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Konzert-Bericht
 
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Pomme
Safia Nolin

Köln, artheater
10.05.2022

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Pomme
Mag sein, dass Claire "Pomme" Pommet nicht weiß wie man tanzt oder sich vergessen kann (wie sie es in ihrem Chanson "Je sais pas danser" ausdrückt). Was sie aber ganz sicher weiß, ist wie man sich auf der Bühne charmant, effektiv, unterhaltsam und ausgesprochen amüsant in Szene setzt - auch wenn die Gute den Existenzialismus mit Löffeln gefressen zu haben scheint. Denn man muss schon lange suchen, bis sich jemand mit morbideren Texten findet. Das Besondere ist dabei allerdings, dass Pomme eben aus Frankreich kommt (und teilweise in Quebec lebt) und demzufolge ihre Faszination mit dem Tod auf Französisch auslebt. Und das ist dann schon wieder fast romantisch.
Während die normalen Musikfans sich bei der parallel stattfindenden Show von Julien Baker an anderer Stelle in Köln also die amerikanische Variante dieses Themas erklären ließen, fand sich im artheater - wie bei solchen Anlässen üblich - die vollständige Kölner Französische Kolonie ein. Dass das schon vor einiger Zeit angesetzte, dann aber wegen der Pandemie verschobene Konzert restlos ausverkauft war, hatte aber noch einen anderen Grund, denn da Pomme als Ikone der LGBT-Szene gilt (und zudem ihre ehemalige Partnerin, die frankokanadische Songwriterin Safia Nolin als Support mit auf ihre Europa-Tour genommen hatte), bestand die andere Hälfte des Publikums aus LGBT-Aktivistinnen, die sicherlich nicht alleine der Musik wegen gekommen waren.

Safia Nolin nahm die Sache, dass das Konzert am bis dahin heißesten Tag des Jahres stattfindet, mit Humor und begrüßte das Publikum mit den Worten: "Es macht mir viel Spaß, euch hier etwas vorzuschwitzen." Im Folgenden spielte die Frau mit der beeindruckenden Rudimentär-Tätowierung eine Reihe von balladesken Folkpop-Songs, die sie "Traurige französische Lieder über das Lesbisch-Sein", nannte, "aber es sind kanadische französische Lieder - was eine ganz andere Sache ist." Safia Nolin - und das erklärte nicht sie, sondern Pomme später - ist in Kanada eine wichtige Persönlichkeit. Das lässt sich daran erkennen, dass sie seit 2014 bereits drei Alben und vier EPs veröffentlicht hat, mehrere Songwriter-Preise absahnte, als LGBT-Aktivistin tätig ist, selbstverständlich auch mit Pomme musizierte und sich mit Celine Dion ablichten ließ. Romantisch ist es zwischen Safia und Pomme schon einiger Zeit vorbei - aber musikalisch funktioniert die Zusammenarbeit bis heute. Momentan hatte Safia aber sowieso andere Dinge im Kopf: Ihren letzten Song widmete sie Dua Lipa - die ja leider nicht lesbisch sei - und bat das Publikum ganz feste an diese zu denken, während sie das Stück spielte, damit sich das vielleicht ändern möge.
Pomme erschien im Folgenden im Bikini-Oberteil - nachdem Safia Nolin sie noch gewarnt hatte, im geplanten Outfit auf die Bühne zu gehen - und wunderte sich im Folgenden, wieso ausgerechnet Köln die heißeste Stadt in Deutschland sei, obwohl es doch nicht mal einen Strand hier gäbe. Nicht nur kleidungstechnisch braucht Pomme wenig, um glücklich zu sein - sofern der Begriff "glücklich" bei jemandem mit einem ausgeprägten Faible für den Tod überhaupt der richtige Begriff ist. Eine akustische und eine elektrische Gitarre, ein Mikro-Keyboard und eine Autoharp reichen ihr schon, die Arrangements ihrer Studioproduktionen - übrigens ohne jedwede rhythmische Beihilfen - hinreichend interessant, passend und variantenreich zu emulieren. Der Effekt, dass Solo-Sets selbst geübter Performer oft unter Gleichförmigkeit leiden, spielt bei Pomme schon alleine deswegen keine Rolle, weil sie je nach Stimmungslage zwischen den recht unterschiedlichen Instrumenten hin und her wechselte - vor allen Dingen aber deswegen, weil die Musik bei ihr offensichtlich nur ein Teil der Performance ist. Die anderen Teile sind intelligente, charmante Ad-Libs, einleuchtende und glaubhafte Einblicke in die Genese ihres Materials, erhellende philosophische Erkenntnisse, Geschichten, die das Leben schrieb (oder verehrte Autoren) - sowie eine unglaublich souveräne und in sich schon unterhaltsame Bühnenpräsenz. Der so demonstrierte performerische Mehrwert eines Pomme-Konzertes führt jedenfalls am Ende sogar dazu, dass sich die Zuhörer zumindest glaubhaft einreden können, Pomme nach einer ihrer Shows besser zu kennen als vorher.

In Frankreich und Kanada ging Pomme ja bereits nach der Veröffentlichung ihres Debüt-Albums "Á peu près" durch die Decke - hat aber inzwischen auch bei uns einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht - unter anderem aufgrund eines auf arte ausgestrahlten Pandemie-Konzertes aus dem Juli letzten Jahres. Etwas überraschend kam dabei der Hinweis, dass Pomme vor dem Beginn ihrer eigentlichen Karriere schon ein Mal bei einer Session in Köln gewesen war und nun hoch erfreut - aber auch ein wenig beeindruckt war - nun vor einem ausverkauften Haus aufspielen zu können. Der Grund für Pommes Erfolg dürfte auch darin bestehen, dass sie alles, was eine junge französische Songwriterin auszeichnen sollte, in Perfektion in sich vereint - und das ohne alleine auf das Retro-Flair des Chanson-Charakters zu setzen, sondern indem sie eine letztlich eigene musikalische Sprache entwickelte. Nicht übrigens, dass das bei dem Konzert in Köln dann eine besonders große Rolle spielte, denn die Gute hätte hier auch aus dem Pariser Telefonbuch vorlesen können und wäre trotzdem vom Publikum gefeiert und als Chor begleitet worden.

Das viel zu kurze Set bestand dann weitestgehend aus den Chansons ihres zweiten Albums "Les Failles" ("Die Schlupflöcher") - allerdings angereichert mit zwei neuen Songs, einer Coverversion und einigen wesentlichen Tracks des ersten Albums, die ihre Passion für den Tod in besonderer Weise zum Ausdruck bringen. Bei "Tombeau" etwa geht es schließlich um einen Regenwurm, der auf dem Friedhof nach dem schönsten Grab mit den leckersten Knochen zum Nagen sucht und in dem ganz zum Schluss als letzte Zugabe mit Hilfe des Publikums vorgetragene Trennungs-Downer "On brûlera" (= "wir kochen" (in der Hölle)) resümiert Pomme darüber, lieber in den Armen des geliebten Partners sterben zu wollen und diesem in die Hölle zu folgen, als ihn verlieren zu müssen. Merkwürdigerweise kommt das bei Pomme alles nicht so larmoyant und Ich-bezogen daher, wie bei vielen ihrer US-Kolleg(inn)en, denn ihr ist diese Todes-Macke schon bewusst und letztlich betrachtet sie das Problem stets auch mit einer gewissen distanzierten Abgeklärtheit - als Teil des Lebens sozusagen und eben in existenzialistischer Hinsicht.

Eine charmante Anekdote illustrierte das noch mal: Ob denn alle im Publikum den Film "Chihiros Reise ins Zauberland" des japanischen Regisseurs Myazaki gesehen haben - fragte Pomme ins Rund. Sie selbst habe als Kind ja keine Disney-Filme gesehen, da ihre Mutter Anti-Disney gewesen sei - wohl aber die Filme von Myazaki. Und in dem Chihiro-Film gäbe es nicht nur empfehlenswert krasse Szenen, in denen sich Chihiros Eltern in Schweine verwandeln, sondern auch einen charmanten Song am Ende des Filmes, den Pomme sich zu Eigen gemacht habe, um endlich ein Mal über etwas anderes als den Tod singen zu können. Bis sie dann ein paar Japanisch-Stunden genommen habe - nur um herauszufinden, dass es in dem Song dann auch um den Tod ginge - immerhin aber den Tod in einem Fluss, was ja etwas ganz anderes sei, als das, was sie sonst mache. Der Song heißt übrigens "Itsumo Nando Demo ("Immer mit mir") und wurde von Pomme in passablem japanisch vorgetragen (jedenfalls klang das so).

Was gab es sonst noch? Ach ja: Zwei neue Songs - davon einer als fiktiver Brief an die bereits 2009 verstorbene kanadische Autorin Nelly Arcan, deren Romane "Folle" und "Putain" Pomme mächtig beeindruckt haben. Und dann gab es da ja auch noch die Sache mit der Autoharp. Die Autoharp habe Pomme entdeckt, als sie Videos von Dolly Parton und anderen Country-Stars gesehen habe und sie habe sich gleich in dieses Instrument verliebt, sich eines gekauft und gelernt es zu spielen. Sie vermute ja, dass sie zu einer besseren Person werde, wenn sie Autoharp spiele - und man solle dann doch vielleicht an Dinge denken, die schlecht sind und besser werden sollten, wenn sie das Instrument spiele - das würde diese Dinge dann vermutlich verbessern. Zum Ende der Show bedankte sich Pomme noch mal beim begeisterten Publikum, weil sie nicht damit gerechnet habe, auch außerhalb von Frankreich dermaßen gefeiert zu werden: "As a french person I was like: 'What the fuck?' So thank you very much!"

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Surfempfehlung:
pommemusic.fr
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www.safianolin.com
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www.instagram.com/safianolin
www.youtube.com/watch?v=73EcDGP3jTU
www.youtube.com/watch?v=3XaJ-ARv2fU
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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