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Konzert-Bericht
 
Zarte Düsterkeit mit großen Gesten

Julien Baker
Ratboys
Tourtagebuch 2022

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Julien Baker
Groß waren die Songs von Julien Baker in gewisser Weise schon immer, doch erst jetzt inszeniert die 26-jährige Amerikanerin sie auch so. Ohne aus den Augen zu verlieren, was sie in der Vergangenheit zu einer Ausnahmeerscheinung auf Indie-Folk-Terrain gemacht hat, kleidet sie auf ihrem aktuellen, inzwischen dritten Album, "Little Oblivions", die bedingungslose Ehrlichkeit ihrer Texte erstmals in einen volleren Bandsound, und auch ihre Konzerte bestreitet die ursprünglich aus Memphis stammende Musikerin nun nicht mehr allein. Mit Mariah Schneider an Gitarre und Synth, Matthew Gilliam am Schlagzeug, Calvin Lauber am Bass und Noah Forbes an den Tasten hat sie jetzt bei ihren Auftritten vier Menschen an ihrer Seite, die ihr nicht nur musikalisch, sondern auch persönlich nahestehen und sie so mehr als nur klanglich dabei unterstützen, auf ganz andere Weise als bisher intensiv und berührend ihr inneres Gefühlschaos vor einem ständig wachsenden Publikum auszubreiten. Gaesteliste.de hatte das Glück, beim Start von Juliens lang geplanter Europatournee dabei sein zu dürfen, bevor bis Mitte Mai in Deutschland und der Schweiz noch Auftritte in Berlin, Zürich, Schorndorf, München und Köln folgen.
Unsere letzte Begegnung mit Julien Baker war nicht die glücklichste. Eigentlich hätte ihr Auftritt in der Oettinger Villa in Darmstadt im Juli 2019 - zwischen einer Reihe Festivalslots damals der einzige Headline-Auftritt weit und breit - das Highlight eines kurzen Abstechers nach Europa sein sollen, eine Rückkehr zu ihren Wurzeln in einem kleinen, zudem restlos ausverkauften DIY-Punkrock-Laden, in dem sich viele Fans der ersten Stunde in den vorderen Reihen knubbelten. Auf der Bühne allerdings stand eine Julien am Abgrund, die oft seltsam abwesend wirkte und ihr Set ohne nennenswerte Highlights oder Überraschungen gar nicht schnell genug (und natürlich ohne Zugabe) hinter sich bringen konnte. Keine 24 Stunden später spielte sie in Montreux ein letztes Konzert und sagte kurz darauf den Rest ihrer geplanten Welttournee ab, um sich selbst wieder auf- und ihre Werte und ihre Musik neu auszurichten. Denn die erzwungene Auszeit machte Julien bewusst, dass sie sich in der Vergangenheit vielleicht klanglich mit ihren Lektionen in Minimalismus bisweilen zu sehr beschränkt hatte. Zwar spielte sie den Großteil der Instrumente ihres nächsten Soloalbums, dem im Frühjahr des letzten Jahres veröffentlichten "Little Oblivions" noch selbst ein und zeichnete mit Schlagzeug, elektronischen Samples und einem an traditionellere (Indie-)Rock-Tugenden angelehnten Sound eine ganz andere Art der Live-Umsetzung vor, um ihre faszinierende musikalische Evolution auch auf der Konzertbühne fortzusetzen.
Utrecht, TivoliVredenburg, 15.04.2022

Eigentlich ist an diesem frühlingshaften Karfreitag alles bereit für einen triumphalen Tourneeauftakt, doch obwohl das Konzert in Utrecht schon im Vorfeld bis auf den letzten Platz ausverkauft ist, kommt es ein wenig anders als erwartet. Der Ort des Verbrechens heißt TivoliVredenburg, ein hochmoderner, neunstöckiger Bau mit riesigen Glasfronten, endlosen Rolltreppen, seltsam verwaisten Lounges und überfreundlichem Personal mit Airport-Security-Check-Vibe, in dem gleich ein halbes Dutzend Venues aller erdenklichen Größen und Formen untergebracht sind. Julien und die Ihren spielen in der 6. Etage in der Pandora, einem Saal, dessen sich nur über einen schwer auffindbaren Schalter zu öffnenden Sicherheitstüren eigentlich schon alles über sein Flair aussagen. Schwerwiegender ist allerdings, dass zwar "Team Baker" unbeschadet in Holland angekommen sind, das Equipment allerdings gelitten hat. Juliens Pedalboard tut nicht das, was es soll, und das sorgt damit für eine ganze Reihe ungeplanter Stressmomente, aber auch dafür, dass die Protagonistin an diesem Abend deutlich redseliger ist als gewohnt und dabei immer wieder mit trockenem Humor punktet: "Can I call a friend?", scherzt sie, als sie nicht mehr weiter weiß, und winkt erst einmal Mariah zu sich herüber, die versucht, zu retten, was nicht zu retten ist.

Trotzdem zeigt sich gerade an diesem Abend, wie wertvoll die Band ist. Denn so unglücklich Julien mit dem Gastspiel in Utrecht auch ist, weiter hinten im Saal spürt man davon wenig. Dort sieht man vor allem eine Künstlerin, die sich gleich zu Beginn kopfüber in "Hardline" stürzt und dabei mit ein paar Shredder-Parts an ihre Punk- und Hardcore-Vergangenheit erinnert, deren fliegende Haare das Headbanger-Potenzial des ungemein wuchtigen "Tokyo" illustrieren und die am Ende der finalen Zugabe "Ziptie" wie besessen über die Bühne springt, die Gitarre nach oben gerissen, während um sie herum alle Dämme brechen. Ihre Frage "Was habe ich mir nur dabei gedacht, so lange allein aufzutreten?", klingt vor diesem Hintergrund nur bedingt wie ein Scherz. Für Kontraste sorgen derweil einige musikalisch geradezu federleichte Songs wie "Relative Fiction", das nicht zuletzt wegen Mariahs Backing Vocals fast wie eine verlorene Boygenius-Nummer klingt.

Doch die Band greift Julien nicht nur in rein instrumenteller Hinsicht unter die Arme: Die ungefilterten Gefühle, die früher oft hochkochten, wenn Julien ihre Auftritte allein, am Klavier oder an der Gitarre, mit einem Pedalboard, das fast so groß ist wie sie selbst, oder in Begleitung einer einzigen Mitstreiterin an der Violine bestritt, finden sich auch in den Songs ihrer neuen Platte, doch mit der kompletten Band im Rücken muss Julien nun auch das erdrückende emotionale Gewicht ihrer Lieder nicht mehr allein stemmen. So klingen plötzlich selbst die Selbstmordfantasien aus "Heatwave" ("On a long spiral down / Before I make it to the ground / I'll wrap Orion’s belt around my neck / And kick the chair out.”) nicht mehr so niederschmetternd, nicht mehr so bedrohlich. Das gilt auch für "Turn Out The Light", dessen kathartisches Ende früher solo erstaunlicherweise viel beklemmender wirkte als nun auf fünf Schultern verteilt. Für den größten Aufschrei in Utrecht sorgt allerdings dennoch eine der Solonummern, die Julien zur Mitte des Konzerts spielt, genauer gesagt reicht der erste Ton von "Something", um in der Pandora für einen wahren Freudentaumel zu sorgen. Das Lied spielt sie dann - unfreiwillig - praktisch anderthalb Mal, weil der Loop aus den Fugen gerät und sie noch einmal neu ansetzen muss…

Auch das Vorprogramm ist handverlesen. Die Ratboys aus Chicago werden Julien die komplette Tournee über begleiten und begeistern vom Fleck weg mit ansteckender Fröhlichkeit, ultraeingängigen Melodien, lärmenden Gitarren, feinen Harmonien und einem Faible für schrägen Humor. Mit Songs, die von Außerirdischen in Schlafmasken oder toten Haustieren in der Kühltruhe - ja, wirklich! - handeln, haben Sängerin und Gitarristin Julia Steiner, Gitarrist Dave Sagan, Schlagzeuger Marcus Nuccio und Bassist Sean Neumann das Publikum vom ersten Ton an auf ihrer Seite, denn auch wenn ihre Lieder musikalisch nicht bahnbrechend innovativ daherkommen, zeugen sie doch von einem ganz ausgezeichneten, sympathisch ausgefransten Musikgeschmack, der von einer Liebe für den College-Rock der 90er-Jahre zeugt, aber auch vor Country-Rock und (Power-)Pop nicht halt machen und irgendwo dort einsortieren, wo die Indierock-Historie zwischen Juliana Hatfield, Veruca Salt und Speedy Ortiz noch ein Plätzchen frei gelassen hat. Dass die Band sofort auf Betriebstemperatur ist, hat einen Grund: Die Ratboys haben sich vor dem Tourneestart mit Julien schon mit zwei kleinen Aufwärmkonzerten in Breda und Rotterdam warmgespielt und genießen es sichtlich, anstatt in irgendeinem Punkrock-Loch hier in einem technisch top ausgestatteten Venue auf der Bühne zu stehen. Julia - die man allein schon für den Rutles-Button an ihrem Gitarrengurt lieben muss - hat sogar so viel Spaß, dass ihr die Strickmütze, die so etwas wie ihr Markenzeichen ist, gleich mehrfach beim wilden Rumhüpfen ins Gesicht und über die Augen rutscht.

Groningen, Vera, 16.04.2022

Der Kontrast zum Vorabend könnte nicht größer sein. Während fast überall in Holland legendäre kleine Schuppen wie das Effenaar in Eindhoven, das Doornroosje in Nijmegen, das Noorderlicht in Tilburg oder eben auch der alte Tivoli in Utrecht geschlossen und/oder abgerissen und durch moderne Kulturzentren mit Sichtbeton-Charme ersetzt worden sind, durfte Groningen seine alte Kultstätte behalten - und ganz ehrlich: Wer als Künstler oder Gast im Vera keinen guten Abend hat, der macht irgendetwas grundlegend falsch! Joy Division, U2, Simple Minds, Nick Cave oder Sonic Youth haben hier zu Beginn ihrer Karriere gespielt, später waren The Thermals, die White Stripes oder Sharon van Etten zu Gast, und kaum ist man durch die schmale grüne Tür getreten, kann man all die Geschichte selbst dann atmen, wenn man vorsichtshalber doch lieber eine FFP2-Maske trägt. Der legendäre Booker Peter Weening, der viele der späteren Weltstars nach Groningen geholt hat, ist zwar letztes Jahr in Rente gegangen, wundern muss man sich aber nicht, wenn man sein Gesicht trotzdem im Publikum erspäht. Ganz ausverkauft ist das Konzert zwar nicht, aber das macht gar nichts, denn der Vibe des Ortes füllt die leeren Plätze in den hinteren Reihen problemlos aus. Folglich sind auch die Ratboys ziemlich aufgekratzt: Das Quartett war hier schon mal zu Gast, durfte da aber nur in der kleinen Kellerbar stehen und ist nun sichtbar stolz, es auf die Hauptbühne geschafft zu haben. Anders als am Abend vorher, als sie die Ausblicke auf ihr kommendes Album, das sie in Seattle aufgenommen haben und veröffentlichen wollen "bevor wir sterben", wie Julia augenzwinkernd sagt, ans Ende des Sets verbannt haben, steigen sie in Groningen mit den neuen Songs ein und würfeln auch sonst die Setlist ordentlich durcheinander und sorgen damit für mächtig gute Laune vor der Bühne. Vergessen hat Julia dagegen ihren Kapodaster, weshalb Sean kurz hinter die Bühne verschwindet und zur Belustigung der ganzen Band mit zwei großen Taschen zurückkehrt, in denen sich das kleine Hilfsmittel womöglich versteckt… Julien dagegen hat die technischen Schwierigkeiten des Vorabends überwunden und wirkt deutlich weniger nervös als noch in Utrecht. Schienen kleine Fehler tags zuvor eher Schreckmomente zu sein, lösen sie an diesem Abend - etwa als Mariah bei "Favor" für einen ganz kurzen Moment mal richtig danebengreift, eher Heiterkeit aus. Auch wenn Mariah anders als in Utrecht nicht aktiv als Problemlöserin gebraucht wird, bleibt sie dennoch Juliens wichtigste Bezugsperson auf der Bühne und sorgt - vielleicht noch nicht einmal bewusst - mit einem fast unmerklichen Kopfnicken immer dann für Bestätigung, wenn für einen kurzen Moment Zweifel über Juliens Gesicht huschen. Während die Bandnummern unverändert bleiben, ist in Groningen auch "Sprained Ankle", das am Abend vorher den technischen Problemen zum Opfer gefallen war, wieder im Set - und Mariah steuert mit Synth und Stimme die Parts bei, die sich Julien früher selbst zusammenloopen musste.

Hamburg, Fabrik, 17.04.2022

Auch durch die Fabrik in Hamburg-Altona weht der Geist der alten Zeiten, auch wenn sich hier einst eher die ganz Großen des Jazz - Miles Davis, Nina Simone, Sonny Rollins und, und, und – und nicht die Indie-Prominenz die Klinke in die Hand gegeben haben. Die Empore bleibt an diesem Ostersonntag zwar leer, der Stimmung schadet das aber keinesfalls. Tatsächlich hat man das Gefühl, dass an diesem Abend mehr echte Fans als bei den Shows in den Niederlanden im Saal sind, die vor der im Vergleich zu den Vortagen deutlich niedrigeren Bühnen viel mehr für "Mittendrin, statt nur dabei"-Feeling sorgen. Sie werden mit dem bisher klar besten Auftritt der Tour belohnt. Schon bei den Ratboys spürt man, dass etwas Besonderes in der Luft liegt, denn die vier lassen ihre Lieder weiter munter Reise nach Jersusalem spielen und verzichten an diesem Abend sogar auf einige todsichere Highlights, weil ihnen die Abwechslung wichtiger ist. Nur die Songwünsche, die von einigen Ratboys-Aficionados im Publikum reingerufen werden, können sie, da ungeprobt, leider nicht erfüllen. Reichlich Autogramme müssen sie nach der Show am Merchstand dennoch schreiben. Auch Julien scheint sich zu freuen, wieder in good ole Germany spielen zu dürfen, und das nicht nur, weil sie mit Mariah "a native Deutschlander" an ihrer Seite hat, sondern auch, weil sie so ihre Deutschkenntnisse auf die Probe stellen kann: "Ich habe meine Gitarre vergessen", sagt sie breit grinsend, nachdem sie ihre Akustikklampfe erst noch aus dem Backstage holen muss, gesteht danach aber sofort: "Thank your for clapping, it took me three years to learn this." Die spürbar gelöste Stimmung führt dazu, dass es auch Überraschungen in der Setlist gibt. War in Utrecht der Non-Album-Fan-Favorit "Red Door" noch kurzfristig aus dem Programm gestrichen worden, ist er an diesem Abend genauso spontan dabei - übrigens zum allerersten Mal in voller Besetzung, wie Julien verrät. Ähnlich wie bei "Shadowboxing" gelingt es ihr auch hier, den Song mit der Unterstützung ihrer Band behutsam in neue Richtungen zu bugsieren, den emotionalen Kern der alten Soloversionen aber unangetastet zu lassen. Wie schon 2017 beim Gastspiel im Uebel und Gefährlich rutscht dann auch noch "Good News" unerwartet ins Programm - offenbar verbindet Julien die Nummer bewusst oder unterbewusst mit der Hansestadt. Die alten Solonummern - bei der Zugabe gibt's auch noch "Everybody Does" - bedeuten für Julien aber nicht nur eine Rückkehr zu ihrem alten Sound, sondern offenbar auch zu ihrem alten Ich, wenn sie faszinierenderweise für ein paar Minuten auch in puncto Mimik und Körpersprache die Uhr zurückdreht. Dass die Abstecher in die Vergangenheit kurz bleiben, zeigt aber auch, dass sich für Julien der Fokus ihrer Auftritte nicht nur klanglich verschoben hat: Standen bislang stets niederschmetternde Emotionen im Vordergrund, rücken nun das Vergnügen des gemeinsamen Musikmachens und des gemeinschaftlichen Musikerlebens für Band und Publikum in den Mittelpunkt: der Sound einer Künstlerin, die weiß, was es heißt, aus Krisen gestärkt hervorzugehen.

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Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
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