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Reeperbahn Festival 2022 - 2. Teil

Hamburg, Reeperbahn
22.09.2022

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Billy Nomates
Der zweite Tag des Festivals begann mit einer im Laufe der Pandemie schmerzlich vermissten Institution: Dem Canada House im Uwe Club, wo die verschiedenen kanadischen Provinzen an zwei ganzen Festival-Tagen von 11 Uhr an bis weit nach Mitternacht ihre jeweiligen musikalischen Highlights präsentieren. Anfangs waren das mal reine Americana-Veranstaltungen, in denen die kanadischen Acts beweisen wollten, dass sie die authentischeren nordamerikanischen Country-, Blues- und Folk-Acts seien. Inzwischen spielen dort aber Acts wirklich jeder denkbaren Musikrichtung auf - wenngleich der Festival-Donnerstag dann doch wieder mit traditionelleren Sound aufwartete.
Ellen Froese etwa ist eine Songwriterin aus der Provinz Saskatchewan (die gerne von den Eingeborenen ironisch als Hinterwäldlerisch bezeichnet wird), wo sie im Truck ihres Vaters die wundersame Welt der Americana entdeckte und sich zu traditonelleren Spielarten wie Country, Folk, Bluegrass und Hippie-Sounds hingezogen führte - dabei aber auch Neil Young und Bob Dylan als Inspirationsquellen entdeckte. Das alles lässt sich aus ihrer Musik bis heute heraushören. Mit einer druckvollen Band im Hintergrund und ausgezeichnetem Songmaterial spielte sich Ellen mit schrägem Humor den Morgen-Blues aus dem Sinn und nahm die Zuhörer dabei mit auf eine Reise durch die verschiedenen Facetten ihrer Kunst.

Wesentlich geradliniger ging anschließend ihr Kollege Braden Lam zu Werke. Der Mann aus Halifax, Nova Scotia (dem Ort, wo dereinst die Todesopfer der Titanic angelandet und begraben wurden), tritt alleine mit seiner elektrischen Gitarre und einer Kickdrum auf und trägt seine Songs geradlinig, logischerweise alleine und ohne Schnörkel im Rockmodus vor. Dabei orientiert sich Lam zwar auch an traditionellen Stilistiken und konventionellen Songformaten - mischt das aber mit einer Vorliebe für "neumodischen" Indie-Folkpop und hat auch nichts gegen klassische Pop- und Rockmusik.

Aus wieder einem anderen Holz sind Lexie Jay und Joe Fedorsen geschnitzt, denn mit ihrem für die Konzerte in Hamburg zum Trio aufgestockten Duo-Projekt Featurette präferiert das Paar aus Toronto E-Pop in all seinen Spielarten und kombiniert das mit einer hinreißenden Live-Performance. Da das Projekt indes am Festival-Samstag auf der XL-Bühne auftreten sollte und eine Business-Verpflichtung im Weg stand, wurde das an dieser Stelle dann erst mal übersprungen.

Im Backyard des Molotow genossen derweil die Niederländerin Pitou und ihre Musiker die Sonnenstrahlen des immer noch angenehm temperierten Frühherbst-Tages. Der Name Pitou ist dabei ihr richtiger Name - wofür sie ihren Eltern bis heute dankbar ist, weil sie sich so nie Gedanken über einen originellen Künstlernamen machen musste. Pitou kam über die Klassik und den Chorgesang zur Musik - was sich bis heute heraushören lässt, denn ihr avantgardistischer Art-Pop orientiert sich erkennbar an in der populären Musik nicht so häufig verwendeten Musikformen wie der Fuge, dem Magridal oder der Liturgie. Insbesondere die gestaffelten Gesangssätze, mittels derer sich Pitou und ihre Musiker im Dialog vereinen, kommt in den ansonsten gerne spröden, komplex arrangierten Prog-Strukturen ihrer Stücke eine besondere Bedeutung zu, den sie mittels einer theatralisch ausgeklügelten Körpersprache noch zusätzlich betont. Mitten am Tag im gleißenden Sonnenlicht wirkte die Sache ein wenig eigenartig - aber bei ihrer zweiten Show am Abend des kommenden Tages im Imperial-Theater entfaltete das Konzept seine volle Wirkung.

Beim N-Joy Bus gab es derweil zwei Newcomerinnen aus dem Pop-Sektor zu bestaunen, wie sie unterschiedlicher nicht hätten angelegt sein können: Die Wahlberlinerin Anaïs ist etwa als Live-Musikerin erst seit ungefähr einem Jahr aktiv, zeigte aber bereits bei ihrem Akustik-Showcase am Nachmittag eine performerische Nonchalance, Natürlichkeit und Souveränität, die die dann doch schon enorm beeindruckte - und schaffte es dabei sogar, das zu diesem Zeitpunkt noch überschaubare Laufpublikum zu Körperübungen aller Art zu motivieren und somit tüchtig die Werbetrommel für ihren Auftritt am späten Abend im Häkken zu rühren. Mag sein, dass es einfach daran liegt, dass Anaïs einfach das macht, was sie liebt - Old-School-Pop- und Disco-Musik mit R'n'B, Soul- und ansatzweise Chanson-Flair -, auf jeden Fall versteht es Anaïs, die Zuhörer zu begeistern und mitzureißen.

Etwas anders war die Sache bei der österreichischen Sängerin Esther Graf. Ähnlich wie Anaïs ist Esther erst seit kurzem als Musikerin aktiv - hat sich aber bereits einen Major-Vertrag geangelt. Auch Esther präsentiert sich auf der Bühne sehr souverän - allerdings nicht nonchalant oder natürlich. Da ist jede Geste und jede Ansage durchkalkuliert und einstudiert, was der Sache natürlich professionelles Flair verleiht - dabei aber auch ziemlich distanziert und steril wirkt. Musikalisch hat sich Esther übrigens der ständig größer werdenden Schnittmenge zwischen Deutschpop und Schlager verschrieben - und gerade letzterer ist ja nicht eben für empathische Authentizität bekannt.

Eine etwas seltsame Gemengelage stellte sich im Folgenden im Thomas Read Club dar. Dort gab es am frühen Abend eine Mischung aus Empfängen, Meetings und Showcases in verschiedenen Spielstätten und mit verschiedenen Zugangsberechtigungen. Dabei gingen auch einige angekündigte, aber kommentarlos abgesagte Sachen verloren und aufgrund einiger Zeitverschiebungen gab es ein wenig Durcheinander. Los ging es dann musikalisch erst mal mit einer kurzfristig ins Programm aufgenommenen Showcase-Veranstaltung von Spotify. Dort spielte die aus Bayern stammende R'n'B- und Powerpop-Elevin Leepa ein Set, das in vielerlei Hinsicht wohl typisch ist für Vertreterinnen ihrer Generation. Leepa ist eine junge Frau von Anfang 20, die sich in ihren Lyrics mit Themen wie mentaler Gesundheit, das Alter und Todesahnungen beschäftigt. Ein wenig seltsam ist das schon - zumal Leepa sich musikalisch gar nicht auf irgendwelche Darkwave-Themen festgelegt hat, sondern mit ihrer Live-Band teilweise sogar richtig rockig agierte. Dabei ergab sich eine ungeplante Werbe-Situation für Spotify, wie sie schöner nicht hätte ausgedacht werden können: Als Leepa einen Texthänger hatte, bat sie ihre Fans schnell man auf Spotify nachzuschauen, wie der Song, den sie begonnen hätte, weiter ginge. Mit Texthängern hatte Sofia Portanet im Folgenden nun wirklich keine Probleme. Tatsächlich nutzte die Reeperbahn-Veteranin an gleicher Stelle ihren Showcase mit stark reduzierter Band (nur mit Gitarrist und Keyboarderin) sogar, um die brillanten neuen Tracks vorzutragen, die sie seit der Veröffentlichung ihres gefeierten Debütalbums "Freier Geist" nachgelegt hatte - inklusive eines noch unveröffentlichten Tracks. Das alles geschah dann natürlich ohne Texthänger und für Sofias Verhältnisse auch ziemlich undramatisch.

Auf dem 2nd Floor des Thomas Read Clubs, bei dem man sich zunächst durch furchtbar gleißendes Licht nach vorne blinzeln muss, bauten im allgemeinen Gewusel die Holy Motors aus Estland ihr Setup auf, Sängerin Eliann Tulve ließ sich auch nicht vom Soundmann irritieren, als der nachfragte, ob das ihre Gesangsstimme sei - denn Eliann hauchte ein paar Zeilen in ihrer für sie typischen Art zum Soundcheck ins Mikro. Anschließend ging es fast nahtlos zum Konzert über, bei dem die Band sich in toller Form präsentierte und das Publikum mit ihren Songs aus der Pop Noir-, Dream Pop-, Shoegaze-Ecke überzeugen konnte. Vor allem Lauri Raus zauberte auf der Gitarre viele schöne Melodien hervor.

Gegen 22 Uhr gab es in der Nochtwache einen ernsthaften Einlass-Stau - weil nämlich zur Show des schwedischen Quartetts Beverly Kills offenbar alle schwedischen Freunde und Bekannten von Alma Westerlund und ihren Jungs den Weg in den kleinen Kellerclub gefunden hatten - und es im Folgenden wegen eines Einlass-Stopps selbst dem Labelmanager nicht mehr gelang, in die Nochtwache vorzustoßen. Wie dem auch sei: Beverly Kills nutzten die Chance, ihren quirligen Mix aus Post-Punk, Dreampop, Psychedelia und Krautrock in einer mitreißenden, druckvollen Weise auszuleben, die zweifelsohne zu einer Art Indie-Rock-Club-Party hätte führen können, wenn sich auch nur irgendjemand in dem bis zum bersten gefüllten Club überhaupt hätte bewegen können. Der Band selbst schien die Sache richtig Spaß zu machen, denn wenngleich Coolness bei Beverly Kills im Allgemeinen das oberste Gut ist, huschte doch das eine oder andere Lächeln über das Gesicht der Musiker.

Es bedarf beim Auftritt von Highschool aus Australien im Backyard des Molotow eigentlich nur den Start der Drum-Machine und schon bewegte sich die Menge vor der Bühne ohne Unterlass und tanzte zu den eher düsteren, aber gleichzeitig sehr poppigen Klängen von Luke Scott, Rory und Lilli Trobbiani - die sich deutlich in den 80s Zuhause (vor allem frühe New Order) fühlen, wobei sich das alles auf Dauer doch ein wenig abnutzte, da sich die Songs doch teilweise sehr ähneln.

Im Häkken spielte derweil das Hamburger Trio Roller Derby das zweite Set des Festivals. Philine Meyer (nach Philine Sonny die zweite Künstlerin mit diesem ungewöhnlichen Vornamen auf dem Festival) Manuel Romero Soria und Max Nielsen präsentierten (zusammen mit einem Live-Drummer) melancholischen Dream-Pop in Reinkultur. Und zwar mit einer solchen Souveränität und Selbstverständlichkeit, wie das ansonsten nur englische Bands hinbekommen, die sich einer solchen musikalischen Gemengelage verpflichtet fühlen. Das hat natürlich viel mit der sympathischen Ausstrahlung der Frontfrau Philine zu tun - aber auch das Songmaterial ist ja nun wahrlich nicht von schlechten Eltern.

Joe & The Shitboys - eigentlich ist mit dem Namen schon alles über die Band von den Färöer-Inseln gesagt. Schon beim Soundcheck im sehr gut gefüllten Molotow Club wurde kein Auge trocken gelassen, vor allem Sänger Joe war direkt in seinem Element und ließ einige amüsante Mikro-Tests vom Stapel. Was anschließend folgte, war ein Überfall erster Klasse - sie selbst nennen ihren Stil Shitpunk und das sah dann so aus, dass die sehr kurzen Songs (meist nur ein bis maximal zwei Minuten lang) den Leuten nahezu ohne Pause um die Ohren gehauen wurden.

Im Häkken belegte dann Anaïs eindrucksvoll, was sie mit ihren Set am N-Joy Bus am Nachmittag bereits angedeutet hatte. War sie dort allerdings nur mit ihrem Keyboarder aufgetreten, der die Backing-Tracks ihrer bislang veröffentlichten Songs triggerte, so gab es im Häkken Handgemachtes mit dem Support einer dreiköpfigen Band. Es ist Anaïs nach eigener Aussage wichtig, echte Instrumente zu verwenden, anstatt sich auf die in der Popmusik heutzutage übliche Computertechnik zu verlassen, weil das "viel Leidenschaft und Seele" in die Musik bringt. Da hat sie wohl recht - auch in der Hinsicht, dass die von ihr verehrte Pop-Musik der 80er, der sie mit ihrem eigenen Material klanglich durchaus überzeugend nacheifert, ebenfalls noch großteils organischer Form produziert wurde. Wie bereits erwähnt, überzeugt Anaïs als Performerin durch eine beeindruckende Souveränität, die aber niemals in blasierter Überheblichkeit ausartet, sondern sich durch selbstironische Verbindlichkeit auszeichnet. Logisch, dass Anaïs auch in diesem Setting ihre Fans (darunter einige Kolleg(inn)en aus der Musikerszene) nach Belieben um den Finger wickeln und um Mitternacht die Veröffentlichung ihrer neuesten Single "You Make Me Mad" im Party-Modus feiern konnte. Ist das jetzt eigentlich ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, wenn das Live-Highlight des Tages aus einer Richtung kommt, die man gemeinhin als artifiziell und gekünstelt auf dem Schirm hat?
Artifiziell bzw. minimal war auch das Setup von Billy Nomates aus England - Tor Maries, wie sie eigentlich heißt, braucht nur ihr Notebook und ein langes Mikrofon-Kabel, um sich auf der Bühne wohlzufühlen. Auch wenn sie in Interviews betont, dass sie eigentlich ein reines Nervenbündel sei, wenn es um Konzerte geht, kann man bei dem bewegungsintensiven Auftritt nichts davon ahnen. Denn Tor kann gar nicht anders, als die komplette Bühnenbreite zu beackern, tanzt sich von links nach rechts, vorne und hinten, singt dabei über ihr und das Leben anderer, begleitet von tollen Pop-, Rock-, Post-Punk-Nummern vom Notebook. Toll!
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Text: -Ullrich Maurer / David Bluhm-
Foto: -David Bluhm-


 
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