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Mitski
Sasami

Köln, Carlswerk Victoria
15.05.2022

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Mitski
Waren das noch Zeiten, als Mitski in Jogging-Hose und 2nd-Hand-Klamotten in stickigen Clubs mit dem Bass in der Hand um die Gunst von Indie-Fans buhlte. Dann kam "Puberty 2" - und damit änderte sich alles, denn die Gute entwickelte sich mit diesem Album zur Leitfigur für junge Frauen und geht seither mehr und mehr als gut situierter Mega-Star durch. Heutzutage kann sie es sich etwa leisten, ihre Songs mit Grammy-prämierten Songwriter-Kollegen wie Dan Wilson zu streamlinen und kann aufgrund ihrer immensen Popularität insbesondere in den USA auf Promotion weitestgehend zu verzichten. Bemerkbar macht sich dieser Erfolg dann beispielsweise dadurch, dass ihre aktuelle Tour bereits teilweise ausverkauft war, bevor sie überhaupt angekündigt wurde - und lange bevor die aktuelle LP "Laurel Hell" überhaupt das Licht der Welt erblickte.
Ganz so weit ist ihre Kollegin Sasami Ashworth zwar noch nicht - aber aufgrund dessen, dass diese mit Mitski (und Michelle Zauner von Japanese Breakfast) bestens vernetzt ist, zehrt auch sie von der zunehmenden Popularität von Indie-Künstlerinnen mit asiatischen Roots. Hinzu kommt, dass alle drei auch gut befreundet sind und sich gegenseitig unterstützen. Logisch, dass Mitski dann Sasami, deren zweite LP "Squeeze" ungefähr zeitlich mit Mitskys Album "Laurel Hell" erschien, mit auf den europäischen Abschnitt ihrer aktuellen Tour nahm (in den USA war es dann Michelles Japanese Breakfast, der diese Ehre zu Teil wurde). Die Sache mit Sasami ist die: Sasami ist eine gut gelaunte, energiegeladene Rampensau, die so ziemlich alles tun würde, um sich auf der Bühne hemmungslos auszuleben. So auch bei diesem Konzert in Köln - das allerdings gleich mehrere Nummern größer war als die kleinen Club-Shows, die sie zuvor in der Domstadt absolvierte. Auch Sasami hatte mit "Squeeze" einen ziemlich Popularitätsschub hingelegt, wodurch sich ihr neue produktionstechnische und konzeptionelle Möglichkeiten eröffneten. Präsentierte sie sich bei ihrer letzten Show im Kölner Bumann & Sohn noch als Indie-Pop-Göre, die mit ihrer "Gay Band" (wie sie ihre drei Mitstreiterinnen aus dem LGBT-Umfeld damals nannte) jede Menge Spaß haben wollte. Mit ihrem neuen Album "Squeeze" hatte sie allerdings ihre neue Vorliebe für Nu-Metal Ästhetik entdeckt und beispielsweise Dirk Verbeuren von Megadeth als Drummer engagiert. Für die aktuelle Tour hatte sie sich demzufolge vom "Gay Band Prinzip" verabschiedet und sich ein Trio langhaariger, bärtiger Hardrocker mitgebracht. Damit die Sache für das blutjunge Publikum nicht ganz so brutal geriet, achtete Sasami dann aber drauf, ihr kurzes Set auch mit versöhnlichen, poppigeren Songs wie "The Greatest" und "Not A Love Song" (übrigens inklusive des stark abgewandelten atmosphärischen Intros "Feminine Water Turmoil") zu versöhnen. Als Performerin hingegen gab Sasami die Rock-Queen im Fetish-Outfit und absolvierte so ziemlich alle Rockposen inklusive Kniefall-Soli und (angedeutetem) Sprung ins Auditorium. Die Fans feierten dann aber sowieso alles, was Sasami zu bieten hatte. "Heute geht es viel um Hexenpower", appellierte sie an das Community-Feeling. Anders als Mitski hat Sasami allerdings die Bodenhaftung noch nicht ganz aufgegeben und bemühte sich nach der Show zum Merch-Stand, um zumindest Autogramme geben zu können. Ein Chat mit den Fans war nicht mehr drin, da sie dabei ihre Stimme zu verlieren drohte - (so kündigten ein paar Schrifttafeln an). Sowas kommt von sowas.
Als dann Mitski und ihre (vollkommen im Schatten stehenden) Musiker gegen 21:30 Uhr relativ spät die Bühne betraten, gab es kein Halten mehr, so dass die ersten Töne von "Love Me More" in einem ohrenbetäubenden Kreischkonzert untergingen. Im Folgenden legte sich das dann zwar ein wenig - dafür sangen die Fans dann aber fast alle Tracks des ca. 20 Stücke umfassenden Sets mit. Heutzutage fasst Mitski auf der Bühne keine Instrumente mehr an - was auch nicht gut möglich wäre, denn Mitski stand entweder rätselhafte, verschwörerische Schamanninen-Gesten ausführend am Gesangsmikro - oder turnte ausdruckstanzend über die Bühne - vorzugsweise von einer Seite auf die andere und wieder zurück mit paritätischen Präsentationspausen für alle Teile des Auditoriums. Ab und zu ließ sie sich dann auch mal fallen (offensichtlich ein dramatischer Kunstgriff des Ausdruckstanzes) und blieb dann auch dramatisch liegen, bis das Stück zu Ende war. Musikalisch bot das Setting eigentlich nur die absolut notwendige Grundausstattung. Alle Tracks wurden beispielsweise im kompakten Drei-Minuten-Format runtergerissen, wobei auffiel, dass auch die älteren Tracks auf das massenkompatible E-Pop-, New Wave- und Disco-Format umgebogen wurden, mit dem sie heutzutage ihre Songs wie "Stay Soft" oder "The Only Heartbreaker" auch im Studio meisterlich verbrämt. Gitarrenpop ist das dann jedenfalls nicht mehr. Dafür hat Mitski gesanglich gegenüber früher deutlich zugelegt. Wenn heutzutage mal etwas neben der Spur zu liegen scheint oder harmonisch aus dem Ruder zu laufen droht, dann geschieht das absichtlich und aus dramatischen Gründen - und nicht mehr, weil die Instrumente nicht richtig gestimmt sind oder Mitski die Töne nicht richtig trifft.

Zunächst schien Mitski das frenetische Publikum zu ignorieren, bis sie dann mit der Frage "Do you like me?" eine Art Dialog initiierte. "Ich habe gesehen, dass ihr euch draußen viel zu früh zum Warten angestellt habt", adressierte sie das Publikum (was stimmte, denn die Reihe der brav wartenden Fans reichte bis fast ins Stadtzentrum), "darf ich mal fragen, für wen von euch das heute das allererste Konzert ist?" Dass sich daraufhin mindestens ein Drittel des Publikums im ausverkauften Haus mit Handzeichen meldete, erklärte dann so einiges: Mitski ist zweifelsohne zu einer Art Teeny-Ikone geworden. Schade, dass das für sie eigentlich schon zu spät ist, denn bereits 2016 beklagte sie sich bei einer Show an ihrem 25. Geburtstag, dass dieses der traurigste Tag in ihrem Leben sei, da sie nun endgültig die Verantwortung für ihr Leben vollständig übernehmen müsse. Immerhin ist sie sich ihrer Verantwortung wohl bewusst: Da direkt vor der Bühne die kollektive Hysterie grassierte, bat sie die Fans, vorsichtig zu sein, aufeinander aufzupassen und nett zueinander zu sein - denn das sei das Wichtigste bei ihren Konzerten und im richtigen Leben: "Nett zueinander zu sein."

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Surfempfehlung:
mitski.com
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sasamiashworth.com
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www.youtube.com/watch?v=BJgIlOguc4U
www.facebook.com/SASAMIASHWORTH/
www.youtube.com/watch?v=QiLwJvck4bY
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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