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Schluss mit der Schüchternheit

Princess Chelsea

Köln, Bumann & Sohn
09.10.2022

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Princess Chelsea
"Wir sind noch ein wenig schüchtern - aber das wird schon noch", begrüßte "Princess" Chelsea Nikkel das Publikum im Kölner Bumann & Sohn, nachdem sie und ihre Band die erste Show ihrer aktuellen Europa-Tour gleich mit einer schmirgelnden Version des Titeltracks ihrer gerade erst erschienenen LP "Everything Is Going To Be Alright" begonnen hatten - wohl um sich erst mal so richtig warmzuspielen.
Nachdem Chelsea und ihre fünf Musiker dann erst mal ein paar getragenere Tracks wie "The Pretty Ones" oder "I Love My Boyfriend" vom letzten Album "The Loneliest Girl" gespielt hatten (und dabei bereits begonnen hatten, munter die Instrumente hin und herzutauschen), meinte Chelsea dann spätestens bei dem Song "Wasting Time", dass sie nun keine Lust mehr habe, sich schüchtern zu geben und begann dann munter herumzuhüpfen. Das steigerte sich dann im Folgenden noch deutlich, als es daran ging, die brillanten Tracks "Forever Is A Charm" und "Love Is More" vom neuen Album in episch ausufernden, druckvollen und erstaunlich rockig angelegten Live-Editionen auszuwalzen. "Was ist denn da passiert?", fragte Chelsea nach ungefähr sieben Minuten "Forever Is A Charm", "die erste Version bei den Aufnahmen war ja schon fünf Minuten lang. Aber das ist ja das schöne an Live-Shows - da kann man sich gehen lassen." Damit hat sie ja zweifelsohne recht - es war dennoch sehr schön zu beobachten, wie sehr gerade eine Solo-Künstlerin, die für ihre ausgezirkelten Studio-Produktionen bekannt ist, sich mit ihrer Band auf der Bühne als inspiriertes Live-Ensemble präsentierte - und dabei ihren Musikern viel Raum bot, sich selbst einzubringen. Beispielsweise indem sie eben ständig die Instrumente wechselten und Chelsea auch gesanglich unterstützten - wobei sich diese ihre Gesangsparts auch öfter freiwillig mit ihrer Kollegin Jasmine Balmer teilte.

Weiter in diesem Sinne gab es im Folgenden als Tanzparty du Jour ausgerechnet mit "Monkey Eats Banana" - dem "Klassiker" vom ersten Princess Chelsea-Album "Lil' Golden Book". "Ausgerechnet" deswegen, weil es sich dabei um ein parodistisch angelegtes Quasi-Instrumental handelt, das die Band indes mit großer Begeisterung in einen Techno-orinetierten Club-Jam verwandelte, zu dem sich alle irgendwelche Percussion-Instrumente hernahmen und dann einen Affentanz sondergleichen aufführten, den Chelsea selbst mit einem inspirierten und virtuosen - nun ja - Glockenspiel-Solo krönte. Dabei ging es nicht um Selbstdarstellung. Chelsea sagt nämlich, dass sie gelernt habe, auch anderen zu vertrauen und dass sie sich als Instrumentalistin demzufolge zurück nehmen wolle. So spielte sie bei der Show nur ein wenig Glockenspiel, Synthie und am Ende ein wenig Bass.

Zweifelsohne haben Chelsea und ihre Musiker nicht nur verstanden, dass Live-Performances etwas grundsätzlich anderes sein sollten als Studio-Produktionen, sondern dass man durchaus auch Spaß dabei haben darf. Das übertrug sich natürlich nahtlos auf das Publikum, denn auch in Auditorium wurde mitgewippt und geswingt. Das ging dann in diesem Sinne weiter - wurde aber dabei ständig rockiger. "Respect The Labourers" wurde etwa mit viel Feedback geradezu psychedelisch aufgeblasen und steigerte sich - mit insgesamt drei Gitarren - zu einem orgiastischen Crescendo. Und der abschließende Selbstheilungs-Track "The Forest" vom neuen Album wäre zweifelsohne zum Malstrom-artigen Highlight der Show geworden, wenn Chelsea & Co. im Zugabenblock nicht noch mal eins draufgesetzt hätten. Hier stieß dann zunächst auch Chelseas Hubby Johnathan Bree als Duettpartner zur Band (der zuvor die Show vom Bühnenrand aus mitgeschnitten hatte) - bevor Chelsea dann mit "The Loneliest Girl" dann noch mal das Tanzhaus-Thema aufgriff (übrigens ja auch inhaltlich) und die Show dann mit viel Bewegungsdrang und leicht chaotisch mit einem kollektiven musikalischen Freudentaumel endete. Man kann ja den Sinn von Live-Shows in dieser und jener Hinsicht diskutieren - das war dann aber mal eine, bei der nun wirklich alles stimmte - unter anderem insbesondere auch der Sound - und alle Anwesenden nach der Show tatsächlich etwas glücklicher gewesen sein durften als vorher.
Princess Chelsea
NACHGEHAKT BEI: PRINCESS CHELSEA

GL.de: Du hast dein viertes Studioalbum "Everything Is Going To Be Alright" ja selber als "Nervous Breakdown"-Album bezeichnet. Welchen Hintergrund hat das denn?

Chelsea: Ich weiß auch nicht, was passiert ist, aber um die Zeit der Tour für das "Loneliest Girl"-Album hatte ich eine psychische Krise. Das war Ende 2018 und das dauerte fast zwei Jahre. Während dieser Zeit zog ich zurück zu meinen Eltern und hörte irgendwann auf, normal zu funktionieren.

GL.de: Das war also kein Witz mit dem "Breakdown"?

Chelsea: Nein, nein - ich war wirklich krank. Es war jetzt aber nicht so wild, weil jeder Mal Probleme dieser Art hat. Ich hatte aber eine Zeitlang aufgehört, Musik zu machen und musste nach zwei Jahren wieder neu dorthin finden.

GL.de: Wie spielte denn die Pandemie da hinein? Neuseeland war ja besonders stark von Abschottungen betroffen, richtig?

Chelsea: Ja, ich war eine ganze Weile im Lockdown - auch während der Aufnahmen. Ich lebe heutzutage auf einer Insel vor Auckland City. Wir hatten sogar noch einen Extra-Lockdown, weil man nur mit der Fähre auf die Insel kommen kann. Dieser Extra-Lockdown half mir aber sogar wieder in den Aufnahme-Modus zurückzufinden. Aber da ich sowieso normalerweise zu Hause in meinem Studio aufnehme, hat mich das weniger behindert als Musiker, die lieber mit anderen Leuten aufnehmen.

GL.de: Nun ist das aber doch so, dass "Everything" sogar wesentlich organischer geraten ist, als die letzten, doch stark E-Pop-lastigen Alben?

Chelsea: Ja - denn Ich wollte auf diesem Album mehr live aufnehmen. Zum Beispiel haben wir zwischen zwei Lockdowns den Track "The Forest" live eingespielt. Ich habe mir dann Leute eingeladen, mich zu besuchen und mir mir zu spielen, wenn das möglich war. Mein Ziel war es, auf eine organische Art mit einer interessanten Instrumentierung zum Wesentlichen vorzudringen.

GL.de: Wonach suchst du denn generell, wenn du einen Song schreibst? Was sind denn deine Inspirationsquellen?

Chelsea: Ich bin vor allen Dingen ein Musik-Fan. Ich habe mit 17 in einem Plattenladen gearbeitet und höre mir seitdem immer viel Musik an. Die unterschiedliche Musik, der ich im Laufe dieser Zeit ausgesetzt hat, inspiriert mich dann auch wieder, wenn ich Songs schreibe - entweder unbewusst oder sogar bewusst. Ich habe ja auch noch einen klassischen Background und habe Klavier gelernt - bin aber nicht an die Uni gegangen, weil ich keine Pianistin werden wollte. Eigentlich mache ich heute die Art von Musik, die ich auch gerne selber hören möchte. Ich liebe Melodien sehr und könnte mir gar nicht vorstellen, Songs ohne Melodien zu schreiben. Man muss sich an einen Song schließlich erinnern können. Und ich mag Pop-Songs sehr - finde aber, dass ich diese immer ein wenig verbiegen und verarbeiten muss, um damit zufrieden zu sein. Ich möchte aber auch nicht zu sehr darüber nachdenken.

GL.de: Der Titeltrack "Everything Is Going To Be Alright" ist ja gleich in zwei Versionen auf dem Album enthalten. Im ersten Teil geht es darum, dass jemand dir einreden möchte, dass alles schon wieder in Ordnung kommen wird - während du es im zweiten Teil dann selber zu glauben scheinst. Ist diese Interpretation richtig - und hat die LP somit dann eine kathartische Wirkung für dich gehabt?

Chelsea: Ja, da gibt es schon eine Art Geschichte, die ich mit der LP erzähle. Am Anfang fühlt man eine Art Spannung, dann geht es darum, sich mit dem Versagen des Nervenkostüms auseinanderzusetzen und am Ende gibt es denn auch eine Auflösung. Das hat mir schon geholfen: Ich fühle mich heute besser als früher - ohne deswegen dieselbe zu sein. Aber wer ist das schon? Ach ja: Dann gibt es auch noch Songs über ungesunde Beziehungsgeschichten. "Love Is More" scheint zum Beispiel ein fröhlicher Pop-Song zu sein - ist es aber eigentlich ja wirklich nun nicht - was viele gar nicht mitbekommen. Meine Freundin Freundin Jasmine aus der Band sagt immer: Jeder singt über die Liebe - aber niemand weiß, was es ist. Und selbst, wenn man das wüsste, hilft es ja am Ende nicht.

GL.de: Das Schöne an deinen Texten ist ja, dass du im Grunde genommen zugleich kleine persönliche Geschichten erzählst - aber oft universelle Themen und Konzepte behandelst - wie zum Beispiel eben die Liebe, die Zeit oder die Ewigkeit in "Forever Is A Charm".

Chelsea: Das ist aber eher ein Teil des Prozesses. Ich habe festgestellt, dass, wenn ich Texte für poppige Songs schreibe, diese sehr einfach sind - aber oft eine doppelte oder größere Bedeutung haben. Das wird oft aber einfach missverstanden, weil die Texte eben so einfach sind. Das hat mit dem zu tun, was ich lese oder sehe. Ich bewundere zwar Leute wie Bob Dylan, die alles wortreich ausformulieren können, aber ich mag es simpel. Ich muss nicht unbedingt alles ausbuchstabieren.

GL.de: Dazu passt ganz gut die Coverversion von David Lynchs "In Heaven" auf dem Album - denn das ist ja ein Song der auch auf das wirklich absolut Notwendigste verdichtet ist.

Chelsea: Deswegen gefällt er mir ja auch so gut. Als ich vor langer Zeit meine Coversammlung "Aftertouch" eingespielt habe, hatte ich schon mit dem Gedanken gespielt, den Song aufzunehmen - kam aber nicht dazu. Damals hatte ich auch zuerst nur die Version der Pixies gehört - und den Film "Eraserhead" noch gar nicht gesehen. Als ich den aber gesehen habe, fand ich die Szene in der der Song vorkommt sehr unheimlich. Der Song hat eine schöne Melodie - hat aber auch diese Spannung, über die man fühlt, dass trotz der tröstlichen Worte gar nichts in Ordnung ist. Das passte sehr gut zum Thema meiner Scheibe.

GL.de: Gibt es denn für die Zukunft bereits irgendwelche Pläne?

Chelsea: Nun, ich habe in der letzten Zeit Gefallen an Kollaborationen gefunden und möchte das verstärkt tun. Meine Alben bisher waren ja immer sehr insular - auf dem neuen Album habe ich aber festgestellt, dass mir die Zusammenarbeit mit anderen viel Spaß machte. Ich würde also gerne mehr Sachen machen, an denen auch andere beteiligt sind - es geht dann nur darum, die richtigen Leute zu finden. Und dann würde ich gerne mal Musik für ein Orchester schreiben. Ich glaube nämlich, dass ich das durchaus könnte. Ich müsste mich nur mal darauf konzentrieren und ein Orchester finden, das das dann auch spielt. Ich habe früher immer gedacht, dass man für sowas studieren müsste, aber heute glaube ich das nicht mehr. Ich müsste vielleicht einen Tutoren finden, der mir ein paar Tips geben könnte. Ich glaube nämlich, dass man gar nicht wirklich lernen kann, wie man Musik schreibt - das muss schon von dir selbst kommen.

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Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-


 
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