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Jim White

Köln, Basement
21.05.2022

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Jim White
In Zeiten von Spotify, Streaming, digitalen Downloads, TikTok und Instagram haben es schrullige Liedermacher wie Jim White - die schon alleine musikalisch zwischen allen möglichen Stühlen sitzen und sowieso eher auf langlebige, konventionelle Handwerkskunst als den eingefangenen musikalischen Moment setzen - natürlich noch schwerer, mit ihrer Kunst an die Öffentlichkeiten zu gelangen, als in Zeiten, in denen die großen Plattenfirmen noch Geld hatten, ihre Künstler durch die Gegend zu schicken. Insofern kann es der Privatinitiative des rührigen Kölner Klub der 40 gar nicht hoch genug angerechnet werden, dass die kulturfördernden Vereinsfreunde alles daran gesetzt hatten, den enigmatischen Songwriter, Troubadour, Produzent und seit einiger Zeit auch Podcaster und Schriftsteller aus Georgia in eigener Sache für ein einzelnes Konzert nach Köln zu locken.
Mehrere Jahre hatten die Veranstalter daran gearbeitet - die Pandemie noch nicht ein Mal eingerechnet. Das aber brachte letztlich auch Vorteile mit sich; denn nicht nur schaffte es der Mann, der dereinst ein Mal von David Byrne für sein Label Luaka Bop entdeckt wurde und mit seinem Album "Wrong Eyed Jesus" Musikgeschichte schrieb, in der "Wartezeit" zwischen dem ursprünglich für März 2020 geplanten Konzert und heute sein aktuelles Album "Misfit's Jubilee" fertigzustellen, sondern auch seine Autobiographie "Incidental Contact" zu veröffentlichen. Genügend zu erzählen hat Jim ja sowieso - was er auch eindrucksvoll bei dem Konzert im (reaktivierten) Kölner Basement mit seiner Songauswahl belegte, die sich tatsächlich als vollumfängliche Werksschau herausstellte.

Oft ist es ja so, dass sich Songwriter hinter Metaphern und Aphorismen verstecken. Im Prinzip tut das Jim ja auch - nur dass seine Metaphern und Aphorismen sich mehr oder minder konkret aus seinen persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen speisen. Die Setlist des Kölner Konzertes war dann also nicht nur eine Reise kreuz und quer durch das White'sche Oeuvre sondern ein bisschen auch durch die Psyche des Mannes. Das fing schon damit an, dass er die Show mit dem Song "Take It Like A Man" (vor der obskuren Kollaboration mit der Packway Handle (Bluegrass) Band) eröffnete - zumindest dem Titel nach ein Epitom seines Lebens, denn Rückschläge hat Jim ja nun wahrlich genug erlebt. Es gab dann noch einen Song von diesem Album - und zwar den Gospel according to "Jim 3:16", der die unvergessliche Zeile enthält: "A bar is just a church where they serve beer" (die Jim von einem Kollegen abgekupfert hat, wie er einräumte). Und das war dann ein Beispiel für Jims Faszination für alle Formen institutionalisierter Spiritualität/Religion, der er immer wieder faszinierende Erkenntnisse abringen kann, wie zum Beispiel jene, dass die Welt ja im wesentlichen ein Wohnmobil sei, das von Jesus gelenkt wird. Wie so vieles sang das Publikum dann auch den Refrain des Songs "If Jesus Drove A Motor Home" begeistert mit. In einem anderen Leben wäre Jim White sicherlich ein Prediger geworden - wäre er nicht in diesem von seinen ganzen anderen Jobs (etwa Male-Model oder professioneller Tischfussball-Spieler) frühzeitig davon abgehalten worden.
Es gab aber auch andere Themen, die Jim an diesem Abend abhandelte: Seine Sorge über den Zustand der "Divided States Of America" etwa oder seine Erinnerungen an den Kampf mit seiner Psyche, den er in dem Song "Corvair" anschaulich zum Ausdruck brachte. Ansonsten geriet die Show aber auch zum Showcase für Jims "Greatest Hits" - damit sind Songs wie "Still Waters", "A Perfect Day To Chase Tornados" oder "Static On The Radio" gemeint, die ihn bekannt gemacht haben, und die ihm dank der tätigen Hilfe von Freunden, die seine Musik in Fernsehserien wie "Breaking Bad" platzieren bis heute mit am Leben erhalten. Zusätzlich gab es dann Bonbons wie das Instrumental "Hop Song", das Jims musikalische Vielseitigkeit noch mal demonstrierte oder das hahnebüchene Talking Heads-Cover "Once In A Lifetime", mit dem Jim an die Zeit erinnerte, in der David Byrne ihn als Support Act mit auf Tour nahm und er sich im Gegenzug bemühte, seine Musik für die Talking Heads-Fans aufzupimpen. Dass er hingegen während des Vortrages seines ersten Trademark-Songs "Still Waters" bei einer Show in England hingegen mal eingeschlafen sein wollte, dürfte eher dem Reich der Rock-Fabeln zuzurechnen sein.

Musikalisch war das Ganze eher überschaubar angelegt: Jim spielte mit den beiden belgischen Musikern Nicholas Rombouts und Geert Hellinas zusammen, mit denen er sein letztes Album "Misfit's Jubilee" - teilweise in Antwerpen - eingespielt hatte. Ein Drummer wurde kreativ durch Rhythmusmaschinen, Beat-Boxes und händisch gespielte Percussion emuliert. Dennoch gelang es White und seinen Mitstreiter, den Rockdrive gerade neuerer Tracks wie "Wonders Never Cease" oder "Smart Ass Reply" erfolgreich in das Live-Konzept mit einzubinden. Überhaupt gefiel der Umstand, dass das, was die Musiker da auf der Bühne veranstalteten, mit klassischen Genrebegriffen eigentlich gar nicht mehr zu greifen war - schon gar nicht mit dem Label "Country-Musik", das Jim gelegentlich zugedichtet wird. Jim White ist halt so etwas wie eine ganz eigene musikalische Genussmittelklasse.

Ein wichtiger Aspekt, der Jim besonders am Herzen liegt, sollte noch erwähnt werden: Wie bei jedem seiner Konzerte gab es nach der Show eine Versteigerung von Kleidungsstücken und signierten Postern zugunsten Ärzte ohne Grenzen, bei der an diesem Abend fast 400 Euro zusammen kamen. Das ist Jim insofern hoch anzurechnen, als dass er vermutlich selbst nicht für jede seiner Shows so viel Geld an Tantiemen einnimmt...

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Surfempfehlung:
jimwhitemusic.net
www.facebook.com/jimwhiteofficial
twitter.com/jimsuperwhite
www.youtube.com/watch?v=8HdlxQo2ILc
www.youtube.com/watch?v=x12_bqUZutE
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
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