihr erstes Album veröffentlicht hat. Zugegeben, richtig voll will es auf dem Open-Airea-Gelände an diesem Donnerstag nicht werden, doch das liegt weniger an den beiden Künstlerinnen als an den sintflutartigen Regenfällen, die in den Tagen zuvor halb NRW unter Wasser gesetzt haben.
Den Anfang macht Jasmina Quach alias Kuoko, die es ausgerechnet während der Pandemie mit den Tracks "Hiding In The Dark" und "No Silence" zur Klickmillionärin auf Spotify gebracht hat und auch in Oberhausen mit ihren beeindruckend minimalistischen E-Pop-Kleinoden faszinieren kann. Ebenso reduziert wie ihr Sound ist auch ihr - immerhin blumenverziertes - Set-up, das sich auf ein Laptop, einen Ableton-Midi-Controller und wenig mehr beschränkt und dafür sorgt, dass die Aufmerksamkeit oft allein auf Jasminas Gesangs- und Tanzperformance konzentriert ist. Dabei wird schnell deutlich, dass sich die Allroundkünstlerin mit vietnamesischen Wurzeln inzwischen von ihren melancholisch-nachdenklichen, oft etwas verträumt wirkenden Frühwerken zu spürbar mehr Realismus vorgearbeitet hat - ein Weg, den allein auch schon die Titel ihrer beiden EPs, "Lost Woods" (2018) und "Reality Check" (2020) treffend illustrieren -, dennoch begeistert sie am meisten, wenn sie sich einen Schritt weit von ihrem Sendungsbewusstsein und den untrennbar mit ihrer eigenen Biografie verbundenen Themen entfernt. Der Höhepunkt des Sets - das könnte sich kein Promoter besser ausdenken - ist deshalb das ruhige "Cybercreeping", das wenige Stunden nach dem Auftritt als ihre neue Single erscheint.
Den Namen für ihr Projekt Silly Boy Blue hat sich Ana Benabdelkarim bei David Bowie ausgeliehen, musikalisch dagegen ist sie eher zwischen Angel Olsen, Lana Del Ray; Billie Eilish und Fever Ray zu Hause, wenn sie post-adoleszente, zerbrechliche Gefühle in energetische Electro-Pop-Nummern mit unverkennbarem 90s-Flair verpackt. Mit dieser Melange rennt sie nun schon eine ganze Weile überall offene Türen ein, was ihren Songs nicht nur beachtliche Zugriffszahlen in den Steaming- und Videoportalen eingebracht hat, sondern auch dazu geführt hat, dass ihr LP-Erstling in Frankreich bei einem Majorlabel erschienen ist. Eigentlich müsste die 25-jährige Künstlerin ein bisschen Rummel also gewohnt sein, beim Gastspiel in Oberhausen ist sie dennoch herrlich aufgeregt. Nicht nur, dass sie extra für den Auftritt aus Paris eingeflogen ist (und dabei prompt ihr Merch vergessen hat), sie steht an diesem Abend zum ersten Mal vor einem Publikum auf der Bühne, das ihre Muttersprache nicht beherrscht, und auch wenn sie die Herausforderung, erstmals auf Englisch durch ihr Programm zu führen, ohne größere Probleme meistert und sogar das Setting im Kaisergarten lobt - "In Paris sehe ich nicht viel Grün!" -, ist ihre nervöse Energie doch ein willkommener Kontrast zu der betonten Coolness, mit der Jasmina zuvor zu Werke gegangen ist.

Wie schon beim Set von Kuoko kommt auch bei Silly Boy Blue ein Großteil der Sounds aus der Konserve, was Anas Performance trotz expressiver Mimik und der unwiderstehlichen Eingängigkeit vieler ihrer Lieder auf der großen, fast komplett leeren Bühne bisweilen etwas statisch erscheinen lässt. Die bemerkenswertesten Nummern sind deshalb die "handgemachten" Lieder, bei denen sie auf echtes Instrumentarium zurückgreift, etwa, wenn sie sich gleich zu Beginn am E-Piano mit ihrem sanften Hit "Hi, It's Me Again" vorstellt, bei dem sie fast ein wenig an die große Lisa Germano erinnert, oder wenn sie später bei "Lantern" und "Creepy Girl" zur Stromgitarre greift und dabei beweist, dass sie all das elektronische Beiwerk gar nicht braucht, wenn sie mit punkigem Unterton rohe Emotionen verarbeitet. An das Frühwerk "Cecilia" schließt sich "Cecilia Part II" an, oder wie Ana es lachend ausdrückt: "Da gab es noch mehr zu sagen, also habe ich einen zweiten Teil geschrieben!" Doch auch wenn sich die meisten ihrer Lieder passend zum Albumtitel um "Crushes and Crashes" aus Anas Leben drehen und die Texte bisweilen direkt aus ihrem Tagebuch gepflückt zu sein scheinen, ändert sie für einige Songs auch die Perspektive, etwa wenn sie bei "Goodbye" die befreiende Wirkung einer Trennung beschreibt, wenngleich auch hier die Melancholie, die die meisten ihrer Lieder umweht, spürbar ist. Eigentlich will sie dann mit "200 Lovesongs" aufhören, doch weil das kleine, aber feine Publikum die Zugabe sogar auf Französisch (!) einfordert, lässt sich Ana sichtbar gerührt noch zu einer letzten Nummer überreden. "Oh Please" steht so ganz am Ende, doch eines ist sicher: Dies war Anas erster Auftritt in Deutschland, aber bestimmt nicht ihr letzter.

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Text: -Simon Mahler-
Foto: -Simon Mahler-

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Mehr über Silly Boy Blue:
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Mehr über Kuoko:
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