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Ein laues Lüftchen

Luwten

Köln, Bumann & Sohn
21.07.2021

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Luwten
Ein laues Lüftchen wehte am 21.07.2021 insofern durch den Kölner Bumann & Sohn-Club, als dass im Rahmen der Pandemie-Bewältigungsstrategie der Club sozusagen umgekrempelt worden war: Die Bühne war in den Hinterhof des Geländes verfrachtet worden (in dem früher die Band-Busse parkten), das mittels einer Deckenkonstruktion für die Sommersaison somit in einen überdachten (und bestuhlten) Open-Air-Bereich verwandelt worden war. Chapeau - denn besser hätte man das nicht machen können!
Die Sache mit dem Wind hatte aber noch einen anderen Bezug, denn zu Gast im heimeligen Ambiente war die Niederländerin Tessa Douwstra mit ihrer Band. Besser bekannt ist Tessa indes unter ihrem Künstlernamen Luwten - und jetzt wird es kompliziert: "Luwten" ist die niederländische Bezeichnung für die windabgewandte Seite, die in der deutschen Seemannssprache aber "Lee" heißt und nicht etwa "Luv". Damit nicht genug: Luwtens zweite LP heißt "Draft" - und damit ist wieder ein Luftzug gemeint. Freilich kann das auch "Entwurf" bedeuten. Kurzer Rede langer Sinn: In der Musik von Luwten ist offensichtlich nichts so, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Der Besuch in Köln war dabei eine Premiere von Tessa und ihrer Band, denn es handelte sich nicht nur um ihren erstes Gastspiel in der Domstadt, sondern auch um das erste Konzert in Deutschland - bzw. sogar das erste außerhalb der niederländischen Landesgrenzen, wie sie bei einer ihrer Ansagen erwähnte. Nachdem es zunächst so schien, als interessierte sich kaum jemand für die Musik von Luwten, kam man auf die Idee, den Einlass vom etwas zu gut getarnten Eingang zum Hofgelände in den gut frequentierten Biergarten zu verlegen - wodurch dann doch ca. 30 Besucher angelockt werden konnten.

Luwten selbst bezeichnete ihre Musik ein Mal als "Abstrakt-Pop" - was ein bisschen irritierend ist, denn den Zuhörer erwartet keineswegs steril zusammenkonstruierte Math-Mucke, sondern - insbesondere im Live-Kontext - zwar komplex konstruierte, aber ungemein lebendig interpretierte, moderne Pop-Musik, die sich aus einem gut austarierten Mix aus elektronischen und organischen Bestandteilen und geschickt gestaffelten Vokalarrangements zusammensetzt. Luwten selbst spielte fast während des gesamten Sets Gitarre und überließ es dann ihren brillanten Musikern, den Dschungel aus Samples, Loops, akustischen und elektronischen Live-Instrumenten, Vocals und Effekten zu entwirren. Das gelang unter anderem dadurch, dass sich alle drei Musiker - Keyboarderin Shana Bossmann, Bassist Ralf Pouw und insbesondere Drummer Joost Wesseling nicht nur auf ihr Kerngeschäft beschränkten, sondern als musikalische "Multitasker" und Backing-Sänger betätigten.

Das Programm begann Luwten mit "Draft" und "Haircut" - einigen zurückhaltend und auf die Stimmen konzentrierten Tracks von ihrem neuen Album - und wagte es erst nach dem dritten Track, sich ans Publikum zu wenden. Spätestens da war aber das Eis dann gebrochen und weiter ging es mit einigen lebhaften Tracks von ihrem ersten, selbstbetitelten Album und der EP "Doors". Hier gefiel dann, wie insbesondere durch den gemeinsamen Gesang und das lebhafte Zusammenspiel sowohl die melodischen Aspekte von Tracks wie "Element Of Surprise", "Full Well" oder "Control" herausgearbeitet wurden, wie auch der Charakter der Songs druckvoll verändert wurde. Interessant war dann noch, dass die auf "Draft" zuweilen implementierten R'n'B-Aspekte von Tracks wie "Airport", "Standstill" oder "Sleeveless" weit weniger deutlich zum Vorschein kamen - was aber durchaus förderlich erschien, da so das Ohrenmerk auf die Song-Qualitäten und nicht der Sound gerichtet wurde - gleichwohl Joost Wesseling alles daran setzte, mit seinem unglaublich vielseitigen Spiel und gleichzeitiger Verwaltung der zahlreichen Soundbanks und Samples alle produktionstechnischen Features auch in das Live-Spiel einzubinden.

Aufgrund der Pandemie-Beschränkungen konnte das Konzert am Ende natürlich nicht in eine Party ausarten - auch wenn das ganze Spiel deutlich lebhafter als auf den doch sehr kontrollierten Studioproduktionen rüberkam. Es wäre aber vermutlich auch nicht im Sinne der performerisch eher zurückhaltend agierenden Tessa gewesen, hier als Animateurin agieren zu müssen. Tessas Interessen liegen nämlich woanders: Sie interessiert sich für die zuweilen rätselhafte Entstehung von Songs. So erzählte sie etwa, dass der - solo vorgetragene - lyrische Titel "Call Me In" bei einem Aufenthalt in einer ehemaligen Heilanstalt entstanden sei, als sie sich von dem Hall in den langen Gängen inspiriert sah. Ihr Interesse an diesem Thema und die Bedingungen im Lockdown habe sie zudem dazu inspiriert, eine Podcast-Reihe unter dem Titel "Drafts" ins Leben zu rufen, in der sie sich mit Songwriter-Kolleg(innen) wie beispielsweise Eefje de Visser oder Jade Bird über ihre gemeinsame Berufung diskutiert. (Nach einem deutschen Kollegen, mit dem sie sich unterhalten könnte, sucht sie derweil noch.)
Insgesamt überzeugte Luwten bei ihrem Besuch in Köln dadurch, dass es ihr und ihren Musikern gelang, das Material der Studioproduktionen durch das (notwendigerweise sehr exakte), lebhafte Miteinander tatsächlich auf ein ganz eigenes Level zu hieven. Ganz so, wie man das von guten, "echten" Live-Konzerten auch erwartet.

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Surfempfehlung:
luwten.com
www.facebook.com/luwten
soundcloud.com/luwten
luwten.bandcamp.com
www.instagram.com/luwten
www.youtube.com/watch?v=OggSJcmQw_8
www.youtube.com/watch?v=pJmjbzQrKLo
www.arte.tv/de/videos/101307-004-A/luwten-beim-festival-eurosonic-2021/
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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