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"Ich möchte heute von der Bühne gezerrt werden"

Bernd Begemann

Düsseldorf, Vier Linden
29.07.2021

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Bernd Begemann
Das war keine große Überraschung: In diesem ungewöhnlichen Konzertsommer war der unermüdliche Bernd Begemann einer der Ersten, der wieder die Pferde gesattelt hat und losgeritten ist. Sein Gastspiel im fast bis auf den letzten Platz besetzten Biergarten Vier Linden in Düsseldorf mag deshalb für viele der Best Ager im Publikum das erste Live-Konzert des Jahres sein, der altgediente Singer/Songwriter und Entertainer aus Hamburg hat dagegen schon viel erlebt: Einen Bühnensturz in Frankfurt etwa, als er erfolglos versuchte, den Graben zwischen sich und "dem sogenannten Volk" zu überwinden, oder ein Konzert in Bautzen, bei dem sein Vorschlag, dem coronagebeutelten Thekenpersonal in der Pause ordentlich Trinkgeld zu geben und auf diese Weise etwas vom Begrüßungsgeld weiterzureichen, offenbar missverstanden wurde. Sein Open-Air-Soloauftritt im Herzen des Düsseldorfer Südparks, umringt von viel Grün und nur einen Steinwurf von der Düssel entfernt, geht ohne nennenswerte Zwischenfälle über die Bühne, wenn man mal davon absieht, dass Begemann es schafft, 13 seiner 30 Songs erst nach der offiziellen 22:00-Uhr-Curfew zu spielen, oder wie er selbst augenzwinkernd kurz vor Ende sagt: "Ich möchte heute von der Bühne gezerrt werden!"
Dass dies ein prima Abend werden würde, steht eigentlich schon früh fest: Beim spät begonnenen Soundcheck unterhält Begemann das bereits wartende Publikum mit seiner Version des Walker-Brothers-Klassikers "The Sun Ain't Gonna Shine Anymore", das Introlied zur Show ist das göttliche "Give Him A Great Big Kiss" von den Shangri-Las, und als ersten Song auf der Gitarre spielt er dann ohne eine Miene zu verziehen ausgerechnet "Bleib Zuhause im Sommer". Als Mittel gegen die in Düsseldorf zuletzt rasant steigenden COVID-19-Inzidenzwerte vielleicht gar keine schlechte Idee! Sehr schnell wird auch klar, dass der "silberzüngige Teufel, der selbst die kleinen Vögelchen vom Baum runterquatschen könnte" (Begemann'sche Selbsteinschätzung), einen redseligen Tag hat und mit seinem charmanten Erwachsenenentertainment die Lachmuskeln seines Publikums ziemlich strapaziert. In den ersten 90 Minuten nehmen seine knackigen One-Liner und ausufernden Monologe mehr Platz ein als die Musik, ganz egal, ob es um das Für und Wider von "Dawson's Creek" oder technische Anweisungen geht ("Aus Egogründen würde ich mich gerne auf dem Monitor selbst lauter singen hören"), er geheimes Wissen in Partnerschaften als Einleitung zu seiner neuesten Mitmachnummer "Ich bin der weltweit führende Experte für Patricia Dombrowski" thematisiert oder als - Zitat - "moralisierender Wichser" fehlgeleitete politische Korrektheit aufs Korn nimmt. Dabei verpasst er zwar ein, zwei Mal die richtige Ausfahrt, doch selbst dafür hat er eine Erklärung: "Das hier wird anders als das [wenige Tage zuvor abgebrochene] Helge-Schneider-Konzert. Ich bewundere Helge, weil er merkt, wenn etwas nicht klappt. Ich hab das noch nie gemerkt."

Das ist ein wenig geflunkert oder gilt zumindest für den musikalischen Teil des Abends nur bedingt. Nach fast 30 Jahren als Solist hat der 58-jährige Tausendsassa inzwischen spürbar weniger Interesse daran, seine Zuschauer mit den ewig gleichen Songwünschen aus der Frühphase seiner langen Laufbahn zufriedenzustellen, hat aber dennoch ein gutes Gespür dafür, wann es mit den Liedern aus seinem Spätwerk reicht und mal wieder ein Klassiker fällig ist, an dem er genauso viel Freude hat wie die Menschen vor der Bühne. "Neulich auf der Orgie" gibt's deshalb im Tandem mit "Judith, mach deinen Abschluss", und auf "Am Ende des Tages" folgt "Fernsehen mit deiner Schwester", noch dazu in einer Endlosversion, die erst nach mehr als 15 Minuten austrudelt. Auch wenn die Publikumswünsche wie "Unten am Hafen", "Kein Glück im Osten", "Der brennende Junge" und (kein Scherz!) "Komm zurück, Olli Schulz" dieses Mal unerfüllt bleiben – ganz ohne die Lieder per Zuruf geht es natürlich auch im Vier Linden nicht. Auch hier pickt sich Begemann allerdings die Lieder heraus, die für ihn keine reine Pflichtaufgabe sind. So hat er offenkundig einen Riesenspaß daran, den Text von "Oh, St. Pauli" umzudichten - aus "Als ich vor zehn Jahren herkam, war ich ziemlich arm, jetzt bin ich immer noch arm" wird "Als ich vor fast 40 Jahren herkam, war ich ziemlich arm, jetzt bin ich… mittelarm" -, zumal ihm die Nummer die Gelegenheit gibt, zu seinem Song über das "Düsseldorf Hamburgs" überzuleiten. Es folgt - natürlich! - "Die Slums von Eppendorf", für das er seine feuerrote Gitarre gegen handgemachte Beats eintauscht.

Das Bemerkenswerteste des Abends ist allerdings die Extra-Dreiviertelstunde, die sich Begemann in unnachahmlicher Art ("Hier ist doch niemand, außer ein paar Teenagern, die sich im Gebüsch rumdrücken!") nach der offiziellen Sperrstunde selbst genehmigt, denn von einem eilig abgehandelten letzten Zuschauerwunsch ("Ute, vergiss das Jenseits") und einer kurz vor Ende eingestreuten Mitmachnummer ("Mein Powertier ist ein Gnu") abgesehen, gibt es in diesem "After-Hours-Teil" praktisch nur Lieder zu hören, die zu Herzen gehen, anstatt aufs Zwerchfell zu zielen, und Begemann von seiner oft vergessenen nachdenklichen, gedämpften Seite zeigen. "Wenn du mich dann liebst", "Sie werden wahnsinnig in diesen Häusern", "Ich stamme aus den Hügeln" und "In die Dämmerung mit dir" werden nur unterbrochen durch unerwartete Coverversionen von Ben E. Kings "Stand By Me" und das von Elvis populär gemachte "If I Can Dream", bevor Begemanns Fazit des Corona-Jahres, "Nach dieser dunklen Zeit", ganz am Ende des regulären Sets steht.
Auch die Zugabe gehört dann eher den leisen Tönen, wenn Begemann ohne PA am Bühnenrand "Was macht Miss Juni im Dezember" singt und danach mit "Wir werden tanzen" eines seiner ergreifendsten Liebeslieder aus der Versenkung holt - gewidmet einem anwesenden Paar, auf dessen Hochzeit er vor acht Jahren gespielt hat -, bevor er noch mal die iPod-Backingtapes anwirft und nach dem inbrünstig seelenvollen Herb-Alpert-Cover "This Guy's In Love With You" seinen knapp dreistündigen Auftritt mit einer loungigen Easy-Listening-Version von "Moon River" ausklingen lässt. Die ist romantisch, aber auch ein wenig nostalgisch, beschwingt und dabei doch melancholisch und am Ende doch vor allem eines: zeitlos gut. Ganz wie Bernd Begemann an diesem Abend.

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Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-

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