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Reeperbahn Festival 2022 - 3. Teil

Hamburg, Reeperbahn
23.09.2022

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Alex Lahey
Auch der dritte Tag des Festivals begann wieder im Canada House mit zwei Vertretern eher konventioneller Americana-Klänge. Ryan "Skinny" Dyck präsentierte mit den Worten "My Name is Skinny Dyck and you can google me - but you have to be careful" einen Mix aus klassischen Old-School-Country-Balladen mit Pedal-Steel-Schmelz und Honky-Tonk-Twang-Songs über kleine Leute und große Träume. Dazu hatte er sich eine Band mitgebracht, die dem DIY-Charakter seiner Indie-Studioaufnahmen auf der Bühne einen soliden, professionellen Anstrich gaben. Ryan scheint ein lustiger Typ zu sein, der indes seine Musik so ernst nimmt, dass es fast schon langweilig wurde.
Ganz anders als Skinny Dick gewichtet seine Kollegin Diaphanie aus Manitoba ihre musikalische Ausrichtung. Denn sie fühlt sich eher vom klassischen Laurel Canyon-Sound und einer jazzig-folkigen Note beeinflusst. Was letztlich kein Wunder nimmt, denn nicht nur wuchs sie in einem entsprechend geprägten familiären Umfeld auf, sondern ist zudem über viele Ecken mit Joni Mitchell verwandt, deren Stil sie offensichtlich schwer beeindruckt hat. Natürlich heißt Diaphanie nicht wirklich so (sondern Heather Thomas). Bei dem Namen ihres Bandprojektes handelt es sich um einen Begriff aus der Kunstwelt: Diaphanie sind durchscheinende, auf Glas gemalte Bilder. Im übertragenen Sinne könnte dies bedeuten, dass Diaphanie ihren Gesang in lautmalerischer Hinsicht auslegt. Nur so eine Idee...

Anschließend war es aber bereits an der Zeit zur XXL-Bühne auf dem Spielbuden-Platz zu wechseln, wo die schweizer Delegation ein Showcase-Programm aufgefahren hatte, das es in dieser Qualität nun wirklich noch nicht gegeben hatte. Den Anfang machte Anna Erhard, die sich mit ihrem gerade erschienenen neuen Album "Campsite" soeben aus der Nische der melancholischen Songwriterin herausmanövriert hatte, in die sie sich mit ihren ersten Veröffentlichungen etwas unglücklich hineinmanövriert hatte. Denn auf "Campsite" gibt es abenteuerlich ausgelebte, unkonventionelle Indie-Pop-Musik mit organischen und elektronischen Akzenten zu hören, mit der Anna ihre Klangpalette gegenüber früher deutlich ausgeweitet hatte und dabei munteres Genre-Hopping betreibt. Auf der riesigen Bühne wirkten Anna und ihre beiden Musiker etwas verloren und schafften es zu dieser Zeit auch nicht, mit dem eher spröden Trio-Sound das Klanguniversum ihrer LP-Produktion adäquat zu emulieren.

Deutlich mehr Aufmerksamkeit erregte im Folgenden Kings Elliot mit dem ersten von insgesamt drei Auftritten auf dem Festival an gleicher Stelle. Weniger deshalb, weil sie mit ihren blauen Haaren und ihrer unglaublich kompliziert anmutenden Hose optisch aufmerken ließ, sondern weil sie mit ihrer sympathisch zugänglichen Bühnenpräsenz und kommunikativen Art (und obschon sie sich lediglich von einer einsamen Keyboarderin begleiten ließ) die Spielfläche mit deutlich mehr Leben erfüllte und mit ihrem melancholischen Dreampop sogar das zufällig vorbeiströmende Laufpublikum zum Innehalten bewegen konnte.

Ebenso kurzfristig, wie im Folgenden die tamilisch/schweizerische Künstlerin Priya Ragu abgesagt hatte, konnte im Gegenzug ihre Kollegin, die frisch gebackene Swiss Music Awards-Preisträgerin Joya Marleen dazu bewogen werden, sich mit zwei Bandkumpels ins Auto zu setzen und zehn Stunden anzureisen, um ein paar Songs live zu spielen. So viel Einsatz ehrt Joya natürlich. Die junge Songwriterin steht noch am Anfang ihrer Laufbahn und präsentierte ihre angenehm temperierten Indiepop-Songs in einem akustisch geprägten Trio-Format, in dem die Power ihrer Refrains - wie z.B. der aktuellen Nummer "Next To You" ein wenig verpufften.

Schon etwas länger im Geschäft ist die Engländerin Liz Lawrence, die zwischenzeitlich beim N-JOY-Bus ein kurzes Set als Teaser für ihre später am Abend stattfindende Show in Angie's Nightclub spielte. Auf ihrem aktuellen Album "The Avalanche" hatte Liz ihren sehr eigenwilligen aber auch eigenständigen Mix aus E-Pop, Grunge-Rock und Krautrock zu einer eigenen Kunstform erhoben. Bei dem kurzen Set beim N-JOY-Bus machte Liz auf eindrucksvolle, souveräne Weise deutlich, wie sie ihr Material im heimischen Gartenhaus-Studio im DIY-Verfahren erzeugt. Das war schon recht eindrucksvoll und machte neugierig auf mehr. Bemerkenswert auch, mit welch schlaksiger Selbstverständlichkeit sich Liz dem Laufpublikum präsentierte und dabei keinen Zweifel an ihrer künstlerischen Integrität ließ.

Weiter ging es bei den Schweizern mit einer der seltenen Shows von Cyrielle Formaz a.k.a. Meimuna. Unter diesem Künstlernamen macht Cyrielle wunderschön eindringliche, melancholische, französisch-sprachige Folk-Songs. Zur Verstärkung hatte sie sich die Musikerin Claire Days mitgebracht, die Cyrielles Vortrag mit einer einfühlsam dahingestreichelten E-Gitarre und ihrem Harmoniegesang unterstützte. Die Sache ist die: Auf der XXL-Bühne treffen die auftretenden Künstler zur Tageszeit auf ein bestenfalls indifferentes Publikum, in dem sich nur wenige echte Fans tummeln. Eigentlich haben die meisten Künstler Mühe, sich da durchzusetzen. Bei dem Auftritt von Meimuna indes hätte man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören - einfach weil das Publikum sich von dem einfühlsamen Charme des Duos verzaubern ließ und einfach mal innehielt und zuhörte. "Chapeau!" Kann man da nur sagen - und vielleicht noch "Quiet is the new loud".

Weiter ging es danach mit einem parallel stattfindenden Showcase-Abend der amerikanischen Delegation in der Sommerliebe. Dort spielte (im übertragenen wie im wörtlichen Sinne) die aus New York stammende DJ-turned Bassistin Blu DeTiger (ja - sie heißt wirklich so) mit zwei Begleitmusikern auf und ließ in einem von geballter Professionalität geprägtem Funky-Set die goldene Zeit der New Yorker Party-Szene der 80er Jahre wieder auferstehen. Übrigens nicht als sentimentale Retro-Veranstaltung, sondern mit selbst geschriebenen, eigenen Tracks, mit denen Blu die virtuose Beherrschung ihres Leitinstrumentes ebenso in den Vordergrund stellte, wie die obercoole Präsentation und ihr stylishes Outfit. Dass die Frau nicht über ihre TikTok-Covers, sondern die professionelle Auseinandersetzung mit ihrem Metier zu ihrer Berufung als Musikerin, Songwriterin und Produzenten gelangte, war dabei deutlich zu spüren. Besonders volksnah war das natürlich nicht - aber das dürfte ja auch nicht Blus Ziel sein. Inzwischen ist die Dame bei Capitol Records gelandet und wohl für größeres bestimmt. In einem Club wie der Sommerliebe dürfte man Blu DeTiger so bald wohl nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Kurz bevor endlich das Debüt-Album von Betterov erscheint, hat er sich einen Traum erfüllt und durfte mit einigen namhaften Gästen in der St. Michaelis Kirche auftreten. Manuel Bittorf (so sein richtiger Name) scheint eh alle mögliche Leute zu kennen, so hatte er in der Vergangenheit bereits mit teils anderen Gästen eine Session im Dussmann Kulturkaufhaus gespielt - diesmal also im Rahmen des Reeperbahn Festivals eine weitere Session, die es in sich hatte. Die Gäste diesmal: Novaa, Paula Hartmann, Fil Bo Riva und der wie immer amüsante und unfassbare Olli Schulz. War der Beitrag von Novaa noch eher spröde aber schön, der von Paula Hartman unerwartet aber passend, der von Fil Bo Riva vielleicht ein bisschen zu gewollt, braucht Olli Schulz ja nur eine Bühne und ein Mikro und schon brabbelt er sich um Kopf und Kragen. Das war schon fast wieder Comedy, aber musikalisch passte das hervorragend. Betterovs Songs aus der Indie-Rock-Pop-Ecke sind gespickt mit interessanten und einfühlsamen Texten, in der Michel-Session wurden die Songs noch mit Streichern und Blasinstrumenten aufgewertet. Großartig!

Die spontane Idee, sich in die Warteschlange beim Mojo Club einzureihen, machte sich im Folgenden insofern bezahlt, als dass dort Caroline Rose ihrer erstaunlichen musikalischen Entwicklung von der Folk- & Country-Künstlerin über eine Phase als Indie-Rockerin hin zum Pop-"Superstar" auf ihrem letzten, entsprechend betitelten Album nun einen erneuten Twist verlieh und zusammen mit ihrer gut gelaunten Band eine klassische, ultimative Rockshow im Stil der 70er und des 80er-Jahre Big-Hair-Größenwahnsinns spielte. Der Witz war dabei, dass die Show erheblich später statt fand als geplant, weil es zuvor Probleme mit der Verkabelung diverser digitaler Keyboards gegeben hatte, die im Folgenden dann eher eine untergeordnete Rolle spielten, während sich Caroline mit der Gitarre in der Hand als Poser-Genie präsentierte und die Show mit entsprechenden Highlight garnierte, wie zum Beispiel mit einem waghalsigen Sprung von einem Podest, einem Zungenkuss mit ihrer Bassistin, Stop & Go-Duelle mit ihrem leicht wahnsinnigen Drummer und erkennbar komödiantisch angelegten Geplänkel mit dem Publikum. "Mag sein, dass wir keine verantwortungsbewusste Regierung und auch keine Krankenversicherung haben", adressierte sie das Auditorium und reckte dann die Faust zur Decke, "but we got the power of Rock." Das belegte sie dann später noch, indem sie sich am Bühnenrand sitzend nicht eine, sondern zwei Flaschen Bier über den Kopf schüttelte. Rock on!

Im Folgenden gab es dann noch eine Indoor-Show von Pitou im Imperial-Theater. Wie schon erwähnt, machte die theatralische Präsentation mit weit ausholenden Gesten, Ausdruckstanz-Andeutungen und maskenhafter Mimik in einem Theater natürlich mehr Sinn als bei gleißendem Sonnenschein am Nachmittag im Molotow Backyard. Musikalisch kam der avantgardistische Artpop jedoch genauso ausgezirkelt und kontrolliert (und daher auch leider ein bisschen spröde) daher.

Die Songwriterin Lina Brockhoff absolvierte auf dem Reeperbahn-Festival mit ihrem Bandprojekt Brockhoff ein wahres Mammut Programm und spielte im Drafthouse am Donnerstagabend nicht nur ihre insgesamt dritte Show, sondern gastierte auch noch als Backing-Sängerin bei der vorhergehenden Show ihres Kumpels Luke Noa. Die Sache ist dabei die: Lina war ursprünglich als Solo-Songwriterin gestartet und hatte dabei Phoebe Bridgers als Inspiration im Sinn. Das lässt sich nun ansatzweise auch noch aus ihren neuen Songs heraushören, jedoch auf eine eher subtile Weise und eher was den Gesang betrifft, denn im Prinzip machen Brockhoff heutzutage songwriterisch alles besser als die Indie-Queen aus L.A. Bei Brockhoff geht es ja auch nicht um Emulation, sondern darum, brillante Power-Pop-Songs mit coolen Hooklines, Power-Chords und vor allen Dingen starken Refrains (alles Dinge, mit denen Phoebe im Grunde genommen immer noch hadert) mit einer gewissen No-Nonsense-Attitüde auf den Punkt zu bringen. Wären wir nicht in Deutschland, so könnte man Brockhoff aufgrund des beeindruckenden Songmaterials eine steile Karriere voraussagen.

Auch die Australierin Alex Lahey spielte danach ihre dritte Reeperbahn-Show - innerhalb eines Tages. Mehr noch: Es war zudem der letzte Termin der gerade laufenden aktuellen Tournee und Alex und ihre nach wie vor hochmotivierte Band ließen sich die Gelegenheit nicht nehmen, im Molotow ein brillantes Feuerwerk in Sachen Rockmusik anzubrennen. "I have to say that the Molotow is the best fucking club in the world", lobte Alex das Etablissement, bei dem sie bereits wiederholt zu Gast gewesen war und dann gab es kein Halten mehr - insbesondere, was die Haare betraf: Denn diese flogen im Überschwang der äußerst lebhaften und von zahlreichen klassischen Rockposen geprägten Set hin und her wie bei einem Headbanger-Konzert. Das war eine wirklich mitreißende, tolle Show, die den Gauben an das Gute in der Rockmusik wieder neu belebte. Jetzt wird es aber wirklich langsam mal Zeit für eine neue eigene LP!

Ganz etwas anderes gab es anschließend (und abschließend) eine Etage höher in der Molotow Skybar. Dort präsentierte sich die dänische Traumtänzerin Emma "Eee Gee" Grankvist mit ihrer Band mit einem Dream- und Kook-Pop-Programm allererster Güteklasse. Ihren märchenhaft eskapistischen Psychedelia-Sound unterlegte Eee Gee nicht nur mit einem entsprechend malerischen Bühnen-Outfit, sondern auch mit selbstverliebten Tanzbewegungen und weit ausholenden Gesten. Rein optisch erinnerte das an die große Zeit des Glampop (oder des Abba-Booms) - musikalisch überraschte dann das doch ziemlich organische Setting, denn bislang agierte Eee Gee eher elektronisch. Es wurde aber nicht ganz deutlich, wie ernst Emma das alles meinte - es ist jedoch davon auszugehen, dass zumindest auch eine Portion Selbstironie hinter all dem steckte.
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Text: -Ullrich Maurer / David Bluhm-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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