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Konzert-Bericht
 
Höhlenmusik revisited

Phoebe Bridgers
Sloppy Jane

Köln, E-Werk
18.07.2022

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Phoebe Bridgers
Nun ist es also geschehen. In den zwei Jahren seit der Veröffentlichung ihres zweiten Albums "Punisher" ist Phoebe Bridgers zu jener Superheldin geworden, von der sie am Anfang ihrer Laufbahn nur hatte träumen können. Dem Zugriff jener ernsthaften Musikfans bis auf Weiteres entzogen, die sie vor allen Dingen ihrer Musik wegen mit Interesse verfolgten, ist sie heutzutage zu einer Identifikationsfigur und einem Posterchild für junge Frauen und allerlei von deren Anliegen mutiert. Bei ihrem Konzert im Kölner E-Werk führte das etwa dazu, dass die Warteschlange vor dem Venue schon lange vor dem propagierten Einlass tatsächlich wesentlich länger war, als jene vor dem wesentlich größeren Palladium, wo zeitgleich die Hardcore-Band Turnstile sich an ein eher männlich orientiertes Publikum wendete. Mag sein, dass auch der Spielort mit dem gesteigerten Zuspruch zu tun hatte - denn in Köln spielte Phoebe bereits 2017 (damals noch als Support für Conor Oberst) vor einem größeren Publikum und 2019 mit Better Oblivion Community Center ebenfalls. Jedenfalls war das E-Werk bis auf den letzten Platz mit leicht hysterisch agierenden jungen Damen im besten Teenie-Alter (und deren Begleitung) gefüllt und machten so den Abschluss des deutschen Teils von Phoebes Reunion-Tour zu einer Art Heimspiel.
Dazu gehörte auch, dass die Fans den Auftritt von Haley Dahl und ihrem Kleinorchester Sloppy Jane als Support-Act fast genauso feierten, wie später den ihrer Leitikone. Das ist aber auch erklärlich, denn mit Sloppy Jane begann Phoebe 2014 als Bassistin ihre Karriere als Musikerin. Haley und Phoebe blieben über die Jahre stets in Kontakt und als Haley von der Idee gepackt wurde, ihre zweite LP "Madison" mit einem Orchester in einer Natur-Höhle aufzunehmen, war es Phoebe, die sie als einzige in ihren Bemühungen unterstützte, ihr ermöglichte ein 21-köpfiges Orchester zusammenzustellen, die besagte Höhle zu finden und sie schließlich als ersten Act auf ihrem neu gegründeten Label Saddest Factory Records zu verpflichten. Was dann im Folgenden auf der Bühne des E-Werks passierte, ist schwer in Worte zu fassen. Zunächst mal ist Haley Dahl offensichtlich auf höchst produktive Weise wahnsinnig - und nutzt diese Eigenschaft zu einer überbordend exaltierten Selbstdarstellung, die mit einer "normalen" Rock-Performance nur wenig zu tun hat. Dazu gehörte, dass sie sich gleichermaßen als Dirigentin ihres Ensembles versteht (die erste Nummer war ein Instrumental, bei dem man Haley nur von hinten sah) und die Songs, bei denen sie zum Mikro oder der Gitarre greift, mit theatralischer Grandezza und jeder Menge Ausdruckstanz - gerne auch im Liegen - zu einem schaurig-schönen phantasmagorischen Eigenleben verhilft. Den Versuch, das Ganze auf der musikalischen Ebene kategorisieren zu wollen, wird dadurch erschwert, dass sich Sloppy Jane keinem bestimmten Genre verpflichtet fühlt. Das Ergebnis - eine Art Kammer-Post-Kook-Punk-Glam-Rock-Experience - ist dabei ebenso faszinierend vielschichtig wie verstörend expressiv. Keine Frage: Fans, die von Konzerterlebnissen mehr als eine lebende Jukebox erwarten, sind bei Sloppy Jane zweifelsohne an der richtigen Adresse.
Phoebe Bridgers, die den Auftritt von Sloppy Jane zuvor bereits wärmstens angekündigt hatte, ging während ihrer Show noch ein Mal auf das Projekt ein, erklärte die Sache mit der Höhle und dem großartigen Sound, den die Produktion des "Madison"-Albums auszeichne, das sie schließlich als "das beste Album, das ihr jemals gehört habt" pries. Schließlich holte sie Haley und ihre Musiker zum grandiosen Finale ihrer eigenen Show - einer episch ausgewalzten Malstrom-Version ihres apokalyptischen Songs "I Know The End" - nochmals auf die Bühne und lieferte sich im Schlussteil ein ekstatisches Duett mit Haley.

Was Phoebes eigene Show angeht, so war der Trubel, der sich spätestens mittels ihrer Auftritte im US-TV, ihren Kollaborationen mit Acts wie Taylor Swift oder Lorde, ihre Film-Placements und natürlich der erfolgreiche Launch ihres eigenen Labels eingestellt hatte, nicht ohne Spuren am Set-Design vorbei gegangen. Die Bühne war als stilisierte Gebirgslandschaft gestaltet worden, in der Phoebes Musiker an strategischen Stellen platziert waren. Wirklich sehen konnte man das allerdings nicht, denn Unmengen von Kunstnebel ließen Phoebe & Co. weitestgehend nur als Schatten ihrer selbst erkennen - auch weil die aufwendige Lichtanlage weit unter ihren Möglichkeiten eingesetzt wurde und die Musiker meist im Dunkeln blieben. Richtig beleuchtet wurde Phoebe schließlich nur bei den Ansagen zwischen den Tracks. Ihre Musiker und auch sie selbst trugen dabei Skelett-Kostüme, die eigens für die Tour entworfen worden waren und in vereinfachter Form zu horrenden Preisen auch beim Merch erstanden werden konnten. Soviel zum Äußerlichen.

Musikalisch bleibt festzuhalten, dass sich Phoebe inzwischen mit ihren Stärken und Schwächen arrangiert hat. Während es ihr songwriterisch immer noch Mühe zu bereiten scheint, starke Melodiebögen und knackige Refrains zu schreiben, kaschiert sie dieses Manko auf der Bühne mittlerweile durch ein vom Erfolg getragenes, nach vorne gerichtetes Selbstbewusstsein. Wie man kräftig singt, hat Phoebe ja schon bei Better Oblivion Community Center gelernt und einige der älteren Tracks - wie z.B. der Opener "Motion Sickness" im Power Pop-Modus - hatten ein musikalisches Upgrade erhalten, während die neuen Tracks (beispielsweise "Kyoto" oder "Moon Song") noch im wesentlichen den Vorgaben der Studio-Produktionen folgten. Dafür wurde an der Dynamik gearbeitet. Der "Garden Song" vom neuen Album (wie auf dem Album mit gesanglicher Unterstützung von Tour-Manager Jeroen Vrijhoef) zählte etwa wie die Zugabe "Georgia" eher zu den Whisper-Songs, während bei den rockigeren Nummern - speziell eben "I Know The End" - so richtig hingelangt wurde. Gelegentlich griff Phoebe auch noch mal zur akustischen Gitarre - die besonders in Songs wie "Graceland Too" für erholsame Klangfarben sorgte. Die Rolle von Phoebes langjährigem Gitarristen Harrison Whitford wurde im Vergleich zu früheren Shows deutlich zurückgefahren. Als tatsächlich besonders prägend erwiesen sich hingegen die Beiträge des Trompeters JJ Kirkpatrick, der auch vielen Songs, die im Studio ohne Trompeten-Sounds auskommen, ein leicht jazziges Feeling vermittelte. Tatsächlich am spannendsten war dann aber tatsächlich die Integration des Madison-Höhlenorchesters von Sloppy Jane im Ausklang der Show. Daran sollte Phoebe weiter arbeiten.

Außer der Musik spielte natürlich auch Phoebes Position als Leitfigur du jour eine große Rolle. Weniger, indem sie sich im Plausch mit den Fans für die vielen Geschenke, die ihr zu Teil wurden, austauschte (die sie einsammelte, als sie sich über eine Treppe aus Verstärker-Boxen auf einen Ausflug in den Sicherheitsgraben begab), sondern indem sie politisch Stellung bezog - etwa in Sachen Empowerment, LGBT oder natürlich der Entscheidung des Supreme-Court in Sachen Roe vs. Wade, das bis dahin föderale Recht auf Abtreibung an die einzelnen Staaten zurück zu delegieren. "Es ist eine solche Schande, dass wir unsere Hirn-Energie darauf verschwenden müssen, überhaupt noch über dieses Thema reden zu müssen", meinte sie nachdem sie ein Schild mit der Aufschrift "Fuck The Supreme Court" gesehen hatte, "es ist sooo schön, jetzt so weit von all dem entfernt zu sein - obwohl ich mir natürlich bewusst bin, dass es ein Privileg ist, sich davon entfernen zu können. Die betroffenen Frauen sind ja nicht in einer solchen Lage."

Kurzum: Mit diesem Auftritt im Kölner E-Werk lieferte Phoebe Bridgers in etwa das ab, was angesichts ihres Status auch zu erwarten gewesen wäre - im Guten wie im nicht so Guten. Für Fans der ersten Stunde, die Phoebe 2017 noch im halb gefüllten Blue Shell gegenübergestanden haben mochten, ist das eine fast schon beängstigende Entwicklung. Wie sich das übrigens aus der Sicht von Phoebe und ihren Musikern darstellt, kann man dem Video zu ihrem neuen Song "Sidelines" entnehmen, das aus Backstage-Snippets von der laufenden Tour besteht.

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Surfempfehlung:
phoebefuckingbridgers.com
www.instagram.com/phoebebridgers
www.facebook.com/phoebebridgers
twitter.com/phoebe_bridgers
www.youtube.com/watch?v=RtOYYp010lA
www.sloppyjane.land
www.instagram.com/sloppyjanebandd
twitter.com/sloppyjanemusic
www.facebook.com/Sloppyjanemusic
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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