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Selfcare mit Seele

Joy Bogat

Düsseldorf, Stadtstrand | Tonhallenufer
30.07.2021

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Joy Bogat
In Pandemiezeiten ist alles ein wenig anders, und deshalb zieht der Stadtklang jetzt kurzerhand an den Strand um. Seit mehr als zehn Jahren steht der Name Stadtklang nun schon für feine, kleine Konzerte in und um Düsseldorf, mit denen - bei kostenlosem Eintritt - Newcomern und alten Favoriten von nah und fern und quer durch die Genres an oft ungewöhnlichen Orten in der Landeshauptstadt eine Bühne geboten wird. In diesem Jahr finden die Konzerte der äußeren Umstände wegen unter freiem Himmel am Düsseldorfer Stadtstrand im Schatten der Oberkasseler Brücke statt, wo zweckentfremdete Überseecontainer als Bar, Bühne und Tribüne dienen und in zwangloser Atmosphäre Strandmobiliar, Sonnenschirme, kühle Getränke und bis in den Oktober hinein nun freitags und samstags auch handverlesene Live-Acts zum Verweilen und Entspannen einladen. Das erste Highlight lässt dabei nicht lange auf sich warten, denn gleich am "Strandklang"-Auftaktabend bezaubert Joy Bogat das Publikum mit einem seelenvollen Alternative-R'n'B-Sound und versprüht dabei so viel positive Vibes, dass sich sogar die Schlechtwetterfront verzieht, die sich kurzzeitig zum Spielverderber aufschwingen will.
Das Wetter mag sich an diesem Tag nicht so richtig entscheiden: Von strahlendem Sonnenschein und Temperaturen um 25 Grad bis hin zu dunklen Wolken, peitschendem Regen und fiesen Windböen reicht die Bandbreite allein während der Konzertstunden. Fast könnte man allerdings glauben, dass das ganz gut zur Protagonistin des Abends passt, denn auch Joy Bogat macht gewissermaßen, was sie will, wenn sie oft entspannt, aber stets gefühlsintensiv klangliche Einflüsse aus Soul, R'n'B, Hip-Hop, Rap und Pop mit Singer/Songwriter-Tugenden zusammenfließen lässt und daraus Songs zaubert, die mindestens so abwechslungsreich sind wie das Wetter am Rhein'schen Strand. Die Kreativität der 25-jährigen Musikerin lässt sich auch daran ablesen, dass sie nach dem Aus ihrer Band Neotropic zwar erst kurz vor dem Lockdown im Frühjahr 2020 angefangen hat, Songs unter eigenem Namen zu schreiben und zu produzieren, dass in Düsseldorf aber dennoch bereits mehr Lieder aus ihrer im Herbst erscheinenden nächsten Platte auf ListenRecords auf der Setlist stehen als Nummern aus ihrer im vergangenen Jahr selbst veröffentlichten Debüt-EP "With Time".

Obwohl Joy das Gastspiel im Rheinland - übrigens ihr erster Auftritt unter eigenem Namen außerhalb ihrer Wahlheimat Hannover - ohne ihre Band bestreitet und sich die Multiinstrumentalistin, die sonst Gitarre, Bass und Klavier spielt, allein auf ihre Stimme, ihren Analog-Synthesizer und ein bisschen Begleitung aus dem Laptop verlassen muss, erleben wir kein statisches Knöpfchendreher-Konzert, sondern eine betont lebendige Performance. Die ist mindestens so echt wie Joys ungekünstelten Ansagen zwischen den Songs, bei denen sie Einblick in ihr Denken und ihre feinfühligen Texte über Zwischenmenschliches und Selbstfürsorge gibt und bisweilen durch ihre Wortwahl verrät, dass sie eigentlich aus Schleswig-Holstein stammt und nur ihres Musikstudiums wegen in Niedersachsen gelandet ist. Am Ende ist es genau diese nicht ganz leicht in Worte zu fassende Mischung aus Souveränität, Lässigkeit und der dennoch allgegenwärtigen Freude am eigenen Tun, die aus diesem Umsonst-und-draußen-Auftritt ein ganz besonderes Konzerterlebnis macht.

Doch so willkommen der Abwechslungsreichtum der Songs gerade im Live-Kontext auch ist: Die echten Highlights sind an diesem Abend die Lieder, bei denen Joy Zeitgeist, Produktionsgeschick, Rap-Parts und eher elektronisch geprägte Soundscapes hinter sich lässt und sich ganz auf ihr Können als Musikerin alter Schule konzentriert, etwa, wenn sie bei "Disappear" sogar auf die dezenten Beats der Studiofassung verzichtet und den Song damit ähnlich wie gleich anschließend "Left And Right" in die Nähe klassischer 70s-Soul-Balladen rückt. Dabei bringt die wirkungsvoll minimale E-Piano-Begleitung nicht nur Joys Stimme und die emotionale Tiefe der Lieder beeindruckend zur Geltung, sie versprüht auch gleich noch etwas Stevie-Wonder-Flair. Das gilt später auch für die hinreißende aktuelle Single "Slowly", die passend zum Titel von Entschleunigung und Joys im Lockdown entbrannte Begeisterung für Pflanzen handelt, ein Hobby, das ihr offensichtlich mehr Glück gebracht hat als einst Mr. Wonder seine Beschäftigung mit dem "Secret Life Of Plants". Gerade als sie mit "Space" ihr erstes Set beenden will, beginnt es zu tröpfeln, und nach Ende des Liedes (und zum Glück nicht früher) öffnet der Himmel dann seine Schleusen und macht aus der geplanten kurzen Pause, um Getränke zu holen oder sie wegzubringen, eine ziemlich lange Auszeit, denn nachdem sich die Unwetterwolken verzogen haben, streikt ob zu viel Feuchtigkeit auch noch die Elektrik auf der Bühne.
Dass trotz rund 75 Minuten Unterbrechung kaum ein Zuschauer nach Hause flüchtet, unterstreicht, wie großartig allein schon die erste Hälfte des Konzerts war, und Joy bedankt sich mit einem zweiten Teil, der genauso begeistert. Dafür sorgen nicht zuletzt die drei Songs, mit denen sie verheißungsvolle Ausblicke auf ihre bald erscheinende nächste Veröffentlichung gibt. Dabei kommt die Band zwar aus der Dose - sympathischerweise entschuldigt sie sich im Voraus dafür, anstatt diese "Mogelpackung" als Selbstverständlichkeit zu betrachten -, allerdings ist die Begleitung nicht am Computer zusammengestöpselt, sondern erfreulich handgemacht. Vor "My Intuition" verrät sie, dass die Nummer aus einer bis zum letzten Tag unerledigten Aufgabenstellung ihres Universitätsprofessors resultierte, und gelangt dabei mit viel Fantasie in drei Minuten von Sherlock Holmes zu einer Hymne auf weibliche Eingebungskraft, bevor sie ganz am Ende mit "On Everything" gleich drei Geschichten in einem Song erzählt und dabei von Fiktion zur eigenen Biografie vorstößt. Die stürmisch geforderte Zugabe muss sie danach nur deshalb ausfallen lassen, weil ihre Möglichkeiten im Solo-Setting restlos erschöpft sind. Spätestens da steht fest: Dies mag Joy Bogats erster Ausflug nach Düsseldorf gewesen sein, bestimmt aber nicht ihr letzter!

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Surfempfehlung:
joybogatmusic.com
www.facebook.com/joybogatmusic
www.instagram.com/joybogatmusic
joybogat.bandcamp.com
stadtklang.org
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-

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