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Konzert-Bericht
 
Wein, Vibe & Gesang - Teil 1

Heimspiel Knyphausen

Eltville, Draiser Hof
29.07.2022/ 30.07.2022/ 31.07.2022

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Gisbert zu Knyphausen
Nachdem das Heimspiel Knyphausen in den Jahren 2020 und 2021 dank der Pandemie nur in stark eingeschränkter Form - zunächst virtuell Online und dann als Hybrid-Veranstaltung - realisiert werden konnte, durften Gisbert zu Knyphausen, sein Bruder Frederik, der das Weingut Knyphausen im malerischen Eltville seit einiger Zeit leitet und der musikalische Leiter und Booker Benjamin Metz am 29.07.2022 nach zwei Jahren wieder 2.000 treue Fans auf dem ausverkauften Festival-Gelände begrüßen. Das ist insofern bemerkenswert, als dass ja längst nicht alle Festivals es geschafft hatten, die Fans über die Pandemie bei der Stange zu halten und zur Rückkehr zu bewegen. Das zeugt vermutlich vom besonderen, familiären Charakter des Festivals, das ja schon seit jeher als Mix aus Urlaub/Camping, Familienfest, Weinprobe(n), lukullischer Vollbetreuung und Musik-Veranstaltung angelegt ist. Vielleicht sollten sich da andere Festivals mal eine konzeptionelle Scheibe abschneiden, anstatt nur die Untreue der Fans zu bejammern.
Wie schon in den letzten Jahren, so zeigte sich das Heimspiel auch zum Re-Boot wieder musikalisch bestens aufgestellt - denn immer noch zählen hier persönliche Connections und Vibes mehr als rein kommerzielle Erwägungen. Im Wesentlichen hat das zur Folge, dass hier Acts aus dem ständig weiter gefassten Dunstkreis der oft miteinander befreundeten, beteiligten Musiker auftreten, die nicht unbedingt dem üblichen Festival-Zirkus angehören - und die man demzufolge erst mal auch nur in Eltville bestaunen kann.

Zu dieser Spezies gehört auch der Autor, Musiker und Konzeptkünstler und David Julian Kirchner, der mit den Songs seines neuen Albums "IG POP" das Festival eröffnete - kurz nachdem sich ein heftiger Gewitterschauer punktgenau verzogen hatte. Kirchner unterscheidet sich von seinen liedermachenden Kollegen durch seinen multimedialen Ansatz: Im Auftrag der ARD bereiste Kirchner als Reporter-Poet die deutsche Provinz und fertigte für die Serie "Deutschrand" poetische Porträts von "Schlesischen Webern", den Bayrischen "Woid" und Kuhhirten, die ihre schönsten Kühe mit Vorliebe verzehren. Des Weiteren leitet Kirchner als Vorstandsvorsitzender die Geschicke des fiktiven Kirchner Hochtief-Konzerns, unter dessen Schirmherrschaft er auch sein erstes Album veröffentlichte. Kurzum: Kirchner betrachtet seine Rolle als Musiker demzufolge mit einem gewissen, interdisziplinären - wenn nicht gar nationalem - Anspruch. Das macht sich in vertrackten Kompositionen mit New Wave-Charme und verschachtelten Textkaskaden über die zuvor beschriebenen Randgruppenfiguren deutlich, die Kirchner und seine Band mit hektischer Verve präsentierten - und dabei des Öfteren die Grenze zur Parodie augenzwinkernd überschritten. Einen kurz einsetzenden, weiteren Regenschauer nutzte Kirchner zu einer romantischen Bestandsaufnahme: "Das tut mir ja leid für euch - aber das sieht wunderschön aus, wie es jetzt gerade regnet." Insgesamt geriet Kirchners Auftritt gemäßigt verhakt - aber um süffige Schlagerseligkeit geht es ja auch beim Heimspiel nicht.

Das von Frederiks kleiner Tochter auf Anweisung des inzwischen wohl in Rente befindlichen Barons zu Knyphausen als "Gisberts neue Band Husten" angekündigte, ursprüngliche Hobby-Projekt von Gisbert, Produzentenmusiker Moses Schneider und dem musizierenden Schriftsteller Tobias "Der Dünne Mann" Friedrich war zunächst gar nicht als Live-Band konzipiert worden. Nach mehreren Jahren des virtuellen Band-Daseins und diversen EP-Projekten hatten sich die Herren allerdings entschlossen, nicht nur die LP "Aus allen Nähten" zu veröffentlichen, sondern sich auch als Live-Band zu etablieren. Nachdem das eigentlich geplante Live-Debüt auf dem Orange Blossom Festival wegen Corona zweimal ins Wasser gefallen war, stellte die Show in Eltville nun erst den zweiten Auftritt des Ensembles dar. Husten auf der Bühne sind so was wie Fortsetzung des Gisbert-Prinzips mit anderen Mitteln. Dank der betont ernsthaften Gitarrenarbeit von Tobias Friedrich und der weniger ernsten des alten Kumpels Marcus Schneider bedeutete das: Hier wurde dann auch mal ordentlich gerockt (und zwar "Ja im Sinne von Nein") - auch wenn auch Husten in liturgischen Phasen mit Songs wie "Kirchenschiff" auch schöne melancholische Elegien im Gepäck haben, die man von Gisberts Solo-Eskapaden bereits kennt. Einen besonderen modischen Akzent setzten Husten durch selbstgebastelte Uniformen mit Nonsense-Stickern - und Gisbert insbesondere mit lustigen Pippi-Langstrumpf-Socken.

Zum Auftritt des Wiener Ensembles Bilderbuch erschien das Publikum vor der Bühne dann nicht nur wie ausgewechselt, sondern war es dann auch - denn die österreichische Glamour-Band hatte offensichtlich ihre eigene Fan-Gemeinde dabei. Und diese feierte den mittlerweile (zumindest auf der Bühne) um die Disco-Elemente weitestgehend bereinigten Vaudeville-Rock der in stilechte Polyestertapeten gehüllten Travestie-Popper dann mit einem geradezu an konstruktiver Hysterie grenzenden Enthusiasmus - und rissen dabei die alteingessenen Gewohnheitsfans gnadenlos mit. Dabei zeigten die Herren auf der Bühne selbst auch ordentlich Einsatz: Frontmann Maurice Ernst gab den abgehobenen Mega-Poser, für den keine Rock-Geste wirklich groß genug sein konnte. Als etwa der Absatz seines hochhackigen Frauenschuhs abbrach, kommentierte er das mit den Worten: "Das kann man ja mal probieren mit den hohen Hacken - aber das Problem ist, wir rocken einfach zu hart." Aber nicht nur gerockt wurde da: Den Song "Ab und Auf" präsentierte Ernst z.B. auch mal mit Falsett-Stimme im Prince-Modus. Der seltsam stoisch und maskenhaft agierende Gitarrero Michael Krammer traute sich dann sogar, eine Doppelhals-Gitarre hervorzukramen und einem psychedelischen Prog-Solo deutlich zu machen, das die Jungs musikalisch heutzutage wohl endgültig in den 70ern angelangt sind. Für die 90% der jugendlichen Anwesenden (und damit sind nicht nur die zahlreichen Kids gemeint, die sich auf den Boxen vor der Bühne stapelten), die diese Zeiten ja gar nicht aktiv miterlebt hatten, war dieses Konzert dann nicht nur so etwas wie eine große Tanzparty, sondern auch eine Art musikalischer Bildungsreise. Vor allen Dingen war es aber eben eine große Tanzparty, die einen würdigen Abschluss des ersten Tages bildete.
Surfempfehlung:
heimspiel-knyphausen.de
www.baron-knyphausen.de
www.facebook.com/HeimspielKnyphausen
www.instagram.com/heimspielknyphausen
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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