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#Blessed

Angel Olsen
Tomberlin

Köln, Luxor
13.10.2022

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Angel Olsen
Die meisten Songwriter erklären bereitwillig, dass sie eigentlich nur dann gute Songs schreiben können, wenn es ihnen so richtig schlecht geht. Das hat natürlich auch einen therapeutischen Charakter - denn auf diese Weise verarbeiten diese Songwriter dann ihre Neurosen, Ängste und sonstige psychische Probleme. Zu dieser Spezies gehören zweifelsohne auch Angel Olsen und Sarabeth Tomberlin, die beide in der Vergangenheit bewiesen haben, dass sie - jede auf ihre Art - zu den Meisterinnen des Desolation-Blues gehören. Was aber sollen solche Menschen machen, wenn sie glücklich und verliebt sind? Nun: Angel Olsen hatte da ein ganz klare Meinung. "Man kann ja auch Existenzkrisen haben, wenn man verliebt ist", erklärte die an diesem Abend offenbar zu Scherzen aufgelegte Diva, "beispielsweise wenn man auf der Bühne steht." Das war zwar nicht allzu ernst gemeint - es passte aber sehr gut zum Tenor des Abends, bei dem sich nämlich sowohl Angel Olsen wie auch Tomberlin äußerst gut gelaunt und offensichtlich im Comedy Modus präsentierten. Zugegeben: Musikalisch schlug sich die Fröhlichkeit dann nur im Set von Angel Olsen nieder, in dessen Zentrum zu Beginn der Show die Tracks ihres aktuellen Albums "Big Time" stehen, mit dem sie eine unerwartete romantische Richtung eingeschlagen hatte.
Zu Scherzen aufgelegt war aber zweifelsohne auch "SB" (wie sie von ihren Kolleginnen gerufen wird) Tomberlin. Nachdem sie zunächst ein paar Stücke kommentarlos gespielt hatte, stellte sie sich erst mal vor: "Tomberlin ist einfach mein Nachname", erklärte sie Eingangs, "ich komme aber nicht aus Berlin und ich heiße auch nicht Berlin." Im Folgenden brachte sie ihre Freude darüber zum Ausdruck, dass es eine Ehre für sie sei, von ihrem Idol als Support für die laufende Tour eingeladen worden zu sein. "Ich kann es immer noch nicht glauben", meinte Tomberlin, "es ist ganz schön crazy - #Blessed" Danach begann Tomberlin zwischen den Songs eine angeregte Unterhaltung mit dem Publikum im Laufe derer sie dann auf Umwegen auch die Inhalte ihrer Songs erläuterte, in denen es ja um nicht wirklich lustige Sachen wie mentale Gesundheit, Psychosen, Drogenprobleme und Ähnliches geht. Das thematisierte Tomberlin dann auch in ihrem Chat mit dem Publikum, fragte z.B. wer schon mal Alkoholiker gedated habe oder Weed geraucht habe, deutete an, dass sie auch für Spliffs als Bezahlung am Merchstand offen sei oder fragte einfach das Publikum, ob es Fragen hätte. Im krassen Gegensatz zu diesen Entertainment-Einlagen stand dann die ernsthafte Präsentation des Songmaterials von Tomberlins beiden Scheiben "At Weddings" und "I Don't Know Who Needs To Hear This" - wobei sie zum Glück die songorientierteren, melodischeren Tracks wie das trefflich betitelte "Self Help" in den Vordergrund stellte. Aber auch die esoterischer angelegten Tracks wie "Tap" vom zweiten Album machten letztlich Sinn - zumal das Publikum sich problemlos auf diesen Wechsel zwischen Lustig und Desolat einließ. Es ist ja immer ein bisschen seltsam, jemanden bei der eigenen musikalischen Exegese zuzuschauen - in dem Fall und vor allen Dingen in dem Kontext machte das aber sogar richtig Spaß. Nicht nur, aber auch wegen der eingestreuten AdLibs von Tomberlin.
Im Prinzip ging es dann so weiter, als Angel Olsen mit ihrer Band nach einer kurzen Umbaupause die Bühne betraten. "Hello fuckers, how are you?", begrüßte Angel ihre Fans - was zunächst mal zumindest hochgezogene Augenbrauen im Publikum zur Folge hatte. Nicht wegen der derben Wortwahl, sondern weil sich Angel Olsen normalerweise nicht dazu hinreißen lässt, mit dem Publikum in einen Dialog zu treten. Zumindest nicht hierzulande. Zunächst fing aber alles ganz unverfänglich an: Angel und ihre Band spielten in Folge "Dream Time", "Big Time", "Ghost On" und "Right Now" von dem aktuellen Album "Big Time" - das sie ja zumindest teilweise als klassisches Country- und Torchsong-Album angelegt hatte. Dieses Setting - bei dem sie selbst akustische Gitarre spielte - steht Angel ziemlich gut, auch wenn sie natürlich selbst mit den beiden Streicherinnen ihrer "Big Time"-Touring-Band nicht die Möglichkeit hatte, die opulente Studioproduktion Jonathan Wilsons auf der Bühne zu emulieren (zumal sie darauf verzichtet hatte, einen Pedal-Steel-Spieler mitzubringen). Es tat aber jedenfalls richtig gut, ausgerechnet Angel Olsen-Zeilen wie "I'm loving you big time, I'm loving you more" belten zu hören (denn Angel steigerte sich da gesanglich richtig in den Vortrag hinein).

Nachdem sich Einige schon damit abgefunden hatten, dass Angel vielleicht die GANZE LP spielen könnten, überraschte sie die Fans mit der Aussage, dass sie am freien Tag zuvor die Möglichkeit gehabt habe, einen neuen Song zu schreiben und diskutierte dann mit der Band, ob und wie man diesen spielen sollte. Das Publikum war jedenfalls schon ganz aufgeregt, nun einer Premiere beiwohnen zu können. Als dann allerdings die ersten Töne von "Shut Up Kiss Me" von der Bühne klangen, war klar, dass Angel schlicht auf dem Verarschungs-Trip gewesen war. Gleich darauf gab es auch noch "Give It Up" - und dann begann ein längerer Diskurs darüber, wie man in Köln am besten joggen könne, ohne von Fahrradfahrern überfahren zu werden, in welchem Stadtteil man sich eigentlich befinde, welcher Tag denn wohl gerade sei und ob es noch einige Fragen gäbe. "What's the sexiest word?", fragte dann tatsächlich jemand aus dem Publikum, woraufhin sich Angel auf eine längere Erklärung einließ, die letztlich darauf hinaus lief, dass sie wohl scharfzüngigen, pointierten, schlagfertigen Humor wohl ganz sexy fände. Musikalisch gab es dann noch drei weitere Songs von "Big Time" - wobei die Gute dann allerdings die Balladen "Go Home", "Through The Fire" und "All The Good Times" spielte. Hier, wie bei dem abschließenden "Chance", zeigte Angel dann erneut eine Facette, die man auf ihren letzten Touren eigentlich eher vergeblich gesucht hatte - nämlich die der jazzig und bluesig croonenden Torchsong-Queen.

Einen besonderen Gag hatte sich Angel noch für die Zugabe aufgehoben - denn da intonierte die Band - vollkommen ohne musikalische ironische Distanz - Harry Nilssons "Without You". Für die einen mag das die Mega-Schnulze des letzten Jahrhunderts sein, für die anderen vielleicht sogar ein perfekter Pop-Song und für Angel offensichtlich ein Mittel, ihre beachtliche stimmliche Durchsetzungskraft noch ein Mal unter Beweis zu stellen - denn beim Refrain gab es dann nun wirklich keine Zurückhaltung mehr. Zwar sang das Publikum nicht so begeistert mit, wie Angel sich das wohl erhofft hatte - dafür holte sie dann für die zweite Strophe noch ein Mal "SB" Tomberlin auf die Bühne, die sich dann mit Angel ins Zeug legte. Offensichtlich machte ihnen das dann auch mächtig Spaß. Mal sehen, was da vielleicht noch draus werden könnte.

Eigentlich war die Show im viel größeren Gloria-Theater angesetzt gewesen, jedoch aufgrund des schleppenden Vorverkaufs in den kleineren Luxor-Club verlegt worden. Für die Fans war das natürlich ein Vorteil, da sie so ihrem Idol sehr viel näher sein konnten - aber auch Angel schien Gefallen an dem vergleichsweise intimen Setting zu haben. Am Ende war sie jedenfalls schneller am Merch-Stand als ihre Kollegin Tomberlin und ein Großteil des Publikums. Wohl dem, der dabei gewesen war und so Angel Olsen noch ein Mal hautnah erleben konnte.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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