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Herford, weltweit

Jetzt!

Essen, Grend
04.11.2022
Jetzt! (Michael Girke)
In einem Lexikon des deutschen Indie-Pop würde man Michael Girke vermutlich unter "Kultstar" finden. In den 80ern trug er als Mit-Initiator des legendären Herforder Fast-Weltweit-Labels dazu bei, den Weg für die Hamburger Schule zu bereiten, doch während die Kollegen der kleinen, aber feinen DIY-Plattenfirma wie Bernd Begemann, Jochen Distelmeyer und Frank Spilker später in der Hansestadt das Versprechen einlösten, das sie mit ihren frühen Demo- und Kassettenveröffentlichungen in der ostwestfälischen Provinz gegeben hatten, blieb es für Girke und seine Band Jetzt! lange bei einer einzigen 7"-Single und einem Tape-Demo, die 1984 bzw. 1987 erschienen waren. Ein ganzes Album des Mannes, der einst mithalf, die deutschsprachige Popmusik mit Anspruch und Köpfchen neu zu erfinden, ließ sage und schreibe 35 Jahre auf sich warten, bis Tapete Records 2019 "Wie es war" herausbrachte. Inzwischen gibt es sogar einen Nachfolger, "Können Lieder Freunde sein?", und auch wieder Konzerte von Jetzt!, wenngleich dafür derzeit nur Girke allein mit der Akustikgitarre auf der Bühne steht. Beim Auftritt im Essener Grend ist das aber nicht weiter schlimm, denn schließlich liegt der Fokus klar auf den Texten.
Jetzt! (Michael Girke)
Handverlesen ist das Publikum an diesem Freitagabend, und deshalb passt es ganz ausgezeichnet, dass Girke kein Rock-Konzert, sondern eher einen altmodischen Liedermacher-Abend, einen Dialog mit den Zuschauerinnen und Zuschauern im Sinn hat, auch wenn ihn die leeren Plätze offensichtlich etwas einschüchtern und hemmen. Dennoch heißt gleich das erste Lied "Lass uns ein Gespräch sein", und das ist nicht geflunkert: Mehrfach sind die Ausführungen zwischen den Songs länger als die textlastigen Lieder selbst, denn Girke ist einer, der davon überzeugt ist, dass Pop nie nur Entertainment, sondern immer auch Haltung ist. So sagt der Mann, der immer noch bzw. nach einer Weile in Berlin wieder in seiner alten Heimat Herford lebt, dann viele kluge Sachen, die - ähnlich wie bei seinem Seelenverwandten Billy Bragg - heute manchmal etwas verschroben und aus der Zeit gefallen wirken, aber stets ein in sich geschlossenes Weltbild ergeben.
Jetzt! (Michael Girke)
Schon in den 80ern hatte Girke Lieder mit Titeln wie "Unsere wilden Jahre", und auch in Essen lässt er den Blick oft zurückschweifen, obwohl sein Frühwerk, mal abgesehen von dem durch die Coverversion von Blumfeld unvermutet zum Klassiker und Dauerbrenner mutierten "Kommst du mit in den Alltag?", an diesem Abend keine große Rolle spielt. Lieber konzentriert sich Girke auf die Songs seiner beiden Alben, in denen sich, wie es im Waschzettel der Plattenfirma zur aktuellen LP so treffend heißt, Style Council und Franz-Josef Degenhardt, Weimar und Herford, Pop und Politik sowie Leben und Tod begegnen. Es sind nachdenkliche Lieder, mit denen Girke viel in der Vergangenheit kramt und ein Stück weit ein Gefühl der Traurigkeit, ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit einfängt und bei "Ich rede oft mit meinen Toten" sogar das Älterwerden und die eigene Sterblichkeit in den Fokus rückt. Dass er damit bisweilen eine ganz schön düstere Atmosphäre im Saal verbreitet, ist ihm allerdings bewusst. Bei der Zugabe covert er deshalb mit aktiver Publikumsunterstützung (ein Zuschauer darf ihm das Textblatt halten!) "That‘s Entertainment", seinen Lieblingssong von The Jam, und verabschiedet sich mit einem versöhnlichen Schlaflied: "Heute nicht, aber morgen wird alles gut". Hoffen wir, dass Michael Girke recht behält!
Surfempfehlung:
facebook.com/JETZT-Michael-Girke-304550073774866
www.tapeterecords.de/artists/jetzt
Text: -Simon Mahler-
Fotos: -Simon Mahler-


 
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