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Lieder für falsche Vögel

The Weather Station
Aoife Nessa Frances

Köln, Blue Shell
05.04.2022

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The Weather Station
Gemeinhin (und sicher nicht ganz zu unrecht) gilt ja die Annahme, dass wenn Frauen sich eine neue Frisur zulegen, sie sich mit diesem Akt einer neuen Lebensphase widmen möchten. Übertragen auf den brandeuen Pagenschnitt, den sich Tamara Lindeman wohl für ihre nun endlich stattfindende Weather Station-Tour zum vorletzten Album "Ignorance" zugelegt hatte, weckte diese Tatsache Hoffnungen vielleicht auch auf eine neue musikalische und/oder performerische Lebensphase. Tatsächlich hatte Tamara mit Bezug auf die LP "Ignorance" (und in gewisser Weise auch für das aktuelle Nachfolgewerk "How Is It That I Should Look At The Stars") ja schon mal ordentlich vorgelegt, und sich musikalisch vollkommen neu positioniert. Die schüchterne Singer/Songwriterin, als die sie sich auch in der Domstadt schon einig Male präsentiert hatte, war jedenfalls damit erstmal Geschichte.
Bemerkenswerterweise hatte Tamaras Booking Agentur die irische Songwriterin Aoife Tessa Frances als Support für die Weather Station-Europa-Tour verpflichtet - denn diese agierte bei ihrer Show im Kölner Blue Shell auf einem ganz ähnlichen Level, wie das Tamara früher als Solo-Künstlerin auch schon mal getan hat. Aoife hatte kurz vor der Pandemie ihr Debüt-Album "Land Of No Junction" veröffentlicht, das von der britischen Presse als neuestes Wunderwerk in Sachen melancholischer Dreamfolk-Psychedelia gefeiert wurde. Im Wesentlichen entsprach das, was Aoife in Köln mit Gitarre, Loop-Station und Mikro-Keyboard präsentierte, auch diesem Anspruch - allerdings mit Abstrichen. Denn für gewöhnlich tritt Aoife mit einer größeren Band auf - wie sie nach der Show entschuldigend feststellte - und so legte die minimale musikalische Untermalung den fast ambientmäßigen Charakter der linear angelegten Tracks Aiofes schonungslos offen. Auf die Details und Feinheiten, die sich im Zusammenhang einer Studioproduktion mit Overdubs oder eines Auftrittes mit Band eröffnen, konnte sie in diesem Zusammenhang natürlich nicht zurückgreifen. Nun ja - einer ihrer Tracks heißt bezeichnenderweise ja auch "Less Is More" (aber gerade der ist auf der LP fast schon opulent orchestriert). Was blieb, waren somit eher Stimmung und Atmosphäre als memorable Songs. Der Funke wollte auch deshalb nicht so richtig überspringen, weil Aiofe fast vollständig auf die Ansprache des Publikums verzichtete und konsequent mit geschlossenen Augen sang. Das sollte aber niemanden davon abhalten, sich mit der Musik von Aoife auseinanderzusetzen, denn über songwriterisches Potential verfügt die Irin im Überfluss. Außerdem arbeitet sie schon an einer zweiten Scheibe, die im Oktober erscheinen soll.
Kommen wir aber mal zum Set von The New And Improved Weather Station. Dass es dabei um die Tour zum vorletzten Album "Ignorance" ging, war schon daran zu erkennen, dass es nur wenige Tracks von Tamaras aktuellem "Balladen-Album" auf die Setlist geschafft hatte. Das hatte aber einen bestimmten Grund: Für "Ignorance" hatte sich Tamara konzeptionell, arrangementstechnisch, songwriterisch und produktionstechnisch ja bekanntlich neu aufgestellt. Zu diesem Konzept gehört, dass Tamara heute weniger oft als früher zur Gitarre greift und stattdessen öfter mal in die Tasten greift, aber vor allen Dingen im Stile einer jazzige Croonerin ohne Instrumente einem erweiterten Ensemble vorsteht. Bei den ersten Live-Auftritten mit dem neuen Material (weiland in der ersten Pandemie-Phase noch mittels Online-Live-Stream) beschäftigte sie gar ein zehnköpfiges Kleinorchester mit Bläsern, zwei Drummern, Perkussionist, Keyboarder und Gitarristen. Ganz so schlimm war es zwar auf der Europa-Tour nicht, aber insgesamt brachte es die Band dann doch auf fünf Personen - ganz schön wagemutig in Zeiten wie den unseren. Das war dann auch der Grund, warum die Musiker darum gebeten hatten, im eng gepackten Auditorium dann doch bitte freiwillig Masken während der Show zu tragen, obwohl dieses gerade landesweit abgeschafft worden waren.

Musikalisch hatte Tamara bereits zu dem Live-Stream-Event die bereits auf der Platte schon revolutionär vom bis dato üblichen, gitarrenorientierten Singer/Songwriter Modus abweichenden Arrangements erneut ordentlich durchwirbeln lassen. Kurz gesagt, tat sie das für diese Tour offensichtlich erneut - und nicht weniger radikal. Das äußerte sich z.B. daran, dass die Tracks sozusagen entkernt und dann nach Gusto wieder neu zusammengesetzt worden waren. Beispielsweise wurde das einleitende "Wear The World" mit deutlich mehr Spannung und Dynamik inszeniert als auf der Scheibe. Dann geriet das bislang treibend pulsierende "Robber" zu dieser Gelegenheit zu einer jazzigen Meditation - an der übrigens die ansteckend gut gelaunte Saxophonistin/Klarinettistin Karen Ng (die auch auf der "How Is It"-LP die Blasinstrumente bediente) einen entscheidenden Anteil hatte. "Parking Lot" wurde nochmals schneller und druckvoller aufgefasst als zuvor. Und eine Ausnahmestellung nahm der Song "Ignorance" ein - der keineswegs der Titeltrack des gleichnamigen Albums ist (sondern einer der Songs auf "How Is It"). Dieser stand nun mit dem Titel "Magpies" auf der Setlist und geriet zu einem emotionalen, lyrischen und performerischen Highlight der Show. Denn obwohl sich Tamara bis dahin als Entertainerin hinter ihrem Material zurückgenommen hatte, brach es aus ihr hervor und sie erzählte die charmante Geschichte über die Entstehung des Songs: Ihr sei aufgefallen, dass es in Deutschland recht viele Elstern gäbe - was sie dazu bewegte auszuführen, dass die Inspiration zu dem Stück "Ignorance" die Beobachtung gewesen sei, dass es in Australien auch Vögel gäbe, die Elstern genannt werden - aber einer ganz anderen Vogel-Gattung angehörten. Darüber habe sie zu viel nachgedacht und sei zu dem Schluss gekommen, dass es mal an der Zeit gewesen sei, einen Song über das Thema "falsche Vögel" zu schreiben - und darüber, dass man nicht einfach aus Bequemlichkeit Tiergattungen falsch benennen könne, wie das in Australien offensichtlich geschehen sei. So viel Offenheit kannte man von Tamara bislang eher weniger. Nicht ein Mal in den Pressegesprächen zu ihren Projekten geht sie für gewöhnlich so in die Tiefe. Es ist aber offensichtlich so, dass Tamara mit der Umstellung des musikalischen Konzeptes (und vielleicht der neuen Frisur) auch ihre Einstellung als Performerin geändert hat und sich heutzutage viel selbstbewusster und stärker dem Publikum präsentiert. Zwar erzählte sie auch davon, dass sie sich an diesem Abend eigentlich schüchtern fühle (obwohl sie das ja nicht zeigen dürfe) und vielleicht lieber hinter dem Vorhang performen oder die Band alleine spielen lassen solle - das war aber offensichtlich eher ironisch gemeint. Ansonsten passte alles: "Schönen Dank auch an Aoife Nessa Frances und den Club Blue Shell. Die Farbe stimmt und ich mag Muscheln. Das passt alles", bedankte sich Tamara abschließend - bevor es mit einem offensichtlich noch titellosen Duett (mit Gitarrist Will Kidman) - und einer sorgsam entschleunigten Version des älteren Tracks "Thirty" (vom selbst betitelten Weather Station-Album) auf die Zielgerade Richtung Zugabe ging.

Fazit: Für alle, die bislang noch nicht die Chance hatten, Tamaras bisherige Live-Präsentationen des "Ignorance"-Materials auszuchecken, dürfte diese Weather Station-Show eine ziemliche Offenbarung gewesen sein. Und ebenfalls für alle Anderen - denn der von etablierten Fans gerne mal bei solchen Gelegenheiten geäußerte Satz, dass früher alles besser gewesen sei, war nach der Show kaum zu vernehmen. Es scheint, als habe Tamara also alles richtig gemacht.

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Surfempfehlung:
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aoifenessafrances.bandcamp.com
www.facebook.com/aoifenf
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www.youtube.com/watch?v=Ag-2QoTqKkI
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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