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Konzert-Bericht
 
Romantische Plastik-Philosophie

Johanna Amelie
Marlena Käthe

Köln, Die Wohngemeinschaft
14.05.2022

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Johanna Amelie
Das war nicht schlecht: An einem Abend, an dem das sommerliche Mai-Wetter eigentlich zu einem Besuch im Biergarten eingeladen hätte - und zudem das ESC-Finale Menschen, die normalerweise nicht zu Konzerten gehen, sowieso beschäftigt hätte -, fand dann doch deutlich mehr als die sprichwörtliche Handvoll von Fans zu dem Konzert von Johanna Amelie und ihrer Band im Rahmen ihrer lange erwarteten weil "vier bis viertausendmal" verschobenen Post-Covid-Headliner-Tour in der Kölner Wohngemeinschaft.
Vielleicht hat es auch ein bisschen geholfen, dass die Kölner Teilzeit-Lokalmatadorin, Marlena Käthe Johanna & Co. auf dieser Tour als Support begleitete. Denn wenngleich Marlene in ihren lyrischen Selbstbespiegelungs-Songs eine grundsätzlich persönlichere Position einnimmt als die sich an unterschiedlichsten Inspirationsquellen orientierende Johanna Amelie, ist ihr Material in Bezug auf das Sentiment und die atmosphärische Gemengelage absolut kompatibel mit dem, was Johanna mit ihrer Band in einem etwas fülligeren Setting macht. Allerdings verzichtete Marlena darauf, in diesem Rahmen mit einer eigenen Band zu agieren (wofür auf der vollgestellten Bühne auch kein Platz gewesen wäre), sondern setzte sich an das Keyboards Johannas und ließ sich dazu alleine von der Cellistin Muriel begleiten. Das führte dann dazu, dass Marlenes ältere Songs - wie zum Beispiel "Bruises" - die sie ja ansonsten gerne auch mal mit elektronischen Elementen augmentiert, in diesem puristischen Akustik-Setting ganz neue, intime Perspektiven entwickelten. Und dann waren da auch noch zwei neue Tracks: Das für eine Theaterposition geschriebene "Hold On" - ein Song über den Untergang der Welt - und die mit der Schweizer Songwriterin Tiffany "To Athena" Limacher auf deutsch gemeinsam erarbeitete empowerment-Ballade "Garten" - in dieser Form einem romantischen Kunstlied Schubert'scher Prägung deutlich näher, als etwa einem Pop-Song. Sei es drum: Mit eigentlich jedem ihrer Auftritte demonstriert Marlena Käthe neue Facetten ihrer Kunst - und das war natürlich an diesem Abend auch nicht anders.
Apropos romantisches Kunstlied: Obwohl Johanna Amelie mit ihrem englischsprachigem New Wave-Pop (im besten Sinne) natürlich mit romantischen Kunstliedern musikalisch so gar nichts am Hut hat, gilt das keineswegs für ihre Inhalte: Da ist zum Beispiel der Track "Hands" von ihrem letzten Album "Beginnings". Dieser ist inspiriert von einem Gedicht, das Rainer Maria Rilke für seine Angebetete, der frühfeministischen Philosophin und Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé geschrieben hatte. Vergeblich übrigens, wie die Geschichte zeigte - was dann vielleicht auch die ans morbide grenzende, melancholische Note des Tracks erklärt. Zu analysieren braucht man das nicht unbedingt weiter - es zeigt aber, dass Johanna Amelie eine Meisterin darin ist, Inspirationen als Songwriterin aus den unterschiedlichsten Quellen aufzugreifen und in anschaulichen Bildern, Metaphern und Aphorismen zu verarbeiten. Ein anderes Beispiel dafür ist vielleicht ihr Titel mit dem eigenartigen Titel "Earth Wanted Plastic - She Didn't Know How To Make It". Diese Idee hatte der Comedian George Carlin in den 90ern entwickelt. Da die Welt nicht gewusst hätte, wie man Plastik macht, habe sie die Menschen erfunden, die dann das Plastik gemacht hätten - jetzt, wo das Plastik da ist, braucht die Welt die Menschen natürlich nicht mehr. Das ist ja ganz schön aktueller, philosophischer Stoff, den Johanna dann aber mit leichter Hand in einem soulig groovenden Track verquickt, so dass sich die Grübelei seitens der Zuhörer dann doch in Grenzen hält. Der Titeltrack ihres aktuellen Albums (das es ja vorzustellen galt) ist hingegen einfach erklärt: Die Träume und Pläne, die Johanna einmal entwickelt hatte, werden wohl für immer nur Fiktion bleiben (denn Life is bekanntlich ja "what happens while you are making other plans"). Nun ja.

Musikalisch hatte sich Johanna einiges einfallen lassen. So spielten in ihrer Band nicht nur ihre bisherige Bassistin Leonie Geisler, sondern auch deren Brüder, die gelegentlich auch beim Harmoniegesang aushalfen - und die Settings ihres Keyboards nutzte Johanna nicht nur, um Klavier zu spielen, sondern auch Mellotron-, Orgel- und Synthiesounds zu erzeugen. Neben Keyboard und Gitarre bemühte Johanna zudem für den Song "Dreamwife" auch noch ein Omnichord - inklusive Humpty-Dumpty-Rhythmusmaschine. Ach so: Der auf Französisch vorgetragene Track "Jumeau" von ihrer "One Moon"-EP fand dann auch noch den Weg auf die Setlist.

Fazit: Die Idee, sich mit einer Band auf die Headliner-Tour für ihre neues Album "Fiction Forever" zu begeben, war sicherlich genau richtig - da sich so das Produktionsvolumen, in das Johanna & Co. ja gewiss viel Hirnschmalz investiert hatten, adäquat und lebendig repräsentieren ließ. Auch, wenn dummerweise das Album selbst zum Zeitpunkt der Tour noch gar nicht physisch zu haben war. Sei es drum: Das Angenehme an dieser Show (inklusive des Support-Sets) war dann der Umstand, dass hier Musiker zusammen gekommen waren, die aus den erkennbar richtigen Beweggründen Musik machen und dabei eigene, kreative Wege gefunden haben, aus den standardisierten Schemata ihrer Zunft auszubrechen - und so zu einer eigenen Identität zu finden.

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Surfempfehlung:
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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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