Gaesteliste.de Internet-Musikmagazin



SUCHE:

 
 
Gaesteliste.de Facebook Gaesteliste.de Instagram RSS-Feeds
Konzert-Archiv

Stichwort:



 
Konzert-Bericht
 
Die letzte Sause

Synästhesie Festival

Berlin, Kulturbrauerei
19.11.2021/ 20.11.2021

zur Foto-Galerie
Anika
Als die Macher des Synästhesie Festivals im Sommer die sechste Auflage des ehemals als Krautrock-Festivals gestarteten Events in der Berliner Kulturbrauerei für den November ankündigten und ein weitestgehend unbeschwertes Konzert-Erlebnis unter Pandemie-Ankündigungen versprachen, sah die Sache mit den Inzidenzwerten ja noch ganz gut aus. Als diese dann munter zu steigen begannen, entschloss man sich, die Veranstaltung zwar unter 2G+ Bedingungen und mit eingeschränkter Kapazität, ansonsten aber wie geplant tatsächlich durchzuziehen. Zum Glück. Denn die vermutlich letzte Festival-Sause vor der zu erwartenden soundsovielten Lockdownphase (die natürlich die Veranstaltungsbranche als erstes treffen wird) geriet zu einem echten Höhepunkt der ganzen Saison. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die im weitesten Sinne aus der Berliner Szene stammenden Acts über interessante Querverbindungen fast alle irgendwie miteinander zu tun hatten, so dass eine Art Community-Feeling das ganze Festival bestimmte und so den Zusammenhalt zwischen Musikern und Publikum auf interessante Weise als Statement gegen den Pandemie-bedingten Isolationswahn zu einem treibenden Faktor werden ließ.
Die Sache begann am Freitag mit einer informativen und kurzweilige Eröffnungsveranstaltung, bei der der britische Musiker Eddie Argos die seit 1978 in Berlin lebende Produzenten-, Musiker, Schauspieler und Labelbetreiber-Legende Mark Reeder und den Festival Macher, Ginbrauer und Betreiber des 8mm-Labels Alex Remzi über die Hintergründe des Festivals befragte. Heraus kam dabei allerdings eher ein charmantes Portrait der Berliner Szene zwischen den 80ern und der Jetztzeit und den sich ergebenden Parallelen. So erzählte Reeder aus seinem bewegten Leben als als Manager der Band Malaria, als zeitweiser Gastgeber für Nick Cave und als Veranstalter von Guerilla-Konzerten der Toten Hosen in Ostberlin und Alex Remzi erzählte, dass Anton Newcomb (der Mastermind des Brian Jonestown Massacres) in einer Wohnung über den Geschäftsräumen des 8mm-Labels eine neue Heimat gefunden habe. Was dann auch erklärte, dass das BJM als Surprise Act am ersten Tag als Ersatz für diverse krankheitsbedingte Absagen mit ins Programm des Festivals aufgenommen werden konnte.

Nach einer dann unerklärlich langen Pause ging es mit dem musikalischen Programm nahezu zeitgleich in allen drei Spielstätten - dem Kesselhaus, dem kleineren Maschinenhaus und dem ebenerdigen Ramba/Zamba-Theater los. Daran sollten die Veranstalter beim nächsten Mal vielleicht arbeiten, denn eine Entzerrung des Publikumsandrangs hätte sich mit versetzten Show-Starts sicherlich einfacher erreichen lassen. Sei es drum: Im RambaZamba-Theater war an diesem Tag das Berliner Duchess Box Label als Untermieter eingebucht, das mit dem Power-Pop-Projekt Gurr und Sophia Portanet ja zuletzt einige veritable Duftmarken in Sachen Indie-Pop hatte hinterlassen können. Das italienisch/südafrikanisch/englische Berliner Trio Shybits gehört auch schon längere Zeit zum Roster des Duchess Box Labels und hat sich einen Namen als fabulöse, energische Power-Pop-Rock-Live-Band im Overdrive-Modus gemacht. Zur Zeit arbeitet das Trio immer noch an dem Material ihres für nächstes Jahr geplantes Debütalbum. Dennoch genügte ein lässiges Handwinken des Frontmannes Liam, das Publikum auf Nasenlänge an die Spielfläche heranzulocken und im Folgenden das Theater zum ersten Mal zum Tollhaus werden zu lassen. Man sollte einfach mal erlebt haben, wie die Shybits einen Instant-Genre-Klassischer nach dem nächsten aus den Ärmeln schrammeln.

Im Maschinenhaus hatte sich derweil das italienische Psychedelia-Quartett New Candys nicht nur hinter einem Wall Of Sound, sondern auch einem Wall Of Kunstnebel versteckt und begeisterte das Publikum mit Grunge-Pop-Hymnen allererster Couleur. Nicht, dass man das hätte sehen können - denn die Jungs waren schlicht nur dann zu sehen, wenn ein Stroboskop für Sekundenbruchteile die Bühne in gleißendes Licht tauchte, während ansonsten alles eher im Dunkeln bzw. im Schatten blieb.

Eine Art Kontrastprogramm dazu gab es anschließend im Kesselhaus, wo sich die Ur-Kraut-Kapelle Faust - ergänzt um ein Streicherensemble versammelt hatte, um das Genre-definierende vierte Album von 1973 (auf dem sich tatsächlich ein Stück namens "Krautrock" befindet) in Gänze vorzutragen. Jean-Hervé Péron, der letzte Überlebende des ursprünglichen Faust-Line-Ups führte dabei als Conferencier durch das Programm, erinnerte an den verstorbenen Faust-Gründer Uwe Nettelbeck, kündigte die Songtitel mit launigen Intros an und machte darauf aufmerksam, dass die Band nunmehr aus Musikern aus drei Generationen bestehe. Tatsächlich machte sich das dadurch bemerkbar, dass das Ensemble niemals in stoischer Krautrock-Unerbittlichkeit versackte, sondern mit hippiesker Leichtigkeit an die Sache heranging und mit den vielen verschiedenen Elementen spielte (etwa Ambient, Trance oder Reggae), die sie schon damals bemüht hatten - was zu einer unerwartet kurzweiligen Show führte.

Laura Lee & The Jettes machten ihre Show im RambaZamba-Theater im Anschluss zu einem Showcase für ihr eine Woche später erscheinendes Debüt-Album "Wasteland". Laura Lee - neben Andreya Casablanca bis dahin die eine Hälfte des Power-Pop-Duos Gurr hatte die Lockdown-Phase dazu genutzt, ihr bisheriges Side Projekt Jettes als Frontfrau zu kapern und ein ganzes Album - unter anderem über die Pandemie - zu schreiben. Mit den neuen Songs löste sie sich dabei ganz bewusst von dem bisherigen Punkpop-Stil von Gurr und weitete - zusammen mit ihren Musikern - das stilistische Angebot in Richtung Grunge-Rock, Indie- und Schrammelpop und sogar Krautrock aus. Auch Laura Lee & The Jettes hatten dann keine Mühe, die Fans im RambaZamba-Theater zum "Mitmoshen" bewegen zu können. Vor allen Dingen aber präsentierte sich die Band in Notbesetzung (Gitarrist Mark Lewis hatte aus persönlichen Gründen in die USA reisen müssen) und trotz einiger Abstimmungsschwierigkeiten als tightes Rockensemble mit jeder Menge hitverdächtiger Rausschmeißer im Gepäck.

Das New Yorker Noiserock-Trio A Place To Bury Strangers hatte derweil die größte Spielstätte mit einer atemberaubend hanebüchener Live-Show und einer ausgeklügelten, dramatischen Licht- und Nebelshow in ein "Hexenkesselhaus" der besonderen Art verwandelt. Es ging dabei wohl nicht darum, einzelne Songs (schon gar nicht die des kommenden Albums "See Through You") zu präsentieren, sondern die ganze Show zu einem möglichst greifbaren Ganzkörpererlebnis (zumindest für die Musiker) zu machen. Zu diesem Zweck begaben sich Oliver Ackermann sowie John und Sandra Fedowitz überraschenderweise in der Mitte des Sets mit Effektgerät, Stehtrommel und Bass ins Auditorium, um dort eine Art Jam-Session aus dem Publikum heraus durchzuziehen. Damit nicht genug: Nach einer weiteren, donnerenden Feedback-Orgie im Kunstnebel, bei der Oliver Ackermann sich mit einem Scheinwerfer als menschliches Stroboskop verdingte, versammelte sich das Trio am vordersten Bühnenrand zu einer - wie soll man sagen - "elektrischen Akustiksession". Einfach deswegen, weil so etwas bei einer dezidierten Rockband ja nicht eben üblich ist, geriet diese Show dann zu einem echten Überraschungshighlight.

Überraschend war dann gleich im Anschluss auch der im Vorfeld gar nicht angekündigte Auftritt des Brian Jonestown Massacre. Dass die Sache nicht im Vorfeld geplant und geprobt worden war, war dann leicht daran zu erkennen, dass BJM-Mastermind Anton Newcomb einen leicht desorientierten Eindruck hinterließ und vor Beginn der Show erst ein Mal zehn Minuten mit mitgebrachten Textzetteln hantierte und sich von seinen Kollegen in seinen Gitarrengurt schnallen lassen musste, bevor er dann - eher zögerlich - in die Show einstieg. Nachdem das BJM dann aber erst mal in Fahrt gekommen war, gab es kein Halten mehr und es folgte eine beeindrucken solide Abfolge mächtiger Gitarrenriffs, die von dem Ensemble mit einer gewissen Portion Unerbittlichkeit - aber auch mit hypnotischem Charme aneinandergereiht wurde. Ganz so, wie man es sich als Fan des Psychedelia-Genres auch gewünscht hätte. Dazu passend gab es eine farbenfrohe Lightshow, wie man sie in den 60s auch nicht besser hinbekommen hätte.
Der zweite Tag begann mit einer Show der momentan vielversprechendsten Anwärterin auf die Indie-Pop-Queen-Krone du Jour. Thala und ihre Band spielten ein im Vergleich zu dem, was folgen sollte relativ entspanntes Set mit etlichen um leicht psychedelische Elemente angereicherte Gitarrenpop-Highlights im Stile ihrer Singles "Diditagain", "Takemeanywhere" oder "Something In The Water". Wobei es eigentlich müßig ist, irgendwelche Titel aus dem Oeuvre von Thala herauszupicken, denn eigentlich ist ihre soeben erschienene Debüt-CD "Adolescence" eine einzige Sammlung potentieller Genre-Hits. Was vielleicht ein wenig irritierend ist, ist die Dokumentationswut, die das Team Thala an den Tag legte, denn zeitweise befanden sich da mehr Foto- und VideografInnen auf (und neben, hinter und vor) der Bühne als Musiker.

Auf einem nicht gerade geradlinigen Weg hat die britische Wahlberlinerin Anika zu ihrer im Frühjahr veröffentlichten, selbst betitelten Solo-LP gefunden. Bereits vor zehn Jahren machte Anika mit einem gemeinsamen Projekt experimenteller Coverversionen im Dub-Modus mit Geoff Barrow (Portishead) und dessen Ensemble Beak> auf sich aufmerksam. Später kamen dann noch zwei Veröffentlichungen mit dem mexikanischen Improv-Ensemble Exploded View hinzu. Aber erst mit dem Album "Anika" hatte Anika zu einem Format gefunden, mit dem sie ihrer musikalischen Identität Ausdruck verleihen konnte. Ihre Show mit einer All-Female-Band im Kesselhaus hätte eigentlich der Auftakt zu einer größeren Europa-Tour sein sollen, die aber im Folgenden dann aufgrund der sich rasant verschlechternden Corona-Situation abgesagt werden musste. Anika präsentierte sich als zurückhaltende Performerin, die sich offensichtlich selbst zu ihrer Aufgabe als Frontfrau im Zentrum des Geschehens überreden musste - was der Sache aber einen durchaus nicht unsympathischen, aufrichtigen Charme verlieh. Hier ging offensichtlich jemand an seine Grenzen und wuchs über sich hinaus. Das Programm bestand logischerweise aus den Tracks ihrer Solo-LP angereichert mit Coverversionen wie Dylans "Masters Of War" in einem versöhnlicheren Artrock-Setting.

Eine schöne Überraschungen bereiteten im Kelterhaus anschließend Lucy Kruger & The Lostboys all jenen, die die südafrikanische Wahlberlinerin schon länger nicht mehr live gesehen hatten (obwohl es in Berlin gar nicht so viele Exemplare dieser Spezies geben dürfte). Denn während die Gute bislang ja stets eine sichere Garantin für nokturnal dahingeflüsterte Geistergeschichten war (zumindest, wenn sie nicht mit ihrem inzwischen auf Eis gelegten Projekt Medicine Boy unterwegs war), gab es dieses Mal die volle Dröhnung, Feedback, Noise, Krach und brachiale Soundgewitter galore. Was war passiert? Nun, Lucy und ihre Partnerin Liu Mottes hatten in der Pandemie plötzlich Lust, mal eine richtig schön laute, zornige Scheibe zu machen. Auf diese Weise entstand die LP "Teen Tapes (for peforming your own stunts)", die bereits soweit fertig ist, aber erst im April kommenden Jahres erscheinen wird. Nun ist das zwar so, dass Lucy hier immer noch flüstert, was das Zeug hält - ihre Stimme aber dieses Mal mit Nachdruck und Effekten durch das Mikro gedrückte wird - wie z.B. auch bei der Show in Berlin; wobei das zum Kleinorchester aufgebohrte Lost Boys Ensemble natürlich sein Bestes (und lautestes) dazu beisteuerte, die auf der LP mit überschaubaren Mitteln erzeugten Soundgewitter orkanmäßig aufzublasen. Auch die ursprünglich ebenfalls für das Festival angekündigte Laura Carbone fand für einen Gastauftritt bei ihrer Freundin den Weg auf die Bühne.

Auch Nicholas Wood und Kat Day a.k.a. The KVB hatten im Prinzip eine neue LP im Gepäck - entschieden sich aber dazu, nur zwei Titel davon zu spielen (darunter die brillante Pop-Rock-Nummer "World On Fire"), um nicht die Fans, die mit einer bestimmten Erwartungshaltung zu der Show des Paares gekommen waren, zu enttäuschen. Ergo bestand die Show dann weitestgehend aus den Titeln der bisherigen sieben Alben des Duos, das lange Zeit auch in Berlin gelebt hatte. Bemerkenswert dabei war der Umstand, mit wie wenig The KVB eigentlich auskommen - nämlich mit Gitarre, Synthesizern und Drumcomputer sowie die von Kat Day entwickelten, von der Architektur beeinflussten Backdrop-Projektionen - und dabei doch eine ziemliche stilistische Bandbreite irgendwo zwischen Club, Techno, Krautrock, Ambient, E-Pop und New Wave Rock - abdecken. Extrovertierte Alleinunterhalter im klassischen Sinne sind Nick und Kat zwar nicht, aber zumindest gelang es ihnen über ihre Musik zu kommunizieren und insbesondere dann, wenn sie sich gegenseitig improvisatorisch aufeinander einließen, entwickelte die Sache einen ganz eigenen Drive.

Im RambaZamba-Theater wurde derweil der Auftritt des Trashrock-Trios Jealous eifrig beklatscht - bis Bassistin Dane Joe dann anmerkte, dass das ja gerade erst der Soundcheck sei. Ein paar Minuten stand das Trio dann wieder vor dem Publikum, knuddelte sich kurz gegenseitig und dann gab es kein Halten mehr. Innerhalb von Sekunden tobte das RamaZamba, dass man um sich seine strukturelle Integrität sorgen musste. Oliver Ackerman von A Place To Bury Strangers hatte ja noch im August dem Jealous-Track "Thunder" einen Psychedelia-Remix allererster Güte verpasst. So etwas brauchte es natürlich im Live-Kontext nicht. Hier gab es urwüchsigen, primalen Grassroots-Rock mit Trash und Glam-Faktor mit ungeahntem Steigerungspotential. Förderlich wirkte es sich dabei sicherlich aus, dass Gitarristin Paz Bonfil an diesem Tage Geburtstag hatte und das obligatorische Geburtstagsständchen dann als Aufforderung betrachtete, wirklich alle performerischen Hemmungen fahren zu lassen.

Die abschließende Show des Mathrock-Fusion-Trios Beak> im Kesselhaus nutzten die Herren, um die doch recht spröden und zwischen Fusion-Jazz, Post-, Prog- und Krautrock changierendes Set mit Bühnen-Banter etwas aufzuheitern. "Wir haben seit zwei Jahren nicht mehr in Berlin gespielt", begrüßte Geoff Barrow etwa das Publikum. "Niemand hat die letzten zwei Jahre irgendwo gespielt, Dude", erwiderte Bassist Billy Fuller daraufhin. So ging das die ganze Zeit hin und her. Interessanterweise verzichteten Beak> aber ansonsten weitestgehend auf Showeffekte. Die Bühne war die überwiegend mit den House-Lights ausgeleuchtet und nur ein paar psychedelische Farbeffekte sorgten für Abwechslung. Bei Beak> geht es aber offensichtlich weniger um Kurzweil und Abwechslung, sondern um Konsequenz, Spannung und Unerbittlichkeit. In diesem Sinne war diese schnörkellose, geradlinige Darbietung dann auch für das Synästhesie-Festival ein durchaus schlüssiger Abschluss.

zur Foto-Galerie
Surfempfehlung:
www.8mmbar.de/synfest
www.facebook.com/synaesthesie
www.youtube.com/watch?v=CyiZnLfMZsc
www.youtube.com/watch?v=8PoxgxLsAU0
www.facebook.com/8millimeterbar
www.instagram.com/8mmbar
www.facebook.com/kesselhausberlin
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

Copyright © 1999 - 2022 Gaesteliste.de

 powered by
Expeedo Ecommerce Dienstleister

Expeedo Ecommerce Dienstleister