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Konzert-Bericht
 
Zwischen Trauma und Traum

Andrew Combs
Malin Pettersen

Oberhausen, Zentrum Altenberg
04.09.2022

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Andrew Combs
Der in Nashville lebende Songwriter Andrew Combs gehört eigentlich zu den glücklichen Vertretern seiner Zunft, denn er hatte es noch geschafft, sein letztes Album - "An Ideal Man" - kurz vor der Pandemie im Herbst 2019 herauszubringen und live bespielen zu können. Leider war es dann aber genau diese Pandemie, die ihn - als Traveling Troubadour - besonders hart traf und letztlich aus der Bahn warf. Das unproduktive Hin und Her zwischen den verschiedenen Lockdowns führte zu einer Art Existenzkrise, die 2020 einen Nervenzusammenbruch auslöste. Letztlich war es dann aber genau dieser Zusammenbruch - in Folge dessen sich Andrew in Therapie begab und als therapeutisches Mittel dabei die transzendentale Meditation entdeckte -, der ihn bewog, seine Erlebnisse kreativ zu verarbeiten. Und genau diese Erlebnisse waren es dann auch, die ihn dazu brachten, eine Reihe von neuen Songs zu schreiben, die er dann mit seinen beiden Kumpels Jordan Lehnings und Dominic Billet immer Sonntags in gemeinsamen Sessions ausarbeitete und einspielte - bis am Ende dabei sein aktuelles Album "Sundays" heraus kam. Deswegen war es nicht besonders überraschend, dass er dieses Album dann auch zum Thema seiner aktuellen Tour machte und dieses vollständig auch bei der Show im Zentrum Altenberg spielte. Zur Unterstützung hatte sich Andrew dabei seine beiden Partners in Crime - Jordan und Dominic - und als Support seine alte Freundin, die ebenfalls in Nashville lebende, norwegische Songwriterin Malin Pettersen mitgebracht.
Auch Malins bislang letztes Album "Wildhorse" hat sie mit lokalen Musikern in Nashville eingespielt. Musikalisch fühlt sich Malin dem klassischen Country-Storytelling mit starken Folk-Roots verpflichtet. Logisch, dass der Twang- und Honky-Tonk-Faktor und die psychedelischen Elemente, die der bei der LP-Produktion teilweise zum Tragen kamen, bei einem reinem akustischen Solo-Set außen vor bleiben musste. Dafür hatte sich Malin ein klassisches, frei hängendes Gesangs-Mikro mitgebracht, wie es in Radio-, Studio- oder Varieté-Produktionen gewöhnlich zum Einsatz kommt. Was indes keineswegs außen vorbleiben musste, war der romantische Torch-Song Charakter vieler von Malins Balladen - wie z.B. dem sie mit ihrer klaren Sopran-Stimme entsprechend Nachdruck verlieh. Der insgesamt unspektakuläre Eindruck ihres Sets kam dann weniger dadurch zustande, dass sie ihre Songs systembedingt auf das musikalisch absolut notwendigste verdichtete, sondern eher dadurch, dass sie nahezu alle Stücke unbewegt mit geschlossenen Augen vortrug - was dann doch zu einer gewissen Distanz führte; zumal Malin wenig dazu beitrug, die Storys ihrer Songs zu erläutern, sondern nur darauf hinwies, dass man diese nach der Show käuflich erwerben könne.
Tatsächlich trug dann auch Andrew Combs die meisten seiner Songs mit geschlossenen Augen vor - hatte dann aber perfomerisch doch einiges mehr in Petto. Bei den Aufnahmen des "Sundays"-Albums hatte im Zentrum gestanden, eine Methode zu finden, sich durch den Einsatz diverser Instrumente und ungewöhnlicher Arrangements von klassischen Americana-Roots weitestgehend abzusetzen und eine eigene Soundästhetik zu finden. Dazu experimentierten Andrew, Jordan im Studio zum Beispiel mit Bläserarrangements, psychedelischen Gitarreneffekten, elektronischen Elementen und nicht zuletzt, indem sie das komplette Album bewusst in Mono produzierten. Das ließ sich natürlich auf der Bühne nicht alles umsetzen - wäre aber natürlich auch nicht dienlich gewesen. Immerhin hatte sich das Trio aber so organisiert, dass sich Jordan und Dominic - je nach Gemengelage - einen Bass teilten (was insofern interessant war, als dass Dominic ein Linkshänder ist). Während Andrew Combs als Frontmann vorgab, was wann gespielt wurde, betätigten sich die beiden anderen Kollegen dann wahlweise als Drummer, Bassist, Gitarrist oder Keyboarder (Dominic hatte außer seiner Gitarre dann noch ein Mellotron-Keyboard mitgebracht). Und dann war da noch ein Drumcomputer, der aufgrund einer mangelnden Batterieladung ein bizarres Eigenleben führte und teilweise dafür sorgte, dass die Show unterbrochen werden musste. Das alles führte aber dazu, dass die Show dann auch bemerkenswert kurzweilig und abwechslungsreich geriet - zumal dadurch die Gefahr, dass die Jungs auf Standard-Americana-Formalismen zurückgreifen hätten müssten gleich Null war.

Es waren dann insbesondere die auch auf der LP ungewöhnlich instrumentierten und arrangierten Songs, die in Oberhausen besonders beeindruckend zur Geltung kamen. Beispielsweise der Track "Anna Please", das als musikalische Hommage an Fleetwood Mac daher kam und die von der Geschichte inspiriert ist, die Ingmar Bergman in seinem Film "Cries & Whispers" erzählte und den Dialog einer sterbenden Frau mit ihrer Dienerin Anna als Parabel auf den Lauf der Zeiten beschreibt. Und damit kämen wir dann zu den Inhalten, die Andrew Combs auf "Sundays" auf recht verschiedene Weise aufbereitet. Da sind zum einen allgemeine Reflexionen spiritueller Natur wie der erste Track "God(less)", sozialkritisches wie "Mark Of Man", klassische Liebeslieder wie "Adeline", das besagte "Anna Please" - vor allen Dingen aber höchste persönliche Trips ins persönliche Mindset wie "I See Me" und "Drivel To A Dream". "Ich bin ja nichts Besonderes", erklärte Andrew betont offenherzig, "und wie jeder von uns hatte ich auch unter Depressionen zu leiden. Was mir geholfen hat, waren Medikamente und die Meditation. Und davon handelt der Song 'Drivel To A Dream'. Wenn mich jemand vor zehn Jahren gefragt hätte, ob ich mal Songs über Meditationen schreiben würde, hätte ich 'nein' gesagt." Es ist ja immer schön, wenn sich ein Musiker nicht nur auf der musikalischen, sondern auch auf der persönlichen Ebene weiter entwickelt. Selten genug indes erfährt man als Zuhörer und Fan aber von den Hintergründen, die zu dieser Entwicklung geführt haben. Es ist deswegen Andrew Combs Verdienst, mit seiner neuen Scheibe - und der Tour - seine Verhältnisse aufrichtig offen gelegt und damit mehr von sich Preis gegeben zu haben, als zu erwarten gewesen wäre.

Nachdem Andrew und seine Jungs die komplette LP gespielt hatten (etwas, was auch einen gewissen Mut erfordert, denn Andrew bewegt sich ja in einer Szene, die eher an Gewohntem als Neuem interessiert ist), gab es dann noch ein paar ältere Tracks, die aber erfreulicherweise auch in dem umtriebigen Live-Setting dargeboten wurden wie die Songs des "Sunday"-Albums. Angesichts des doch eher düsteren Grundtenors hätte aus diesem Abend leicht eine depressiv/dröge musikalische Therapiestunde werden können (besonders dann, wenn Andrew etwa alle Tracks solo gespielt hätte) - da war allerdings zum Glück der musikalische Witz der Beteiligten vor, die sich köstlich über die Batterieprobleme des Drumcomputers amüsierten, sich mit Insidergags neckten, den Instrumentenwechsel zu einem unterhaltsamen Ringelreihen machten und letztlich auch durch körperbetonte Begeisterung überzeugten - sei es, dass sie bei den Harmoniegesängen die seelischen Qualen ihres Auteurs mit intensiven Gesangsgrimassen emulierten oder einfach bei Solo-Partien (insbesondere die psychedelischen Gitarrenlicks Dominic Billets betreffend) alle performerischen Hemmungen fahren ließen.

Insgesamt gefiel dieser Konzertabend durch eine ausgewogene Balance aus klassischer Zurückhaltung auf der einen Seite und experimentierfreudigen Wagnissen auf der anderen. Und tatsächlich kannte man den Songwriter Andrew Combs nach dieser Show deutlich besser als vorher. Mehr kann man als Songwriter ja eigentlich nicht erreichen.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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