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Konzert-Bericht
 
Ein Mann für alle Fälle

Current Joys
Albertine Sarges & Sticky Fingers

Köln, Gebäude 9
06.04.2022

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Current Joys
Selbstredend war auch das Konzert von Nick "Current Joys" Rattigan in Köln verlegt worden. Bemerkenswerterweise aber weniger wegen der pandemischen Gemengelage, sondern weil die Veranstalter von der überwältigenden Nachfrage nach Tickets überrascht worden waren und die Show vom kleinen Bumann & Sohn ins wesentlich größere Gebäude 9 hochverlegt hatten. Dabei kam zu Pass, dass die Show am 06.04.2022 eine der ersten war, die dann von den aktuellen Lockerungen der Zugangs- und Kapazitätsbeschränkungen profitieren konnte. Trotzdem war die Kölner Show (wie auch der Rest der Tour) schließlich schon lange ausverkauft, denn offensichtlich hatte es Rattigan - nach fast zehn Jahren Basisarbeit in Sachen Indie-Schrammelpop in etlichen Inkarnationen - mit seinem aktuellen Current Joys-Album "Voyager" geschafft, sich zum Teenie-Schwarm mit Superstar-Du-Jour-Potential hochzuarbeiten. Die Krönung dieser Entwicklung war dann wohl die, dass er auf dieser Tour - wie Ed Sheeran - mutterseelenallein auf der Bühne stand.
Ganz so weit ist die Berliner Musikerin Albertine Sarges noch nicht - aber was den Zuspruch für ihre bemerkenswert eigenständige, ambitioniert angelegte, multilingual und und spielfreudig dargebotene Psychedelia-Hippy-Jam-Groove-Soul-Funk-Melange bei der Kölner Show betrifft, hat sie durchaus das Potential zur Genre- und Generationsübergreifenden Indie-Leitfigur mit Mass-Appeal. Das liegt unter anderem auch daran, dass Albertine mit ihrer Musik ganz auf den kommunikativen Faktor setzt - und das betrifft sowohl die Connection mit ihren Musikern, wie auch die mit dem Publikum und nicht zuletzt mit der Musikhistorie, die sie nach Belieben plündert und zu ihren eigenen Bedingungen wieder zusammenfügt. Für die aktuelle Tour hatte sie das Line-Up ihrer Band Sticky Fingers zum wiederholten Male geändert. Bei ihrem letzten Auftritt in der Domstadt hatte sie mit Sharice Ruby Bennett am Bass und der Multiinstrumentalistin und Flötistin Lisa Bayens gespielt. Deren Aufgabe übernahm dieses Mal die Amerikanerin Martha Rose (mit der Albertine zuvor schon öfter getourt war), während es statt eines Live-Bassisten einen zweiten Gitarristen zu hören gab. Wie üblich kam der Rest der Musik dann aus dem Laptop. Merkwürdigerweise führt das im Falle von Albertine Sarges aber nicht zu einem einengenden, formalen Konzept - was daran liegt, dass die instrumentalen Aspekte stets als improvisatorisch angelegte Jam-Sessions aufgegriffen werden. Insbesondere, was die dabei eingeflochtenen Gesangsharmonien und Melodieführungen betrifft, haben sich Albertine und Co. inzwischen in Bereiche vorgearbeitet, die etwa Joan "As Police Woman" Wasser erst nach Jahren eigener Bemühungen erreicht hat. Und das ist ausdrücklich nicht als Kritik, sondern als Lob gemeint - einfach auch deswegen, weil man solcherlei aus unteren Breiten einfach nicht erwartet. Zwischen den Tracks gab es dann skurrile Alltagsgeschichten aus dem Bandleben, die von Albertine mit großem Enthusiasmus vorgetragen wurden. Musikalisch zehrte Albertine noch von den Songs ihres Debüt-Albums - die freilich durch das veränderte Treatment mit Backing-Tracks und Live-Elementen ordentlich aufgemischt wurden. Es gab mit "Stille" auch zumindest wieder einen Track auf Deutsch und auch die aktuelle im Januar aufgelegte Single "Bird's Life" (ein Song mit dem Thema "Vogelbeobachtungen") gehörte mit ins Programm. Angesichts dessen, dass die jungen Rattigan-Fans ja nun gewiss nicht gekommen waren, um Albertine Sarges zu hören und sie dann auch noch mit einer Art von Musik konfrontiert wurden, die die meisten noch nie zuvor gehört haben dürften, fuhren Albertine und ihre Musiker dann aber doch einen beachtlichen, vielbeklatschten musikalischen Kantersieg ein und hatten somit keine Mühe, das Publikum für sich einzunehmen.
Nick Rattigan ist der Mann der Stunde. Denn irgendwie hat er es geschafft, mit seinem unglaublich nuancenreichen Schrammelpop-Ansatz und klassischen Männerschmerz-Themen eine jüngere Generation zu erreichen, die noch in der Phase der Identitätsfindung ist. Das ist deswegen bemerkenswert, weil Rattigan diese Phase längst hinter sich gelassen hat. Nach Jahren des Herumprobierens mit vielen Formaten und Inkarnationen (The Nicholas Project, TELE/VISIONS, Franco Years, Devil Worship und dem Projekt Surf Curse mit seinem Kumpel Jacob Dubeck) entschied sich Rattigan nämlich erst 2016, hinkünftig unter Projektnamen Current Joys agieren zu wollen - und schrieb die Geschichte insofern um, als dass er seinen Back-Katalog unter diesem Namen neu auflegte, bevor er dann begann, - mit Band-Besetzung - neues Material auf seinem neuen Label zu veröffentlichen. Es darf bezweifelt werden, dass die Anwesenden in Köln sich dieser Entwicklung wirklich bewusst waren - denn für das überwiegend jugendliche Publikum war Rattigan wohl einfach ein aktueller Superstar, der über Spotify-Algorithmen in die kollektive Aufmerksamkeitsspanne geraten war.

Immerhin hatten sich die Anwesenden aber wohl kundig gemacht. Denn nachdem Rattigan - offensichtlich gut gelaunt und ein wenig beeindruckt von der Größe des bis auf den letzten möglichen Platz gefüllten Auditoriums - zunächst mit einer eigenartigen Fachdiskussion über die Glaubwürdigkeit von Smiths- und Morrissey-Fans das Stimmen seiner Gitarre überbrückt hatte und mit dem seltsam entschleunigten Opener "Become The Warm Jets" und später mit der brachialen, neuen Rocknummer "Naked" vom aktuellen Album "Voyager" sein stilistisches Spektrum abgesteckt hatte (und die Aufwärmphase beendet hatte, wie er schmunzelnd meinte), entschied er sich dafür, im Folgenden auf die zahlreichen Publikumswünsche einzugehen. Das war ein geschickter Schachzug, das Publikum für sich einzunehmen (was er eigentlich nicht mal nötig hatte), denn die Fans riefen schlicht wohl jeden einzelnen Track, den Rattigan jemals geschrieben hatte, in die Runde, so dass überhaupt nicht festzustellen war, ob Nick eine Agenda abarbeitete oder eben nicht. Nicht, dass das eine große Rolle spielte.

Bemerkenswert an dieser Show war dann die immense stilistische Bandbreite und die große Dynamik mit der Rattigan im Folgenden arbeitete. Egal ob es dabei um Rock, New Wave, Krautrock, College-Rock, Surf-Trash, Grungerock, Folk oder Power Pop-Einflüsse ging: Alleine mit einer rudimentären Beat-Box, einer geschickt eingesetzten Loop-Station und ebenso geschickt eingesetzten Effektpedalen kitzelte Nick Rattigan so ziemlich alle Facetten des Schrammelpop-Metiers aus seinem Material hervor - und erwies sich damit als Mann für alle Fälle. Und das klang dann erstaublicherweise teilweise sogar noch besser als so manche seiner älteren Studioproduktionen. Sowas muss man auch erst mal hinbekommen. Zusammengehalten wurde das Ganze dann durch Rattigans bemerkenswert durchsetzungsfähiges Conor-Oberst-Jammer-und-Gedächtnis-Vibrato, das der Mann gnadenlos bei jedem einzelnen Track einsetzte. Auf der musikalischen Seite interessant war die Technik, mit der sich Rattigan mittels Sampler und Loop-Station in einen Band-Sound hineinsteigerte, dem er dann im Mittelteil als brillanter und experimentierfreudiger und tweilweise pychedelischer Lead-Gitarrist hinterhereilte. All das führte dann dazu, dass die Sache niemals langweilig wurde. Nicht ganz unschuldig daran waren natürlich die Fans, die den Meister immer wieder zu Höchstleistungen antrieben. Die Begeisterung erreichte dann ihren Höhepunkt, als Nick ein Pullover aus dem Publikum um die Ohren flog. "I didn't see this coming", hielt er irritiert inne, bevor es dann weiter gehen konnte. Kein Wunder, dass Nick da irritiert war - denn früher flogen ja eher Unterwäsche und Stofftiere bei vergleichbaren Anlässen auf die Bühne.

Nachdem Nick Rattigan dann die Show mit dem bemerkenswert meditativen Uralt-Track "Home Pt. 1 & 2" beendet hatte, schloss er sich beinahe aus dem Club aus (denn die Tür, durch die Nick die Halle verlassen hatte, lässt sich von außen nicht ohne Schlüssel öffnen). Nachdem ihm die Tür dann von innen wieder geöffnet wurde, ließ er sich dann aber doch noch zu einer Zugabe hinreißen. Im Anschluss stand er dann - sichtlich happy - - vor der Halle auch noch den Fans für Selfies und Autogramme zur Verfügung. Noch ist Nick Rattigan also ein eher bodenständiger Superstar zum Anfassen. Mal sehen, wie lange sich das beibehalten lässt.

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Surfempfehlung:
currentjoys.com
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www.youtube.com/watch?v=tIZp9EYHTDE
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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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