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Maximum Overdrive

The Holy
April Art

Bonn, Harmonie
09.10.2021

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The Holy
Zum Abschluss der Crossroads-Woche in der Bonner Harmonie gab es noch etwas für Herz, Bauch und Allerwertesten - jedenfalls wenn es nach Conferencier Rembert Stiewe ging. Denn das finnische Quintett The Holy, das bereits auf dem letzten Orange Blossom Festival, das noch hatte stattfinden können, für Furore und irritierte Stage-Hands gesorgt hatte, bietet schließlich etwas für alle körperlichen Sinneseindrücke. Auf die Frage, wie man die Band am Besten beschreiben könnte, meinte Bassistin Laura Kangasniemi im Interview vor der Show, dass das so schwierig sei, dass man sich die Band am besten live anschauen sollte. Denn - und das ist kein Geheimnis - The Holy entwickeln erst auf der Bühne ihre unerbittliche Rock'n'Roll-Magie so richtig (obwohl es der Band mit ihrer letzten LP "Mono Freedom" recht gut gelungen war, die Energie, die The Holy auf der Bühne entfachen, produktionstechnisch für die Konserve einzufangen).
Worum geht es? Nun: The Holy gelingt mit Leichtigkeit das, was viele Bands in den 80ern und frühen 90ern oft in der Rockmusik versuchten: Ohne den Fokus auf klassische Songstrukturen zu legen und sich auf konventionelle Genre-Schemata zu beziehen, mitreißende, hypnotische und selbst in der epischen Ausformung kurzweilige, lebendige Songs zu fabrizieren, die vor allem auf der Bühne nur eine Richtung in verschiedenen Ausprägungen kennen - schneller, weiter, höher, lauter. Nun ja: Die erwähnten Bands hatten natürlich auch keine zwei Drummer, zwei Gitarristen, zwei Keyboards, zwei eigene Feedback-Verstärker und eine Bassistin die mindestens für zwei agierte. Sagen wir mal so: The Holy sind einfach doppelt gut bzw. am besten.

Dass die Band aus Finnland keine musikalischen Gefangenen machen würden, war schon im Vorfeld klar gewesen. Dennoch ist es immer wieder überraschend, mit welcher Inbrunst und mit welchem Sendungsbewusstsein sich die Band in ihre Arbeit stürzt. Allen voran natürlich Frontmann Eetu Pylkkänen, der zuweilen so in seinem Tun aufzugehen scheint, dass er die Welt um sich herum zu vergessen scheint. Dass dem nicht so ist, belegt das sehr tighte Zusammenspiel der Band, das schnell deutlich macht, dass bei allem Derwisch-mäßigem Herumturnen, dem ständigen Standortwechsel aller Beteiligten und den spektakulären Posen die das Ensemble einnimmt, zumindest eine grundlegende Choreographie und Dramaturgie im Spiel ist - obwohl Eetu und Laura im Interview betonten, dass auch sie nie so genau wüssten, was auf der Bühne passieren könnte.

Viel brauchen The Holy eigentlich gar nicht um glücklich zu sein. Vor allen Dingen ist das ein unerbittlicher, polternder Stakkato-Beat, mit dem alle Songs unterlegt sind - hinzu kommen dystopische Gitarrenakkorde und eigenwillige sich auftürmende Harmonien, die eher eine Art Navigationssystem für die Tracks darstellen, als dass sie in Mitsing-Refrains endeten. Es gibt aber auch Tracks wie die ältere Nummer "Can't Remember Your Name" oder das abschließend gespielte, fast schon poppig beginnende "Museum Of Modern Hearts" von der neuen Scheibe, die plötzlich eine ganz andere - unerwartet sinnliche, hymnische und fast schon romantische Seite des Ensembles zeigen. Übrigens: Den letzten Track eines Sets ohne Band weiterlaufen zu lassen, während man sich auf die Zugabe vorbereitet, hat schon etwas genialisches.

Im Allgemeinen aber verstehen es The Holy mit eigentlich immer wieder den gleichen Mitteln eine ungeheure Spannung und Erwartungshaltung zu erzeugen, die sie dann aber auch tatsächlich wieder im orgiastischen Miteinander auflösen. Bestes Beispiel ist der Track "Obi Bate Opiate" vom ersten Album "Daughter", der schon mehrfach überstanden scheint - aber immer wieder zu neuen musikalischen Gipfeln emporstürmt. Einen Heidenspaß macht es auch zu beobachten, wie Eetu Pylkännen und Gitarrist Pyry Peltonen immer wieder die herumstehenden Verstärker oder Drumpodeste erklimmen und von dort aus ihre Beiträge mit wahren Superhelden-Posen beisteuern. Klassische Soli wird man im Angebot von The Holy übrigens eben sowenig finden wie normale Strophe-Reim-Formate. Alles ist dem gemeinsamen Miteinander im Dienste des gerade laufenden Tracks untergeordnet - Einzelleistungen wie die ekstatischen Gesangsbeiträge der Drummr Eero Jääskelainen und Mikko Maijala oder eine lebensbejahende Tambourine-Einlage der ansonsten megacool agierenden Bassistin Laura immer eingeschlossen.

Auf dem Orange Blossom Festival hatten The Holy im Schwange der eigenen Begeisterung noch das ganze Bühneninventar zerlegt. Davon sah man dann dieses Mal dankenswerterweise ab - was aber an der grundsätzlichen überwältigenden Wucht dieser Show nichts von ihrer Faszination nahm.
Die nachfolgende Show des hessischen Ensembles April Art aus Gießen war dann eher eine absagebedingte Notlösung - passte aber ganz gut zum Tenor des Abends, denn - so Rembert Stiewe - bei dem Ensemble handelt es sich um ein wahres Rockmonster. Frontfrau Lisa-Marie Watz und ihre Jungs verfolgen dabei aber einen ganz anderen Ansatz als The Holy. Anstatt nämlich das Publikum mit einer einzigen druckvollen Rockwelle zu überrollen, setzen April Hart auf klassisch stampfenden, brachialen Holzhacker-Rock im Metalcore-Setting. April Art hatten im Sommer schon mal für den Rockpalast gespielt und wussten demzufolge, worauf es ankommt - freuten sich aber vor allen Dingen darüber, dass dieses zweite Konzert nun wieder in einer "richtigen" Konzertsituation stattfinden konnte.

Sagen wir mal so: Was Rock'n'Roll-Posen und sinnfreie aber schrillrote Bühnenklamotten angeht, macht April Art so schnell niemandem etwas vor. Da haben sowohl Lisa-Marie wie auch die Jungs so ziemlich jeden dramaturgischen Schlenker drauf, den man sich in solch einem Setting vorstellen kann. Witzig übrigens, dass Lisa-Marie meint, dass sie auf der Bühne "1000% sie selbst sei", denn so ganz ernst kann man die Sache dann doch nicht nehmen - einfach weil die Bühnenpräsentation von April Art doch schon deutlich größer und schillernder ist, als das richtige Leben.

Die Musik des Quartetts ist Geschmackssache - denn irgendeine eigene Note bekommt die Sache bestenfalls durch Lisas Texte, denn auch musikalisch lassen April Art kaum etwas aus, was das gewählte Genre vorgibt. Für Variationen ist da nicht so viel Platz, denn es gilt offensichtlich, die Erwartungshaltung des Publikums (jedenfalls jenes, das sich für solche Musik begeistern kann) bis auf den I-Punkt zu erfüllen. Und deswegen müssen natürlich auch alle Genrespezifika erfüllt werden: Knackige Basslinien, polternde Drums, brachiale Gitarrenriffs, wenige melodische Pop Elemente und gelegentliche Modernismen wie eingespielte Samples oder Backings prägen das Bild. Natürlich haben April Art das Glück mit Lisa-Marie Watz eine Frontfrau zu besitzen, die sich dank ihrer Power-Röhre mühelos gegen das Soundgewitter durchsetzen kann - aber dennoch richtet sich das, was die Band zu bieten hat, dann doch eher an die Y-Chromosomen im Publikum.

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Surfempfehlung:
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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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