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Lasagne im Haar

Albertine Sarges

Köln, Bumann & Sohn
09.08.2021

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Albertine Sarges
Wagemut wird gelegentlich also doch belohnt: Albertine Sarges und ihre Band The Sticky Fingers gehören zu der überschaubaren Schar von Musikern, die es gewagt haben, in Pandemie-Zeiten eine Tour zu buchen - und spielten im Kölner Bumann & Sohn dann tatsächlich auch vor einem vollen Haus (auch wenn dieses sich im überdachten Outdoor-Bereich hinter dem eigentlichen Club-Gebäude befindet). Das mag zum einen daran liegen, dass die Berliner Musikerin, die sich zuvor in diversen Elektronik-Projekten wie Itaca oder bei Holly Herndon und als Keyboarderin bei Kat Frankie engagiert hatte, mit der nach ihrer Band betitelten Debüt-LP "The Sticky Fingers" nach längerer Anlaufzeit ein solides Programm zum Vortrag anzubieten hatte - und zum anderen sicherlich auch an der vorauseilenden Mund-zu-Mund-Propaganda mit Bezug auf ihre spielfreudigen Freestyle-Show, die sie mit ihrem selbstgeschriebenen "Neo-Hippie-Psychedelia-Material" spätestens seit ihrem Debüt auf dem letztjährigen Reeperbahn-Festival im Rahmen des Anchor-Award-Wettbewerbes zu einem heißen Tipp in Sachen unterhaltsamer Live-Performance gemacht hat.
Um es kurz zu machen: Obwohl Drummer Robert Kretzschmar aus reisetechnischen Gründen (man tourte per Eisenbahn) zu Hause in Berlin bleiben musste, überzeugte Albertine mit ihrem aus den Multiinstrumentalistinnen Sharice Ruby Bennett (in dem Fall am Bass) und Lisa Baeyens (Querflöte, Keyboard und Space Echo) bestehenden Sticky-Fingers-Kerntrio auf der ganzen Linie. Das hatte viele Gründe - vor allen Dingen aber den, dass Albertine und ihre Mädels selbst tierischen Spaß an ihrem gemeinsamen Tun hatten und sich das dann mühelos auch auf das Publikum übertrug. Das Programm bestand dabei logischerweise aus den Songs des Albums sowie zwei älteren Nicht-LP-Tracks namens "Grauwind" und "Reflection“ und einem Cover des Elvis-Tracks "Love Me Tender". Gerade zu diesem Song hatte Albertine eine charmante Geschichte zu erzählen, denn das Stück war das Lieblingsstück ihrer verstorbenen Großmutter, für die sie eine eigene Version des Songs aufgenommen hatte, wobei sie die letzte Strophe ins Deutsche übersetzt hatte. Für diese Show wurde das Stück dann mit einem Space Echo psychedelisch aufgebohrt. Ein Space Echo ist ein altmodisches, analoges Echo-Effektgerät, das allerdings so groß ist, dass man es nicht mit auf Tour nehmen kann, so dass dieser Effekt dann von der auf dem Boden sitzenden Lisa mit einem elektronischen Effektgerät manuell simuliert wurde.

Aufgrund dessen, dass der Drummer eben nicht dabei war, wurden die Drum-Parts während des Vortrages über ein Steuergerät eingespielt. Ein großes Problem war das nicht, da die assoziativ und improvisatorisch angelegten Songs Albertines (bis auf Ausnahmen wie dem melodisch ambitioniert angelegten "Beat Again" oder dem auf Deutsch vorgetragenen "Stille") weniger auf üblichen Song-Strukturen oder gar durchgängigen Geschichten basieren, sondern eher auf spontan wirkenden Jam-Situationen und Stream-of-Conscious-mäßig hervorquellenden Lyrics. Da boten sich dann genügend Gelegenheiten, innerhalb der Stücke spielfreudig und improvisatorisch aufeinander einzugehen - wobei weniger Virtuosität, sondern die verspielten Grooves im Zentrum standen.

Eine Ausnahme bildete dann ein neuer Track, den Albertine & Co. auf dieser Tour noch nicht gespielt und demzufolge nicht geprobt hatten. Hier wurde dann das Publikum als stampfende, schnippende Rhythmus-Maschine eingebunden, die von Albertine mit Ansagen entsprechend ein- und ausgeschaltet wurde - denn dieser Track ist dann schon sehr ambitioniert strukturiert. Danach spielte Albertine Solo den älteren Song "Reflection" - von dem es übrigens eine spaßige Video-Version gibt, wo Albertine das Stück ebenfalls solo - aber zum Rhythmus einer im Hintergrund agierenden Teppichklopferin vorträgt.
Stilistisch einzuordnen ist das, was Albertine macht, ja eh nicht. Das macht aber auch nichts, da nicht nur die Musik, sondern auch Albertines amüsante, dadaistischen Texte so wirken, als seien sie jeweils spontan aus dem Moment heraus geboren. Dazu gehört auch, dass nicht alles, was Albertine zwischen Lasagne im Haar, feministischen Theorien, öffentlichen Toiletten, kleinbürgerlichen Achterbahnfahrten, Lebensmittelgeschäften am Kottbusser Tor, Gefriertruhen im Supermarkt, Garten der Sinne oder menschlichen Leuchttürmen zum Besten gibt, im Detail ganz ernst gemeint sein kann - gleichwohl Albertine im Allgemeinen schon berechtigte ernsthafte Anliegen wie etwa die Motivation zur Selbstverwirklichung vertritt.

Man muss ja auch nicht alles verstehen, was Albertine sagt und macht - wichtig ist aber, dass es alles passt, Sinn zu machen scheint, sich richtig anfühlt und vor allen Dingen einfach unterhaltsam und kurzweilig ist. Und ziemlich einzigartig obendrein. Mal abgesehen davon, dass es wünschenswert erscheint, dass sich Albertine öfter trauen sollte, auf Deutsch zu singen, gibt es an diesem "All Over The Place"-Ansatz nichts zu meckern. Schon gar nicht bei dieser Show.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
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