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Orange Blossom Festival 24 - 2. Teil

Beverungen, Glitterhouse-Garten
04.06.2022

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July Talk
Zu Beginn des zweiten Festival-Tages suchte Herr Matze Rossi sein Glück auf der Bühne des OBS. Rembert wurde nicht müde zu betonen, dass Matze der Act des diesjährigen OBS-Line-Ups mit der höchsten Chartplatzierung sei (Platz 18 für sein Album "Wofür das Herz schlägt" am 18.06.21). Dennoch verließ sich der gewesene Punk-Musiker Matze, der heutzutage als romantischer Liedermacher mit sachten Rock-Ambitionen tätig ist, nicht vollständig auf die Sache mit dem Glück, sondern hatte eine Kiste Sekt dabei, die er während seines Konzertes an die Menschen in der ersten Reihe vor der Bühne ausschenken ließ. Nicht, dass das unbedingt notwendig gewesen wäre - denn der relaxte Einstieg in den zweiten Festivaltag erfuhr auch so den notwendigen Zuspruch - aber eine nette Geste war das ja allemal. Als Performer gehört Matze zweifelsohne zu den sympathischsten Vertretern seiner Zunft und bescherte den Fans einen betont relaxten, friedfertigen Einstieg in den zweiten Festivaltag.
Dass ausgerechnet das nicht eben für seine fröhlichen Mitsing-Songs bekannte Trio Postcards aus Beirut im Folgenden bei gleißendem Sonnenschein (und Kunstnebel) mitten am Tag auf der Bühne stehen musste, hatte mit dem persönlichen Wunsch der Band zu tun, am selben Tag noch einen weiteren Gig im Wendland spielen zu wollen. Dafür war die Band auch mitten in der Nacht vom letzten Gig losgefahren, um früh genug vor Ort sein zu können (während die kanadische Band July Talk, mit der die Postcards gemeinsam auf Tour waren, sich diesbezüglich einen halben Tag länger Zeit ließ, nach Beverungen zu gelangen). Angesichts dessen, dass die Band aus dem von etlichen Krisen geschüttelten Libanon stammt (Drummer Pascal Semerdjian wurde beispielsweise bei der Explosion des Getreidespeichers im Hafen von Beirut verletzt), kommt die Band mit einer bemerkenswert lockeren Attitüde und sogar einer gewissen Leichtigkeit daher - was nicht zuletzt an der freundlichen, zugänglichen Art liegt, die Frontfrau Julia Sabra an den Tag legt und die Songs - zwar mit der gebotenen Ernsthaftigkeit und kraftvoller Eleganz aber vollkommen ohne trauerklosige Larmoyanz vorträgt. Das ist schon alleine deswegen erwähnenswert, weil sich die Postcards ein eher düsteres Dreampop-Setting als musikalisches Metier ausgesucht haben, das beim OBS aber mit erstaunlichem Nachdruck implementiert wurde.

Das Trio Acht Eimer Hühnerherzen war für die ursprüngliche OBS-Planung 2020 noch für die Minibühne vorgesehen gewesen (und hatte für den stattdessen spontan angesetzten "Live-Stream" sogar ein exklusives Video produziert) - aber inzwischen sind Apocalypse, Jonny und Bene zumindest zu Stream-Millionären geworden und sind mit ihrem dritten Album "Musik", das am 18.03. diesen Jahres auf Platz 20 in den Charts landete, Herrn Rossi charttechnisch zumindest dicht auf den Füßen. Das Trio begeisterte dann im Folgenden mit No-Nonsense-Nonsense de riguer und einer wirklich ansteckenden Begeisterung für das eigene Tun - was sich dann mühelos auf der Publikum übertrug. Bemerkenswerterweise war die eigentlich angestrebte Zielgruppe - junge Leute - zu dieser Zeit noch nicht so richtig wach. Wie dem auch sei: Acht Eimer Hühnerherzen gehörte zu einer jener speziellen OBS-Acts, von denen Rembert später nicht zu unrecht erklärte, dass man mit diesen nicht aus fiskalischen Gründen zusammenarbeite, sondern weil einfach die Chemie stimmt. Das das Trio auch deutlich, als sie nach der Show unbekümmert und freundlich mit den Fans quatschten.

Zu dieser Art Spezies gehört logischerweise auch das Instrumental Doom-Stoner-Rock-Quartett Neànder. Und das nicht nur, aber sicherlich auch, weil der Mittelgitarrist (bei einer basslosen Band mit drei gleichberechtigt agierenden Gitarristen gibt es schließlich keinen echten Frontmann) Jan Korbach seine Laufbahn dereinst aus der Glitterhouse-Backstage-Crew gestartet hatte und beim letzten OBS als Gitarrist in der Band von Casper bereits auf der Hauptbühne gestanden hatte. Man mag von Musik wie jener, die Neànder spielen, halten, was man will: Eine brillante Bühnendramatik und einen musikalischen wie optischen Malstrom entwickeln die Jungs auf der Bühne allemal. Das war schon alleine des Konzeptes wegen - auf den den Gesang und einen Bassisten zu verzichten nämlich - bemerkenswert und faszinierend. Merkwürdigerweise funktionierte die zwar enorm druckvolle, aber keineswegs brachial daherpolternde Musik des Quartetts zur Kaffeestunde in der Nachmittagssonne ganz ausgezeichnet. Sowas muss man als Festivalplaner auch erst mal erahnen können.

Vor und nach Neànder beglückte derweil eine wohlbekannte OBS-Veteranin die Fans auf der Mini-Bühne. Als Bassistin von Torpus & The Art Directors hatte Jenny Apelmo nämlich schon des Öfteren auf den Bühnen des OBS gestanden. Schon damals hatte die Schwedin geäußert, dass sie Ambitionen habe, selbst ein mal songwriterisch tätig werden zu wollen - und hat diese mit ihrem Indie-Pop-Ensemble Jenobi inzwischen auch verwirklicht. Auch Jenny gehört zu jener Art von Musiker(inn)en, ohne die das OBS einfach nicht denkbar erscheint und begeisterte durch ihre sympathische Art, in der sie sich über den Zuspruch der Fans freute. Zu diesen gehört übrigens auch ihr Freund Linus Lindvall von Cub & Wolf, der die beiden Jenobi-Shows mit seiner kleinen Tochter verfolgte und dabei lautstark mitsang. Haben wir eigentlich schon erwähnt, dass das OBS so etwas wie eine einzige, große Familie ist?

Martin Bechler, Jenny Thiele und Jannis Knüpfer alias Fortuna Ehrenfeld gehören auch zu den Bands mit der richtigen Chemie - und zu jenen, von denen Rembert schon viel früher als alle anderen gewusst hatte, dass denen mal eine große Zukunft beschieden sein könnte, als er sie beim letzten OBS auf der Minibühne verpflichtete. Inzwischen sind Martin & Co. zu echten Stars herangereift und haben die Pandemie genutzt, um mit neuem Material und Live-Auftritten (wo immer das möglich war) ihre Popularität nochmals zu steigern. Das hat einen ganz einfachen Grund, wie Martin nach der Show im Gespräch mit Fans dem Sinn nach erklärte: Sein oberstes Ziel ist es nämlich, die Menschen mit seiner Musik gut zu unterhalten - und ihnen das zu liefern, was sie erleben möchten. Und wenn es den Leuten Spaß macht, einen Bandleader im Schlafanzug und Federboas zu sehen, dann ist das nicht lächerlich und kindisch, sondern perfekter Kundenservice. Schließlich geht es nicht darum, sich selbst, sondern die Menschen ernst zu nehmen. Ganz mal davon abgesehen haben Fortuna Ehrenfeld trotz aller performerischen Clownerien immer schon jede Menge richtig gute Songs im Gepäck gehabt.

Auch Tom Allan & The Strangest haben beim letzten OBS bewiesen, dass die Minibühne als Talentschmiede eine sichere Bank darstellt. Dieses Jahr durften Tom Allan, Evan Beltran und Drummer Nico auf der großen Bühne für jene Furore sorgen, die Rembert beim letzten OBS noch Sorgen gemacht hatte, als der frenetische Applaus für die Band einfach nicht aufhören wollte. Ganz ähnlich war das auch in diesem Jahr, denn Tom Allan & Co. beherrschen nun wirklich jeden performerischen Winkelzug, der eine stadientaugliche Rockband heutzutage auszeichnet - und verfügen mittlerweile einen beeindruckenden Pool an wirklich brillanten Songs. Schade eigentlich, dass das neue Album zwar grundsätzlich bereits fertig ist, aber aus produktionstechnischen Gründen erst im August erscheinen kann. Tom, Evan und Nico geisterten im Folgenden auch als Fans die ganze Zeit über das Festivalgelände - und unterhielten Freunde, Bekannte und Unbekannte mit allerlei Narreteien und Possenreißereien. Etwa in der Art, wie das auch Jörkk Mechenbier und die Jungs von Trixsi machten, wodurch sie eine Art Wettstreit entwickelte, wer wessen Foto-Shoots wohl am effektivsten crashen könnte.

Die Geschichte von der kanadischen Band July Talk und dem OBS ist eine lange und leidvolle. Denn Rembert hatte schon lange vor der Pandemie versucht, das Ensemble um das enigmatische Performer-Pärchen Leah Fay und Peter Dreimanis für das OBS zu buchen - was aus terminlichen Gründen nie hingehauen hatte, bis es für das OBS 2020 tatsächlich geklappt hätte, wäre nicht die doofe Pandemie dazwischen gekommen. Tatsächlich waren July Talk aber dem OBS zu diesem Zeitpunkt bereits so sehr zugetan, dass sie nicht nur einen Live-Teaser bastelten, sondern sich auch bereit erklärten, die folgenden Umbuchungsorgien mitzumachen, um auf jeden Fall dieses Mal dabei sein zu können. Leider hatte die Band die Zeit nicht dazu genutzt, neues Material einzuspielen - was aber auch gar nicht nötig gewesen zu sein scheint, denn das, was Leah und Peter auf der Bühne performerisch und die ganze Band musikalisch reißt, hat mit dem, was auf Konserve stattfindet, kaum etwas zu tun. Um es gleich zu sagen: Leah und Peter sind keineswegs wahnsinnig oder psychisch gestört, sondern lediglich brillante Performer, personifizierte Rampensäue und äußerst nette Menschen obendrein. Dieser Hinweis erscheint angebracht, denn eine Show, wie sie July Talk auf der Bühne des OBS absolvierten, hatte man in dieser spezifischen Auslebung auch noch nicht gesehen. Die Sache ist die: Peter und Leah geben sich auf der Bühne dem Habitus des manischen Extrems hin. Mit weit aufgerissenen Augen, geradezu bedrohlich verzerrter Mimik, maliziösem Grinsen und hyperaktivem Gezappel gehen Leah und Peter bis an die Grenze dessen, was performerisch gerade eben noch akzeptabel erscheint - und teilweise sogar noch darüber hinaus. Es ist schließlich eine Sache, auf der Bühne wie ein psychotisches Killerpärchen übereinander herzufallen, sich durch das Gesicht zu wischen, Glitter-Herzchen aufzukleben, aneinander festzuklammern und dabei überlebensgroße Rockstar-Gesten und spastischen Ausdruckstanz miteinander zu kombinieren - und eine ganz andere, etwa während des Vortrages auf dem gerade mal drei cm breiten Absperrgitter vor der Bühne herumzubalancieren, wie Leah das tat - oder sich eine Bierflasche aus dem Publikum reichen zu lassen, sich diese auf den Kopf zu stellen und anschließend freihändig einen ganzen Song zu performen. Und - ach ja - July Talk rocken auf der Bühne in einer Art, die die komplex strukturierten Studio-Arrangements kaum vermuten hätten lassen. Unmittelbar nach der Show kamen Leah und Peter dann zum Meet & Greet - und waren dabei nicht nur betont freundlich, geduldig und zugänglich - sondern obendrein kein bisschen außer Atem. Also irgendwas stimmt da nicht.
Niels Frevert war ja sozusagen als Alternative zu Thees Uhlmann gebucht worden, der ursprünglich 2020 gekommen wäre, aber für dieses Jahr dann tatsächlich nicht zur Verfügung stand. Vielleicht war die Platzierung von Niels Auftritt als "Headliner" am zweiten Festivaltag gar nicht so schlecht, denn nach mehreren Stunden fulminanter Vollgas-Shows war ein eher besinnlicher Abschluss ja auch mal ganz schön. Und besinnlich kann Niels aus den FF - auch, wenn er und seine Band natürlich nicht nur Balladen spielten. Niels letztes Album "Putzlicht" war ja bereits 2019 erschienen. Insofern ging es dann auch nicht mehr darum, dieses zu promoten, sondern Nuancen auszuloten. Das taten Niels und seine Musiker dann auch mit einem akustisch ausgerichteten, klassischen Singer/Songwriter Set. Einen besonderen Service für die Zuschauer in der ersten Reihe vor der Bühne gab es dann noch, als die jüngste OBS-Mitarbeiterin Mathilda im Bühnengraben hin und herlief und die Fans mit Glitter-Herzchen, Gummibärchen, Keksen und Erdnuss-Flips versorgte (jeder bekam bei jedem Durchlauf jeweils ein Exemplar persönlich überreicht. Oft mit geschlossenen Augen seine Emotionen sortierend entließ derweil Niels die Zuschauer dann mit nachdenlich/melancholischem Charmeund und für die Anwohner lautstärkentechnisch versöhnlich mit wohligem Gemeinschaftsgefühl in die Nacht des zweiten OBS-Tages.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
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